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Film: The Whispering Star – Hiso hiso boshi (2015)


Titelbild, Bildausschnitte & Trailer © by Rapid Eye Movies


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Endzeit, Science-Fiction, Gedankenexperiment
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono
Besetzung: Megumi KagurazakaKenji Endo, Yûto IkedaKôko Mori
Kamera: Hideo Yamamoto
Musik: –
Schnitt: Jun’ichi Itô


Review
Was bleibt, wenn alles zu Grunde geht? Wenn Zeit relativ wird, Sekunden endlos, Zivilisation zu vergessenen Ruinen verfällt? Wenn Einsamkeit die Norm ist und Emotionen verkümmern, weil es niemanden mehr gibt, der sie auslöst?

Einleitende Fragen, die man nicht auf Anhieb mit einem Filmemacher wie Shion Sono verbindet, doch nach all dem lauten, schrillen und unangenehmen Irr- und Wahnsinn, den der eigensinnige Mann in den letzten Jahren auf die Leinwand brachte, ist ihm mit THE WHISPERING STAR ein (erneut sehr guter, aber vor allem) überraschender Film gelungen. In allen Belangen.

Keine Blutfontänen, keine Gangsta-Rap-Battles, keine Schlüpfer-Fotografie, stattdessen endlose Stille, Intimität und eine Nachdenklichkeit, die ihre Fühler tief in meditative Gefilde ausstreckt. THE WHISPERING STAR ist, ganz im Gegensatz zu den großen Gesten seiner bekannteren Filme, ein Werk der kleinen Momente geworden. Der Nuancen und Denkanstöße. Denn während wir den Cyborg Yoko Suzuki No. 680 in ihrem kleinen, altmodischen Raumschiff bei jahrelangen Flügen durch ein fast menschenleeres All begleiten, sind es vor allem Kleinigkeiten, simple Banalitäten, auf die Sono unseren Blick lenkt. 

Montag – der Wasserhahn tropft. Dienstag – Wasser einlassen. Mittwoch – Wasser aufsetzen. Donnerstag – Tee einfüllen. Freitag – Tee aufgießen. Ein Augenzwinkern dehnt sich in dieser verlangsamten Welt bis ans Ende der Zeit, weil im totalen Stillstand selbst einzelne Handgriffe zum Lebenssinn wachsen. Implizit sinniert Sono also treffend über die Zeit, ihre Relativität und unsere (un)Fähigkeit sie zufriedenstellend zu nutzen.

Schöne Gedanken, die Sono in brillante Motive einbettet – die Bildgewalt, mit der die schwarz/weissen Sequenzen über Minuten das Innere eines einzigen Raums einfangen und die Fülle der interessanten Einstellungen, die dieses begrenzte Setting hervorbringt, sind beeindruckend – jedoch bleibt es nicht dabei. Im Kern geht es um mehr, um weitaus größeres.

Yoko fliegt nämlich mit klarer Mission durch das Universum – sie ist Botin. Offiziell für Pakete, die die fast ausgestorbene Menschheit dieser hypothetischen Zukunft sich mit jahrelangen Lieferzeiten von einem verfallenen Planet zum anderen schickt. Doch spätestens beim zweiten (von vielen, teils skurrilen, teils gar befremdlichen, aber doch meist herzerwärmenden) Kontakt(en) zu einem Empfänger erschließt sich, dass es bei dieser Dienstleistung um mehr als den Transport materieller Güter geht – diese könnte man in der technologischen Realität des Films auch teleportieren und als Yoko beginnt heimlich die Inhalte der Pakete auszuspionieren, findet sie nichts weltbewegendes, geradezu banale Objekte.

Nein, eigentlich überbringt Yoko Emotionen. Verteilt Zuneigung und ist zum Sinnbild der Erfüllung eines tief menschlichen Wunsches geworden: gebraucht zu werden. Daran erinnert zu werden, dass in den Tiefen der gesichtslosen Masse versteckt (meint hier: den endlosen Weiten des beinahe menschenleeren Weltalls), jemand existiert, der an uns denkt, gerne bei uns wäre und daher einen übertrieben komplizierten und zeitintensiven Weg wählt, uns eine Freude zu machen. Es braucht nur kurze Blicke, Momente des Glücks, um das Unverständnis und die Zweifel der intelligenten Maschinen gegenüber diesem menschlichen Ritual zu zerstreuen. Der Versand kleiner Aufmerksamkeiten als letzte Bastion der Zuneigung.

Sono erzählt hier mit enormer Tragweite. Die Menschen, wie sie einsam auf verfallenen Planeten leben, die langen Flüge durch die leere und die Art, wie die Geschehnisse den einst gefühllosen Roboter Yoko beeinflussen – all dies ist Abstraktion unserer zunehmenden Vereinsamung in der modernen Gesellschaft. Ständig verbunden und doch allein. Anstatt allerdings nur zu beobachten, formuliert das Drehbuch ein klares Statement wie man diese Tristesse hinter sich lassen könnte: die Antwort liegt in der Menschlichkeit. Wenn alles vor die Hunde geht, bleibt immer noch ein subtiles Lächeln, oder die Erinnerung an gemeinsame Zeiten – sofern man nicht vergessen hat, wie man fühlt.

Durch Wahl dieser Themen und die Erschaffung beeindruckender Endzeit-Bilder auf den jeweiligen Planeten, agiert Sono (wie oftmals) natürlich stark gesellschaftskritisch. Eine Texttafel zu Beginn erklärt uns, dass die Menschen durch selbst herbeigeführte Katastrophen vom Aussterben bedroht sind, die Wahl japanischer Geisterstädte als Setting, welche nach Fukushima schlagartig verlassen wurden, ist im folgenden keine zufällige und unterstreicht, wie stark wir auf dem Weg in eine vergleichbare Endzeit sind. Oder zumindest, dass sie wahrscheinlich ist.

Schwingt THE WHISPERING STAR also gar den mahnenden Zeigefinger in Angesicht des drohenden Weltuntergangs? Bedingt, denn so verdammt sperrig der Film sich durch sein schleppendes, kaum noch existentes Tempo auch geben mag, so unendlich schwer und tief melancholisch all dies von der reinen Beschreibung her anmutet, gelingt Sono dennoch der Kontrast, Yoko’s Reise ständig mit einem angenehmen, leicht skurrilen Humor zu durchfluten. “2-3 Jahre Abweichung vom Lieferdatum sind erlaubt”, erzählt sie ihrem hustenden Computer, “Ist es nicht ein schönes Geräusch?”, kommentiert ein fremder Mann im Trenchcoat das knarzen einer Blechdose, die sich seit Minuten unter seiner Schuhsohle verklemmt hat, “ich mochte das altmodische Interieur des Raumschiffs”, lässt Yoko verlauten und im nächsten Shot sehen wir, dass es aussieht wie eine kleine Gartenlaube, die putzig durch das All schwebt – keine Schenkelklopfer, aber ein Ton zum Schmunzeln.

Aus dieser ungewöhnlichen Verzahnung einer pessimistischen Zukunftssicht mit dem festen Glauben daran, dass der Schlüssel sie zu verhindern in jedem von uns verborgen liegt, erschafft Sono etwas ganz und gar einzigartiges. Durch die Stille, die Bilder und die unglaubliche Langsamkeit in eine Art Trance versetzt, will man zeitweise Lachen und Weinen zugleich, ist berührt von den kleinsten zwischenmenschlichen Gesten und kommt schnell in einen belebend-nachdenklichen Zustand. Fragen zum Dasein, zum Fühlen, zum eigenen Verhältnis zur Welt kreisen durch den Kopf, formen Gedanken und versickern in der Flut der nächsten Denkanstöße.

Es gäbe noch viel mehr zu sagen. Über die Möglichkeiten das Festhalten an obsoleten Ritualen als eine Argumentation für Traditionen zu deuten, oder wie der Kontrast von Menschen und K.I.s, denen sich der Sinn der Pakete partout nicht erschließen will, implizit die Einzigartigkeit des (oft irrationalen) Menschseins unterstreicht. Doch ich belasse es bei einem abschließenden Fazit: ALs ich den Saal verlaß, hatte ich das starke Bedürfnis den Menschen die mir lieb sind ein Paket zu schicken. Einfach so. Um ihnen eine Freude zu machen und ihr Lächeln zu genießen. Dass ein bis ans Maximum reduzierter Endzeitfilm über einen Roboter, der einsam durch das Weltall fliegt, so etwas bewirkt und somit wohl einer der positivsten, humanistischsten Filme ist, die ich seit langem sehen durfte, ist schon enorm großartig!


Wertung
8 von 10 unter der Sohle verklemmten Cola-Dosen


Veröffentlichung
THE WHISPERING STAR lief im Verleih von Rapid Eye Movies im Kino und wird dort als BluRay und DVD erscheinen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
Amazon (*) (falls ihr das Amazon-Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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7 Gedanken zu „Film: The Whispering Star – Hiso hiso boshi (2015)“

  1. Ach, ich hatte gar nicht gesehen, dass du dich über diesen Film geäußert hast. Nu aber.
    Tja, dies ist der einzige Film, den ich mir dieses Jahr zweimal angeschaut habe, weil einmal für die ganzen Details einfach nicht reicht. Natürlich ist die Grundstimmung eher düster/mahnend, aber ich musste doch ziemlich oft grinsen, z. B. in der Szene, wo sie den Boden wischt.
    Mir hat auch die Musik sehr gut gefallen; ich mag Barockmusik und es ist meiner Meinung nach welche. Nur bekomme ich nicht heraus, welcher Komponist da am Werk war – hast du eine Idee, wo man die Information finden könnte?

    1. So ging es mir auch, der Humor ist nicht außer acht zu lassen und ich habe ebenfalls viel geschmunzelt!

      Auch im zweiten Punkt stimme ich dir zu – die Musik war toll, ich hab ein Stück auch wiedererkannt, aber wie so oft, weiß ich nicht von wem es ist

  2. Oh, welch wundervolle Ode an diese mindestens genauso schöne stille Filmchen. Dass er dich tief im Innern angesprochen hat, liest man aus den Zeilen heraus. Wunderbar.

    Es war damals mein aller erster Sono, und nach all dem was ich vorher immer über dieses verrückte Enfant terrible gehört hatte, wusste ich gar nicht, dass er auch so etwas kann. Es ist gar nicht die Art von Film, die mir für gewöhnlich behagt, aber hier war es nach wenigen Minuten soweit. Dieses eigene Tempo und die ebenso behäbige Bildsprache, sie zwingen einen als Zuschauer dazu, den Fuß vom Gas zu nehmen. Ebenso wie das Raumschiff sanftmütig durch die Weiten des Alls zu gleiten. “The Whispering Star” bietet so viel in seiner so reduzierten Art, dass sich die wunderschönen Bilder und Gesten förmlich ins Gedächtnis brennen. Ich musste zum Beispiel schmunzeln, als du die Blechdose erwähnt hast, die prädestiniert dazu wäre, die Stimmung zu stören, da sie für Minuten unter dem Fuß klemmt und sich der ältere Herr darüber freut. Und anschließend auch Yoko, die die Geste später nochmal aufgreift. Da wird einem auch erst wieder bewusst, wie banal das Leben sein kann. Es mag so gar nicht passen, aber im Grunde ist das ein kleines Feelgood-Filmchen, das einen darauf erst wieder aufmerksam machen muss.
    Ein paar Einstellungen hätte ich mir am liebsten an die Wand gepinnt und Hauptdarstellerin Megumi Kagurazaka gebührt mein größter Respekt für diese tolle Performance.

    1. Vollste Zustimmung. Ich war auch überrascht von dem was Sono hier macht und konnte mich voll drauf einlassen

      Das letzte was du schreibst finde ich zudem sehr richtig, denn irgendwie zeigt der Film uns, wie einfach “real-life-Feel-good” manchmal sein könnte – aber dass wir genau das irgendwie vergessen haben. Einfach toll.

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