Artikel: Das Film- & Kinojahr 2016 – Highlights, Quatsch und ein persönlicher Rückblick…

Anfang 2016 schrieb ich erstmalig einen ziemlich langen und ausführlichen Artikel über das deutsche Kinojahr 2015, nun haben wir 2017 und somit ist es an der Zeit das Unterfangen für 2016 zu wiederholen. Ich beginne mit dem zweiten Artikel dieser Form einfach mal eine „Tradition“ – zum Jahresbeginn noch schnell einen Blick zurückwerfen, damit des dann wieder nach vorne losgehen kann (was ich übrigens auch wieder in Podcast-Form getan habe). So ausführlich wie letztes Jahr wird es wahrscheinlich nicht werden und ich verwebe den Artikel (vielleicht) noch stärker mit einer persönlichen Sicht – nicht nur was ich an Veröffentlichungen erwähnenswert fand, sondern auch wie ich mich selbst und meine Leidenschaft für Film und Kino sich verändert haben, was sich für Entwicklungen abzeichnen, etc.

Ich hoffe, dass ich dem einen oder anderen vielleicht noch ein paar Warnungen und/oder Tipps mit auf den Weg geben kann. Auf geht’s, zunächst wieder etwas Statistik.

  • Ich habe bis jetzt 73 Filme mit deutschem DVD- oder Kinostart in 2016 gesehen (6 mehr als letztes Jahr).
  • 25 davon sind aus Europa (überwiegend Deutschland, UK, Frankreich), 41 aus den USA, 5 aus Asien (was fünf mal so viel wie letztes Jahr ist, aber ich ohrfeige mich dennoch wieder selbst) und weitere 2 aus Südamerika. Ich werde die blöde USA-Dominanz nicht los
  • 10 der Filme würde ich als großen Blockbuster, die restlichen 63 als Independent-, Arthouse- oder einfach kleinen Film einordnen.
  • 42 der Filme liefen in Deutschland im Kino, die restlichen 32 sind Direct-to-Video-, Netflix- oder Fernseh-Veröffentlichungen.
  • Öffentlich rechtliche TV-Produktionen habe ich dieses Jahr doch gezählt, TATORT-Episoden allerdings wieder nicht.
  • Im Kino war ich leider nur 28 mal. Auch hier geht mehr.

Erstes Resümee: Ich hatte Anfang 2016 einfach keinen Bock mehr auf große, laute, zumeist dumme Blockbuster und die Zahlen zeigen, dass ich mich zunehmend in kleineres Kino geflüchtet habe. Immerhin. Das Weltkino (meint: Alles von außerhalb USA) ist zwar noch sträflich vernachlässigt, aber zu meiner Verteidigung habe ich aus USA auch eher die kleineren Independent- oder Autorenfilme geschaut.

Nun zu den Filmen an sich. Auch dieses Jahr habe ich eine Handvoll Filme noch nicht gesehen, die sicher einen Platz weit oben gefunden hätten. Ein TONI ERDMANN gehört dazu ebenso, wie THE INVITATION, SWISS ARMY MAN, DER BUNKER, WILD, oder WE ARE THE FLESH. Werde ich alles noch gemütlich im Heimkino nachholen, kann aber leider hier keine Beachtung finden. Im Weiteren greife ich nun leicht abgeändert die Kategorien des letzten Jahres auf und schreibe über erwähnenswerte Filme – verlinkte Filmtitel gehen auf meine Besprechungen hier im Blog oder bei Letterboxd

Warnung: Wenn ihr zu TL:DR neigt (frage ich mich zwar wieso ihr meinen Blog lest, aber gut) und nur die Highlights lesen wollt, springt zu Absatz 4. Das ganze ist doch „etwas“ länger geworden.


1. Der absolute Bodensatz

Ja, doch im unteren Segment ist etwas los dieses Jahr, denn die Dichte an Filmen, die mich regelrecht wütend machten war enorm. Allen voran natürlich Michael Bay’s faschistoid-rassistische Testo-Keule 13 HOURS, dessen allgemeine Rezeption leider eines beweist: der unterschwellig chiffrierte Hass, den Bay hier von Frame zu Frame in die Hirne der Zuschauer giftet, entfaltet exakt die erwünschte propagandistische Wirkung – die Leute meinen, ein „reflektiertes Werk“ gesehen zu haben, doch ohne es zu merken (also wie einst in Bay’s Werbefilmchen) haben seine Suggestivbilder in den von Terrormeldungen geschundenen Köpfen der unbedarften Zuschauer „die Araber“ und „den Terror“ ein weiteres Stückchen zusammenwachsen lassen. Widerliches Hass-Kino.

Ähnlich rassistisch-dumm, allerdings mangels Reichweite weit weniger gefährlich ist die französische „Komödie“ THE JEWS – falls der Ansatz gewesen ist, Klischees zu bedienen, um sie zu brechen, ist er gescheitert. Ein unlustiges Machwerk. Unlustig bleibt es direkt, denn mit THE BOSS (hier auch im Podcast) und WHISKEY TANGO FOXTROT (hier ebenfalls im Podcast) liefen dieses Jahr zwei weitere Totalausfall-US-Comedys  in den Kinos. Hätte ich die Sneaks zu MIKE & DAVE NEED WEDDING DATES, oder DIRTY GRANDPA, oder BAD MOMS erwischt, könnte ich hier sicher noch von mehreren Exemplaren dieser reichhaltigen Gattung berichten. Adam Sandler’s Malen-nach-Zahlen Alberei in THE DO-OVER war übrigens auch nichts, ist aber bei weitem zu belanglos, um sie hier groß zu besprechen.

Nicht unlustig (wobei, irgendwie schon), aber ziemlich freudlos gestaltete sich der fanatisch gefeierte THE REVENANT für mich. Prätentiöses, kalkuliertes, um den Stempel „epochales Meisterwerk“ bemühtes Kino, ohne Gespür für irgendwas. Ich hasse diesen Film. Und dann waren da noch Schlaftabletten wie I AM THE PRETTY THING THAT LIVES IN THE HOUSE oder CEMETERY OF SPLENDOUR, die mir eindrucksvoll vor Augen führten, dass es manchmal ergiebiger ist, eine weiße Wand anzustarren, als einen Film zu gucken. Letzterer enthielt mit der gemütlichen Einstellung eines kackenden Menschen mit Fokus des plumpsenden Würstchens in Großaufnahme wenigstens noch eine der befremdlichsten Szenen, die ich je in einem Film sah – ob das den Film besser macht, sei dahingestellt.

Puh, letztes Jahr ging diese Kategorie wesentlich schneller.


2. Ziemlich mies bis Mittelmaß

Ich merke immer mehr, dass eine gewisse Form von Mittelmaß mich am meisten ankotzt. Fehlende Ambitionen, das Trimmen auf Gefälligkeit und das Vermeiden von Risiko sind wohl die drei größten Probleme dieser Art Filme – komisch, wieso steht vor meinem inneren Auge schon wieder in dicken Lettern Blockbuster? Wahrscheinlich weil mit dem POINT BREAK-Remake, dem unnötigen Sequel FINDET DORIE, Helden-Grütze wie X-MEN: APOCALYPSE (auch besprochen im Podcast) und CIVIL WAR, oder der ultimativen Definition von künstlich erzwungenem Franchising mit Erzählvakuum namens JASON BOURNE so ziemlich alle Blockbuster die ich sah in diese Kategorie fallen? Maybe, denn aufgrund der hohen finanziellen Mittel und der Möglichkeit, aufgrund dieser potentiell unendlich viel Talent in den Film zu involvieren, nehme ich diesen Filmen ihr Mittelmaß übel. Da ginge einfach mehr, aber die Disney-Maschinerie will Geld, nicht Kunst.

Anders sieht es z. B. mit Tarantino’s HATEFUL EIGHT aus. Dem würde ich nicht wirklich etwas vorwerfen, jedoch weiß ich weder was der Filmemacher von seinem Film, noch der finale Film von mir will und empfand die drei Stunden somit als ein ödes, zähes, schleppendes Etwas. Als Whodunnit ist er zudem Vertreter eines des lahmsten Genres überhaupt. Das war nichts.

Nichts verärgert, sondern eher enttäuscht war ich von einigen Filmen, die ich als vielversprechend angesehen hatte, welche im Endeffekt aber nicht das Erhoffte lieferten. 10 CLOVERFIELD LANE machte viel richtig und dann alles falsch. Selten haben die letzten 15-20 Minuten einen an sich feinen Film so demontiert. Er beginnt als solide bis starkes Kammerspiel, das uns ständig in Bezug auf die Zurechnungsfähigkeit von Goodman’s Figur in der Schwebe hält – ist der professionelle Verschwörungstheoretiker tatsächlich edler Retter, oder lediglich psychopathischer Entführer? – und dann zeigt sich mit durchschlagender Wucht, dass es alles andere als förderlich ist, einen zweiten Film an einen bereits bestehenden ran-flanschen zu wollen. Das „Finale“ ist kein Payoff für die Geschehnisse zuvor, sondern unpassend drangehängte Kacke. Sehr ärgerlich.

Ebenfalls weit mehr hatte ich mir von Jeff Nichols‘ MIDNIGHT SPECIAL versprochen, doch ich fragte mich, trotz einiger packender Szenen und einem brillanten Score, immer wieder, was genau mir der Film erzählt? Es tauchten Themen wie Familie, Verantwortung und auch das loslassen auf, doch eben sehr schwammig (im Gegensatz zu Nichols‘ brillantem TAKE SHELTER) und die Sci-Fi-/Fantasy-Keule war mir am Ende auch zu cheesy. Rewatch kommt… irgendwann.

Erwähnenswert ist auch der georgische Rape’n’Revenge-Thriller LANDMINE GOES CLICK. Die erste Hälfte begann gerade, mich so richtig zu nerven – durch die flachen Figuren, die repetitive, sich im Kreis drehende Dramaturgie, sowie die üblen Klischees vom moralisch verkommenen, raffgierigen Ostblock-Bewohner – doch dann findet plötzlich eine Kehrtwende statt und ich sah mich mit abgründigem, hochgradig unangenehmen Tobak konfrontiert. Hass, tiefes Leid, betäubende Rachegelüste. In der zweiten Hälfte fügt sich alles dann weit besser zu einem Ganzen, stetige Beklemmung ist garantiert und das zerschmetternde Ende lässt mit herbem Klos im Hals zurück (auch, weil es auf der richtigen Note endet).

Und zuletzt noch HAIL, CAESAR! der Coen-Brüder. Ich liebe die zwei Typen und fast alles was sie gedreht haben, aber sorry, das war nicht mehr als Dienst nach Vorschrift, der folgerichtig zu Ware von der Stange führte. Nett, etwas ulkig und schön anzusehen, aber leider sofort vergessen.


3. Kleine Perlen und feine Filme

Einiges erwartet und wenig bekommen geht glücklicherweise auch andersherum – wenig erwartet und viel bekommen. Meist sind das Filme mit kleinen Mitteln oder kleinerem erzählerischen Scope, die nicht alles sein wollen, aber das was sie sein können gut meistern. Auf diesem Sektor begeisterte mich z.B. die deutsche Perle TRASH DETECTIVE, in der ein mürrisch murmelnder Kauz auf Noir-Ermittler macht – das ist skurril, teils regelrecht grotesk, allein aufgrund der Mundart aus dem Schwabenländle. Auf der anderen Seite trägt das unbeholfene Ermitteln eines belächelten Säufers aber auch tief tragische Züge in sich, weil der über die Stränge schlagende Protagonist eben nur oberflächlich ulkig, eine Ebene tiefer aber schwerst alkoholkrank und mental gebrochen ist. Insgesamt ein spannender Mix, denn der Film funktioniert quasi als abgründiger Film Noir in der verschlafenen deutschen Dorf-„Idylle“.

Viel Spaß hatte ich zudem mit kleinen Direct-to-Video-Filmchen. Durch sein Setting (Zombies, Vampire, Aliens und mehr in demselben Film) eigentlich zum Scheitern verurteilt, aber dennoch spaßig, war der gut gelaunte FREAKS OF NATURE, ähnlich schräg, allerdings eher im Umgang mit kulturellen Konflikten und Verschwörungstheorien gab sich MOONWALKERS – jetzt wissen wir endlich wie das mit der Mondlandung wirklich war – und wer Clowns creepy findet sollte sich weit vom (nach Jahren endlich in Deutschland erschienenen) CLOWN fern halten. Reicht? Nein, denn im Horror ging noch weit mehr. Eli Roth’s (auch schon Jahre alter) Kannibalen-Slasher GREEN INFERNO zelebrierte das ausgestorbene Subgenre in Reinform, ohne sich altbacken anzufühlen, gleiches gilt für WE ARE STILL HERE, der zunächst vorgab etablierte Spukhaus-Mechanismen zu bedienen, nur um sich in völligem Irrsinn zu verlieren. Sogar in ausgewählte Kinos schaffe es die türkische HELLRAISER/Rob Zombie-Hommage BASKIN – zu recht, denn die Bilder hatten es in sich!

Ein hohes Maß an Irrsinn, wenn auch nicht im Horror-Genre, lieferte auch Ben Wheatley (den ich dieses Jahr sowieso voll für mich entdeckt habe) mit seiner dystopischen Gesellschaftsparabel HIGH RISE. Zwar hatte ich das Gefühl noch nicht ganz zum Kern des sperrigen Films vorgedrungen zu sein, aber Weirdness und Bildsprache entschädigten bereits doppelt dafür – Klassenkampf bis zum bitteren Ende, SNOWPIERCER in vertikaler Variante.

Weitaus sinnlicher ging es in der schlicht und ergreifend wunderschönen Liebesgeschichte BROOKLYN zu – Saoirse Ronan in der ganzen Wucht ihrer Schauspielkunst, bewegende Gedanken zu Heimat, Entwurzelung und den eignen Zielen im Leben, reichlich echte Gefühle. Schöner wird echter Liebesfilm, weit weg von den leeren Versprechungen Hollywoods, nicht mehr. Und mehr Herz: Zwar vom Publikum komplett übersehen, allerdings nicht weniger sinnlich und träumerisch, gab sich Tom Tykwer’s neuster Film A HOLOGRAM FOR THE KING. Tom Hanks auf Selbstfindung in der Wüste, dazu ein mesmerisierender Score, etwas Kitsch und viel Wahrheit. Mochte ich.

Und dann waren da doch noch ein paar okay’ishe Blockbuster. DOCTOR STRANGE war zwar keine Revolution, aber war immerhin nicht dämlich, machte Spaß und hatte erstmalig seit der MCU Phase I wieder sowas wie eine Figurenentwicklung vorzuweisen – mehr will ich doch von solchem Popcorn-Kino gar nicht. Zeitweise dämlich war BATMAN V SUPERMAN hingegen schon, jedoch wagt Snyder mit manchen Themen so viel mehr als alle weiteren Comicfilme des Jahres zusammen, hypnotisiert mit seinem visuellen Stil und versuchte (auch wenn es nicht durchweg gelingt) einseitig-strahlende Heldenmythen zu dekonstruieren, so dass dies trotzdem mein Superhelden-Gewinner dieses Jahr ist.

Honorable Mention: Der kleine Zeitreisefilm SYNCHRONICITY. Warum? Klickt auf den Titel.


4. Grandiose bis brillante Filme

Nun, wo ihr sicher schon keine Lust mehr zu lesen habt, sind wir dort angekommen, wo man von Top-Listen-Material sprechen kann und genau eine solche werde ich in diesem Absatz quasi unterbringen.

Klein und nennenswert waren zunächst der kleine dänische Kriegsfilm 9. APRIL (hier ein Podcast dazu), Seth Rogen’s infantile, aber seltsam gehaltvolle Essens-Schlacht SAUSAGE PARTY (noch ein Podcast), Werner Herzog’s Vulkan-Doku IN DEN TIEFEN DES INFERNOS, die kleine deutsche Tragikkomödie SCHROTTEN!, sowie der stille Endzeit-Film THE SURVIVALIST und das abgedrehte Doppelgänger-Mindgame THE DOUBLE.

Und nun zu den Sachen, die mich richtig umgehauen, geflasht verzaubert, gebannt, zermürbt, oder völlig zerstört haben. Da jeder Film ein Paar Worte verdient hat, gehe ich jetzt doch zu einer spröden Auflistung über. Wenn es Reviews gibt, halte ich mich ganz kurz – wer soll das sonst alles lesen? And now, Drumroll…

AUF KURZE DISTANZ – Man glaubt es kaum, aber die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten können Thriller. In diesem Fall ist ihnen ein ziemliches Ausnahme-Exemplar mit Tom Schilling gelungen – eiskalt, stark gespielt und besonders fatalistisch. Mehr dazu hier im Review. Oder in diesem Podcast.

KILL ZONE SPL 2 aka LETHAL WARRIOR – Da merke ich wieder, dass die Martial-Arts-Action mit ABSTAND, meine liebste Action ist! An Meilensteine wie THE RAID II kommt KILL ZONE 2 zwar nicht ran, aber spielt dennoch fraglos in der A-Liga der Kampfkunst-Thriller-Epen. Tolle, düstere Stimmung, fantastische Choreografien und mit Brudermord, Organhandel und Kindesentführung auch deftig-heftige Themen. Eine Plansequenz, welche fast einen gesamten Knast-Aufstand enthält, erspielt sich zudem direkt einen Platz in den heiligen Hallen des Genres. Brett!

BONE TOMAHAWK – Ein psychologischer, geerdeter Western, der zunächst auf zwischenmenschliche Spannungen fokussiert ist, um dann doch in einem unangenehm krassen Irrsinns-Finale zu gipfeln. Top Cast, Top Film, der sich keineswegs wie ein Debut anfühlt. Mehr dazu hier im Review.

TRIPLE 9 – Durchwachsen aufgenommen, in der Regel für fehlende Charaktertiefe und zu viele lose Enden kritisiert und doch voll mein Ding. Weil er Rhythmus hat, weil er Stil hat und weil Atticus Ross‘ brillanter Score wie ein stetiger Puls agiert, der uns lebendig und kompromisslos durch eine abgefuckte Welt voller Arschlöcher und Verlierer schleift. Verschwitztes, raubeiniges Kino, dass ganz implizit als herbe Anklage an die Schattenseiten der USA funktioniert. Mehr dazu hier im Review.

CAFÉ BELGICA – Vom Wachsen, Leben und der unausweichlichen Implosion eines Traumes. Zwei Brüder, die aus der Euphorie durchtanzter Nächte heraus alles auf eine Karte setzen, ihr hab und gut aufgeben, um eine kleine abgeranzte Spelunke in einen einzigartigen Club zu wandeln, der alles repräsentiert, wofür sie einst standen, sind der Dreh- und Angelpunkt des Filmes – ihr enges Verhältnis, ihr Vertrauen zueinander, bis der schleichende Keil, den der andauernde Höhenflug zwischen sie zu treiben beginnt und an dieser unumstößlich erscheinenden Konstellation nagt. Junge Männer, die immer zwischen Sympathie und Ablehnung balancieren, durchleben Entwicklungen, aus denen die Erzählung vielleicht ihre Kernfragen ableitet: kann der perfekte Moment ewig dauern? Ist jedwedes Glück dazu verdammt, ebenso wie die ekstatischen, verrauschten Nächte auf der Tanzfläche nicht von Dauer zu sein? Ein bewegendes Werk (dass „Feiern“ fast so gut, wie der letztjährige EDEN einfängt).

GREEN ROOM – Oh, was für ein garstiges Gerät. Wieder liegt Jeremy Saugnier komplett richtig und lässt nach BLUE RUIN erneut arme Seelen unverschuldet in eine (durch Gewalt ins Rollen gebrachte) Lawine geraten, die nicht zur Ruhe kommt, bis auch das letzte Fünkchen Hoffnung ausgelöscht ist. Eruptiv serviert er grausame Spitzen, die für einen dicken Kloß im Hals und eine dauerhaft beklemmende Stimmung sorgen. Im Hintergrund apokalyptischer Metal, im „Green Room“ Messer im Kopf – Sinn- und Ausweglosigkeit der gewalttätigen Auseinandersetzung in formeller Brillanz auf dem Punkt gebracht.

THE WITCH – Irgendwo zwischen reiner audiovisueller bzw. atmosphärischer Wirkung und stimmigem Gehalt (zwischen den Zeilen) creept sich (erneut) ein Spielfilm-Debutant tief in die Herzen der mancher Suspense-Liebhaber. Gibt es die Hexe, gibt es sie nicht? Ist dies nur eine simple Nacherzählung klassischer Schauergeschichten, oder harte Abrechnung mit religiösem Wahn und den Fesseln des Patriarchats? Fragen, die ich nach einer Sichtung allesamt mit ja UND nein beantworten würde, weil THE WITCH, frei nach Schrödingers Katze, vieles zugleich ist, ohne sich auf klare Deutungen festnageln zu lassen. Ein sehr wirksamer, sehr beeindruckender Film, den ich noch einige Male schauen werde.

THE NEON DEMON – Form als Funktion, Hybris die zur Selbstzerstörung führt, leere Schönheit die alles ist. Mit seinem neusten Film schraubt Refn seinen Stil zur Groteske hoch (und das ist gut so). Absurd, weird und teilweise sehr wahr, was ich in diesen (betont) perfekten Bildern versteckt. Mehr in der Kurzkritik.

THE WHISPERING STAR – Auf der Suche nach Menschlichkeit in der unendlichen Leere. Beeindruckend, wie sicher Shion Sono in dieser nachdenklich-melancholischen Sci-Fi die leisen Töne anschlägt, wo er doch sonst gern die Regler auf 11 dreht. Mehr dazu hier im Review.

THE ASSASSIN – Pure Sinnlichkeit. Hou Hsiao-Hsien kreiert einen flüssigen, schwer zu greifenden Rausch der Eindrücke, schafft visuell mehr Tiefe und Raumebenen, als es jeder 3D-Film könnte und erzählt über feinste Regungen und tatsächlich auch rein über Bildkomposition das Innenleben der Figuren aus. Beeindruckend und wunderschön! Mehr dazu in der Kurzkritik.

RAMAN RAGHAV 2.0 aka PSYCHO RAMAN – Perfekt geschnitten und von kreativem, ungewöhnlichem Musik-Einsatz getragen, exerziert der Film auf höchstem Level den klassischen Serienkiller-Stoff durch. Ein psychopathischer Mörder (dessen beklemmende schauspielerische Performance einem hier das Blut gefrieren lässt) und ein kaputter Ermittler bilden die zwei Seiten der Medaille, doch werden sich im Laufe der Zeit immer ähnlicher – klingt abgedroschen, in den Subtexten schwingt aber weit mehr als diese typische Genre-Übung mit, denn auch die Bestandsaufnahme einer kaputten Gesellschaft, die alles Gute im Kern erstickt, weil sie über historisch gewachsene Unterdrückung und Verachtung funktioniert, spielt eine große Rolle. Machtverhältnisse werden umrissen (und kritisiert) und hinten raus tut das Ganze ziemlich weh, denn man denkt einfach nur: was für eine abgefuckte Welt? Großartig!

ZOOMANIA aka ZOOTOPIA – Disney wird politisch und macht alles richtig, was die Streifen sonst so zahm und öde sein lässt. Klar zahm ist der hier auch, aber eben mit Aussage (über Vorurteile, Rassismus und co.) und einer gewissen Edge. „Never call a bunny cute!“. Mehr dazu hier im Review. Oder im Podcast.

ANOMALISA – Der menschlichste Film des Jahres ist mit Puppen gemacht. Charlie Kaufman erzählt eine traurig-schöne Fabel über Entfremdung, Liebe und den (evtl. falschen) Weg, den man im Leben einschlägt. I cried! Mehr dazu hier im Review. Oder mit Christian Steiner in diesem Jahresrückblicks-Podcast.

THE LOBSTER – Ein kritischer, grotesk verzerrter Blick auf Selbstdarstellung in der modernen Gesellschaft, auf Dogmen und Zwänge, sowie auf soziale Ächtung anders tickender. In seiner Sperrigkeit kaum zu überbieten, ist THE LOBSTER wohl der Film, dem dieses Jahr die profundesten Gedanken zugrunde liegen – wie treffend der Film damit den Finger in die Wunden unseres absurden Miteinanders legt, lässt sich kaum in Worte fassen. Lanthimos halt. Mehr dazu hier im Review.

Believe it or not, das war das vorletzte Segment. Und nun keine weiteren Worte mehr verschwenden, hier ist die Creme de la Creme.


5. Mancher würde sie „Meisterwerke“ nennen

Mein Film des Jahres sind zwei – DER NACHTMAHR und ARRIVAL haben beide mit (kleinem, aber signifikantem) Abstand die stärkste Wirkung auf mich gehabt. Sie ließen mich aus dem Saal schweben (wenn auch auf völlig verschiedene Weise) und mit einem jubelnden Gefühl zurück. Alles wird gut – das waren die Worte, die vor meinem inneren Auge aufflammten. Im ersten Fall war das auf die Entwicklung des deutschen Films bezogen, im zweiten – und das muss ein Werk erst mal schaffen – in naiver, von Utopie belebter Weise auf das Miteinander der gesamten Menschheit.

Da ich über den NACHTMAHR bereits genug geschrieben habe (sogar zwei Mal, nämlich hier zum Kinobesuch und hier zum Rewatch), nur so viel: Bitte fördert diesen Film! Kauft ihn euch, schreibt ihn nicht gleich ab, sondern versucht ihn zu verstehen bzw. zu fühlen, falls es im ersten Anlauf nicht direkt klappt, zeigt ihn euren Freunden, euren Eltern, euren Omas und Opas, und lasst ihn euren Glauben, oder eure Hoffnungen, oder schlichtweg euer Interesse am deutschen Indie-Film reparieren (oder entflammen). Der Film ist vielleicht nicht völlig perfekt, aber er ist die kompromisslos und leidenschaftlich umgesetzte Vision eines Künstlers, wird nach dem dritten Schauen immer noch konstant besser und hat meinen größten Respekt.

Als ich gegen Ende des Jahres dann langsam dachte, da käme nichts mehr, was den NACHTMAHR vom Thron stoßen könnte, lag ich richtig und falsch zugleich. Denn es kam ARRIVAL, der ihn zwar nicht überholte, aber nett grinsend „mach dich nicht so breit“ rief und seinen Raumschiff-förmigen Hintern ebenfalls auf dem Thron platzierte. Was macht den Film aus? Ich kann es nicht in Worte fassen, denn da war einfach etwas unbeschreibliches in der Luft – ich hob in der ersten Sekunde ab und verbrachte die folgenden 2 Stunden in einem raum- und zeitlosen Schwebezustand, in dem reine Magie vorherrschte. DAS ist Kino, DAS ist Sci-Fi.

Ausgehend von einem unglaublich greifbaren „was wäre wenn?“-Szenario erschafft Villeneuve, basierend auf dem brillanten Drehbuch eines Autors, der sonst nur Mist verzapft hat, eine hypnotische, tief menschliche Fabel, die nicht mehr loslässt. Tief in ARRIVAL steckt so viel wahres über unser Miteinander, über den Wert von Kommunikation und des aufeinander zugehen, dass der Film im Nachgang belebend und inspirierend wie kein zweiter dieses Jahr auf mich wirkte. Villeneuve findet so viel wahres über den Menschen, über seine Figuren und über die Welt in seinem Werk, verwebt es mit Hoffnung und Tragik und schafft etwas einzigartiges. Brillanter Inhalt, brillante Bilder, brillanter Klang. Kurzum: brillanter Ausnahmefilm.

Zwar könnte ich Kleinigkeiten kritisieren, einzelne kurze Szenen oder Zeilen, die nicht hundert Prozent rund waren, doch inmitten der zahlreichen Bilder für die Ewigkeit, der Momente, die ganz ohne unpassende Action bis zum Zerreißen spannend sind und des vorherrschenden Appells an die Menschlichkeit, wird dieser Kleinkram zur absoluten Lappalie. Nein, sowas fällt einfach hinten runter und ARRIVAL ist als ganzes ein Werk, welches in seiner Wirkung nicht stimmiger sein könnte.


So.

Durchatmen.

Das war’s.

Das war mein Filmjahr 2016 (und worüber ich jetzt nicht geschrieben habe, findet ihr in dieser Liste). Die obige Behauptung, der Rückblick würde dieses Jahr „nicht so umfassend“ war eine (ungeplante, aber) glatte Lüge, sorry, aber das alles musste wohl raus (und ich hatte Urlaub). Nun reicht es aber auch hin, der persönliche Kram war ja teils in den Text verwoben, dazu noch gesondert etwas zu schreiben, lasse ich weg. Also hoffe ich einfach, ihr habt aus diesem Artikel irgendetwas relevantes für euch ziehen können und habt ihn gern gelesen. Wir lesen uns in 2017

/Case closed, I’m out….

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20 Gedanken zu „Artikel: Das Film- & Kinojahr 2016 – Highlights, Quatsch und ein persönlicher Rückblick…“

  1. Mit Neon Demon konnte ich bis jetzt gar nichts anfangen. Was wollte dieser Film? Allerdings bereue ich, dass ich diesen Film nicht im Kino gesehen habe, der optisch und akkustische Overkill gepaart mit WTF Momenten muss man wohl auf großer Leinwand erleben.

    Ich wünschte zudem, dass ich den Nachtmahr besser gefunden hätte. Vielleicht lag es auch an dem fehlenden Kino Erlebnis.

    Beide Filme gehören aber definitiv in die Kinolandschaft und sollten gesehen werden, nur um mal ein Urteil bilden zu können. Das kann ich nicht von jedem Film behaupten.

    Flops waren für mich der neue ID4 (und ich liebe den alten), der neue Ghostbusters (und ich fand den Trailer gut und hatte kein Problem mit der weiblichen Besetzung) und Girl on the Train

    Ansonsten muss ich mich als Blockbusterlover oder als Vertreter des Massengeschmacks outen. Civil War und Rogue One sind auf meiner Liste der Top 10 dieses Jahr. Sonst findet man auf meiner Liste die üblichen Verdächtigen (Toni Erdmann, Arrival, Room, the Big Short, The Witch.)

    Welche Filme ich auf jeden Fall noch sehr sehenswert fand waren Hardcore Henry und Wiener Dog

    1. Zum DEMON: Da der sehr vage gehalten ist, kann er sicher für jeden was anderes sein. Für mich hat er als groteske Satire funktioniert und wohl am ehesten davon erzählt, wie leicht man sich in einer sinn- und gefühlsentleerten Welt verlieren kann und der Hybris verfällt.

      Wusstest du im Vorfeld viel über DER NACHTMAHR? Ich fand ihn nämlich beim zweiten und dritten schauen sogar NOCH besser.

      Auf jeden Fall mag ich deine differenzierte Sicht und dass du denn Filmen eine gewisse Qualität zusprichst, obwohl du keinen Zugang hattest!

      Mein einschlagen auf Blockbuster ist auch nur als meine persönliche Konsequenz zu verstehen. Was ICH im Kino suche, finde ich in ihnen einfach zu selten…

      HARDCORE HENRY habe ich gestern dann auch nachgeholt und hatte unglaublichen Spaß dabei! Ein mutiges Experiment, was nach ganz eigenen Regeln echt gut funktioniert

      1. Über den Nachtmahr wusste ich, ähnlich wie Neon Demon, nur, dass der Film sehr hohe Lobeshymnen bekommen hat und das es von konventionellen Filmerlebnissen abweicht.

        Da ich leicht zu triggern bin, reichen mir solche Argumente aus ;-).

        Ich finde, dass solche Filme auch Unterstützung benötigen, damit es mehr mutige Experimente gibt. Experimente können schiefgehen, machen aber auch Spaß.

        Vor allem Wünsche ich solchen Filmen Kinoerfolg, damit sie auch in konventionellen Kinoketten gespielt werden.

        Ich mochte es, dass der Film einen zum Nachdenken anregt. Ich werde mir ihn auf jeden Fall nochmal sehen, wahrscheinlich auch den Neon Demon, da ich mir beide auf Blu Ray (am Erscheinungstag, da ich heiß auf die Filme war) gekauft habe und Sie auch nicht weggeben möchte.

  2. Bei den vorderen Plätzen wären wir uns fast einig. Auch darüber, dass man für den Nachtmahr mehr Werbung machen muss. Arrival ist der einzige Film, der es bei mir zur Höchstwertung geschafft hat. Sooo toll! Und ich protestiere, wenn Jóhann Jóhannsson nicht endlich seinen Oscar bekommt! The Witch schaue ich endlich am Wochenende, der wird von allen Seiten empfohlen. Und im Sinne unseres letzten Gesprächs: Falls du nicht schon drin warst: The Handmaiden bekommt schätzungsweise 9/10 Punkten von dir (Ich baue hier übrigens grundsätzlich Smileys ein, weil die so toll aussehen!) Einer geht noch: :‘)

    1. Sehr schön, dass wir dieses Jahr ähnliche Favoriten haben!

      Und auch schön, dass du jetzt tatsächlich mal Sachen empfiehlst – THE HANDMAIDEN hatte ich ulkigerweise am Vortag seines Kommentars gesehen. 9 von 10 zwar nicht, aber ein toller Film mit viel Stil und starken inhaltlichen Aspekten. Denke eine 8 wird es. Denke aber auch, dass es total egal ist, ob 8 oder 9 und ob ich mit den Zahlenwertungen aufhören sollte, denn ich empfinde sie zunehmend als sinnlos und entferne mich irgendwie immer mehr davon, Filmen nur das Label gut oder schlecht aufzudrücken…

      1. Ja, das mit der Zahlenwertung war auch nur so halbernst gemeint. Es erklärt aber auch gleichzeitig, warum ich davon nicht abweichen kann.

        Mir ist der geschriebene Text sehr viel wichtiger, weshalb meine Wertungen auch nur in den Kategorien auftauchen. Aber zum Ordnen finde ich es fast nötig. Das fängt beim Vergleich innerhalb der Filme an. Aber ich mag auch den Vergleich von Text zu Zahl/ Zahl zu Zahl bzw. bietet diese eine Reibungsfläche zum Diskutieren (Der Text natürlich auch).

      1. Das ist ein wenig „langweilig“, weil ich sehr oft mit dir d’accord gehe, aber hier mal eine Liste von Großartig bis gut:

        Arrival
        Green Room
        Raum
        Toni Erdmann
        Spotlight

        außer Konkurrenz: Im Strahl der Sonne

        Flops: Tschick, Hail Caesar, The Lobster

      2. Ich fand The Lobster ehrlich gesagt langweilig und zu bemüht. Nachdem die Frau den Hund umgebracht hat, habe ich den auf 1,5 facher Geschwindigkeit geguckt und nix verpasst…

Und eure 2 Cents?