Film: Love Exposure – Ai No Mukidashi (2008)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Rapid Eye Movies


Fakten
Jahr: 2008
Genre: Drama, Liebesfilm, Wahnsinnstrip
Regie: Shion Sono
Drehbuch: Shion Sono
Besetzung: Takahiro Nishijima, Hikari Mitsushima, Sakura Andô, Yutaka Shimizu, Makiko Watanabe, Hiroyuki Onoue, Atsuro Watabe, Tasuku Nagaoka, Sô Hirosawa, Yûko Genkaku
Kamera: Sôhei Tanikawa
Musik: Tomohide Harada
Schnitt: Jun’ichi Itô


Review
Es kommt selten vor, wirklich selten, dass ein Film die Kraft besitzt alles zuvor im Kopf des Zuschauers dagewesene mit geradezu erschreckender Leichtigkeit davon zu fegen. Sich von jetzt auf gleich in den geistigen Vordergrund zu drängen, der Rest dahinten nur noch vage Schemen, und laut zu schreien: „Hier bin ich und egal, was du meinst bis jetzt gesehen zu haben, ich garantiere dir, so etwas wie mich kennst du noch nicht!“ Diese Wirkung erreicht vielleicht ein Film alle paar Jahre. Doch selbst über diese seltene Gattung der Meisterwerke hebt sich Shion Sono’s 2008er Film LOVE EXPOSURE noch ein kleines Stückchen weiter empor – weil er nicht nur einmal derartig wirkt, sondern die totale Ausweitung jeglicher Grenzen und den nicht wieder zuklappen wollenden Kiefer auch bei jeder weiteren Sichtung erneut hervor ruft. Diese Achterbahnfahrten durch eine Welt aus fotografierten Schlüpfer und fanatischen Sekten immer besser werden. Ein Werk, das völlig eigen, in exotischem Maße größenwahnsinnig und streng genommen vollkommen unbeschreiblich ist – das man erleben muss, um auch nur eine Idee von der Intensität zu erhalten, die dieser Film erzeugen kann.

Bereits einen kleinen Überblick des Inhalts zu geben, gestaltet sich dank vier Stunden Laufzeit, ständig wechselnden Erzählperspektiven und irren Wendungen am laufenden Band, als schwieriges Unterfangen: Es geht um den Jungen Yu. Seine Mutter hat er früh verloren und hofft seitdem auf das von ihr prophezeite Erscheinen seiner persönlichen (heiligen) Maria. Die Flucht seines Vaters in exzessive Religiosität hilft nicht unbedingt, von solch christlich geprägter Ideologie loszukommen – als dieser sich schließlich sogar zum katholischen Priester weihen lässt und nach dem Scheitern einer (geheimen) Beziehung zu seiner neuen Frau in die dunkelsten Abgründe der heiligen Schrift hinabzusteigen beginnt, seinen Sohn täglich zur Beichte zwingt und sämtliche Wärme aus dem eigenen emotionalen Spektrum streicht, wandelt sich Yu’s Leben in eine Richtung, die er sich nie hätte erträumen können: Nur wenn er beichtet, nimmt sein Vater ihn überhaupt noch wahr und je schlimmer die Vergehen, desto intensiver das Erlebnis. Doch wer beichten will muss sündigen – also beginnt der bis dato brav und ordentlich lebende Yu damit! In einem Anflug von Verzweiflung trifft er seine zukünftige Gang – zunächst wird randaliert, dann geprügelt, dann geklaut, aber nichts scheint stark genug, um seinem Vater wahrhaftige Regungen zu entlocken – wie ein Roboter vergibt dieser seinem unzüchtigen Sohn, bis dessen Freunde irgendwann den entscheidenden Einfall haben: ist es nicht anstößige Sexualität, gar Perversion, die als die schlimmste aller Sünden empfunden wird? Vom Bedürfnis nach Liebe (seines Vaters und der unbekannten Maria) getrieben, findet Yu eine neue Profession: Tosatsu – das geheime Fotografieren unter die Röcke der Mädchen auf Tokyo’s Straßen. In einigen furios-packenden, in Schnitt und Inszenierung nicht weniger als perfekt getakteten Sequenzen, knippst Yu sich, dauerhaft begleitet von Maurice Ravel’s großartigem BOLÉRO, zum König des Tosatsu – dem König der Perversen – und entlockt seinem Vater endlich die erhofften Ausbrüche, bringt ihn zur Weißglut und kassiert Schläge. Währenddessen schiebt Sono immer wieder Texttafeln ein, die den Countdown auf ein unbekanntes Ereignis signalisieren: „Noch 200 Tage bis zum Wunder„. Je weiter Yu’s Werdegang fortschreitet, umso näher kommt es und als er nach einem verlorenen Wettkampf um das beste Bild der Woche, als Wetteinsatz in Frauenkleidern ein Unbekannte küssen soll, sind es nur noch Minuten. Und dann: Die Ereignisse überschlagen sich, ein Kampf bricht los, das Wunder geschieht. Boom. Texttafel: LOVE EXPOSURE! Der Prolog ist vorbei – das war die erste Stunde des Films.

Was sich im weiteren entspinnt, ist ein schier wahnsinniges Amalgam aus Liebe, Hoffnung, Schmerz und Trauer, immer wieder durchzogen von so verrückt-unkonventionellen Momenten, dass LOVE EXPOSURE in regelmäßigen Abständen angenehm hart vor den Kopf stößt. Und bewegt: Beliebige Hollywood-Kitsch-Romanzen werden immer wieder gern mit dem (Tot-)Schlagwort der „ganz großen Gefühle“ beworben – wer jedoch LOVE EXPOSURE gesehen hat, wird darüber nur noch müde lächeln können. Wenn es in den letzten 20 Jahren überhaupt je ein wahres Liebes-Epos gab, dann ist es dieser Film. Sono tritt in der Machart, formell und inhaltlich, alles etablierte, ja alles „normale“ mit Füßen und schafft eine emotionale Involviertheit von außergewöhnlicher Intensität: Schnitt und Kameraführung, zackige Zooms und ungewohnte Perspektiven scheinen Hand in Hand mit der enorm präsenten Musik einen so anmutig wie bizarren Tanz zu vollführen, Gefühle werden nicht bloß angedeutet, sondern voll ausgelebt, in jubelnder Freude in die Welt geschrien, oder aus tiefstem inneren Schmerz heraus erlitten – und wir sind voll dabei, als wäre der Kinosessel in Yu’s Herzen aufgestellt worden. Dabei quillt die grenzenlose audiovisuelle Kreativität des Machers förmlich über – Symbole so weit das Auge reicht, zauberhafte Visualisierungen von „billigen B-Movie“-Träumen, stilistisch immer alle Regler weit im roten Bereich. Zu viel? Nein, denn so wie Sono es macht, kann es kein „zu viel“ geben – derartige Regiekunst muss bis ins äußerste zelebriert werden, weil sie alles „normale“ mit frecher Begeisterung als langweilig brandmarkt.

Für Yu ist der Grat zwischen den emotionalen Extremen schmal – vollkommene Glückseligkeit und schier nicht auszuhaltende Qual liegen in LOVE EXPOSURE dicht beisammen – nur von einem Kostüm und einer Sonnenbrille getrennt – denn Yu liebt Yoko, doch Yoko hasst Männer, aber liebt Sasori. Nur ist Sasori Yu – aber eben nicht als Mann erkennbar. Was? Doppeltes Spiel und eine verdammt komplizierte, denkbar schlechte Basis, die ihn um den Verstand zu bringen droht, besonders da die zwei sich kurz nach dem Aufflammen seines Verlangens auch noch als Stiefgeschwister wiederfinden. Das besondere an dieser ungewöhnlichen Konstellation ist Sono’s ausgiebige Zeichnung aller wichtigen Figuren: Einen einzigen klaren Protagonisten gibt es nicht, sondern Schicksale verzahnen sich, aus dem Off berichten sowohl Yu, wie auch Yoko, wie auch die später auf den Plan tretende, dubios anmutende Koike von ihren persönlichen Schicksalen, stellen (immer von den jeweiligen imposanten Bildern unterlegt) ihre Motivation dar und ziehen seelisch blank. Die „ganz großen Gefühle“ sind hier nicht bloß Behauptung und das Resultat mehrere Blickwinkel auf die gleichen Ereignisse. Es entsteht ein weit umfassenderes Bild, als es ein einziger Erzähler schaffen könnte und Sono geht in der klugen Montage so weit, das er die Gedanken- und Gefühlswelt verschiedener Figuren in Dialogen im Off aufeinander prallen und sich umschmiegen lässt.

Man sagt Genie und Wahnsinn lägen dicht beieinander. Sono’s These könnte weiter gehen und behaupten, dass (unerwiderte) Liebe und Wahnsinn vielleicht gar das Selbe sind? Einmal sagt Yoko über ihre Stiefmutter: „Sie wirkte immer so entblößt, als gäbe sie direkt alle Gefühle von sich preis“ und vielleicht geht es genau darum – sich der ganzen Schönheit der Liebe (und somit zumindest partiell auch dem vollkommenen Wahnsinn) hinzugeben. Jede Emotion voll zuzulassen, voll nach außen zu tragen und darin entweder die totale Erfüllung zu finden, oder schlussendlich (an der Liebe) zu zerbrechen? Ganz sicher ist LOVE EXPOSURE ein direkter Spiegel der Seelenwelt seiner Protagonisten: Wirkt die erste Hälfte in ihren wüsten Wechseln zwischen freudigem Liebestaumel, blutigen Splatter-Einlagen und fantastischem Humor noch schnell, befreit und dynamisch – korrespondiert also enorm mit den Hoffnungen und Wünschen der Figuren – so stellt sich später immer mehr eine gewollte Schwere ein, der Humor kippt in Tragik, die Möglichkeiten in Yu’s Welt implodieren zu einem Scherbenhaufen und er schreitet zunehmend apathisch durch’s Leben. So fühlt er, also lässt Sono es uns fühlen.

Selbstverständlich handelt LOVE EXPOSURE in vier Stunden noch von weit mehr als „nur“ einer einzigen Liebesgeschichte. Von klarer Farbkodierung getrieben – vermeintlich heile Familienwelt erstrahlt in warm orangem Licht, während emotional gestrandete Seelen in kalt-weißen Umgebungen voller Hass ihren ebenso kalten Zielen nachgehen – weiß Sono auf seine spezielle Art von einer Fülle an Missständen zu berichten: Vor allem Sex, Macht und die gefährliche Kombination daraus stehen im Zentrum all dieser Probleme. Widerliche Väter, die gewaltsam die Macht über ihre Töchter missbrauchen, unterdrückerische Kirchen und fanatische Sekten, die durch Macht das Ziel verfolgen jegliche Individualität zu ersticken, um an der Spitze einer Pyramide unverrückbar die Stellung zu halten – überall geht es um Manipulation, um Fremd-Steuerung und um das Brechen all derer, die sich dem Wahnsinn verweigern. „Give it to me„. Ganz selbstverständlich webt Sono etliche erzählerische Ebenen ineinander, berichtet von gescheiterten Hierarchien und dysfunktionalen Familien, lässt Träume platzen und prangert immer wieder religiösen Fanatismus, wenn nicht sogar einfach nur das grundsätzliche Wesen von Religion an. Meisterhaft, komplex und daher unmöglich auf Anhieb zu durchdringen. Ein wenig Abstraktion führt so weit, dass mit Sicherheit die eine oder andere, sehr pessimistische Aussage über die gesamte Gesellschaft in Sono’s Heimatland (bzw. jegliches gesellschaftliches Konstrukt) abgeleitet werden kann: dauerhaft aufrecht erhaltene Fassaden verhindern die Entfaltung der Menschlichkeit – wer dem inneren Drang nachgibt ist der „Perverse“ und wird geächtet. Doch sind diese „Perversen“ nicht die einzig ehrlichen? Diejenigen die ihre Gefühle exponieren – die die „love exposure“ wirklich leben, sich also nicht verstecken oder künstlich beherrschen, um Konvention zu genügen? Yu, als Märtyrer, der blutige Tränen weint, im Kampf gegen die Falschheit: Menschen die eine Maske tragen, werden mit sich nie im Reinen sein, aber Sono glaubt an die emotionale Befreiung, er hofft dass ein losgelöstes Leben möglich ist – auch das ist eine der vielen impliziten Aussagen dieses vielschichtigen Films.

LOVE EXPOSURE bis ins Letzte zu beschreiben, zu analysieren und auf die Suche nach Intention und Aussage zu gehen, stößt irgendwann zwangsweise an eine natürliche Grenze – den Punkt, an dem Worte nicht mehr ausreichen, um die Erfahrung Film verständlich zu kommunizieren. Den Punkt, an dem es nicht mehr gelingt Yoko’s wundervolles Lächeln, Yu’s resignierende Trauer, oder generell das hyper-intensive, von vollkommener Aufopferung definierte Schauspiel zu umschreiben, weil man die Tour-de-Force der zwei sehen und dabei vor allem fühlen muss. Und ich bitte euch: Tut es! Lasst euch nicht von vier Stunden Laufzeit und lasst euch erst recht nicht von japanischem Ton mit Untertiteln abschrecken. Es ist sicher durchgekommen: LOVE EXPOSURE ist eine Reise, ein Rausch und schlussendlich wohl eine filmische Erleuchtung, die in logischer Konsequenz für ungetrübte Begeisterungsstürme sorgt. Vielleicht der beste Film des neuen Jahrtausends – schaut ihn, erlebt ihn, liebt ihn!


Wertung
10 von 10 meisterhaft geschossenen Tosatsu-Fotos


Veröffentlichung
Das Wunder ist geschehen: Nachdem der Film bereits 2010 von Rapid Eye Movies auf DVD (*) veröffentlicht wurde (aufgrund der Länge auf 2 Discs aufgeteilt), ist er nun im August 2015 auf BluRay (*) erschienen. Danke! Das Bonusmaterial der Edition wurde zum BD-Upgrade mit einer halbstündigen Dokumentation über den Film und Sono ergänzt (plus enthält einige Deleted Scenes) und der Ton liegt nun anstatt Stereo als DTS HD Master Audio 5.1 vor.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
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AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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  7. Ich würde lügen, würde ich behaupten mein Interesse wäre nicht zumindest geweckt. Dass ich ihn in nächster Zeit sehe, bezweifle ich allerdings… dafür brauche ich mal wieder eine Phase, in der ich hungrig danach bin neue Filmspielarten zu entdecken, sprich: einfach mal wieder Zeit für mein Hobby.

    Danke auf jeden Fall für diesen ungewöhnlichen Tipp!

    • Es freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte

      Ich kann dich völlig verstehen, zum einen will man im Angesicht einer ungewohnten Erfahrung auch hungrig und ausgeglichen sein, zum anderen (und das ist der Laufzeit geschuldet) guckt man den ja auch nicht mal eben zum Feierabend weg! Ich kannte den Film ja schon, hab ihn eigentlich seit dem ersten Schauen geliebt, aber dennoch nur sehr selten geguckt. Vier Stunden zum Filmgucken muss man sich eben nehmen – falls du ihn dir aber schon mal zulegen willst: Die BluRay ist, trotz VÖ vor erst zwei Wochen, gerade bei Amazon im BluRay-Sale für 10.99 zu haben

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