Film: Sicario (2015)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by STUDIOCANAL


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Thriller, Kriegsfilm, Drama
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
Besetzung: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio Del ToroVictor Garber, Daniel Kaluuya, Jon Bernthal, Maximiliano Hernández
Kamera: Roger Deakins
Musik: Jóhann Jóhannsson
Schnitt: Joe Walker


Review
Denis Villeneuve ist ein kleines Phänomen. Egal ob knallharter Entführungs-Thriller (PRISONERS), verwirrendes Doppelgänger-Mindgame (ENEMY), oder nun ein waschechter (Drogen)kriegs-Film, um den ausufernden Konflikt an der US-amerikanischen Grenze – seine Filme hauen schonungslos um und lassen sprachlos zurück, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Das aktuelle Werk beeindruckt abseits der 120minütigen Dauer-Beklemmung im Kinosaal zudem vor allem durch reichhaltigen Stoff zum Nachdenken.

Wie lange führst du mit sauberen Mitteln ein Kampf, der aussichtslos ist, weil du durch Wahl der Waffen eben nur verlieren kannst? Wie oft und hart rennst du gegen moralische Wände, bevor du taub wirst und den fragwürdigen Weg um sie herum wählst? Wann beginnt die stetige Konfrontation mit unbegreiflicher Grausamkeit dich soweit zu korrumpieren, dass der Zweck sie zu stoppen bald jedes Mittel rechtfertigt?

Auf den ersten Blick ist SICARIO ein Thriller – Kate, eine idealistische FBI Agentin, bekommt die Möglichkeit in einer Sondereinheit nun nicht mehr nur den Fußsoldaten, sondern auch den Bossen der mexikanischen Drogenkartelle auf den Leib zu rücken. “Wir kratzen nur an der Oberfläche”, sagt sie nach dem ersten dubiosen Einsatz im neuen Umfeld zu ihrem vorherigen FBI-Partner, “doch das sind die Typen die darunter schauen”. Was sie nicht ahnt: ihre strenge Vorstellung von Recht und Gesetz, sowie die damit einher gehende Regelkonformität werden auf dem folgenden Weg nicht mehr erwünscht sein. Schnell wird sie beginnen an der Art, wie die Einsätze unter Zuhilfenahme tatsächlicher Militärs über die Bühne gehen zu zweifeln. Wie weit kann man gehen?

Da liegt die eigentliche Wirkung dieses Monster von Films versteckt – den Kern von SICARIO bildet eine weitreichende Studie über den totalen Verfall von Recht und Moral in einem nie enden wollenden Strudel aus Gewalt und Grausamkeit. Der Film ist eine Momentaufnahme aus einem fortwährenden Strom der Ereignisse, die auf beklemmende Weise vor Augen führt, wie Freihandelsabkommen, restriktive Politik und Militarismus ein Monster erschaffen haben, dem es nun Herr zu werden gilt – ein zehrendes, dauerhaftes Unterfangen, was sich als schier unmöglich herausstellt. Gewalt erzeugt Gegen-Gewalt, doch ist die logische Konsequenz daraus, dass man einer Armada an Auftragskillern nur durch eigene Auftragskiller Herr werden kann? Nichts weiter sind die Agenten und begleitenden Militärs nämlich: von offizieller Seite beauftragte, im Dienste der „großen Sache“ legitimierte Killer. „Die Kartelle stoppen“, lautet der Auftrag, und zwar zu jedem Preis – hier wird Bond’s Lizenz zum Töten bittere Realität (und hat plötzlich nichts heroisches mehr an sich).

Der letzte verbliebene Rest an Glauben in die Integrität unserer Welt, klammert sich während der Sichtung dieses intensiven Films verzweifelt an die Hoffnung, dass diese Zustände nicht der Wahrheit entsprechen. Dass all die gezeigte Grausamkeit der mexikanischen Kartelle, genauso wie das zweckdienliche, vollkommen emotionslose Auslöschen potentieller gegnerischer Attentäter von Seiten der US-Militärs übertrieben dargestellt ist. Dass SICARIO doch nur ein Film ist, zu Unterhaltungszwecken fiktionalisierte Kost und eigentlich nirgendwo auf der Welt geschändete Leichen an Autobahnbrücken aufgehängt werden, Opfer des Drogenkrieges in Plastiksäcken in Wände einbetoniert, oder die Familien der Personen, die den Drogenbossen im Weg stehen, in Säurebädern versenkt werden. Wenn es doch nur so wäre.

Doch der Teil des Gehirns, der sich von Ignoranz und Blauäugigkeit freimacht, weiß es leider besser. Was wir hier sehen, ist höchst real: die brutale Gewalt, die Zustände in denen Menschenleben nichts, aber auch gar nichts mehr wert sind, die öffentlichen Exekutionen, die sadistische Folter – es gibt sie exakt in der Form, wie SICARIO sie inszeniert (die Ergebnisse einer Google-Bildersuche der Begriffe “Murders Juarez” decken sich und verschiedenste Artikel von Medien sämtlicher Ausrichtung (CNN, WIRED, DAILY MAIL, FOX, VICE) beschreiben genau das, was Villeneuve uns ungeschönt vorsetzt). Das schlimmste daran ist: die verschiedenen Seiten des Konflikts nehmen sich nichts mehr. Diejenigen, die unsichtbar, wie Geister, in den Grauzonen dieser Welt unterwegs sind, offiziell auf Seite der Guten, um den bestialischen Praktiken der Kartelle das Handwerk zu legen, baden so tief in Hass und Zynismus, dass sie sich rein emotional kein Stück mehr von den zahlreichen Mördern und Entführern der Gegenseite unterscheiden. Erpressung, Folter, Mord – “die Guten” sind es nicht länger, jeder Weg ans Ziel ist es wert genommen zu werden, zur Not werden selbst unwissende Agenten der eigenen Seite rücksichtslos instrumentalisiert.

Große Werke schaffen bereits, allein über die Macht ihrer Bilder ein Gefühl für Inhalt und die Wucht des Erzählten zu erzeugen. Gemessen daran ist sie SICARIO ganz klar ein großes Werk. Kameramann Roger Deakins hatte im Laufe seiner Karriere bereits X-Fach bewiesen, dass er zu den fähigsten seiner Zunft gehört – was jedoch der distanzierten, kühlen Art, auf die er hier das mexikanische Grenzland als einen nicht zu bändigen Moloch einfängt für eine visuelle Kraft innewohnt, entbehrt jeglicher verbalen Beschreibung. Immer wieder signalisieren die beeindruckenden Totalen, die langen Einstellungen von der “Murder Capital Of The World”, Juarez an der Grenze zu El Paso, vor allem eins: vollkommene Verlorenheit in Angesicht eines Kampfes, der nicht zu gewinnen ist. SICARIO suggeriert zwei Auswege: (emotionale) Kapitulation gegenüber einer unsichtbaren Übermacht, die den Ermittlern aus allen Richtungen, zu jeder Zeit und meist unerwartet entgegen strömt (eine der Figuren wird diesen Weg wählen), oder der frontale Angriff, “Lärm machen”, wie Josh Brolin’s sarkastische Figur Matt es nennt, um den Gegner heraus zu fordern, koste es was es wolle.

Weil der Film vollkommen subjektiv aus Kate’s Sicht erzählt ist, der Zuschauer (also wir) mit ihr zusammen in eine unbekannte, ein Höchstmaß an Nervosität hervorrufende Situation geworfen werden und auf den ungewissen Ausflügen nach Mexiko ihre vollkommene Unwissenheit teilen, funktionieren verschiedene Segmente dieses sonst recht ruhig gehaltenen Films auf einer reinen Spannungsebene so exzellent, dass die Bezeichnung “in den Kinosessel gepresst werden” eine neue Bedeutung bekommt. Eine Reise in ein fremdartiges Land, in dem Uhren anders ticken, Uniformen reine Tarnung sein können und jegliche Sicherheit nur Fassade ist.

Das fiebrige Sound-Design vermittelt kaum erträgliche Unruhe, die eindrucksvollen Bilder fesseln – im ganzen ist das alles so arg pessimistisch, so emotional kalt, dass beinahe körperliches Leid resultiert. Ein Gesamtwerk, das mit dem Begriff “intensiv” noch untertrieben beschrieben ist. Villeneuve ist ein nihilistischer Blick auf ein zum Scheitern verurteiltes System gelungen, der betreten zurücklässt, weil das einzige Resümee sein kann, dass die Zukunft nichts Gutes bringen wird. Die Köpfe der Kartelle wie die Köpfe der Hydra – einer weg, aber der nächste wird nachwachsen und so steht einzig fest, dass auf Drogen nur mehr Drogen, auf Gewalt nur mehr Gewalt und auf Verrohung nur mehr Verrohung folgen wird. Dass noch unzählige weitere Familien in diesem Strudel des Wahnsinns ihre Väter verlieren werden, weil in Städten wie Juarez das nächtliche Feuerwerk niemals zur Ruhe kommen wird. Ganz, ganz bitter.


Wertung
9 von 10 semi-legalen Grenz-Einsätzen


Veröffentlichung
SICARIO läuft seit dem 01. Oktober 2015 im Verleih von STUDIOCANAL im Kino und wird in wenigen Monaten als BluRay und DVD erscheinen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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