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(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #13: Der Nachtmahr (2015)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Koch Media


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Psychologisches Drama, Horror, Fantastischer Film, Surreal
Regie: Akiz (Achim Bornhak)
Drehbuch: Akiz
Besetzung: Carolyn Genzkow, Sina Tkotsch,Wilson Gonzalez OchsenknechtArnd KlawitterJulika JenkinsAlexander ScheerLynn FemmeKim Gordon
Kamera: Clemens Baumeister
Musik: Steffen KahlesChristoph Blaser
Schnitt: AkizAnna-Kristin NekardaPhilipp Virus


Review
Wann immer ein deutscher Film von herausragender Qualität die Leinwände dieser Republik erreicht, erfüllt mich dies mit großer Freude – natürlich, weil es ein guter Film mehr ist, den ich sehen durfte, aber vor allem weil es Vorurteile gegenüber den hiesigen Filmemachern widerlegt. Handelt es sich dann sogar noch um ein Exemplar einer seltenen Gattung – des Genrefilms – versetzt mich dies in helle Begeisterungsstürme. Doch so viel Freude mir z.b. der hiesige Neo-Giallo MASKS, oder die Endzeit-Apokalypse HELL bereiteten, kam keine dieser filmischen Erfahrungen auch nur im Ansatz der Euphorie nah, die ich seit dem gestrigen Kinobesuch des NACHTMAHR verspüre.

Es flogen viele Fetzen durch das Netz – von einem wirkungsvollen (hochgradig verstörenden) deutschen Horrorfilm war die Rede, von einem fordernden Werk voll unangenehmer Stilmittel und auch von einer stilisierten Reise, die wohl am ehesten in Richtung David Lynch geht. Ein bisschen wahres steckt sicher in jeder dieser Aussagen, jedoch kommt keine davon auch nur im Ansatz dem nah, was Akiz‘ Werk im Kern tatsächlich auszeichnet – vor allem ist DER NACHTMAHR nämlich ein Film, den trotz vielfältiger Einflüsse eine radikale Eigensinnigkeit auszeichnet. DER NACHTMAHR ist primär DER NACHTMAHR, kein Hybrid aus Lynch, Argento und co., und lebt von einer eigenen Handschrift. 

In seiner stilsicher dargereichten Form macht das fantastisch angehauchte, tief symbolschwangere psychologische Drama, welches in seinen vielfältigen Deutungsmöglichkeiten ganz sicher jedem Zuschauer etwas vollkommen anderes mit auf den Weg gibt, so unglaublich viel richtig, dass man gar nicht weiß wo man mit dem Loben anfangen soll – vor allem, weil sich (trotz der angeregten Diskussion vor den Toren des Lichtspielhauses im Anschluss an die Sichtung) mit zunehmender Verarbeitung des Werkes auch eine zunehmende (positive) Sprachlosigkeit einstellt.

DER NACHTMAHR ist ein beklemmender Film, weil er sich (und da steht Akiz tatsächlich in gewisser Weise in der Tradition der großen genannten Namen) gnaden- und schonungslos in der Psyche der eigenen Hauptfigur einnistet, dort Traumata zu Tage fördert (ob sie drogeninduziert sind, sei dahingestellt, weil es eigentlich nichts zur Sache tut) und sich über lange Zeit in garstiger Manier verschanzt, ohne der dunklen Entität, welche Tina das Leben immer schwerer macht, ein Ventil zum Ausbruch zuzugestehen. Dabei stimmt die emotionale Komponente bis ins letzte: das Zweifeln an den eigenen Sinnen, die schleichende Erkenntnis einem unerklärlichen, „weirden“ Problem erlegen zu sein, und vor allem das lähmende Gefühl in seinen Ängsten und Sorgen nicht gehört, sondern im Gegenteil, verspottet und für verrückt erklärt zu werden, transportiert DER NACHTMAHR von Szene zu Szene mit steigender Intensität.

Was nämlich, nachdem Tina auf einem kleinen illegalen Rave unter Drogeneinfluss ohnmächtig wurde, mit einer schrecklichen Vision und den ersten schlaflosen Nächten voll bizarrer Alpträume noch (relativ) harmlos beginnt, spitzt sich zu, als das bizarre Wesen, der „Nachtmahr“, welches die nächtlichen Zwischenfälle auslöste, sich in ihrem Zimmer einnistet und schleichend zum festen Teil ihres Lebens wird – an ihrer Substanz nagt, sie verängstigt, schwitzend und bald schon emotional vereinsamt wie einen Geist durch die Welt schweben lässt. Diesen seelisch wie psychischen Verfall erzählt DER NACHTMAHR nicht nur, er macht ihn in perfekter Symbiose aus Form, Klang und beeindruckendem Schauspiel fühlbar – weil wir mit Tina leiden und Teile ihrer Hoffnungslosigkeit als die unsere empfinden, wird die Filmerfahrung zu einer zehrenden.

Auch weil so viel wahres im erzählerischen Ansatz und dem Verhalten der Figuren steckt: Eltern, die nicht zuhören, die Sorgen ihrer Kinder als Spinnerei abtun, weil sie keine Ahnung haben was in deren Leben eigentlich passiert und sich aus der eigenen Hilflosigkeit heraus in Wut flüchten. Vermeintliche Freundeskreise, die schneller ausgrenzen als man bis 3 zählen kann, weil ein Mitglied ihrer Gruppe nicht nach Norm tickt, zu sehr aus dem Raster fällt, ein „Freak“ ist. Und die generelle Verlorenheit in einer Welt, die für den eigenen Weg keinen Platz zu haben scheint (wundervoll eingefangen über das Ausklinken aus ihr, in Form von exzessivem Hedonismus, oder anonymen Streifzügen durch die endlose Anonymität des nächtlichen Berlin). Selten wurde so treffend und symbolkräftig das Innenleben einer Figur nach außen transportiert.

Ob man all diese morbiden Impressionen für bare Münze nehmen, den Film also primär als einen bizarren Horrorfilm mit einem tatsächlichen außerweltlichen Wesen rezipieren möchte, oder in die symbolische Ebene abtaucht, um die Verbildlichung einer Drogen-induzierten Psychose, oder aus sozialer Ausgrenzung resultierenden jugendlichen Depression, oder schlichtweg des Erkundens der eigenen dunklen Seite darin zu finden, bleibt dem Zuschauer überlassen, denn DER NACHTMAHR diktiert kein richtig oder falsch im eigenen Verständnis – all dies (und sicher noch zig Ansätze mehr) erscheint in äquivalentem Maße plausibel und geht aus der individuellen Lesart hervor. Vor allem was aus Tina’s Verfall für endgültige Konsequenzen folgen, kann nur noch vollkommen subjektiv gedeutet werden.

Aber das ist gut so, denn das ist Kunst, freier Ausdruck in liebevoller Umsetzung und welchen Weg man als Zuschauer auch wählt – es funktioniert. Den Film einfach nur in jedem seiner einzigartigen Momente – sowohl der lauten, berauschenden, als auch der intimen, in sich gekehrten – wirken zu lassen, führt zu einer formell brillanten, hochgradig intensiven Erfahrung und kann bereits für sich stehen. Zu grübeln, was Akiz mit all den hypnotischen Neonfarben, Motiven und Symbolen aussagen wollte, was also die tiefere Bedeutung des NACHTMAHR sein könnte, ebnet den Weg in besagte vielfältige Erklärungsmöglichkeiten, deren überwältigende Gesamtheit zur befriedigenden Erkenntnis führt, hier endlich mal wieder ein wahres Meisterwerk aus deutschen Landen gesehen zu haben. Ich verneige mich, das ist Filmkunst.

Getrübt wird dieser Eindruck eigentlich nur davon, wie hierzulande leider (!) von den Major-Kinoketten alles daran gesetzt wird, der Masse an potentiell interessierten Kinogängern ein derart brillantes Werk vorzuenthalten, anstatt sie neugierig zu machen. Dass man ein international auf Festivals gefeiertes Werk im Land seiner Entstehung selbst in Großstädten aktiv suchen muss, und Glück dazu gehört, es in kleinen Hinterhofkinos auf einer von drei offiziellen Vorstellungen noch zu erwischen, ist einer von vielen Distributions-Skandalen im Land der Keinohrhasen und sagt mehr als genug über das deutsche Verhältnis (und Vertrauen) zum eigenen Kino. Traurig aber wahr.


Wertung
10 von 10 einzigartigen Trips durch Psyche und Leben


Veröffentlichung
DER NACHTMAHR läuft seit dem 26. Mai 2016 im Verleih von Koch Media und leider sehr limitierter Auswertung in den deutschen Kinos.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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11 Gedanken zu „(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #13: Der Nachtmahr (2015)“

  1. Ich habe den Film im Heimkino gesehen und bin nicht ganz so überwältigt, da ich mich ständig gefragt habe, was der Film wohl erzählen möchte. Ich denke da war mein Ansatz falsch, man muss sich von der Stimmung des Films mittragen lassen und ihn nicht ständig erklären.

    Ich vermute mal, dass dieses im Kino besser gelingt als zuhause. Echt Schade, dass der Film so einen kleinen Kinostart hatte (Bei mir in der Gegend lief er gar nicht). Mir hätte er bestimmt besser gefallen, wenn ich ihn im Kino gesehen hätte.

    Ansonsten den Empfehlungen des Filmes dringend nachkommen und zusätzlich das Licht ausmachen.

    1. Schade! Ich hoffe du hast ein gutes Soundsystem im Heimkino – der Film bittet zu Anfang sogar mit einer Texttafel darum, doch bitte sehr laut abgespielt zu werden

  2. Oh, auf den Film bin ich schon sehr gespannt – jetzt noch mehr. Habe zwar durchaus auch negatives gehört, aber das macht mir nix. Lief in unserer Stand auch, aber ich habe ihn leider verpasst. Waren dummerweise nur ein paar wenige Termine. Ein Jammer …

Und eure 2 Cents?