(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #3: Hell (2011)


Trailer © by Paramount Home Entertainment


Fakten
Jahr: 2011
Genre: Endzeit, Horror, Slasher
Regie: Tim Fehlbaum
Drehbuch: Tim Fehlbaum, Oliver Kahl, Thomas Wöbke
Besetzung: Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Stipe Erceg, Lisa Vicari, Angela Winkler, Yoann Blanc
Kamera: Markus Förderer
Musik: Lorenz Dangel
Schnitt: Andreas Menn


Review
Man kann nicht abstreiten, dass die Verlagerung der typischen Genre-Szenarien in deutsche (bayrische?) Gefilde, auf Anhieb leicht zum schmunzeln einlädt. Sind uns doch die (dem Backwood-Slasher namensgebenden) Hinterwäldler bis ins tiefste Mark als degenerierte, schmutzige Karo-Hemden und Trucker-Caps tragende, spuckende und von Grund auf böse Rednecks/Hillbillys eingeimpft worden, so erscheint es zunächst ein wenig befremdlich, dass Regisseur und (Mit-)Autor Tim Fehlbaum uns hier ganz frech, aber dem filmischen Ansatz durchaus angemessen, degenerierte bayerische Bauern als potentielle Schlächter vorsetzt.

Das mag zunächst unspektakulär, vielleicht sogar ein wenig lächerlich wirken, ist aber vor allem eines: konsequent! Und deshalb gut, weil es ein wichtiger Schritt zu eigener Form und eigenen Ansatz, anstatt bloßer Kopie ist. So weit man bei dieser Art Film überhaupt von Originalität sprechen kann – das ist natürlich relativ, denn inhaltlich wurde wurde all dies schon endlos und bis zum Erbrechen durch exerziert. Die Form macht die Musik.

Aber erstmal zurückrudern und ein Stück vorher ansetzen:
HELL ist streng genommen ein zwei-Akter, der in der ersten und zweiten Hälfte je ein anderes Genre aufgreift und bedient. Zunächst wird (wie so oft) in kurz und knapper Textform erläutert was los war und los ist – globale Erwärmung, Waldsterben, Tiersterben, Wassermangel, Menschensterben – es bleibt also kein Zweifel, wir befinden uns in einer post-Apokalypse. Gefährlich. Doch Fehlbaum begeht nicht den Fehler sich in der Ausschlachtung der Dürre ausschließlich an einer MAD MAX-Blaupause abzuarbeiten – keine wahnsinnigen Endzeitpunks weit und breit – sondern setzt, bereits optisch, eigene Akzente: HELL, der Name ist Programm, die Sonne ist nicht mehr auszuhalten, verbrennt alles und jeden, der sich ihr länger aussetzt – gleißendes Licht schafft eine fremdartige, weltentrückte Atmosphäre, verbrannte, abgestorbene Wälder ohne Grün, ohne Leben visualisieren die Auswegs- und Trostlosigkeit.
Gefangen in dieser Welt, lediglich bewaffnet mit den letzten aufzutreibenden Konserven, bahnen sich unsere Protagonisten den Weg zu einem unbekannten Ort, wo es besser sein soll. Ein Mythos, aber die letzte Hoffnung. Inhaltlich ist das wohl der Endzeit-Klassiker in Reinform, aber das „Wie?“ zählt mehr als das „Was?“ – und dieses „Wie?“ kann durchaus größtenteils als gelungen eingestuft werden.

Als das Endzeit-Szenario dann langsam ausformuliert scheint, kippt der Stil plötzlich völlig: HELL müsste in der zweiten Hälfte ganz klar (ZU) DUNKEL heißen (auch wenn dann die schöne Doppeldeutigkeit dahin ginge) und mutiert zu besagtem Hinterwäldler-Horror. Nicht dass es reichen würde plötzlich einem Haufen religiöser Viehzüchter (ohne Vieh, aber mit ausgeprägtem Fleischdurst) gegenüber zu stehen, die Clan-Patriarchin hat zudem spontan konkrete Heiratspläne für Protagonistin Marie. Ausweglos?

Inszeniert ist das alles stattlich, jedoch punkten die hellen Sequenzen wesentlich mehr. Nachts ist es sehr oft einen Hauch zu dunkel und alles verschwimmt über weite Strecken zu schemenhaften Konturen. Der alte Trugschluss „dunkel = spannend“, den bereits das Machwerk ALIEN VS PREDATOR Lügen strafte. Dabei bräuchte es das gar nicht, denn in puncto Spannung dreht HELL gegen Ende noch mal richtig auf, steigert sich zu rasanter Panik und hinterlässt einen durchweg positiven Nachhall (der auch durch die manchmal verbesserungswürdige Schauspielleistung Hannah Herzsprungs nicht getrübt wird, da Stippe Erceg grandios wie immer einen angenehmen Gegenpol bildet).

Nicht perfekt, aber ein Genrefilm, der sich nicht verstecken muss – allemal sehenswert!


Wertung
7 von 10 Schlachtbänken im Hühnerstall


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
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2 Gedanken zu „(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #3: Hell (2011)“

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