Keiichi Matsuda & Hyper-Reality

Video: Hyper-Reality – Ein Blick in die (mögliche) VR-Zukunft (2016)

Titelbild © by Keiichi Matsuda & Hyper-Reality

HYPER-REALITY from Keiichi Matsuda on Vimeo.


Dieses Video habe ich vor einigen Tagen im Netz entdeckt (via Nerddrugs) und bin dadurch in einen sehr nachdenklichen Modus verfallen. Einst als Kickstarter Projekt gestartet, plante Kiichi schon vor einigen Jahren seine Hyper-Realität – einen hypothetischen Blick, in eine mögliche Zukunft. Konkret ist das eine, in der wir nur noch mit VR-Brillen herumlaufen, die Gamifizierung (und App-isierung) bis zu einer vollkommenen Dominanz unseres Alltags fortgeschritten ist und das ganze Leben zu einem buntes Durcheinander aus Credits sammeln, Bewertungen und Illusionen geworden ist.

Nun kann man das natürlich schnell als simple Spielerei abtun und in die Abwehrhaltung gehen: “Ja, virtuelle Realitäten entstehen gerade, aber so schlimm wird es doch sicher niemals werden – or VR wurde ja schon immer gewarnt und nix davon ist eingetreten!”

Aber ist das so? Genau an dieser Frage grübele ich jetzt eine Weile herum, weil HYPER-REALITY sie klug stellt – wie viel Wahrheit steckt hier eigentlich drin? Wann sollte man anfangen zu überlegen die Handbremse zu ziehen? Wie sehr hat der Grafik-Artist einfach nur die Realität weitergedacht, aktuelle Strömungen beobachtet und nur die nötigsten Schlüsse daraus ziehen müssen?

Ich glaube, was wir in diesen 6 Minuten sehen, ist weit näher an dem dran, was in 10, 20, vielleicht auch erst 30 (vielleicht aber auch schon 5) Jahren für manche Leute Lebensrealität sein wird. Ich merke es ja selber, wie Apps (und Belohnungssysteme über solche) sich nach und nach in mein und das Leben vieler anderer eingeschlichen haben. Zählt mein Lauf überhaupt, wenn ich nicht bei Runkeeper getrackt habe? War ich eigentlich auf dem Konzert, wenn ich nicht mindestens 20 Fotos und drei Videoclips von der Bühne gemacht habe? Und so weiter, und so weiter.

Natürlich ist der Endpunkt dieser Entwicklung in diesem kleinen Kunstwerk hier satirisch überspitzt (“Möchten Sie Ihre Existenz zurücksetzen? Achtung, sämtliche Erfahrungspunkte gehen verloren!”) und doch trifft es den Kern dessen, worauf technologische Entwicklung und die Neugier, wie diese sich im Alltag machen, uns zu treiben. Mein Gefühl dazu ist sehr ambivalent – auf der einen Seite ist das ganze natürlich (diese ganzen bunten Farben und die totale Rauschüberflutung jetzt mal aus der Gleichung entfernt, denn in echt wird sich eh jeder seine Realität “modden” können) ziemlich abgefahren, auf der anderen aber auch beklemmend. Denn welches Gerüst noch vom Leben bleibt, wenn man (wie in dem Moment als die Software mal kurz ausfällt) sich zu lange und zu sehr an solche Zustände gewöhnt hat, ist erschreckend. Wie auch die Abhängigkeiten, die aus solchen Technologien entstehen – perfekt wird das hier eingefangen,a ls unsere Protagonistin aus dem Bus aussteigt und völlig selbstverständlich über den Busfahrer die Fünf Sterne (mit dem Hinweis ihn doch bitte zu bewerten) aufpoppen.

Ein spannendes Thema und ich würde mich insgesamt wohl irgendwo zwischen Schwarzmalerei und kompletter Fortschrittsgläubigkeit positionieren. Gefahren und Möglichkeiten gibt es immer, wenn Sci-Fi real wird. Daher die Frage: Was denkt ihr dazu?

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7 Gedanken zu „Video: Hyper-Reality – Ein Blick in die (mögliche) VR-Zukunft (2016)“

  1. Wow, tolles Video – danke fürs teilen.
    Ich sehe da weniger VR drin und stattdessen eher eine Menge AR, Augmented Reality. Die gibt es im IT-Sektor schon sehr lange, aber genauso wie VR hat sie sich nie so sehr extrem durchgesetzt. Es gibt ein paar Apps und Systeme, genauso wie aktuell für VR, aber auch das wird wieder in der Versenkung verschwinden, denke ich. Die Technik ist nicht kostengünstig genug, damit es jeder nutzen kann. Deswegen ist VR ja schon ein Mal verschwunden. Und wenn man sich die Preise der gängigen Systeme anguckt, dann wird sich das denke ich auch nicht so schnell ändern. Und wenn das Kosten-Problem gelöst ist, dann gibt es noch das Problem der menschlichen Wahrnehmung. Die verkraftet soviele optische Reize gar nicht. Irgendwann rennt irgendwer vor ein Auto, wegen der ganzen Reizüberflutung.
    Aber ich finde es richtig und gut, dass davor gewarnt wird und man sich in dystopischer Manier ein bisschen dessen annimmt. Mehr wegen Szenarien wie Westworld oder sowas.

    1. Jetzt wo du es sagst, merk ich es auch… VR wäre die KOMPLETTE Simulation einer völlig anderen Welt, oder? AR-Spiel(erei)e(n) hat Google ja schon seit Ewigkeiten angeboten – ein Kumpel war mal ganz versessen auf eine App, wo er weltweit irgendwelche (real nicht existenten) Flaggen erobern konnte.

      1. Ja, ich denke auch, dass VR die komplette Simulation wäre. Und ich glaube ich weiß sogar welches Spiel bzw. welche App du meinst, aber ich komme nicht auf den Namen ^^” Glaube das mit solchen Apps und AR würde in 50 Jahren gut kommen, wenn wirklich alle mit digitalen Medien was anfangen können. Stelle mir gerade die verwirrten Rentner auf der Straße vor, wenn einer vorbeiläuft und seine Flagge schnappen will XD ;D Oder wenn sie SO einkaufen müssten. Wobei ein ‘ohne’ scheint es in dem Video ja auch zu geben.

  2. Konnte das Video schon beim ersten Mal nicht zu Ende sehen, was ich als positiv bewerte Letztlich muss man aber schauen, ob diese Entwicklung nicht eine natürliche ist. Die Virtualität ersetzt immer mehr das physische und psychische Miteinander. Da ist es wie im Film: Gefühle und Emotionen benötigen Zeit. Zeit die wir nicht mehr haben oder aufbringen. Das Belohnungssystem hingegen ist unsere vernetzte Autobahn. Geht schnell, wirkt schnell.

    Die spannende Frage daran ist doch: Was macht das in 100 Jahren mit uns? Was macht das mit unserem Gehirn? Werden wir dann zu irgendwelchen Metawesen, die alltägliche Gefühle als eine Art Wahnsinn abtun und darüber reden, als gäbe es sie nicht? Kommt mir eigenartig bekannt vor. Aufwand will belohnt sein, das Biest muss gefüttert werden.

    Ich denke, es ist einfach eine andere Art von Zuwendung, die aber nie alles ausfüllt und deshalb immer mehr und mehr werden muss. Vielleicht haben wir aber auch nur verlernt uns selbst anzuerkennen. So ziemlich alles wurde bereits vor uns schon einmal gemacht, wir können es nur noch formen und weiterdeuten. Die Frage bleibt, warum eine Tätigkeit an sich keine Befriedigung mehr verschafft.

    Abschweifend: Soweit ich weiß gibt es mittlerweile schon einen Studiengang in dem man XPs sammeln kann. Ein Projekt, um Studenten zu motivieren, anders zu lernen. Mir hatte diese Idee gut gefallen.

    1. Interessante Gedanken, danke dafür!

      Ich merke auch immer mehr wie Zeitmangel (der ja eigentlich nur existiert, weil der “Input der Umgebung” immer dichter wird und wir Angst haben Dinge zu verpassen) Menschen dazu bringt sich nur noch oberflächlich und ohne Sorgfalt mit Dingen zu befassen, Meinungen zu bilden, etc.

      Die Diskrepanz zwischen maschinell ausgesprochener Belohnung/Lob und echter Zuneigung wird aber (hoffentlich) immer bleiben – sonst ist irgendwann, da hast du völlig recht, Zombie-Alarm!

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