Film: Chinatown (1974)


Trailer © by Paramount Home Entertainment


Fakten
Jahr: 1974
Genre: Neo-Noir, Krimi
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Robert Towne
Besetzung: Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, Darrell Zwerling
Kamera: John A. Alonzo, Stanley Cortez
Musik: Jerry Goldsmith
Schnitt: Sam O’Steen


Review
Evelyn Mulray: “Hollis seems to think you’re an innocent man.”
J.J. Gittes: “Well, I’ve been accused of a lot of things before, Mrs. Mulwray, but never that.”

CHINATOWN.
Ein Film, der von vielen als DER Thriller, bzw. DER Neo-Noir schlechthin angesehen wird. Ob er das wirklich ist, muss jeder für sich entscheiden, außerdem tut es absolut nichts zur Sache, denn es reicht festzustellen, dass CHINATOWN ein verdammt guter Film ist.

Aber warum?

Wir werden entführt in das sonnendurchflutete Los Angeles und Kalifornien der dreißiger Jahre – Oldtimer, blauer Himmel, helle Farben, tosende Brandung – doch der Schein trügt, denn unter der Oberfläche der Stadt der Engel brodelt es (im wahrsten Sinne des Wortes). J.J. Gittes ist privater Ermittler, ein selbstsicherer, fast schon arroganter Mann, der seinen Unterhalt zumeist mit Aufklärung von Ehebruch bestreitet. Eine Tätigkeit, der er mit Herzblut nachgeht – “I do an honest work!” faucht er später einmal als Antwort auf den Vorwurf ein mieser Schnüffler zu sein. Als ihn eine verzweifelte Frau anheuert, um ihren Mann – leitender Ingenieur der städtischen Wasserversorgung – zu beschatten, kommt Gittes nach und nach einer politischen Verschwörung auf die Schliche, deren Ausmaß er sich nicht im Traum ausgemalt hätte.

Gittes: “I like to take long lunch hours, sometimes all day.”

Roman Polanski nimmt sich viel Zeit, um seine verschachtelte Geschichte zu erzählen – keine Minute zu wenig und keine zu viel – und macht im Drehbuch sowie inszenatorisch so ziemlich alles richtig. Auf der einen Seite schafft er es ganz nebenbei seinen Figuren über kurze Kommentare, kleinere Handlungen und Reaktionen auf das umliegende Geschehen, ein unglaublich rundes Profil zu geben. Gittes beispielsweise lässt immer wieder Fetzen aus seiner Vergangenheit durchsickern – von damals, als er in Chinatown Detective gewesen ist – und erzeugt so eine vollkommen klare Nachvollziehbarkeit seiner Taten in der Gegenwart. Auch die vielen Witzchen, arroganten Sprüche, sein jonglieren mit moralischen und gesetzlichen Grenzen, überhaupt sein gesamtes Auftreten formen einen in sich völlig stimmigen, sehr eigenwilligen Typen. Einen der weiß was er will, der erstmal nett gelaunt erscheint, zu Späßen aufgelegt, der aber Mittel und Wege kennt zu bekommen was er will und sehr ungemütlich werden kann.

Gittes: “But, Mrs. Mulwray, I goddamn near lost my nose. And I like it. I like breathing through it. And I still think you’re hiding something.”

Inhaltlich überzeugt CHINATOWN durch eine ganz klare Richtung. Es wird viel gesprochen und das Tempo ist sehr langsam, aber dennoch hat jede einzelne Szene, und sei es noch die kleinste Zwischensequenz, ihren Sinn und treibt die Handlung voran. Dabei traut Polanski seinem Publikum genügend zu, um ihm immer nur die nötigen Häppchen zu zu werfen, anstatt lang und breit vor- und durchzukauen. Der Zuschauer muss am Ball bleiben, ebenfalls kleine Schnipsel zusammenfügen, um ein Gesamtbild zu entwickeln und wird dabei immer mehr mit dem tollen Gefühl belohnt, mit Gittes zusammen in Kalifornien unterwegs zu sein, gemeinsam zu ermitteln und langsam Fortschritte zu erzielen.

Morty: “Can you believe it? We’re in the middle of a drought, and the water commissioner drowns. Only in L.A.”

Und je weiter Gittes kommt, umso mehr entfaltet sich die typische Noir-Komponente. Trotz wundervoll eingefangener heller Bilder voller Licht und Sonne, ist CHINATOWN ein dunkler Film. Dunkel, wie die verborgene Schicht unter der Oberfläche, die Gittes anzukratzen begonnen hat. Eine Schicht in der sich Betrug, Mord und Korruption vergraben haben und unbemerkt ihren dunklen Machenschaften nachgehen. In der unbequeme Menschen verschwinden. Fäden gezogen werden. Die jeden Versuch sie freizulegen aufsaugt und nicht mehr frei lässt, weil sie mächtiger ist als die Kräfte die versuchen sie zu stürzen. In Polanskis Good Old America der Dreißiger ist nichts, wie in den Filmen die tatsächlich aus dieser Zeit stammen. Hier haben die meisten Menschen etwas zu verbergen, hier fördert die Wahrheit immer schlimmes zu Tage. “Chinatown” ist synonym für eine Gesellschaft, die begonnen hat nach ihren eigenen Regeln zu funktionieren – Regeln die vorschreiben sich lieber still wegzudrehen, anstatt mit wehender Fahne gegen sie zu kämpfen. Die man besser schnell wieder vergisst und “as little as possible” tut, weil am Ende klar wird, dass die Mächtigen eh das bekommen was sie wollen. Gittes kämpft hier allein gegen die Welt – wundervoll symbolisiert durch einen filmischen Kniff: Obwohl er sich in einer Weltmetropole befindet, ist er (fast) immer völlig allein in einer menschenleeren Umgebung – und kann am Ende nur verlieren.

Gittes: “Put the gun away. Let the police handle this!”
Evelyn Mulray: “He OWNS the police!”

Inhaltlich fantastisch, großartig fotografiert und von einem klassischen Score untermalt, der immer wieder schlagartig eine unheimlich düstere Tonart anschlägt. Hier hat Polanski einen wirklich starken Film gedreht, der auch nach 40 Jahren keine Faszination eingebüßt hat.

“Forget it man. It’s Chinatown.”


Wertung
8-9 von 10 schnüffelnden Privatdetektiven


Weblinks
IMDB
OFDB
MOVIEPILOT
ROTTEN TOMATOES
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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2 Gedanken zu „Film: Chinatown (1974)“

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