Film: The Zero Theorem (2014)


Trailer © by Concorde Film


Fakten
Jahr: 2014
Genre: Dystopie, Science-Fiction
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Pat Rushin
Besetzung: Christoph Waltz, Lucas Hedges, Mélanie Thierry, David Thewlis, Peter Stormare, Matt Damon, Tilda Swinton
Kamera: Nicola Pecorini
Musik: George Fenton
Schnitt: Mick Audsley


Review
Die Zeiten ändern sich: die uns umgebende Technik ist seit Jahrzehnten in rasantem Wandel, die daraus entstehenden Gefahren, Möglichkeiten und Ungewissheiten eilen der Technologie als (Un-)heil bringender Bote voraus, Euphorie und Ängste der Menschen schwingen äquivalent in Resonanz mit dem neusten heißen Scheiß und die Science-Fiction spinnt dies seit jeher in extreme Szenarien weiter. Und da alles, immer, überall in so schneller Veränderung ist, gilt natürlich: Auch die Zukunftsvisionen ändern sich mit der Zeit.

Lange war die Unterdrückung durch staatliche Institutionen Gegenstand der Furcht. Big Brother is watching, Orwell’s 1984 immer als dunkle, irgendwie realistisch erscheinende Möglichkeit im Nacken, totalitäre Systeme voller gewaltsamer Knechtschaft das unausweichliche Ziel am Ende der Einbahnstraße, die nun mal nie zurück, sondern immer nur weiter und weiter geradeaus führt. Doch wie gesagt, solche (mal mehr, mal weniger) hypothetischen Szenarien sind ebenfalls im Wandel und wir erleben heute eine nie geahnte, bedenkliche Entwicklung, denn von 1984 ist schon einiges Realität geworden – Daten-Abschnorcheln im großen Stil, jeder trägt seine Tracking-Device in der Hosentasche, das obere Prozent ist zu 0,1% geworden, usw. – das krasse daran ist jedoch: Es scheint einem Großteil der Menschen vollkommen egal zu sein.

Brot und Spiele – gebt ihnen Internet, gebt ihnen Shopping-Malls, gebt ihnen Smartphones und der Freifahrschein für eine “friedliche Dystopie” ist ausgestellt. Da wird sich mal kurz erzürnt, aber eigentlich interessiert es keinen wirklich, was die “da oben”, die multi-Milliarden-$ Konzerne, die schon lange nicht mehr zu Konto- und Aktienführung existierenden Banken, etc. an dubiosen Machenschaften treiben. Der neue Big Brother ist nicht mehr die Thought Police von Ozeanien, es ist das “Management”, die Konzerne, der Hardcore-Kapitalismus im ganzen – und dieser Big Brother muss nicht mehr gewaltsam die Bürger auf Linie bringen, sie folgen nämlich von ganz alleine!

In einer solchen Zukunft siedelt Terry Gilliam seinen Film THE ZERO THEOREM an. Der Programmierer Qohen Leth (Q-kein U-o-h-e-n!) lebt in einer bizarr-bunten Welt, voller personalisierter Werbung, irrer Outfits und absurder Partys, einer Welt in der das “System” aus optimal funktioniert – die Menschen gehen ohne zu hinterfragen ihrer Arbeit nach (ob sie überhaupt noch wirklich verstehen, was sie da tun, wenn sie fröhlich “entities crunchen” bleibt Spekulation), alles wirkt nett und niemand wirklich unzufrieden. Ein schönes Leben – denkt man zunächst – doch schlussendlich lebt Qohen vor allem in einer Welt, die absolut sinnentleert ist. Die Bürger des futuristischen Londons beschäftigen sich nicht mehr miteinander, sondern sind allesamt nur noch Teil einer gesichtslosen Masse, die durch Konsum bei der Stange gehalten wird – wie es sich eben heute schon andeutet, läuft jeder nur noch mit irgendeiner Form von Displays vor der Nase umher, auf schallernden Partys vergnügen sich die Gäste zwar auf der Tanzfläche, jedoch mit Tablets vor der Nase und Stöpseln im Ohr, ihre Jobs dienen nur noch zur Maximierung des Konzerngewinns, ohne dass a) sie den Arbeitern irgendeine Form der Befriedigung bringen, diese kommt einzig aus dem Konsum danach, und b) irgendwie klar wird, woraus die geschaffenen Werte überhaupt entstehen und was das Endprodukt der getätigten Handgriffe ist – auch das erkennen wir wieder, Stichworte wie “globaler Finanzmarkt” schnellen herauf, Werte entstehen aus dem Nichts, niemand versteht mehr wieso..

“There’s money to be made from reordering disorder.”

So lange die Menschen Teil dieses Konsum-gesättigten Systems sind, funktionieren sie und sind der Illusion von Glück erlegen. Doch wo liegt der Sinn? Das fragt sich Qohen schon seit langem und ist der illusorischen Vorstellung erlegen, ein ominöser Anruf aus geheimer Quelle würde ihm den Sinn seines Daseins zuflüstern. Doch der kommt und kommt nicht. Wie im großen Bruder BRAZIL, scheint hier, sobald ein irreversibel scheinender Reflektionsprozess eingesetzt hat, nur noch eine Form des Wahnsinns Ausweg aus dem festgefahrenen, absurden System zu bieten. Einmal durchschaut, ist es unmöglich wieder schweigend mitzumachen. Eine weitere Parallele ist die Beschaffenheit dieses Systems – die Felder bringen nur Ertrag, wenn es Bauern gibt, die sie bestellen. JEDER ist das “System”, jeder hält es am laufen und jeder wird vom System dafür belohnt es mitzutragen. Wer das System durch Ausstieg bestrafen will, bestraft auch sich selbst (und zwar durch die Erkenntnis, welches Leben er da eigentlich führt).

Bei all der, zugegebenermaßen wirklich überbordenden, Skurrilität, mit der Gilliam hier erneut eine Dystopie in Szene setzt, fällt es sehr leicht die subtilen Untertöne zu verpassen, über die er zielgerichtet seine Systemkritik anbringt. Zumindest für mich hat es eine Weile gedauert, bis mir langsam klar wurde, worauf der Film hinaus will, über welche Methodik er funktioniert und wo es lohnt in der Reflektion das Hauptaugenmerk zu setzen. Es sind die kleinen, beiläufig gesetzten Momente und Zitate, die hier zum Nachdenken anregen – und mich nach mehrtägiger Überlegung zu der Erkenntnis bringen, dass THE ZERO THEOREM keineswegs der Biss fehlt, er vielmehr auf geschickte Art, nämlich gänzlich ohne Holzhammer, den fragwürdigen Tendenzen der heutigen Welt den Spiegel vorhält. So hofft Qohen als letzten Ausweg zum Beispiel inständig darauf, das “Management” könne ihm zu seinem Anruf verhelfen – der Konzern als Symbol für die Konsumgesellschaft, dieser Konsum als Heilsbringer für Sinn suchende Seelen. Auch der, ihm erst nach Jahren der Mitarbeit eröffnete Sinn seiner seltsamen Tätigkeit am Zero Theorem spielt hier mit hinein: Der mathematische Beweis, dass das gesamte Universum keinen Sinn hat, nutzt einzig dem Konzern, der wie selbstverständlich einspringt um dem Leben wieder einen zu verleihen. Aus dem Stillen versteht sich.

“Management parties incognito”

Eine Auflistung, die man beliebig um viele kleine Momente und Symbole erweitern könnte, und die zu einem großen Ganzen zusammen gefügt den gehaltvollen Kern des Films bildet. Ein Kern der effektiv anprangert, was heute bereits maßgeblich falsch läuft und dabei auf grotesk-unterhaltsame Weise seine Botschaft an den Mann bringt. Wächst mit jeder Minute, die ich darüber nachdenke!


Wertung
8 von 10 gecrunchten Entities


Weblinks
IMDB
OFDB
MOVIEPILOT
ROTTEN TOMATOES
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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5 Gedanken zu „Film: The Zero Theorem (2014)“

  1. Ich muss sagen, dass ich anfangs leichte Probleme hatte das Gesehene einzuordnen und mich fragte, was hinter der skurrilen Fassade eigentlich für eine Substanz versteckt sein soll. Habe dann recht lang über den Film gegrübelt und immer mehr Momente entdeckt, die recht subtil die von mir im Review beschriebenen Themen transportieren.

    Dein Review kann ich auch irdendwie verstehen, auch wenn mir der Film wohl viel mehr (doppelt so viel :D) geben konnte – vieles darin spaltet scheinbar sehr. Über Waltz hab ich nun mehrfach gelesen, er würde nicht in die Rolle passen. Ich fand ihn ziemlich stark. Auch der Look wird nicht nur von dir kritisiert. Ich stehe auf so abgedrehtes Zeug und hätte wahlweise Hochglanzoptik, wie auch völlig abgewrackte “echte” Dystopie-Bilder wohl weniger gemocht, weil Gilliam hier auf seine typisch schräge Art die Themen an den Mann bringt.

    Freut mich zumindest, dass du dir die Zeit zum Lesen genommen hast und dass es auch heute noch sehr polarisierende Filme gibt – THE ZERO THEOREM wird anscheinend sehr gut, oder ziemlich doof gefunden

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