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Film: Love & Mercy (2015)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by STUDIOCANAL


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Biopic, Drama, Musikfilm
Regie: Bill Pohlad
Drehbuch: Oren Moverman, Michael A. Lerner
Besetzung: John Cusack, Paul Dano, Elizabeth BanksPaul GiamattiErin DarkeBill CampJake AbelKenny Wormald
Kamera: Robert D. Yeoman
Musik: Atticus Ross
Schnitt: Dino Jonsäter


Review
Hollywood hat uns in den letzten Jahr(zehnt)en gezeigt, dass Biografien und generell Filme die auf realen Persönlichkeiten aufbauen, ein zweischneidiges Schwert sind. Die gelungenen Vertreter schaffen es, über die feststehenden Eckdaten aus dem Leben der jeweiligen Person hinaus etwas spannendes, menschliches, im Optimalfall universelles zu erzählen. Die weniger spannenden Exemplare (und dies sind von J. EDGAR bis COCO CHANEL leider die meisten) arbeiten sich strikt an verschiedenen Stationen einer Laufbahn ab und stellen so im Endeffekt nicht viel mehr dar, als meist hochkarätig besetzte, dramatisch aufbereitete Dokumentarfilme. Trockene Wissens- und Fakten Vermittlung stehen über dem Anspruch eine vom Lebensweg der jeweiligen Person losgelösten, bewegenden Geschichte zu erzählen. 

LOVE & MERCY, das Biopic des Beach Boys-Masterminds Brian Wilson, tappt nicht in die beschriebene Falle. Im Gegenteil, der etablierte Produzent, aber Regie-Neuling Bill Pohlad findet eine so filigran austarierte Balance zwischen musikalischem Werdegang, familiären und persönlichen Drama-Aspekten und dem schwierigen Thema der psychischen Erkrankung, dass keine Rolle spielt, aus welcher Richtung man sich den Film nähert – er funktioniert in jeder denkbaren Sicht.

In zwei Zeitebenen begleiten wir Wilson in einem Abschnitt seines Lebens, der jüngere von Paul Dano, der ältere von einem (endlich mal wieder an einer qualitativ hochwertigen Produktion teilhabenden und direkt zu Hochleistung auflaufenden) John Cusack verkörpert. Beide Epochen sind einschneidend in Wilson’s Werdegang, denn die jüngere Version in den späten Sechzigern strotzt vor Kreativität, steht mit der Produktion der LP PET SOUNDS an einem musikalischen Wendepunkt und will sich endlich von dem, was die Welt, sowie die Band aus seinen Brüdern und ihr Produzent (der eigene Vater) mit dem Namen Beach Boys verbinden lösen – doch da ist auch die schlimme Krankheit unter der er sein Leben lang leiden wird, welche erstmalig so stark ausbricht, dass es ihn unangenehm beeinflusst und einzuschränken beginnt. Auch etwa 20 Jahre später, wohnen wir maßgeblichen Entwicklungen und Scheidepunkten bei: Ein dubioser Arzt, höllisch intensiv von Paul Giamatti verkörpert, hat Brian als paranoid-schizophren diagnostiziert, medikamentös eingestellt und unter eine Form der Beobachtung gesetzt, die einem goldenen Käfig, wenn nicht gar einem Gefängnis gleicht – zu seiner Familie (weder Eltern, noch Brüdern, noch Exfrau und Söhnen) hat er keinen Kontakt mehr und das Dasein gleicht dem tauben dahin-vegetieren von Tag zu Tag. Keine Aussicht erkennbar, bis er die liebevolle Melinda kennen lernt, die Gefühle für ihn entwickelt, seine Situation zunehmend hinterfragt und durch mutiges Kämpfen für ihn, einiges bewirken wird.

Die Art, wie LOVE & MERCY erzählt ist, kann eigentlich nur als wundervoll beschrieben werden, denn all die Stolpersteine, die dieser Art Film von Natur aus im Weg liegen, werden völlig selbstverständlich ausgelassen. Dem Werk ist nicht daran gelegen, Wikipedia-Artikel zusammenzufassen, chronologisch über die Karriere der Beach Boys aufzuklären, oder aus real erlebtem überdramatisierten Hollywood-Kitsch zu basteln. Es geht um Menschlichkeit. Darum, auf natürliche Art und Weise eine Figur zu zeichnen, die im Leben sowohl mit besonderem Talent gesegnet, wie auch einer exorbitant schweren Bürde belastet war.

Mit vergleichbarer starker Intensität transportiert der Film die Kraft der Musik – das breite Gefühlsspektrum, welches sie auslöst, die elanvolle Begeisterung bei ihrer Erschaffung und den Zauber den sie zu vermitteln imstande ist – wie auch die Hilflosigkeit im Kampf gegen die eigene Psyche, wenn diese einfach nicht so funktioniert, wie sie eigentlich sollte. Wenn Alltag zur unüberwindbaren Herausforderung wird. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die totale Glückseligkeit die Wilson während der ertragreichen Aufnahme-Sessions im Studio versprüht, fast etwas magisches an sich hat. Die “Vibes”, von denen er immer wieder spricht, springen über und reißen mit – das Resultat sind sowohl ein Album, welches er sich gegen alle Widerstände erkämpfen musste und das als eins der einflussreichsten aller Zeiten in die Geschichte eingehen wird, wie auch ein angenehmes Gefühl in der Bauchgegend, genau so warm wie die gemütliche Beleuchtung des langjährigen Aufnahmeraums in dem besagte LP entstanden ist. Als Brian jedoch zunehmend mit den Stimmen in seinem Kopf zu kämpfen hat, immer häufiger von völlig alltäglichen Situationen in seinem Umfeld überfordert ist und schlussendlich nur noch ausgelaugt und fertig in seinem Bett liegt, bewegt dies sehr und legt auf ehrliche Weise Schalter um, die auf der gänzlich anderen Seite des Gefühlsspektrums angesiedelt sind.

Obwohl LOVE & MERCY sich (auf die angenehmste Weise) sehr filmisch anfühlt, könnte all dies, ebenso wie die aufkommende Liebesgeschichte zwischen dem älteren Wilson und der von Elisabeth Banks verkörperten Melinda, tatsächlich direkt aus dem Leben gegriffen sein. Regisseur, Skript und vor allem die Interpretation der Rollen durch die (allesamt ihre ganze Kraft entfesselnden) Darsteller, schreiten zielsicher auf einem hoch montierten Drahtseil entlang. Schnell hätte das gezeigte zu gewöhnlich werden können. Zu reduziert. Ebenso birgt Wilson’s Figur akut die Gefahr, sie für Drehbuch-Zwecke in Richtung eines abgedrehten Genies an der Grenze zum Wahnsinn zu stilisieren. Aber nichts davon tritt ein, LOVE & MERCY findet in langen Einstellungen von Dialogen, im Wechsel mit wirkungsvollen, sehr cineastischen Bildern die richtige Mitte – es passt einfach. Aus all den zwischenmenschlichen Momenten, die wir (leider) aus dem Kino gewöhnt sind – Momente, die sich falsch, aufgesetzt und verlogen anfühlen – sticht die Chemie zwischen Cusack und Banks derart angenehm heraus, dass in Szenen die lediglich durch zurückhaltende Blicke und zaghafte Gespräche dominiert sind, ein unbekannt starkes Gefühl entsteht, wie es kein künstlich vollgestopftes Drehbuch erzeugen könnte. Eine Biografie, die sich echt anfühlt, ehrlich – und somit ein fantastischer Film. Jetzt werden erst mal die Beach Boys gehört.


Wertung
8 von 10 begeistert perfektionierten Studio-Aufnahmen


Veröffentlichung
LOVE & MERCY ist am 15. Oktober 2015 bei STUDIOCANAL als BluRay, VoD und DVD erschienen. Im Bonusmaterial befinden sich: Geschnittene Szenen; Audiokommentar von Regisseur Bill Pohland und Co-Autor Owen Moverman; Making of; Der Look von Love & Mercy; Promo Making of; Trailer. Die Discs kommen im Wendecover ohne FSK Logo.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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