Film: Brügge sehen… und sterben? – In Bruges (2008)


Trailer © by Universum Film GmbH


Fakten
Jahr: 2008
Genre: Drama, Thriller, Schwarze Komödie, Gangsterfilm
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
Besetzung: Colin Farrell, Brendan Gleeson, Clémence Poésy, Ralph Fiennes, Jordan PrenticeThekla ReutenJérémie Renier
Kamera: Eigil Bryld
Musik: Carter Burwell
Schnitt: Jon Gregory


Review
Ich war in Brügge.

Meine Tour begann an der Statue von “Jan-van-Eyckplein”. Ich saß vor ihr auf einer Bank und dachte an dies und das. Düstere Gedanken waren es. An Schuld und das fertig werden mit ihr. Daran, ob eine unverzeihliche Tat doch irgendwann verziehen werden kann? Und ob man sich, um mit sich selbst irgendwie ins Reine zu komme, seine eigene, wirre Logik zur Rechtfertigung des eigenen Schaffens zurecht schrauben muss? Ziemlich morbid und düster, was sich da zu Anfang dieses Kurzurlaubs in meinem Kopf abspielte. Aber Brügge ist schließlich, auf den zweiten Blick, auch ein wenig düster. So beeindruckend die uralte Bausubstanz auch ist – sie hat eine latent einschüchternde, beklemmende Ebene der Wirkung in sich. Schluss damit.

Ich schaute noch etwas auf den Kanal, die Muster an der Kaimauer und die alten Fassaden der Häuser, als sich langsam ein Boot mit zwei Touristen näherte. Iren schienen sie zu sein, der eine wissbegierig und beeindruckt, der andere bockig und stur wie ein kleines Kind. “You think this is good, Ken?” hörte ich letzteren sagen. “What’s good?” antworte besagter Ken. “Goin’ round in a boot. Looking at stuff!”. Während sich das Boot schon wieder entfernte höre ich Ken gerade noch bissig sagen: “Yeah Ray, this is good. It’s called sightseeing!”. Komische Vögel. Aber ich war ja hier, um Brügge zu sehen, also ging ich Richtung Süden.

Dort saß ich eine Weile am Markt und betrachtete den berühmten großen Turm, den “Belfried”. Wie lang ich wohl frei falle wenn ich von der Spitze springe? Ob ich nach passieren der 366 Stufen sehr geschafft sein würde, ja ob mein Herz das überhaupt mitmacht? Schon wieder so seltsame Gedanken. Aber diese Fragen werden nie beantwortet werden, denn ich hatte nur 4,90€ im Portmonnaie. Der Eintritt kostet fünf. “Fünf Euro” murmelte mir der gelangweilte Kassenwart entgegen. Drecksack, wegen zehn Cent macht der hier nen Aufriss, wenn ich könnte würde ich den…

Verdammt, Brügge verursacht Aggression in mir. Wie kommt das? Kann die Wirkung von so viel geballter Schönheit ins Gegenteil kippen? Kann sie so faszinierend wie einschläfernd sein? Stellten die zwei Iren vielleicht genau das dar, was diese Stadt, Himmel und Fegefeuer zugleich, in einem Menschen auslösen kann? Als ich den Eingang des Turms ärgerlich verließ, standen die zwei schon wieder vor mir auf dem Platz und ich schnappte einen Teil eines erneut recht bissigen Gesprächs auf: “… I’m from Dublin. If I grew up on a farm, and was retarded, maybe Bruges would impress me. But, I didn’t. So, it doesn’t!”. Komischer Kauz dieser Ray. Aber irgendwie auch knuffig. Wenn da nicht diese gebrochene Ebene in seiner Körpersprache wäre – was der wohl erlebt hat?

Ich schlenderte die “Breidelstraat” zum Rathausplatz hinab, vorbei an den Waffel-Buden und Chocolaterien – schon beeindruckend, diese mittelalterlichen Gebäude, die Fassaden, die Detail-Vielfalt – wenn da nicht die ganzen Touristen wären. Sollten nach Belgien nicht eigentlich weniger Menschen kommen. In der hinteren rechten Ecke des Platzes sah ich mich vor der “Basiliek van het Heilig Bloed”. In ihr kann man einen Tropfen von Jesus Blut berühren. Ich fragte mich ob ich da reingehen muss? Als ungetaufter, ungläubiger Mensch? Wäre das nicht heuchlerisch? MUSS ich da rein? Natürlich muss ich nicht, es ist ja nur das beschissene Blut von Jesus dem da drin gehuldigt wird. Natürlich MUSS ich nicht. Auch wenn ich so der vielleicht schlechteste Tourist der Welt bin. Überall dieses christliche Zeug – mir scheint es fast, als könne man in Brügge die Erlösung suchen. Oder die Verdammnis finden. Ambivalentes kleines Örtchen.

Durch den wunderschönen Renaissance-Torbogen ging ich südwärts durch den Ort, durch kleine Gassen und eine märchenhafte Altstadt. Am “Rozenhoedkai” rastete ich kurz und saß auf der Kaimauer des Kanals. Diese Hotelfassaden direkt am Wasser – Stark! Ob die obersten Fenster sich zum Sprung in den Kanal eignen? Oder zu hoch sind. Aus dem ersten Stock zumindest, wird es funktionieren. Zumindest wenn man springen muss. Und sich nicht mitten im Winter befindet. Und keine schießwütigen Gangster hinter einem her sind. Kanalsprung, Gangster, Knarren? Schon wieder diese komischen Gedanken, wäre mein Ausflug nach Brügge ein Film, wäre der in jedem Fall postmodern – hier gibt es von allem etwas.

Ein Stück südlich umringen wundervolle Gebäude ein idyllisches Stück Natur: Ich war im “Königinnen-Astrid-Park” angekommen. Er ist nicht groß, doch ich verlief mich fast. Zu viele Alkoven. Alkoven? Zu viele Winkel und Verstecke. Aus einem dieser Winkel sah ich wieder Ken, der in einem Rondell stand – und eine Waffe zog. Holy Shit, bloß weg hier! Im Rennen fiel mir Ray auf einer Bank auf. Auch der zieht eine Waffe. Damn, ich hatte Angst, so ulkig waren die zwei typen jetzt plötzlich gar nicht mehr! Ich sprintete entlang des niedlichen Sees, mit den beschissenen Schwänen und dem klaren Wasser. Das brachte mich wieder auf den Weg (und auf andere Gedanken). Schwäne. Mitten in der Stadt. Erst war Brügge wie in einem Traum, von dem ich nicht mal wusste dass ich ihn träume, dann kippte der zum Alptraum, und nun die Schwäne: Wenn das bis jetzt noch kein Märchen war, so war es spätestens jetzt dazu geworden. Ich rastete ein wenig.

Und saß da.
In Gedanken.
In Brügge.

Eigentlich hatte ich noch Lust auf eine Kanalfahrt. Aber Brügge ist zu belebt und voller Menschen. Fast ZU voll, denn viele sind gekommen und wahrscheinlich ist es nicht mehr das, was es mal war. Damals. Als Harry sieben Jahre alt und die reine Unschuld gewesen ist. Harry? Ich geb’s auf, dieser Ort verleitet mich zu seltsamen Hirnströmen. Es rasen Zwerge am Inneren Auge vorbei, erschossene Schulkinder, Begriffe wie Freundschaft, Ehre, Loyalität. Wieso denke ich in einer belgischen Stadt über den Ehrenkodex von Gangstern nach? Wieso schon wieder darüber, was es im Leben braucht, um die eigene Schuld zu ertragen? Wieso komme ich zu dem Schluss, dass Urteile nie so einfach sind, wie sie auf Anhieb erscheinen? Ich weiß es nicht! Und so lies ich bloß die schmalen Gassen auf mich wirken, die kunstvollen Ansichten – ein authentisches Fenster in eine andere Zeit. Denn das ist Brügge. Und voll mein Ding ist es auch. Wie kann das auch nicht jemands Ding sein? Die mittelalterlichen Gassen, die Schwäne, dieser ganze märchenhafte Scheiß?

Ich war also da. Und ich lebe noch!
Aber wenn ich mal sterbe, dann werde ich froh es vorher gesehen zu haben. Das beschissene Brügge!


 

Wertung
10 von 10 wüsten, aber doch brillanten Gedankengängen


Weblinks
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