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Film geschaut: T2 Trainspotting (2017)


T2 Trainspotting (IMDb) – Schwarze Komödie/Groteske/Drama, UK, 2017 – Regie:  Danny Boyle, SkriptJohn HodgeIrvine Welsh, Kamera: Anthony Dod Mantle, Musik: VA, Copyright (Titelbild, Bildausschnitte, Trailer): © by Sony Pictures Home Entertainment


Review
Das 20 Jahre später erschienene Sequel zu TRAINSPOTTING ist (im positivsten denkbaren Sinne) ein ziemlich seltsamer Film. Ohne je eine wirkliche Linie in seinem Werk zu finden (bzw. sie vielleicht gar nicht finden zu wollen), geht Danny Boyle mit gewohnt ultra-stylishem (!) Händchen für Audiovisualität der Frage nach, was man über die Gruppe abgedrehter ex-Junkies nach so langer Zeit eigentlich erzählen kann und will, oder ob Substanz völlig egal ist, weil er (und wir) auch zufrieden sind, wenn Spud und co. einfach ein zweites Mal völlig über die Stränge schlagen und wir alle gemeinsam laut „Fuck it!“ brüllen.

„You had your time, you had the power. You’ve yet to have your finest hour.“

Findet er die Antwort? Vielleicht, vielleicht nicht – wenn dem tatsächlich so sei, ist sie wohl ein buntes Mosaik, das ein Stückchen aller denkbaren Antworten auf alle denkbaren Fragen in sich trägt. TRAINSPOTTING 2 gestaltet sich nämlich als wüstes Wechselbad aus Stimmungen und verrückten Einfällen.

Mal ziellos und unfokussiert vor sich hin wabernd, ohne dabei substantiell oder auch nur unterhaltsam zu sein, hat der Film streckenweise durchaus Defizite, die ich exakt auf die große Krux von Sequels zu abgeschlossenen – „was soll das alles eigentlich?“ – zurück führen würde.  An anderer Stelle hingegen wird so perfekt am Ton des Vorgängers angeknüpft, dass die Wiedervereinigung des Chaos-Trupps sich zunehmend zu einem großen, von spitzbübischen Einfällen und einer gehörigen Portion Irrsinn getriebenem Spaß entwickelt – wild, bunt, laut, allerdings nicht ohne eine merklich bittersüße Note.

Denn was TRAINSPOTTING 2 neben dem Lärm, dem Mittelfinger und dem darin irgendwie auch enthaltenen Ja zum Leben – wo auch immer dieses uns hinführen mag – als relativ konstantes Motiv durchzieht, ist ein (er)nüchtern(d)er Blick auf das eigene Dasein. Die einen haben es voll verkackt, die anderen gerade so auf die Reihe bekommen, den letzten geht es der eigenen Ansicht nach wahrscheinlich sogar ganz gut, doch sie alle eint das Scheitern, welches die gemeinsame Drogen-Vergangenheit in verschiedenen Härtegraden mit sich brachte.

Ausflucht aus diesem miefigen Dahinvegetieren scheint nur nostalgische Rekapitulation des Gewesenen zu liefern – wenn der Blick nach vorn keinerlei Perspektive aufzeigt und das Jetzt nur trübes Grau bietet, bleibt als Ausflucht nur die Nostalgie. Und so taucht Boyle in die Köpfe seiner schrägen Figuren ein, um in brillanter Harmonie aus Bild und (auch textlich) perfekt gewählter Filmmusik, große vergangene Momente erneut auf die Leinwand zu zaubern, überblendet diese mit dem Jetzt und erschafft so in TRAINSPOTTING 2 eine Handvoll Einstellungen (bzw. ganze Szenen), die nicht weniger als pure Kinomagie in ihrer reinsten Form darstellen.

Und genau deshalb auch schmerzen, denn die Erinnerung ist trügerisch. Jeder dieser Momente stammt aus einer Zeit, in der die Bande schnurstracks auf den goldenen Schuss zu steuerte, des Drogenrauschs wegen ihr Kind verlor, den Weg in den Knast ebnete, etc. Die vermeintlich unendliche Freiheit in früheren Tagen war nie echt, sondern ein Spiel auf Zeit, welches den immer noch liebenswerten Protagonisten nichts, aber auch gar nichts gebracht hat, was den Status Quo im Jetzt etwas erträglicher machen könnte.

„Dreamin‘ is free“

Sie sind am Arsch, ausgebrannt, im Nirgendwo gestrandet und zwar nicht trotz, sondern aufgrund ihres Lebens in TRAINSPOTTING – sollte dem Vorgänger also noch ein letzter Nachhall der Drogenverherrlichungs-Vorwürfe anhaften, so demontiert TRAINSPOTTING 2 diese endgültig – über den erbärmlichen Status Quo, in dem die mittlerweile Mittvierziger ihr Dasein fristen. Ein seltsamer, schwer schizophrener Film, der von öde bis magisch, von Comedy-Abfahrt bis zum tief menschlichen Drama alles dabei hat und in seiner wirren, konfusen Art so nachdenklich wie extrovertiert daher kommt.

Jeder Spaß hat ein Ende, nach der Feier kommt der Kater – vielleicht ein Leben lang – doch so hart es auch kommen mag, liegt in jedem Kater auch wieder der Anfang der nächsten Party. Life’s a loop und wenn der sich so wie in diesem schrägen Filmchen gestaltet, muss man ihn ihn irgendwie ins Herz schließen.


Wertung
7 von 10 trickbetrügerisch erhaschten Kreditkarten


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2 Gedanken zu „Film geschaut: T2 Trainspotting (2017)“

  1. Das klingt nun eigentlich ganz gut. Den ersten Teil liebe ich sehr, doch hier war ich bisher immer eher skeptisch. Werde aber bestimmt auch reinschauen, wenn er mir mal über den Weg läuft. Deine Besprechung macht zumindest Mut.

    1. Meine erste Reaktion auf den Film war auch komplettes Desinteresse. Ich fragte mich, warum man diesen Film brauchen könnte, was es hier noch zu erzählen gibt, und vor allem warum es 20 Jahre später passieren muss? Aber als er dann bei Amazon für wenig Geld zu leihen war, dachte ich, es könnte doch einen Versuch wert sein und wurde nicht enttäuscht. Zwar wirkt der Film anfangs EXTREM ziellos an, doch mit der Zeit hat er mich auf einer emotionalen Ebene dann voll gekriegt. Er fühlt sich irgendwie wie ein Blick zurück auf eine duchgefeierte Jugend an, von der man weiß, dass man nicht ewig so weitermachen konnte, es aber doch mit einem weinenden Auge vermisst. Beachtlich ist außerdem, wie effektiv Boyle über Musik und Montagen erzählt. Teilweise berührten mich wortlose Einstellungen, in denen die Erinnerungen mit dem Jetzt verschmelzen am meisten. Ich würde den echt empfehlen – ist ein großes Chaos, aber mit GANZ VIEL Herz

Und eure 2 Cents?