Film: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach (2015)


Trailer © by Indigo


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Schwarze Komödie, Gesellschaftskritik
Regie: Roy Andersson
Drehbuch: Roy Andersson
Besetzung: Holger Andersson, Nils Westblom, Viktor Gyllenberg, Lotti Törnros, Jonas Gerholm, Ola Stensson, Roger Olsen Likvern
Kamera: István Borbás, Gergely Pálos
Musik: Hani Jazzar, Gorm Sundberg
Schnitt: Alexandra Strauss


Review
Es ist wohl nicht gelogen, wenn ich völlig wertfrei behaupte, dass EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH (im Folgenden als EINE TAUBE bezeichnet) wohl die seltsamste Kino-Erfahrung meiner jüngsten (bis mittelfristigen) Vergangenheit als Filmliebhaber darstellt.

Ich hatte aufgrund der Festival-Auszeichnungen des Films lobende Worte einiger Personen aufgeschnappt, deren Filmgeschmack ich als spannend einschätze. Dann, als sich die Möglichkeit bot, diesen Film tatsächlich auf einer Leinwand zu erwischen, las ich die Beschreibung und entwickelte eine wahrhaft kindliche Vorfreude, klang doch der “Inhalt” dieses Films im flapsig formulierten Absatz des Kunstkinos außerordentlich ungewöhnlich. Oh ja und das sollte der Film werden.

Unter allen nur denkbaren Aspekten ist EINE TAUBE tatsächlich genau das: Ungewöhnlich.

Autorenfilmer Roy Andersson greift uns im Vorspann unter die Arme, bereitet uns vor: “den dritten Teil einer Trilogie über das Mensch sein” werden wir nun sehen, verspricht uns eine eingeblendete Tafel. Und obwohl ich auch fast vier Wochen später nicht wirklich eine Ahnung habe, was ich da eigentlich sah (ein schönes Gefühl, denn es lässt sich doch heute viel zu vieles schnell und einfach in die passende Schublade sortieren, um dort bald in Vergessenheit zu geraten), so glaube ich doch diese Beschreibung als recht treffend zu erachten.

In einem höchst schrägen Pendeln zwischen lakonischem, aberwitzig-groteskem Humor und einer traurig-melancholischen Sicht auf das Sein, flattert EINE TAUBE durch (im wahrsten Sinne des Wortes) starre Bilder einer Welt im Stillstand. Emotionaler Stillstand? Man will es meinen, denn die zwei herzensguten, wenn auch nicht makellosen Männer Sam und Jonathan beißen in ihrer Mission “wieder Spaß in die Welt zu bringen” zunehmend auf Granit. Statt zu lachen, zu leben, zu sein, geistern ihre Mitmenschen wie leere Hüllen durch eine ebenso leere Stadt, den Platz der Kommunikation, einem elementaren Bestandteil des Zusammenlebens, haben schon lange hohle Floskeln übernommen (“Ich freue mich, dass es dir gut geht”). Als Flucht aus dem gelähmten Grau, bleiben nur Tagträume von anderen Epochen.

Was es nun mit der Taube in EINE TAUBE auf sich hat?
In gewisser Weise wirkt der Film, als sei jegliches Verständnis für das menschliche Treiben abhanden gekommen – das Resultat ist ein Blickwinkel von außen, der viel seltsames und grausames an die Oberfläche bringt, weil die beobachteten Dinge von der menschlich-konstruierten Schönrederei befreit sind. Weil sie durch die Realitäts-Brille gesehen werden. Streng genommen könnte der Titel auch EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND SCHÜTTELT DEN KOPF ÜBER DEN SIE UMGEBENDEN WAHNSINN lauten, denn die rein beobachtende Perspektive dieser “Taube” fördert von Abgestumpftheit, über Verlorenheit, bis zur grausamen Gräueltat die ein oder andere unangenehm-raue Wahrheit über unsere, die menschliche Natur zu Tage. Lethargie ist hier noch das kleinste Übel und trotz Humorspitzen ist das Resultat in logischer Konsequenz nicht wenig zynisch – macht aber nichts, ich persönlich vertrete sowieso die Sicht, dass ohne ein Grundmaß an Zynismus vieles gar nicht zu ertragen wäre – zu bizarr erscheint das menschliche Verhalten oft.

In EINE TAUBE ist aber nicht alles schlecht. Es gibt Hoffnung. Irgendwo haben all diese in sich isolierten Menschen ein Herz, welches schlägt und hofft und liebt. Nur muss man wohl ein wenig graben, um es (wieder) zu entdecken. Um wieder zu träumen und sich von den ausgetretenen Wegen einer entmenschlichten Welt zu entfernen. Mal wieder grau und beige hinter sich lassen und abseits vom Pfad durch grünes Gras rennen, auf gelbem Sand liegen. Sich mal wider zuhören.

Ich weiß eigentlich gar nicht so recht was ich hier schreibe, geschweige denn wo diese gedanklichen Fragmente herkommen, aber vielleicht macht es ja für irgendjemanden, der EINE TAUBE ebenfalls gesehen hat auf eine krude Art Sinn. Denkbar. Wahrscheinlich macht das den Film aus. Nach dem Schauen wie die Taube auf dem Zweig zu sitzen und über das Leben nachzudenken. Meine Güte, was für ein belebend-frustriende humorvoll-deprimierende stillstehende Reise durch das Wesen unserer Spezies. Seltsam, verdammt nochmal…


Wertung
7 von 10 blutleeren Freudens-Bekundungen


Weblinks
IMDB
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