GeSneakt: Hüter der Erinnerung – The Giver (2014)


Trailer © by STUDIOCANAL


Fakten
Jahr: 2014
Genre: Jugendfilm, Dystopie
Regie: Phillip Noyce
Drehbuch: Robert B. Weide, Michael Mitnick
Besetzung: Brenton Thwaites, Jeff Bridges, Meryl Streep, Alexander Skarsgård, Katie Holmes, Odeya Rush, Cameron Monaghan, Taylor Swift
Kamera: Ross Emery
Musik: Marco Beltrami
Schnitt: Barry Alexander Brown


Review
Es dauerte etwa fünf Minuten, bis mir in der Sneak-Preview die Idee kam, hier bestimmt einem Film dieser neu aufkommenden Gattung “Sci-Fi-/Fantasy-Jugendbuch-Verfilmung mit einem Filmplakat, auf dem zwei bis drei Jugendliche gestaffelt stehen und verträumt/besorgt in die unheilvolle Ferne gucken (zum Vergleich, siehe SEELEN, CITY OF BONES oder DIVERGENT)” erwischt zu haben. Ein Genre, zu dem ich bis jetzt keinen Kontakt hatte – auch weil ich ihn nicht gesucht habe – weil ich mich absolut nicht zur Zielgruppe zähle und überwiegend schlechtes darüber vernommen habe. Aber ich beschloss mich, mit leicht veränderter Sichtweise, einfach darauf einzulassen, dem Film eine Chance zu geben und ihn vor allem fair zu bewerten.

Es wäre wahrscheinlich ein leichtes THE GIVER in Grund und Boden zu stampfen, denn man muss ganz ehrlich einsehen, dass hier aus sämtlichen gängigen Dystopien Versatzstücke zu einer (demnach gar nicht so) neuen Geschichte zusammengefügt wurden und in Summe, gemessen am Intensitäts- und Härtegrad, eine “Dystopie Light” herausgekommen ist. Wir kennen all das schon: Katastrophe, neue Gesellschaftsordnung, feste Zuteilung der Menschen in Berufe, keine Emotionen mehr, um dem Ursprung allen Übels einen Riegel vorzuschieben, Protagonist merkt dass etwas nicht stimmt, Rebellion, Rettung. Hundertfach gesehen. Doch gibt man dem ersten Impuls des Verrisses nicht nach, sondern reflektiert (unter dem Aspekt dass er eindeutig an ein kindliches bis jugendliches Publikum adressiert ist), was THE GIVER für Themen transportieren möchte, so bietet er definitiv einige lobenswerte Aspekte.

In der Welt von Jonas sind alle Menschen gleich. Sie leben nach den gleichen Schlaf- und Wachrhythmen, nutzen die gleiche “präzise” Sprache, funktionieren in klaren, vorgegebenen Mustern, üben ihre zugeteilten Berufe aus, ohne zu hinterfragen, leben in der Illusion von Glück, obwohl sie ohne es zu wissen eigentlich gar nicht richtig fühlen und dürfen ihre Stadt nicht verlassen. Es gibt keine Farben, keine Emotionen, keine Tiere, keine Hobbys, keine Freiheit – ein Zustand, der von der Obrigkeit entwickelt wurde, um die Menschen “vor sich selbst zu schützen” und ein ewiges Utopia zu erschaffen. Doch Jonas hatte schon immer das Gefühl er sei ein wenig anders, würde Dinge wahrnehmen, die sonst niemand wahrnimmt – etwas, was er nie zugeben würde, denn das Schlimmste überhaupt ist anders sein, aus dem vor-designten Raster zu fallen – und wird schließlich bei der jährlichen Berufs-Zuteilung zum “Hüter der Erinnerung” ernannt. Ein ganz besonderer Beruf, wie er schnell herausfinden wird. Jeff Bridges spielt den vorherigen “Hüter der Erinnerung” und lernt Jonas an. In ihm schlummern die Erinnerungen der Menschheit an das Leben vor “der Katastrophe”, die er nun an Jonas weitergeben soll. Erinnerungen an Freude, Schönheit, Liebe, aber auch an Leid, Krieg, Brutalität und Hass. Letzteres sollte Jonas eigentlich erst nach Jahren kennen lernen, doch er wird schnell aus der Bahn geworfen und beginnt sein Leben anzuzweifeln.

Im Grunde genommen stellt THE GIVER zwei Fragen. Was macht das Mensch sein eigentlich aus? Und kann man das, was übrig bleibt noch als Mensch bezeichnen, wenn man durch Unterdrückung aller Emotionen den eigentlichen Kern entfernt? Der Film jongliert bei der Ergründung dieser Probleme viel mit dem Themenkomplex der erzwungenen und geduldeten Gleichheit, des sich nicht voneinander unterscheiden Wollens und kommt nach und nach zu den absolut vorhersehbaren, aber dennoch völlig richtigen Antworten: Gleich sein ist eben NICHT erstrebenswert und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit muss unser Ziel sein. Und das Mensch sein zeichnet sich nun einmal durch die guten, wie auch die schlechten Seiten unserer Spezies aus – es bringt also nichts, die Augen vor dem Schlechten zu verschließen und sich in seine eigene, heile Welt zu träumen. Wir sind die Summe aus allem. Auch wird das Schlechte leider nie verschwinden, aber die schönen Momente können es aufwiegen, weil es so viel gibt, wofür sich das Mensch sein, also Leben lohnt.

Das klingt erstmal hochtrabend und kitschig – und ja, der Weg dahin gestaltet sich zeitweise auch so. Wenn Jonas Erinnerungen von Segelturns gen Sonnenuntergang und neugeborenen Babys empfängt, steht das im extremen Kontrast zu der schwarz-weißen Welt die er kennt und haut den Zuschauer aufgrund der heftigen farblichen Übersättigung geradezu aus dem Sessel. Aber in einer Gesellschaft, die mit Vollgas auf totale Uniformiertheit zusteuert, kann man solche Aussagen (in meinen Augen) Heranwachsenden gar nicht oft genug eintrichtern. Man selbst zu sein, sich nicht vorgegebenen Mustern zu unterwerfen, zu ergründen was man will, nicht stumpf zu hören was eine Gesellschaft für einen vorsieht – alles wichtige Aspekte des Selbstfindungs-Prozesses beim Aufwachsen.

Und aus diesen Gründen ist es auch gar nicht schlimm, dass THE GIVER nicht krass das System anprangert, keine blutigen Revolten zeigt, kein unendliches Leid beim Kampf gegen die Unterdrückung in Szene setzt – der Film, oder wahrscheinlich bereits die Buchvorlage, will Anderes vermitteln, eine Ode an das Mensch sein darstellen, Werte wie Persönlichkeit und Individualität kommunizieren. Das kann nicht soo schlecht sein, auch wenn es dem geübten (oder vielleicht einfach nicht mehr 14 jährigen) Filmfreund absolut nichts neues mehr liefert und sich rückwirkend schon die Frage stellt: Kann man so ein Thema völlig ohne Ecken und Kanten glaubhaft inszenieren?

Inszenatorisch halten sich nette und schwache Aspekte in etwa die Waage: THE GIVER beginnt in s/w-Optik und (wer hätte das gedacht) je weiter Jonas das eigentliche Leben entdeckt, desto farbenfroher wird die Welt – nur für ihn versteht sich. Ein Stilmittel was für eine nette Atmosphäre sorgt. Gelungen ist außerdem das abgeklärte Design des futuristischen Utopia – kubische Wohneinheiten, seltsame Fahrräder und ein Höchstmaß an Symmetrie dominieren, das alles wirkt in sich stimmig. Erzählerisch wäre jedoch mehr gegangen, denn wie so oft, wird einem ein Großteil des Inhalts erzählt, nicht gezeigt, gern auch mal über-ausführlich. Trotzdem langweilt der Film, auch aufgrund des namhaften Casts aus z.B. Bridges, Meryl Streep und Alexander Skarsgard nicht und wird in der einzigen kurzen Actionsequenz sogar ein wenig mitreißend.

Im Fazit war THE GIVER kein Film für mich, ein zweites Mal werde ich den ganz sicher nicht anschauen, aber er ist bemüht wichtige Aussagen für eine bestimmte Altersgruppe zu treffen und das erkenne ich an. Dies tut er ohne Frage stark vereinfacht – mir ein wenig zu einfach – aber für Kinder mag das passen, wahrscheinlich sogar mehr als eine hoch komplexe Darreichungsform. Nach ganz langer Zeit mal wieder ins Kino geSneakt – da hätte es mich wahrlich schlimmer treffen können.


Wertung
5 bis 6 von 10 angenommenen Entschuldigungen


Weblinks
IMDB
OFDB
MOVIEPILOT
ROTTEN TOMATOES
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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