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Film: Paradies – Glaube (2013)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by good!movies


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Drama, Gesellschaftskritik, Hasstirade
Regie: Ulrich Seidl
Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz
Besetzung: Maria Hofstätter, Nabil Saleh, Rene Rupnik, Natalya Baranova, Trude Masur, Dieter Masur, Martina Spitzer, Heinrich Herki, Daniel Hoesl, Barbara Lehner, Elfriede Wunsch, Roswitha Ziener
Kamera: Edward Lachman, Wolfgang Thaler
Musik: –
Schnitt: Christof Schertenleib


Review
In PARADIES: LIEBE suchte sich Seidl einen (uns zumeist) verborgenen Teil der Realität, legte die Flinte an, zielte, drückte ab und traf ins Schwarze. Das war unbequem, teilweise kaum zu ertragen, schonungslos und fühlte sich vor allem an, als hätte er ohne künstliche Manipulation und Inszenierung einfach zwei Wochen kenianischer Realität gefilmt. In PARADIES: GLAUBE hingegen, dem zweiten Teil der Trilogie, werde ich das Gefühl nicht los, dass Seidl sich den Teil der Realität den er anprangern will, zu einem nicht vom Tisch zu kehrenden Anteil zusammenkonstruieren musste.

Wir lernen Anna Maria kennen – und zwar direkt auf die unangenehmste denkbare Art: sie zieht sich aus, kniet vor der Jesus-Statue nieder und vollzieht mit einer Peitsche eine ausgiebige Selbstkasteiung. Ein Shot und alles ist klar: Maria ist religiöse, präziser christliche Fanatikerin.

Was folgt ist ihr Urlaub, in dem wir sie bei der Ausübung weiterer völlig grotesker Dingen beobachten müssen. Sie streift mit einem Beutel voll Maria-Statuen umher und versucht in sozial schwächeren Vierteln die Menschen zum christlichen Glauben und zur Gottesfürchtigkeit zu bekehren (u. A. auch Muslime), sie trifft sich mit einem Haufen ähnlich verstörter Menschen zur Gebetsgruppe und schwört, dafür zu kämpfen Österreich wieder katholisch zu machen, siie vollzieht unter dem Vorwand der Buße, bzw. des Opfers an Jesus noch unangenehmere Rituale, als das Auspeitschen des eigenen Rückens. Und nicht genug: Sie spricht zu Jesus – auf eine weit unterwürfigere, verliebtere und hingebungsvollere Weise, als dass die sexuelle Aufladung dieser AKte noch vom Tisch zu kehren wäre – im Kontrast dazu wettert sie natürlich gegen sexuelle Freuzügigkeit und Sünde im Allgemeinen.

Doch plötzlich sitzt ein an den Rollstuhl gefesselter Mann in ihrem Wohnzimmer und ihre sorgsam durchorganisierte Realität gerät ins Wanken.

Ein wenig Erklärung, warum ihre Lebensrealität (spätestens beim Erscheinen des Mannes) ein wenig zu bröckeln beginnt: All die extremen Auswüchse des Glaubens (speziell: der kirchlichen Form des Glaubens), die Seidl uns hier vorsetzt, existieren ganz sicher in dieser Welt (auch in viel ausgeprägterer Form). Selbstkasteiung, fanatische Bekehrung, völlige Ausrichtung des Lebens nach den vorgegebenen Regeln der (von Menschen geschriebenen) Bibel. Insofern prangert er über die unangenehmen Bilder, den zwischenmenschlichen (aus Religion resultierenden) Hass und den später eingeflochtenen Konflikt zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen genau das richtige an – nämlich dass Extremismus (egal in welcher Form) und fremdbestimmtes Leben zu nichts führen. Doch dieser wichtige Inhalt, erreicht den Zuschauer nicht mit einem natürlichen Gefühl, sondern nur aus künstlich geschaffenen Situationen heraus. Die Machart ist typisch Seidl – dokumentarisch nüchtern, roh und real – aber der Inhalt beißt sich sehr damit, den er wirkt artifiziell zusammengeschrieben und durch Autorenhand, nicht durch das Leben, zielgerichtet auf eine Aussage hin geformt.

Die Beweggünde für Marias Fanatismus, die angebliche Zeitspanne in der sie ihn entwickelte und die Konsequenzen, die sie zum Ende des Films aus ihren jüngsten Erfahrungen zieht – all das passt nicht recht ins Bild und so hebelt Seidl sich in PARADIES: GLAUBE geradezu selbst aus. Wer einen Teil der Realität freilegen und bloßstellen will, sich für die Freilegung aber vielfältiger Kunstgriffe bedienen muss, büst zwangsweise Glaubwürdigkeit ein.

PARADIES: GLAUBE verurteilt die unreflektierte Hingabe an kirchliche Konzepte – das unterstütze ich und deshalb bin ich Seidl gnädig gestimmt. Streng genommen ist es aber (vor allem durch das dokumentarische Gewand) ein manipulativer Film in dem Ulrich Seidl reichlich Hasspatronen verschießt, um zu jedem Preis seine Meinung über Glauben und Religion ins Hirn der Rezipienten zu hämmern – das steht und fällt damit, wie sehr man mit seinen Ansichten konform geht. Subtiler wäre effektiver gewesen.


Wertung
6 von 10 manipulativen Hetz-Reden


Veröffentlichung
PARADIES: GLAUBE ist bei good!movies als BluRay und DVD erschienen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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