Film: Hard Boiled – Lashou shentan (1992)


Trailer © by E-M-S New Media


Fakten
Jahr: 1992
Genre: Action, Heroic Bloodshed
Regie: John Woo
Drehbuch: John WooBarry Wong
Besetzung: Chow Yun-Fat, Tony Leung, Teresa Mo, Philip KwokAnthony Wong
Musik: Michael Gibbs
Schnitt: Wong Wing-Hang


Review
Die Knarren knallen, die Kugeln fliegen, Papierschnipsel rieseln wie Schnee durch die weiten Hallen – DAS ist Actionkino!

John Woo, Urvater des Heroic Bloodshed, setzt sich selbst und dem Genre mit seinem vorerst letzten HK-Streifen ein Denkmal, wie es sich gewaschen hat. Wie so oft in besagter Epoche des Hongkong-Films geht es um Gangster und Cops, Loyalität und Verrat, Ehre und Feigheit. Heroischer Pathos, unglaublich dick aufgetragen und zu jeder Sekunde eine Freude.

Wovon HARD BOILED konkret handelt, ist eigentlich völlig egal, denn ich wiederhole nochmal: DAS ist Actionkino – wie wuchtige Schießereien in Perfektion funktionieren können, wurde hier für die Ewigkeit definiert. Unmengen an Komparsen zücken die Waffen, überall ist Bewegung, die immer wieder von Slowmotions und Close-Ups gebrochen wird, am Set krachen echte Explosionen, Stuntleute schmeißen sich von Gerüsten auf ineinander krachende Autos. Das volle Programm, mal wütend geschnitten, dann wieder in Form von legendären endlos-Longtakes durch enge Krankenhaus-Gänge und trotz aller Überladung schafft Woo es immer den notwendigen Überblick zu behalten, nie verliert man die Orientierung im wüsten Chaos der regelmäßigen Showdowns.

In Zeiten des animierten Kunstbluts, der Greenscreen-Kulissen und des Wackelcam-Schnittwahns, ist es die pure Freude sich durch einen Streifen wie HARD BOILED mal wieder die Kunst des handgemachten Filmdrehs vor Augen führen zu lassen. Explosion ist Explosion, Feuer ist Feuer und Kampf ist Kampf – das wirkt, packt und beeindruckt. Ebenso wirkt die Besetzung, denn drei von Hongkongs-Finest sind mit von der Partie: Chow Yun-Fat und Tony Leung erst gegen- dann miteinander im Kampf gegen die Waffenschieber-Mafia des Anthony Wong – ein Clash der Titanen.

Und auch wenn die Handlung weder großartig verzweigt, noch für sich außergewöhnlich ist, braucht HARD BOILED sich inhaltlich nicht zu verstecken. Ein solide-straightes Skript, fähige Schauspieler und eine überragende Inszenierung, die ganz beiläufig über Bilder, Schnitte und Blenden so viel Innenleben und Eigenschaften der Figuren vermittelt, wie es die meisten Drehbücher in ihrer ganzen Fülle nicht schaffen, reichen vollkommen aus. Woo transportiert in typischer HK-Art sehr intuitiv seine Inhalte: tolle Parallelmontagen, die durch Doppelung von Figuren ihre Ähnlichkeit betonen, gekonntes Spiel mit Musik und Stimmungen, viel Bild- und wenig verbale Sprache. Einfach toll!

Klar kann man einen Film wie diesen als stumpfsinnige, pathetische Ballerorgie voller Kitsch und überzogener Gewalt niedermachen. Da lässt sich kaum gegen argumentieren. Aber als Fan von handgemachter, dynamisch inszenierter Action auf der Höhe ihrer Selbst kann man hier doch einfach nur in Verzückung verfallen und zur Verteidigung darauf verweisen, dass Woo immerhin die moralischen Dilemmata seiner Charaktere nicht gänzlich banal in reinem Schwarz/Weiß zeichnet und mit etwas Vorstellungskraft sogar eine meta-Ebene über den (damaligen) Status und die mögliche Zukunft der (damals noch Kolonie) Hongkong hinein interpretiert werden kann (Stichworte: Babys, Rettung, Freiheit).

Einziger Wermutstropfen: dass so ein Meisterwerk hierzulande in einem Wust aus umgeschnittenen bzw. gekürzten Fassungen, miserabler Bildqualität im falschen Seitenverhältnis und fehlenden Original-Tonspuren versinkt, ist schade, eine Schande, ein wahrer Skandal. Ich habe auf die US-BluRay von Dragon Dynasty zurück gegriffen – die ist Region-Free und in Anbetracht der unerträglichen deutschen Ulk-Synchronisation wahrscheinlich sowieso die bessere Wahl.


Wertung
9 von 10 explodierenden Papierkisten


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
OFDB
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM

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5 Gedanken zu „Film: Hard Boiled – Lashou shentan (1992)“

  1. Großartiger Film, auf den dein Text direkt wieder Lust macht!
    Zur Blu-ray habe ich gelesen, dass die Untertitel wohl den Text der englischen Synchro übernehmen, anstatt die kantonesischen Dialoge direkt zu übersetzen. Etwas schade und angeblich bei der englischen DVD nicht der Fall, wenn ich richtig informiert bin

    1. Die englische DVD war auch Quelle dieser Sichtung, nachdem ich vorher erst blauäugig eine offiziell geschnittene und dann nochmal eine Fail-Auflage eines angeblich ungeschnittenen Release von Laser Paradise (was weder der 90 minütigen FSK 16 noch der ungeprüften entsprach: http://www.ofdb.de/view.php?page=fassung&fid=69&vid=42688) gekauft hatte – beides zum Glück für SEHR kleines Geld.

      Obwohl bei den alten HK-Schinken ein suboptimales Bild ja irgendwie Charme hat, vergleiche ich die UT mal wenn ich mir trotzdem noch die Blu zugelegt habe

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