© by Alamode Film

Film: Finsterworld (2013)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Alamode Film


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Satire, Kunstfilm
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Christian Kracht, Frauke Finsterwalder
Besetzung: Christoph Bach, Margit Carstensen, Jakub GierszalCorinna HarfouchSandra HüllerCarla JuriMichael KranzJohannes KrischMichael MaertensBernhard SchützMax Pellny
Kamera: Markus Förderer
Musik: Michaela Melián
Schnitt: Andreas Menn


Review
In was für einer Welt leben wir?

Ist Toleranz zwar ein überall propagiertes Gut, was aber lediglich auf dem Papier existent ist? Oder gibt es sie wirklich? Findet man die Liebe da, wo man sie erwarten würde? Oder fehlt sie dort, wo sie essentiell sein sollte und versteckt sich hinter Mauern, aus denen sie nie auszubrechen vermag? Sind wir wirklich so offen wie wir denken? Kann ein jeder mit seinen Eigenarten, so seltsam sie auch sein mögen, an unsere Tür klopfen und wir werden ihn akzeptieren? Oder sind wir uns gar nicht bewusst, wie schnell sich unbemerkt ein Urteil vor die offene, ungetrübte Meinung über einen Mitmenschen schiebt und uns jeden klaren Blick versperrt? Verurteilen wir bereits, ohne überhaupt die Grundlage für ein simples Urteil zu haben? Sehen wir Qualitäten, die direkt vor unseren Augen liegen, oder missachten wir sie bewusst, um uns vorzumachen es ginge uns schlechter als in Wirklichkeit?

In FINSTERWORLD steckt all dies.
In FINSTERWORLD steckt aber noch so viel mehr.

Seit DOGTOOTH habe ich nichts mehr gesehen, mit dem ich auf Anhieb weniger anfangen konnte, dass sich aber bei genauerem Hinsehen als eine unglaublich starke Auseinandersetzung mit der menschlichen Identität und der Suche nach ihr entpuppte. In FINSTERWORLD lernen wir einen Haufen Figuren kennen, alle auf verschiedenste Art und Weise verknüpft – mal direkt, mal über Ecken – und jeder irgendwie auf der Suche. Nach Identität, nach Anerkennung, nach Schuld, nach Freiheit, nach Geborgenheit, nach dem wundervollen Gefühl das tun und lassen zu können, was ein Mensch möchte, ohne irgendetwas dafür fürchten zu müssen. Ohne Ächtung, Repressalien und spöttisch lachende, unverständige Blicke.

Es geht um Nähe, um Rückzugsorte aus dem Alltag, um Schutzräume für die Seele – die einen wollen dorthin abtauchen und in Ruhe gelassen werden, haben sich über die Jahre vielleicht sogar darin eingemauert. Die anderen wollen aus dem trügerischen Schutz ausbrechen, ihn wahrlich sprengen und sich der Vergangenheit stellen. Wieder andere wollen einfach nur ein Ohr, das ihnen zuhört. Wollen kommunizieren. In Dialog treten, nicht unter dem Monolog ihres Gegenübers zu Luft verpuffen. Die einen Träumen, die anderen haben ihre Träume aufgegeben. Oder vielleicht nie welche gehabt.

“Wenn man jung ist, dann leuchtet alles und man träumt. Und irgendwann ist alles nur noch dumpf. Und taub. Wie tot sein, nur man atmet noch.”

Es ist schwierig die Fülle an Themen in Worte zu fassen, die Frauke Finsterwalder und Christian Kracht im Skript zu FINSTERWORLD verpackt haben. Zum einen, weil viele davon so subtil im Subtext eingewoben sind, dass es ein leichtes ist, sie schlichtweg zu übersehen. Zum anderen weil in den vielfältigen Parallelhandlungen des Films so ziemlich jeder gängige Aspekt des Zwischenmenschlichen auftaucht, mal vertieft, mal nur gestreift wird und es absolut notwendig ist, nach dem Hochgenuss dieses Filmes die eigenen Gedanken eine ganze Weile zu sortieren und einzuordnen. Auf Anhieb springt nach Ende des Abspanns nämlich ein großes, buntes Fragezeichen vor das innere Auge und möchte eine ganze Weile nicht mehr weichen. Zumindest habe ich das so empfunden – Faszination und Ratlosigkeit in fester Symbiose. Doch der Film lässt nicht los – weder beim, noch nach dem Schauen – und macht in der Phase des Reflektierens eines klar: Diese spezielle Art der filmischen Andersartigkeit ist selten. Aus einem undefinierten Gefühl entstehen erste Gedanken, aus den Gedanken dann Thesen und nach und nach wird so langsam klar, was Kracht und Finsterwalder hier eigentlich im Schilde führen.

FINSTERWORLD, das sind wir: die Hinterfragung unseres Seins, unserer Gesellschaft und unseres Miteinanders. Und die Aufzeigung der Wünsche und Probleme: Fehlende Offenheit und vorschnelles Schubladendenken im Umgang miteinander. Beliebige Gewalt, die zu blinder Wut führt. Welche zu ebenso willkürlicher, roher Entladung führt und immer den Falschen trifft. Weil hier jeder der Falsche ist. Auch um Egozentrik geht es. Und Selbstverleugnung – sowohl des eigenen Zustands, als auch dessen was war und uns alle betrifft. All dies steht irgendwo zwischen den Zeilen und ist häufig symbolisch aufgeladen. Symbolik, die ich auch nach zweimaligem Schauen noch nicht ansatzweise vollständig durchdrungen habe.

Ein Beispiel: Wenn hier der Lehrer Nickel, der (vielleicht zufällig, was aber unwahrscheinlich scheint) optisch sehr stark an den iranischen ex-Präsidenten und Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad erinnert, auf der Fahrt zu einem KZ-Besuch mit seiner Klasse dem blonden, blauäugigen Maximilian sagt: “Sie sind sehr intelligent, aber sie setzen diese Intelligenz dumm ein!” und anschließend im KZ in einer Konfliktsituation aus bester Absicht handelt, dadurch aber nur Nachteile bekommt, dann will uns das ganz sicher irgendetwas sagen.

Ebenso wie das Ehepaar Sandberg, was klar zur Elite dieses Landes gehört, aber ohne Pause auf die Vorteile schimpft, die es dadurch hat. Von “Nazi-Autos” schimpft. Der “Hässlichkeit des Landes” und den schrecklich teuren Flugreisen.

Und so weiter.

FINSTERWORLD ist eine polierte Oberfläche, unter der die reine Substanz versteckt ist. Gehalt wie man ihn im deutschen Film wahrscheinlich seit den 70ern nicht mehr erlebt hat (man verzeihe die Superlative, aber dieser Film kommt in Anbetracht seiner Herkunft einer Erleuchtung nah).

Oben steht die Frage nach der Beschaffenheit der Welt in der wir leben. Daraus leitet sich eine ebenso wichtige, vielleicht noch wichtigere ab: In welcher Welt WÜRDEN wir gerne leben? Nach der Erkenntnis muss der Schritt nach vorn kommen. Die Suche nach dieser Welt, das ist FINSTERWORLD. Und jeder kann in dieser wundervoll fotografierten, eigentlich gar nicht so finsteren Welt auf die Suche gehen und wahrscheinlich etwas anderes daraus mitnehmen – die Freiheit haben wir.


Wertung
9 von 10 seltsam-entfremdeten Daseins-Zuständen


Veröffentlichung
FINSTERWORLD ist bei Alamode Film als BluRay & DVD erschienen. Im Bonusmaterial finden sich Interviews, Making-of, Deleted Scenes & Trailer.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

Flattr this!

Ein Gedanke zu „Film: Finsterworld (2013)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.