#52FilmsByWomen: Das Piano (1993)
Titelbild © by STUDIOCANAL
Fakten
Jahr: 1993
Regie: Jane Campion
Drehbuch: Jane Campion
Darsteller: Holly Hunter, Harvey Keitel, Sam Neill, Anna Paquin, Cliff Curtis, Kerry Walker
Kamera: Stuart Dryburgh
Genre: Drama, Period Piece
Review
Jane Campion veröffentlichte 1993 mit DAS PIANO, einen Film, der uns allen aufgrund seiner Reputation schon unzählige Male bei der Auseinandersetzung mit dem Medium vor die Füße fiel – als Gewinner der goldenen Palme, dreier Oscars und zig weiterer internationaler Awards im selben Jahr, bescherte ihm dieser Auszeichnungs-Regen damals schon eine äußerst umfangreiche Besprechung in der Filmkritik und seitdem hat das Werk, wo auch immer von “Filmen mit Anspruch” die Rede ist, seinen festen Platz in Bestenlisten und den Diskursen der Filmbubbles unserer Zeit eingenommen.
In immer neuen Iterationen des Lobes werden einige (zweifellos gelungene) Aspekte behandelt, Blogs und Filmsites quellen vor Höchstwertungen über und wagt man sich mehr als 30 Jahre später an eine Sichtung des Historien-Dramas, das den unfreiwilligen Lebens- und später auch Leidensweg einer nach Neuseeland an einen dortigen Großgrundbesitzer zwangsverheirateten, (vermeintlich) stummen Pianistin im 19. Jahrhundert zeichnet, wird man durchaus mit starken Emotionen, großen Bildern und nicht unwesentlicher Tragik belohnt. Ein Teil des Lobes ist absolut gerechtfertigt.
Doch bringen 30 vergangene Jahre auch einen veränderten Blick auf diverse Aspekte des zwischenmenschlichen Miteinanders mit, was dazu führte, dass mir einige Ausprägungen des Drehbuchs durch die heutige, oder vielleicht auch einfach nur durch eine Geschlechter- und kulturelle Verhältnisse bewusster reflektierende Brille, enorm problematisch erscheinen.
Und besonders, weil diese Aspekte im fruchtvollen Diskurs um den Film nur gelegentlich Erwähnung finden, möchte ich die nächsten Zeilen nicht dem eindeutigen Fakt widmen, dass das Duo Holly Hunter und ihre während des Drehs gerade mal zehnjährige Filmtochter Anna Paquin, ganz wundervoll harmoniert, oder dass auch Sam Neill und Harvey Keitel die schwierigen Facetten der damaligen, unangenehm einengenden Männlichkeit in verschiedensten Ausprägungen sehr überzeugend stemmen. Auch nicht, wie sehr der Film in einzelnen Momenten die transzendente, profunden Lebenssinn stiftende Qualität von Musik erfahrbar macht, oder dass das einsame Klavier am wilden Ufer der Neuseeländischen Wildnis im Sonnenuntergang ein Shot für die Ewigkeit ist (und neben weiteren tollen, vom Kontrast der viktorianischen Kleider im rauen Urwald gespeisten Bildern in guter Gesellschaft bleibt).
Nein, das alles ist hinreichend thematisiert (und abgefeiert) worden. Daher möchte ich “lieber” den Finger in eine (scheinbar oft unbemerkte, oder ignorierte, oder von mir völlig missverstandene) Wunde legen und mich an der, besonders unter dem Aspekt, dass Drehbuch und Inszenierung dieses Films in den Händen einer Frau lagen, regelrecht befremdlichen Verharmlosung und später sogar Legitimierung sexueller Übergriffigkeit abarbeiten, die Jane Campion hier vor unseren Augen veranstaltet.
In Kurzfassung: Nach der Ankunft von Ada und ihrer Tochter Flora am wilden Strand des neuen Zuhauses, tragen die von Sam Neills Figur Alisdair Stewart zu Arbeitszwecken angeheuerten Einheimischen das Hab und Gut der zwei Ankömmlinge in enormer körperlicher Anstrengung durch den bergigen Urwald zu ihrer neuen Behausung. Stewart beschließt jedoch, dass das titelgebende Piano, eindeutig von Hunters Figur als das absolut Wichtigste in ihrem Besitz artikuliert (was uns in Rückblenden, wo sie vollkommen eins mit der Musik wird, sehr glaubhaft nahegebracht wird), am Strand bleiben und ob der rauen Witterung somit vermutlich recht schnell verrotten soll. “Es sei zu schwer für den Transport und man müsse halt Abstriche machen, und solle sich glücklich über die Chance auf ein neues Leben schätzen”, sagt er sinngemäß.
Das ruft Harvey Keitels Figur George aus Alistairs Umfeld auf den Plan, der zwar ebenfalls nach Neuseeland emigriert ist, anscheinend aber nicht als rein kolonialer Besetzer des Commonwealth agiert, sondern zwischen Ureinwohnern und Besetzern größere Landschafts-Deals vermittelt und von den Maori als einer der Ihren akzeptiert und aufgenommen wurde, was an ungewöhnlichen Stammes-Tattoos in seinem Gesicht und einem sehr menschlichen Umgang mit den Ureinwohnern erkennbar ist.
(Nur kurz erwähnt sei hier, dass man dies auch als einen problematischen Aspekt des Films nennen kann, auf den ich aber nicht allzu tief eingehen werde. Mit einem “wirklichen” indigenen Maori als tragender Figur im Film zu connecten, bzw. die Hauptfigur sich später sogar in einen verlieben zu lassen, hat man für das angestrebte Publikum wohl als nicht zumutbar empfunden, weswegen Keitel hier auf eine bekloppte Weise eine Art Surrogate für den emotionalen Anker darstellt – während hingegen sämtliche anderen Ureinwohner kaum Namen, Charakter oder Eigenschaften haben und zeitweise eher animalisch bzw. latent über-sexualisiert dargestellt werden, was nicht gerade auf Zuspruch bei Vertretern der indigenen Völker traf)
George empfindet direkt etwas für Ada (die aber mit Alistair verheiratet wurde) lässt unter dem Vorwand selbst Klavierspiel erlernen zu wollen das Piano in seine eigene, nicht weit von Alistairs Anwesen entfernte Hütte tragen und beginnt Adas Verzweiflung über das ihr fehlende Instrument auszunutzen. Unter dem Vorzeichen, sie als Lehrerin zu engagieren, holt er sie in sein Domizil und von da an beginnt es widerlich zu werden.
Denn wer naiv im Glauben war, aus reiner Güte Georges heraus, würde Ada nun unter Tarnung die Möglichkeit zum Spielen bekommen, täuscht sich leider. Die Währung, in der sie sich die Zeit an den Tasten erkaufen muss, ist die stillschweigende Akzeptanz von zunächst “nur” voyeuristischen sexuellen Avancen, später jedoch immer direkter und körperlich werdender Übergriffe durch George.
“Zeig mir dein Bein, dann darfst du spielen”, wird zu “Küss mich, dann darfst du spielen” und endet in “Wenn wir jetzt kopulieren, dann darfst du spielen”.
So weit so gut, ein Mann nutzt die Verzweiflung und Hilflosigkeit einer in ihrer Situation gefangenen und per Definition in den Umständen in denen sie lebt (wir reden von Mitte des 19. Jahrhunderts) vollkommen unmündigen Frau aus, um sich sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Das könnte alles noch der Stoff für markerschütternde, abstoßende Thriller oder Dramen sein und darüber erklärbar werden, dass Ada für ihre große Leidenschaft bereit ist, so gut wie alles zu tun, egal wie widerwärtig oder erniedrigend es ist.
Und natürlich leidet sie anfangs darunter, wirkt (in einer Zeit wo Scham noch eine deutlich größere Rolle spielte) abgestoßen und sträubt sich. Doch im krassen Kontrast zur zuvor sorgsam aufgebauten “schwierigen” (meint: eigenständigen) Frau Ada, die eben nicht konform, hörig, willenlos ist, wie es von Frauen zu der Zeit erwartet wurde, bedient DAS PIANO (ohne de facto ein Hollywood-Film zu sein) im weiteren Verlauf einen fürchterlichen klassischen Hollywood-Trope, bzw. eine der kaputtesten kognitiven Verzerrungen unserer Gesellschaft (die man sonst wirklich nur aus Männerköpfen kennt): “If you rape her long enough, she’ll surely start to like it”.
Wie leider viel zu oft in der Filmgeschichte, formuliert der Film die zwanghafte Bedrängung, bis eben hin zur Vergewaltigung der Hauptfigur als ein notwendiges Übel, um der Dame klar zu machen, dass der Bedränger und sie ganz sicher für einander bestimmt sind. Hat vorher halt nur er gefühlt, da muss man dann einfach ein Bisschen nachhelfen, der Zweck heiligt die Mittel. Und aus diesem Ansatz heraus leitet Campion später beidseitig akzeptierte und gefühlte Romantik ab. Würde sie nur einen winzigen Restzweifel lassen, dass Ada das alles nur für das Klavier tut, könnte der gesamte weitere Verlauf des Films anders gelesen werden, aber leider finde ich derartige Halme nicht, an die man sich klammern könnte. Nein, Ada beginnt sich Hals über Kopf in ihren Peiniger zu verlieben, findet in den erpressten Sexualakten echte Gefühle und ihr karges, trostloses Leben dreht sich, zumindest kurzzeitig, zum positiven.
Ich kann nicht so viel Essen, wie ich hier kotzen will.
Rape dargestellt adäquates Mittel, um der Frau vor Augen zu führen, was sie wirklich brauchte, natürlich ohne es zu wissen, denn in klassischer Filmlogik wissen immer und ausschließlich die Männer, was für alle am besten ist und müssen die armen, unwissenden Damen leider gelegentlich auf ruppig-handgreifliche Weise zu ihrem “Glück” zwingen.
Puh.
Die absolute Leichtigkeit, mit der Campion die These aufstellt, dass es hier klar die bessere Wahl war, sich wider des eigenen Willens in die Zwangsprostitution zu begeben und implizit jegliches Verhalten des Peinigers entschuldigt – denn er liebte sie ja wirklich und somit endet ihre Gemeinsamkeit nach einigen “kaum erwähnenswerten Startschwierigkeiten” im Land aus Milch und Honig – ist hochgradig erschreckend.
Doch noch nicht genug, denn nachdem sich diverse Spannungen aus der neuen Konstellation ergeben, wird Ada, explizit durch Alistair, implizit durch George, im Grunde alles genommen, was ihr je wichtig und heilig war. Das sorgt für kurzen Schmerz und etwas Melodrama, nur um dann, ohne für sie große bleibende emotionale Schäden zu verursachen, fröhlich in einem abstoßend naiven Märchenende zu gipfeln, in dem alle bis ans Ende ihrer Tage glücklich werden. Wow. Die Vergewaltigungen, das “Verkaufen” von Körper und Seele nahmen ihr bereits ihre Würde, aber auf den letzten Metern nimmt Campion ihrer anfangs so starken Ada sogar noch das Recht auf ihr Selbstbestimmtheit, verwässert völlig die anfängliche Stärke ihrer Figur und verwehrt ihr, mit auch nur irgendetwas anderem als einem Mann ihre ehrliche Erfüllung zu finden.
Vielleicht bin ich absolut übersensibilisiert auf derartige Themen und verkenne völlig, dass der Punkt sein sollte, wie Männer sie im Laufe des Films brechen und sie sich in einer Mischung aus Stockholm-Syndrom und in Scherben liegendem Selbstwert am Ende apathisch ihrem Schicksal hingibt? Ich glaube es nicht, die Möglichkeit existiert dennoch, lasst uns diskutieren. Aber durch das vorliegende Verständnis des Gezeigten, bleibt es mir ist es ein Rätsel, wie romantisierte Rape-Kultur in offener Sicht derart unkritisiert bleiben kann? Vielleicht reicht es aber auch im Zuge des heutigen allgegenwärtigen Kulturkrieg-Ideologie-Irrsinns, dass derartig fürchterliche Dinge aus der Feder einer Frau stammen, denn wenn eine Frau sowas schreibt, ist es ja automatisch “unterwandert”, oder “dekonstruiert”.
Pardon my cynicism, aber das sehe ich nicht so und verbleibe ratlos, merke aber, dass dieser Aspekt aufgrund der romantisierenden Art und Weise der Inszenierung mich wütend und betroffen machte, plus rückwirkend sehr viel gelungenes, was DAS PIANO in der ersten Hälfte aufbaute – nämlich neben starker Stimmung in einer stimmigen Welt durchaus auch laut geäußerte Kritik an klassisch patriarchalen Strukturen, die selbst bei wohlwollendem Agieren des Mannes noch fast ausschließlich auf Machtgefälle und emotionaler Gewalt beruhten – laut und ungelenk einreißt.
Starke Atmosphäre, großes Schauspiel, liebe zur Musik und dem Suchen/Finden der eigenen Bestimmung – all das liegt in diesem Film. Und doch bleibt primär ein sehr, sehr fader Nachgeschmack.
Wertung
4-5 erpressten Streicheleinheiten
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