Film: Mickey 17 (2025)
Titelbild © by Plaion Pictures
Fakten
Regie: Bong Joon Ho
Drehbuch: Bong Joon Ho
Darsteller: Robert Pattinson, Naomi Ackie, Steven Yeun, Mark Ruffalo, Toni Collette, Anamaria Vartolomei, Daniel Henshall, Patsy Ferran, Steve Park
Kamera: Darius Khondji
Jahr: 2025
Genre: Science-Fiction, Satire, Absurde Komödie
Review
Ich war immer ein groß bis sehr großer Fan von Bong Joon-Hos Dampfhammer-Klassenkampf-Satire, den wilden tonalen Brüchen, den konstanten 2 Schippen zu viel von Allem, etc. – und in der ersten Hälfte von MICKEY 17, bekommen wir genau dies, einzig mit dem Unterschied, dass ich bzgl. des Hauptgenres erstmalig das Gefühl hatte hier eine reine (absurde) Komödie zu sehen. Und es funktioniert gut. Nicht so gut wie sonst, aber gut.
Doch während sich das anfängliche Worldbuilding um einen albern-irren Kult, der unter der Leitung eines apologetisch angehimmelten “Führers” eine andere Welt ohne Rücksicht auf Verluste besiedeln will, sowie die humorvolle Verhandlung des Wertes menschlichen Lebens (Protagonist Mickey erledigt auf dem Schiff tödliche Drecksarbeit, immer wenn der Körper aufgibt, wird sein Bewusstsein in einen neuen Klonkörper geladen und es geht weiter – statt Dank, erfährt er allerdings gesellschaftliche Ächtung als Abschaum) noch ziemlich vergnüglich gestalten, existieren leider zwei maßgebliche Probleme, die es mir unterm Strich dann doch eher verhagelt haben.
Zum einen war immer eine von Bongs größten inszenatorischen Stärken sein Händchen für Rhythmus, Timing, Flow, sowie Bildgestaltung und Ensemble-Staging. Unaufdringliches, exzellentes Handwerk, konsequent in jedem Shot, wodurch seine Filme mich oft direkt mitgerissen und bei Laune gehalten haben. Da liegt etwas, während der Sichtung nur schwer greif- und beschreibbares, von klugen Köpfen im Nachgang jedoch exzellent (z.B. in Youtube-Essays) herausgearbeitetes, in der Luft und schafft Movie-Magic, die die Zuschauenden eher unterbewusst beeinflusst.
Davon habe ich hier wenig gespürt (bewusste Wortwahl). MICKEY 17 ist lustig und quirky, ist kompetent gemacht, man sieht dem Film an, dass Bong nach PARASITEs internationalem Erfolg mehr Budget denn je zuvor zur Verfügung stand, Look und Bilder von Kamera-Veteran Darius Khondji überzeugen für sich genommen und Robert Pattinson gibt absolut alles – aber der unvergleichliche-Bong Joon-Ho Sog entwickelt sich trotzdem nicht, der Film nimmt nicht gefangen. Das ist (noch) Kritik auf hohem Niveau, denn formal sind viele Aspekte stark (Production-Design, Acting, Humor), bis hierhin ist der Film noch gut (nur eben nicht sehr gut).
Aber zum anderen, hat der Film gegen Ende massive inhaltliche Probleme, bzw. gelingt die Darreichung des Inhalts überhaupt nicht mehr. In der zweiten Hälfte, spätestens ab dem dritten Akt, fällt alles völlig in sich zusammen. Erstmalig konnte ich die kritischen Stimmen nachempfinden, die lauthals Bongs vorherige Gesellschafts-/ Tierschutz-/ Umweltschutz-/ Sozial-/ You-Name-It-Parabeln als zu platt, zu plump, zu sehr on-the-nose verschmähten.
Ich ging da bis jetzt nie mit, denn dass er diese Themen damals in SNOWPIERCER, THE HOST und co. in alles andere als subtile Allegorien verwob, war nie ein Problem. Viel wichtiger war der Fakt, dass seine Ideen und Stoffe sich immer originell und frisch anfühlten. In all dem Getöse, der oft vorhandenen Absurdität, den mehr als Gedankenexperiment, denn als reale Welt zu verstehenden Settings steckte immer viel wahre Beobachtung über uns Menschen, Politik, Gesellschaft und unsere Defizite. Und diese fühlbar zu thematisieren, obwohl tonal alles drunter und drüber geht, sich gaga-Humor und tief-menschliches Drama die Klinke in die Hand geben, war die große Stärke.
Besagte Beobachtung bekommen wir auch in MICKEY 17 anfangs noch Zuhauf, denn der Umgang seiner Mitmenschen mit dem titelgebenden Protagonisten Mickey spricht viel unschönes über menschliche Hierarchien und die Tendenz nach unten zu treten aus, dass ich schon an Bord war. Als sich die Handlung dann jedoch aus dem Raumschiff heraus verlagert und Begriffe wie Genozid eine Rolle zu spielen beginnen, ist jegliches Händchen für versteckte Nuancen und Feinheiten vom Tisch gewischt.
Der Film scheitert plötzlich auf allen Ebenen.
Audiovisuell, denn Visual-Design und -Konzept hatten lange einen überzeugenden Stil, dieser weicht jedoch in den letzten 30 Minuten einem einziger Brei aus grauen Computerwesen vor hellgrauem Hintergrund, mit dunkelgrau gekleideten Menschen und MICKEY 17 wird schlagartig unendlich hässlich (allerdings ohne dies als bewussten Spiegel der Inhalte zu nutzen).
Und auch inhaltlich, bzgl. seiner Themen und Subtexte. Bong gehen die Ideen für einen knackigen Fortlauf der Handlung aus, was zu unendlich uninspirierten Momenten führt, speziell die Szenen in denen die Menschen mit Hilfe eines Übersetzer-Devices mit einer anderen Lebensform kommunizieren, oder der “Verhandlung”, der sich Mickey stellen muss. Ja, Bong kratzte oft schon an der Grenze zur Groteske/Farce und kritisierte ganz offensichtlich das Offensichtliche, aber der finale Arc des Präsidenten und alle draus folgenden Handlungen im letzten Drittel sind einfach nur noch vollkommen platt und dumm, was dazu führt, dass jegliche enthalten Sozial- und Gesellschaftskritik leise verpufft, weil die oben genannte Originalität völlig abhanden kommt.
Laut, obvious, irre? Gerne. Aber hier passiert einfach nur noch das erwartbarste, ohne jegliche subversive oder intelligente Idee einzuweben. Und das macht es dann leider eben doch einfach komplett platt. Ich bin in meinem Urteil noch gnädig, weil es mein geliebter Bong ist, aber was noch gut, wenn auch nicht überragend beginnt, grindet sich kontinuierlich nach unten, um tatsächlich auf einem unterirdischen Niveau zu enden. Es bleibt ein fader, mittelmäßiger Nachgeschmack.
In meiner (mittlerweile fast dogmatischen) Ablehnung von modernem Hollywood-Murks, frage ich mich ehrlich, ob es eigentlich auch nur einen einzigen Filmemacher gibt, dem so große Budgets nicht schaden? Werden die Filme begabter Menschen grundsätzlich schlechter wenn sie größer werden, oder gibt es Gegenbeispiele? Hmm, außer Denis Villeneuve fällt mir niemand ein. Vielleicht ist es aber auch nur mein Hass auf full-CGI-Computerwesen, plus alles wofür sie im modernen Kino stehen und ich bin allein deshalb so verblendet, dass ich den wahren Wert der letzten 30 min gar nicht erkennen kann? Sagt es mir.
Vielleicht war auch einfach der Kontrast zum letzten davor gesehenen Film – DECISION TO LEAVE von Park Chan-wook – in Bezug auf Stichworte wie Nuanciertheit, Originalität, etc. ZU groß. Da würden im direkten Vergleich wohl die meisten Filme gnadenlos untergehen.
Wertung
5 von 10 grunzenden Alien-Asseln
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