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Film: Eden (2014)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Alamode Film


Fakten
Jahr: 2014
Genre: Drama, Musikfilm
Regie: Mia Hansen-Løve
Drehbuch: Mia Hansen-Løve, Sven Hansen-Løve
Besetzung: Félix de Givry, Pauline Etienne, Vincent Macaigne, Hugo Conzelmann, Zita Hanrot, Roman Kolinka, Hugo Bienvenu, Arsinée Khanjian, Greta Gerwig, Laura Smet, Golshifteh Farahani, Brady Corbet
Kamera: Denis Lenoir
Musik: Soundtrack
Schnitt: Marion Monnier


Review
Was ist noch schlimmer als ein laut zerplatzter Traum? Wahrscheinlich nur einer, der stetig weiter im Sande versickert, bis nur noch ein vager Schatten seiner Selbst übrig bleibt. Der DJ Paul hatte diesen Traum. Hatte im Wust der unendlichen Möglichkeiten des Lebens einen Mikrokosmos entdeckt, in dem er existieren konnte und den er irgendwann so sehr brauchte, dass es ihm nicht mehr möglich war, ihn ohne Absturz zu verlassen.

Die Musik – konkret: der New Yorker Garage-House der späten Achtziger und frühen Neunziger und der daraus entsprungene French-House – begegnen Paul früh im Leben, es ist Liebe auf den ersten Ton und wird ihn im weiteren Werdegang emotional immer ein kleines aber fatales Stückchen mehr begeistern, als die graue Welt, die in seiner Sicht nur um das Zentrum seines Universums, die Musik, herum existiert. Mehr als jede Frau, mehr als jede Option auf einen “geregelten” Job und vor allem weit mehr als die ewig gleiche Normalität auf den Straßen. EDEN vermittelt sie, die unbeschreibliche Magie des Klanges – wer selbst eine tiefe Liebe für und gemeinsame Vergangenheit mit elektronischer Musik teilt, wird Paul verstehen können, denn man kennt das Gefühl vielleicht: Der erste Rave als Erweckungsmoment – neue Eindrücke die ungefiltert-überflutend auf das Hirn einprasseln, neue Stimmungswelten die sich auftun und die unumstößliche Gewissheit ganz sicher in einer anderen Welt gelandet sein zu müssen, weil der Klang einen fliegen lässt und das Miteinander der Menschen auf der Tanzfläche so stark – so positiv – von dem abweicht, was man vorher in Clubs, etc. zu kennen glaubte. Ob mit oder ohne Drogen, für manchen (inklusive mir, wenn auch mit Drum & Bass, anstatt Garage-House) kam dieses Erlebnis einer Horizont-erweiternden Erfahrung gleich – die totale Euphorie erschafft nie für möglich gehaltene Momente, die so besonders erscheinen, dass es sie auf ewig zu konservieren gilt. Doch geht das? Kann dieser intensive Gefühlszustand immer und immer wieder erlebt werden? Der Antwort jagen Generationen an hingebungsvollen Nachtschwärmern seit Jahrzehnten immerfort hinterher, versuchen den perfekten Moment wieder und wieder zu durchleben, nehmen mehr Drogen, wenn wenig Drogen nicht mehr zum Ergebnis führen und steuern irgendwann immer schneller auf eine harte Wand zu. Aufprall unausweichlich, manche bremsen noch, einige zerschellen daran.

Denn so sehr man sich auch auf Raves zu elektronischer Musik (in positiver Art und Weise) im Loop gefangen fühlt, egal ob vor oder hinter den Decks, so sehr diese vermeintlich perfekten Momente der Wahrnehmung vorgaukeln einfach nie enden zu wollen – bzw. gar nicht enden zu können, denn der Mix ist endlos – auch das großartigste, exzessivste und perfekteste Rave WIRD enden. Wenn nicht am nächsten Morgen, dann nächstes Jahr, wenn nicht nächstes Jahr, vielleicht erst in zehn, doch egal wann, eine niederschmetternde Mehrzahl der Rave-Jünger stellt irgendwann fest: die Leere danach ist unausweichlich. Und wie auch nicht? Auf den Reiz des Neuen folgt Gewöhnung, auf Gewöhnung folgt Abnutzung und ehe man sich versieht, jagt man nur noch einem Traum hinterher, einer Epoche deren Zeit längst abgelaufen ist, doch aus der man sich gedanklich nie zu lösen geschafft hat. Die meisten ziehen dann weiter, suchen neue Pfade im Leben, andere verlieren sich in einem endlosen Strudel aus geschnieften Lines und nie endenden Beats.

Vielleicht taugt diese lange Einleitung über Raves, Euphorie und ihre Wirkung auf den Menschen dazu, ein ungefähres Gefühl dafür zu schaffen, in welcher Situation Paul steckt – in welcher selbst erschaffenen Blase er lebt, die speziell gegen Ende der Nuller Jahre immer weiter vom Zahn der Zeit abtreibt. Dabei ist es rein musikalisch zunächst nicht schlecht um ihn bestellt – im Gegenteil: er liebt was er tut (also den Sound, den er auflegt), sein Musik-Duo CHEERS bespielt mit ihrem klassischen Garage-Sound, nachdem dessen große Ära langsam zu Ende geht, zwar irgendwann nur noch eine Nische abseits jeglicher aktueller musikalischer Entwicklungen, doch schafft es trotzdem über die Jahre hinweg eine kleine aber gesunde Fan-Basis zu halten. Inmitten der zwanzig Jahre überspannenden DJ-Karriere, welche EDEN uns in allen Phasen miterleben lässt, beschert die Spezialisierung dem Pariser sogar Gigs in New York City und Chicago. Zwar erreicht er trotzdem bei weitem nicht die internationale Größe der immer wieder referenzierten (und auch im Rahmen der Handlung als Figuren gelegentlich auftretenden) DAFT PUNK, doch Übersee-Gigs und volle Clubs sprechen eine klare Sprache. Wären da nicht die verdammten Drogen und wäre da nicht der Lauf der Zeit. Um ihn herum kommen und gehen Gesichter, verlassen die Tanzfläche des Lebens und brechen zu neuen Aufgaben auf – nur Paul bleibt, genau wie die spezielle Musik, welche er von Tag eins an liebte, auf ewig Anfang der Neunzigerjahre gefangen – ohne Chance auf Entkommen. Ist diese Epoche für Paul der einzige Bezugspunkt im Leben? Konserviert er stetig eine Erinnerung, weil alles danach so vergänglich wie der Rausch des Kokains ist, dass er täglich in rauen Mengen durch seine Nase zieht? Kann er sich nur zu Hause fühlen, wenn er am DJ-Pult vor brodelnden Massen immer und immer wieder in die Vergangenheit reist? Der Scherbenhaufen den er Privatleben nennt, spricht eine deutliche Sprache: Beziehungen bröckeln, Familie ist nicht existent und selbst die jahrelangen Weggefährten mit denen er Labels führte, Club-Nächte ausrichtete und die Welt bereiste, bewegen sich nach und nach von ihm fort in ein anderes Leben.

Dieses schwere Schicksal einer Figur, für die es im Leben nur diesen einzigen Platz gibt, welcher gleichzeitig Erfüllung und Absturz bedeutete, erzählt EDEN fast passiv, unaufgeregt und mit einer ungeschönten, selbstverständlichen Authentizität: als beispielsweise langsam die Besucher auf den gemeinsamen Partys ausbleiben, weil sich Musik, Publikum und eben einfach der Vibe auf den Tanzflächen verändert haben – weg von dem was Paul seit jeher aufgelegt, produziert und geliebt hat – klammert er sich trotzdem verzweifelt weiter an dem fest, was einmal war. Gegen Ende des Films, schaut er zu seinem Freund und DJ-Partner Arnaud herüber, der beim Auflegen kurz pausiert, um seine Frau und sein Kind zu verabschieden, die er zu Pauls äußerst schlecht besuchter Silvesterparty mitgebracht hat. Eine Kamera-Einstellung die alles sagt, was es über den Lebensweg der Figuren, zu sagen gibt: Arnaud hat sich entwickelt, hat ganz natürlich beschlossen weiterzuziehen und sein Leben in neue Bahnen zu lenken, um an anderer Stelle sein Glück zu finden. Das Auflegen ist immer noch ein Teil von ihm, aber sein Horizont ist mit dem Lauf der Zeit gewachsen. Paul’s hingegen nicht. Er  steckt fest, kann nicht, will nicht und wird nicht vorangehen – gefangen ohne Ausweg. Tragisch.

Filme wirken immer dann besonders gut, wenn sie eine möglichst große Schnittstelle mit der eigenen Lebensrealität bieten und aus der Sicht eines DJs und Musik-Liebhabers trifft EDEN in unvorstellbar vielen Aspekten exakt auf den Punkt: Vor allem das unbeschreibliche Gefühl früher elektronischer Musik – eine Gemeinschaft auf dem Dancefloor zu sein, zusammen alles schaffen zu können, obwohl man sich nicht mal kennt und die Verbindung doch eigentlich nur die Musik ist – transportiert der Film in seiner ersten halben Stunde geradezu meisterhaft. Als in einer der ersten Club-Szenen die Stimmung immer weiter hoch kocht, und in der Klimax alle tanzenden gemeinsam der Text einer beliebten House-Hymne aus vollster Kehle mitsingen – ein Text von Gemeinsamkeit, Respekt und Toleranz – dürfte wohl jedem, der auch nur ansatzweise in seiner Vergangenheit einmal “den perfekten Moment” erlebt hat, eine Gänsehaut beschert werden. Mindestens. Überhaupt wirkt alles in EDEN so echt und glaubhaft – Partys sind echte Partys, DJs legen so auf, wie echte DJs nun mal auflegen und das Zeitgeschehen wirkt immer sorgsam und liebevoll inszeniert. Manch einem mag die Ausformulierung des Dramas zu sicher zu fragmentarisch sein – zu sehr dem Fluss der Inszenierung untergeordnet, denn diese definiert sich nicht über Plot, sondern über stimmungsvolle Momentaufnahmen – doch im Hinblick auf die Erzählweise wirkt EDEN tatsächlich wie das zweistündiges Set eines fähigen DJs: Es geht konstant auf und ab, die gesamte Palette aus Höhen und Tiefen ist drin, doch so speziell der einzelne Moment auch erscheint, nie verliert er die durchgehende Linie aus den Augen und formt so ein stimmiges ganzes, was auch noch auf den perfekten Ton endet. Danach bleibt melancholische Euphorie – die Erinnerung daran wie besonders es war, paart sich mit der Gewissheit, dass die erlebten Momente ein für alle Mal Vergangenheit sind und niemals wieder kommen werden. Genau wie die befreiten Zeiten zu Anfang von Pauls Karriere. Schlichtweg ein großartiger Film.


Wertung
9 von 10 perfekten Dancefloor-Momenten


Veröffentlichung

EDEN ist im August 2015 bei Alamode Film als BluRay, DVD und VOD erschienen. Im Bonusmaterial befinden sich: Trailer, Deleted Scenes und ein Interview mit der Regisseurin.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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