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David Lynch #11: Twin Peaks – Season #1 (1990)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Paramount Home Entertainment


Fakten
Jahr: 1990
Genre: Drama, Mystery, Soap-Opera, Thriller, Noir
Showrunner: Mark Frost, David Lynch
Crew (Writer, Director, Cinematographer, Editor): IMDb-Übersicht
Besetzung: Kyle MacLachlan, Michael Ontkean, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Ray WiseGrace Zabriskie, Richard Beymer, Lara Flynn Boyle, Sherilyn Fenn, Warren Frost, Peggy Lipton, James Marshall, Everett McGill, Jack Nance, Joan Chen, Kimmy Robertson, Michael Horse, Piper Laurie Harry Goaz, Eric DaRe, Wendy Robie, Chris Mulkey, Russ Tamblyn, Ian Buchanan, Frank Silva, Miguel Ferrer, David Patrick Kelly
Musik: Angelo Badalamenti


Review
Es ist 1986 – David Lynch trifft erstmalig auf den TV-Autor Mark Frost. Es ist 1987 – gemeinsam earbeitete Drehbücher werden von den Networks abgelehnt. Es ist 1988 – aus der Idee eine Soap-Opera mit Crime- und Thriller-Elementen zu verbinden, entsteht der Pilot zur Serie TWIN PEAKS. Ein schwerer, dunkler Pilotfilm, der in seinen 90 Minuten fast ausschließlich Trauer, Leid und ähnlich dunkle Emotionen beinhaltet und dennoch enorm gut ankommt – und zwar weil er geradezu in Perfektion die Kunst des Anteaserns beherrscht: Die Figuren in dieser verschlafenen Kleinstadt zeigen ein Gesicht, was durch die Bank weg den Eindruck einer Maske erweckt, hinter der etwas unbekanntes, andersartiges schlummert. Die offensichtlichen Ereignisse scheinen glatt und normal, wäre da nicht dieser klitzekleine Zweifel an den sichtbaren Fassaden der amerikanischen Bürgerlichkeit. Und nachdem all dies bereits eine Weile Raum zur Entfaltung dieser neuartigen, mysteriös fesselnden Atmosphäre hatte, erscheint zuguterletzt, wie vom anderen Stern, über den Dingen schwebend, jedoch ohne die Bodenhaftung verloren zu haben, eine der vielleicht interessantesten Figuren der Filmgeschichte: Special Agent Dale Cooper.

Agent Cooper: “Damn fine coffee. And hot!”

Was sich im Folgenden entspinnt, ist ein Amalgam der Stile: eine Krimi-Geschichte, deren Krimianteil nicht unwichtiger sein könnte, ein bitteres Gesellschafts-& Familiendrama, sowie eine mysteriöses, ins Surreale driftendes Fantasy- und Horror-Hybrid. Reichlich Soap-Opera steckt auch noch drin. Die Summe dieser Teile macht es, entwirft eine damals (und heute) vollkommen eigensinnige Welt und so geht Season #1 von TWIN PEAKS problemlos als absolutes atmosphärisches Meisterwerk durch. Der Anstoß der Handlung, ein unerwarteter Mord an der jungen Laura Palmer, welcher eine tiefe Furche in die heil-geglaubte Idylle gesellschaftlicher Sicherheit kratzt und die Bewohner der Stadt zutiefst schockiert, bringt nur die sprichwörtliche Lawine ins rollen. Zunächst als Fremdkörper in der konstanten Normalität empfunden, ist das Ereignis in Wahrheit der letzte Tropfen, der ein Fass voll aufgestauter Lügen und Falschheit zum flutartigen Überlaufen bringt. Und da das undefinierbare, das hässliche Etwa unter der Oberfläche nun erstmalig sichtbar war, entwickelt sich schnell ein unberechenbarer Strom, der die verschrecken Seelen des kleinen Ortes zwischen den Berggipfeln mitreißt, ohne eine frühe Ahnung zu geben, an welchem seltsamen Ort sie landen werden.

Agent Cooper: “I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange.”

Ausschlaggebend für die einhellige Meinung, dass TWIN PEAKS die damalige TV-Landschaft nachhaltig veränderte und den Grundstein für Mystery-TV vom Schlage AKTE X und co. legte, ist wohl die Art, wie Lynch und Frost seriell erzählen, aber die übergeordnete Geschichte mit zahlreichen Subplots verweben, die nie für sich existieren können, sondern durchweg zum großen Ganzen beitragen. Zum Erschaffen einer vollkommen eigenen, in sich so geschlossen wie logischen Welt. Wie vielschichtig und komplex sich diese im Ganzen gestaltet, verdeutlicht mir wohl am besten die Schwierigkeit (und bereits Monate vor mir her geschobene Aufgabe) diesen Text zur Serie zu verfassen. Das Resultat der Reflektion von TWIN PEAKS, sind einzelne Notizen, angefangene Absätze, die jeweils genau einen Aspekt des Inhalts behandeln, sowie unzählige wieder verworfene Segmente, die aus der gefühlten Unfähigkeit heraus, diesem Werk in Worten gerecht zu werden, ihm einfach nicht gewachsen zu sein, ihren Weg in den digitalen Papierkorb fanden. Die Größe des hier geschaffenen Universums können auch 10.000 Worte nicht wirklich erfassen.

Man from another place: “Where we come from, the birds sing a pretty song, and there’s always music in the air.“

Allein eine Aufzählung der verschiedenen Charakteristika lässt es absurd erscheinen, wie rund sich die ersten 8 Episoden des Mythos anfühlen – immer wieder auf Tuchfühlung mit der von Lynch so oft heraufbeschworenen klassischen Noir-Ästhetik, führen er und Frost einen bizzaren Tanz zwischen Crime-Story, überkitschten Daily-Soap-Mechanismen (die durch ein köstliches Film-im-Film meta-Element, die Daily Soap INVITATION TO LOVE, welche halb Twin Peaks täglich vor den Schirm holt, offensichtlich unterwandert und gebrochen werden) und verwirrenden, wenn nicht gar verstörenden Traum-Sequenzen auf. Klingt auf dem Papier ziemlich konträr, doch der Rhythmus stimmt, denn nichts wurde hier bloß auf allgemeine Gefälligkeit (oder gar etablierte Sehgewohnheiten) hin geschrieben, vielmehr zelebrieren Bild und Ton einige gängige Klischees mit spielerischer Freude: Ein bißchen Drüber ist das immer, egal ob schleimige Romantik in überbelichteter Pose ins Herz gehen soll, die Cops sich über ein immenses (!) Donut-Buffet hermachen, oder Cooper in schrägen Visionen an rückwärts sprechende Zwerge gerät, jedoch genau so weit, dass ein gänzlich eigensinniger Charme entsteht.

Agent Cooper: “Harry I let you in on a little secret. Every day, once a day, give yourself a present. Don’t plan it, don’t wait for it. Just let it happen. This could be a new shirt at the man’s store, a catnap in your office chair, or two cups of hot black coffee.”

Ohne lange Eingewöhnungs- oder Kennenlernphasen zu verlangen, ermöglicht das knuffige, zeitweise hochspannende Drehbuch einen direkten Zugang zu den vielfältigen Figuren und ihren ereignissreichen Mikrokosmen. Diese Menschen schließt man schnell ins Herz, weil sie auf ihre eigene Art leben und atmen – ihr Schicksal ist somit alles andere als egal. Der Ideenreichtum quillt förmlich über, Erklärungs-Zwang herrscht nicht – Lynch und Frost wissen genau, welche Mysterien sie im Dunkeln lassen können, um die schwer greifbare, besondere Stimmung aufrecht zu erhalten – Dinge sind wie sie sind, nicht alles muss ausformuliert sein, so dass die “Lynchige” Skurrilität nicht zu kurz kommt. Wenn beispielsweise aus Agent Cooper’s höchst unkonventionellen Ermittlungsmethoden (die Gott sei Dank nie weiter durchleuchtet werden) – Traumvisionen, Reminiszenz an tibetische Solidarität und gezielte Steinwürfe liefern Indizien, die sprechende Vögel als Zeugen eines Verbrechens liefern – eine seltsame Kraft entwächst, die offene Fäden in Zusammenhang bringt und so Ort und Zeit der Tat gegen Laura immer weiter eingegrenzt, ist das immer so sehr mit dem nötigen Humor inszeniert, dass man kaum genug von dieser Person und ihrer schrullig-seltsamen Art bekommen kann. Und auch abseits von Zugpferd Cooper bleibt TWIN PEAKS in dynamischer Bewegung, Figuren entwickeln sich, wachsen, haben Geheimnisse und Wünsche.

Agent Cooper: “Wanna know why I’m whittling? […] Because that’s what you do in a town where a yellow light still means slow down and not speed up.”

Figuren, Atmosphäre und Plot fügen allesamt kleine Mosaik-Steinchen zum Ganzen hinzu. Obwohl bei all den Komplotts, Liebeleien und Intrigen der Kriminalfall immer der Hauptplot bleibt, tragen all die kleineren Mysterien um einzelne Figuren gleichwertig dazu bei, das Interesse aufrecht zu erhalten. Wer hat welchen Dreck am stecken, wie hängen Figur X und Y zusammen, welche Betrügereien erwarten Figur Z? Nur weniges Plotlines, wie beispielsweise eine Intrige um Erbschleicherei und -betrug, fallen etwas ab, weil sie tatsächlich völlig für sich stehen, als sich jedoch nach und nach eröffnet, wie sämtliche Handlungsstränge den zentralen Punkt des Mordes an Laura umkreisen, die Schlinge um dessen Aufklärung also aus verschiedensten Richtungen und über verschiedenste Theorien immer fester angezogen wird, fällt es wie Schuppen von den Augen, welch ein geniales inhaltliches Konstrukt uns Lynch und Frost hier vorgesetzt haben. Das F.B.I., die örtlichen Sheriffs, sowie zig Freunde und Verwandte der Ermordeten spielen Detektiv, eins führt zum anderen, Quervernetzungen offenbaren sich, Indizien verdichten sich, Abgründe tun sich auf.

Agent Cooper: “Black as midnight on a moonless night.”

Wirklich gut kommt dabei kaum ein Bewohner weg, denn wie bereits einige Jahre zuvor in BLUE VELVET, bietet TWIN PEAKS massig Denkansätze, die zur fatalen Dekonstruktion des heilen (und ebenso falschen) Amerikas taugen und eine makaber-groteke Sicht auf den Menschen verdeutlichen. Es spricht schon eine deutliche Sprache, wenn Leland Palmer, Vater der ermordeten Laura, bei einer Veranstaltung im Great Northern-Hotel, auf welcher isländische Investoren von Standort Twin Peaks überzeugt werden sollen, ausgelöst von einem Jazz Stück, was ihn an die tote Tochter erinnert, einen Zusammenbruch erleidet und in einen apathischen Tanz übergeht, die Verantwortlichen der Gala jedoch anstatt ihm zu helfen, nichts besseres zu tun haben, als diesen Tanz zu adaptieren, um den heilen Schein vor den Geschäftspartnern zu bewahren. Unter dem offensichtlichen schlummert etwas gefährliches, etwas sehr, sehr dunkles, was in TWIN PEAKS verschiedenste Gesichter erhält – teilweise so creepy, dass ein Anschnallgurt auf dem Sessel nicht schaden kann, denn Lynch’s Gespür für die Freilegung des Horrors unter dem Normalen, spielt er vor allem in den von ihm selbst inszenierten Episoden gnadenlos aus.

Sheriff Truman: “I hear that you’re real good at what you do. […] Well, that’s good. Because normally if a stranger walked into my station talking this kind of crap, he’d be looking for his teeth two blocks up on Queer Street.”

Twin Peaks, dieses verschlafene Nest, voller irrer Geschichten, mysteriösen Menschen und leckerem Kaffee ist ein besonderer Ort, einer, den man immer wieder besuchen kann und will, weil die Erlebnisse dort alles andere als gewöhnlich sind. Nach all dem Lob also noch einmal auf den Punkt: Diese erste Staffel ist wohl (fast) makellos, etwas einzigartig besonderes und wahrscheinlich auch der direkte Höhepunkt der Serie – die vom Sender aufgezwungene, von Lynch und Frost jedoch nie geplante Enthüllung des Mörders in der Season #2, zwang auch derartige Genies mit dem Rücken an die Wand – doch dazu später mehr. Jetzt hab ich nämlich Hunger und mache mich auf die Suche nach dem “best piece of pie, I’ve ever had.” Wohl bekommt’s.


Wertung
9 von 10 verdammt leckeren Bechern Kaffee


Veröffentlichung
TWIN PEAKS – Season #1 ist bei Paramount Home Entertainment als BluRay (The Entire Mystery) und DVD (Definitive Gold Box Edition oder Season #1) erschienen. Die Blu-ray Box enthält zudem den Prequel-Film FIRE WALK WITH ME und ist voller Special Features, fast 90 Minuten gelöschter und alternativer Filmszenen, Neu überarbeitete Einführungen der Log Lady für jede Episode und vieles mehr. Die Definitive Gold Edition enthält im Bonusmaterial Gelöschte Szenen: verloren geglaubtes Material aus dem Schneideraum; Die exklusive Dokumentation in Spielfilmlänge “Geheimnisse von einem anderen Ort” ergründet die Entstehung der Serie, die Produktion und die Auswirkungen – mit brandneuen Interviews von Stab und Besetzung und noch nie zuvor gezeigtem Material; “Eine Scheibe Lynch”: David Lynch hält einen amüsanten sowie befremdlichen Rückblick – mit der Unterstützung von Kyle MacLachlan, Mädchen Amick und John Wentworth; “Die Rückkehr nach Twin Peaks”: Diese Doku begleitet eine Gruppe treuer “Peaks Freaks” und einige Schauspieler zum 2006 Twin-Peaks-Festival; Interaktive Karten: die unvergesslichen Drehorte der Serie und wie man sie im richtigen Leben findet; Die kompletten Einführungen der Log Lady; Saturday Night Live: Kyle MacLachlands Monolog und der urkomische Twin-Peaks-Sketch mit der Saturday-Night-Live-Truppe; Das “Falling” Musikvideo mit Julee Cruise; Und viele Goldnuggets: On-Air-Promos, TV-Spots, Produktionsdokumente, seltene Fotos und vieles mehr! Neu inszenierte Special Features – Regie und Produktion von Charles de Lauzirika.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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6 Gedanken zu „David Lynch #11: Twin Peaks – Season #1 (1990)“

    1. Herrliches Gif. Ich hoffe die zehn fühlt sich irgendwann mal richtig an – aktuell rauscht die Season knapp vorbei, weil ich diese ganze Intrige um das Sägewerk und Josie leider recht uninteressant finde

  1. Ja, eine tolle und bahnbrechende Serie. Die Blu-ray-Box muss ich mir auch noch zulegen. Doch auch die Gold-DVD-Box war schon klasse. Hach, schöne Erinnerungen…

    1. Die Gold-Box habe ich selber auch und verbinde mit ihr sogar besonderes, weil sie einen Wendepunkt in meiner Sammler-Leidenschaft darstellt: vorher habe ich ausschließlich Filme gekauft, die ich schon kannte und sehr hoch schätze. Diese Box war der erste Blindkauf überhaupt Ich habe ihn nicht bereut und seitdem besorge ich mir auch vielversprechende Titel auf gut Glück

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