Animationsfilm: Anomalisa (2016)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Paramount Home Entertainment


Fakten
Jahr: 2016
Genre: Drama
Regie: Duke Johnson, Charlie Kaufman
Drehbuch: Charlie Kaufman
Sprecher (OV): David ThewlisJennifer Jason LeighTom Noonan
Kamera: Joe Passarelli
Musik: Carter Burwell
Schnitt: Garret Elkins


Review
Hast du schonmal das Gefühl gehabt, dass in der stetig voranschreitenden Welt einfach kein Platz mehr für dich ist? Dass ihre Bewohner zwar in niemals abbrechender Flut auf dich einreden, doch nichts davon mehr wirklich durchdringt – jedes Wort nur ein weiterer Schlag mit einem stumpfen Gegenstand, den dein tauber Geist nur am Rande registriert? Dass du wie ein Gespenst durch die leeren Gänge deines sterilen Daseins schwebst, ohne zu Interaktion fähig zu sein – auch weil du denkst, dass du dir diese gar nicht mehr wünschst, bis du – vielleicht – mit etwas Glück eines besseren belehrt wirst?

In ANOMALISA findet sich ein reichhaltiger Fundus an echter menschlicher Emotion, so facettenreich und ausgeprägt, dass es ob der subtilen Zeichen, die Charlie Kaufman – Autor legendärer Schwurbel-Skripte wie BEING JOHN MALKOVICH und ETERNAL SUNSHINE – in seiner zweiten Regiearbeit setzt, wohl kaum möglich ist, sie nach einmaligem Sehen allesamt erfasst, und vor allem verarbeitet zu haben. Und so dominiert den Nachhall dieses ziemlich einzigartigen Stop-Motion-Films zunächst recht stark sein (vermeintlich) dominierender Aspekt – ein ungeschönter, wenn nicht gar niederschmetternder Blick in das Innere eines Menschen, dessen Leben von emotionaler Leere, Ausgebranntheit und der totalen Entfremdung definiert ist. 

Der arme Michael Stone ist dieser Mensch – auf dem Papier scheint alles zu passen, er ist eine gefeierte Ikone auf dem Feld der Unternehmensberatung, stetig erfolgreich bemüht zu optimieren, strukturieren, Produktivität zu steigern und zudem mit einer liebenden Familie gesegnet. Hat also alles, was im Leben gemeinhin als erstrebenswert gilt – warum also beklagen? Weil Michael trotz all dieser formellen Qualitäten das Elementarste abhanden gekommen ist, was einen Menschen ausmachen sollte: Emotion. Leidenschaft. Lebensfreude. Die einleitend beschriebene Taubheit hat ihren festen Griff um seinen seelischen Kern geschlossen – fungiert als isolierende Kapsel, die abschirmt und jeden möglichen Quell der Freude im Keim erstickt. Nichts dringt mehr durch.

Wir lernen Michael an einem Punkt kennen, an dem die Verzweiflung ihn bereits weit getrieben hat. Unfähig seinem Dilemma zu entfliehen – sich selbst also für einen möglichen Wiedereintritt in die Welt zu wappnen – ignoriert er sein Umfeld so gut es geht und versucht in verzweifelten Taten (namentlich einem unangenehmen Treffen mit einer Ex, die er vor Ewigkeiten sprunghaft verließ) den Ursprung seines Leids einzugrenzen. Irgendwie Gewissheit zu erlangen, wo genau im Leben er vielleicht falsch abgebogen ist, welche Entscheidungen ihn vom Weg ab- und letztendlich auf jenen falschen Pfad brachten, an dessen Ende eine graue Welt ohne Facetten, aber voll immergleicher Stimmen und Gesichter auf ihn wartete? Und ihn gnadenlos verschluckte.

Zwar ist jeder Mensch mal unglücklich – manche selten, wenige meistens, einige arme Seelen sogar immer – doch mit etwas Anstrengung können wir, wenn wir uns ehrlich die Frage nach dem “Warum” stellen, meistens ergründen, wo der Auslöser liegt. Es kann vieles sein – eine falsch getroffene Entscheidung, eine unbequeme Lebenssituation, aus der man sich befreien muss, oder fehlende emotionale Erfüllung. Aber was, wenn man den Grund einfach nicht findet? Wenn einen die Suche so weit treibt, dass der Auslöser mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr unbedeutender Kleinkram ist, der lediglich zu temporärem Unmut führt, sondern die Skala eine größere ist. Nach Jahren realisiert, dass man sich für den falschen Partner entschieden hat? Den falschen Job gewählt? Das halbe Leben verleugnet wer man ist? Also nicht mehr akute, sondern viel grundsätzlichere Lebensentscheidungen auf den Prüfstand geraten und man schlimmstenfalls zu der brutalen Erkenntnis kommt, das das herbe Straucheln vielleicht schon schleichend vor Jahrzehnten begann? Und der Punkt der aussichtsreichen Intervention (vielleicht) längst überschritten ist?

Michael ist an diesem Punkt, hinterfragt sein Leben auf einer ganz grundsätzlichen Ebene und ihm dabei zuzusehen, tut selbst von außen bereits heftigst in der Seele weh. Würde Kaufman diesen – zu Beginn unmissverständlich gesetzten und zunächst konsequent beibehaltenen – Ton über die gesamte Laufzeit ohne irgendeinen Kontrast oder Gegenpol durchziehen, wäre ANOMALISA wohl einer der traurigsten und deprimierendsten Filme aller Zeiten. Doch dürft ihr aufatmen – er tut es nämlich nicht. Denn durch eine zufällige Zusammenkunft, aus der ein längeres Treffen mit ganz eigener zwischenmenschlicher Dynamik erwächst, wird das Schicksal einer anderen Person – der Titel-gebenden Lisa – mit dem von Michael gekreuzt.

Ja, der Zufall. Menschen begegnen sich, beschreiten eine Weile gemeinsam Wege und diese führen – mit etwas Glück – in eine unerwartete Richtung, von der, noch einen Sekundenbruchteil zuvor, nicht zu träumen gewesen war. Plötzlich, nachdem Lisa und Michael sich das erste mal in die Augen sahen, explodiert ein ewig eingeschlafenes Gefühl, schwingt wieder ein Fünkchen Optimismus mit, scheint das grau sich zu lichten, definieren den öden existentiellen Brei wieder Facetten. In, den Bewegungen der Puppen geschuldeten, reichlich unperfekten Gesten und Berührungen fängt Kaufman, vielleicht treffender, als die meisten tatsächlich menschlichen Figuren es könnten, das Aufflammen von Gefühlen, Leidenschaft und Lebensmut ein. Schafft Momente, die die unbeschreibliche Kraft, welche menschliches Miteinander uns geben kann, in fühlbare audiovisuelle Schwingungen überführen, mit denen wir resonieren können. Wie zuvor die totale Tristesse, macht ANOMALISA auch dieses wundervolle hormonelle Rasen erfahrbar.

Und so bleibt, auch wenn die Begegnung nicht in einen hollywood’esken (und demnach tief verlogenen) Happy-End gipfelt, das beeindruckende Gefühl zurück, soeben das Leben gesehen zu haben – in einer Tiefe und Ehrlichkeit aufgezeigt, die das Kino nur selten streift. Einzig eine gewisse Sorge um Kaufman trübt die Euphorie – hatten seine Filme (speziell ADAPTION und SYNECDOCHE, NEW YORK) doch immer auch autobiografische Züge, so deutet dieser, sollte tatsächlich eine große Portion seines eigenen Innenlebens in den Bildern stecken, auf eine mittelschwere Depression hin. Dass er sich mit ANOMALISA, den mal wieder kaum jemand sehen wollte, auch noch wirtschaftlich ruinierte, wird wohl keinen Auftrieb geben. Verdammt, diese Welt, wieso werden wahre Meister nur allzu oft verkannt?


Wertung
9 von 10 deprimierenden Lebenswegen


Veröffentlichung
ANOMALISA ist im Juni 2016 bei Paramount Home Entertainment als BluRay und DVD erschienen. Im Bonusmaterial befinden sich:
– Du bist keine von ihnen: Die Erschaffung von Anomalisa
– Intimität im Miniaturformat
– Der Klang des Unbehagens
– Easter Egg.


Weblinks
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