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Wim Wenders #1: Die Angst Des Tormanns Beim Elfmeter (1972)


Titelbild & Trailer © by STUDIOCANAL


Fakten
Jahr: 1972
Genre: Autorenfilm, Drama, Thriller, Neo-Noir
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Peter Handke, Wim Wenders
Besetzung: Arthur Brauss, Kai Fischer, Erika Pluhar, Libgart Schwarz, Marie Bardischewski, Sybille Danzer
Kamera: Robby Müller
Musik: Jürgen Knieper
Schnitt: Peter Przygodda


Review
Es gestaltet sich immer wieder spannend aus heutiger Perspektive an die Ursprünge renommierter Filmemacher zurück zu gehen und ein wenig Geschichts-Recherche zu betreiben. Erforschen wo Stil, Themen und Handwerk ihren Ursprung nahmen, Vergleiche mit aktuelleren Werke der letzten Dekaden ziehen, oder auch einfach “nur” die Kunst auf sich wirken lassen – nicht selten kann dem wachen, aufmerksamen Filmfreund (nicht dass ich mich selbst zwingend mit diesem Siegel versehen würde) dabei ein Licht aufgehen: Methodik offenbart sich, Versatzstücke die erst später zur Perfektion finden sollten, deuten sich in ihren Grundzügen an und manchmal wird bereits ein Ton gesetzt, der weite Teile einer Filmografie durchziehen wird. Im Falle von Wim Wenders gestaltete sich diese filmische Zeitreise in den letzten Jahrzehnten allerdings nicht ganz einfach – 40 Jahre lang konnte sein Langfilmdebut DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER aufgrund ungeklärter Musikrechte nicht gezeigt werden – Wenders hatte blauäugig einfach seine Lieblingsmusik im Film platziert, deren korrekte Lizensierung ein mehrfaches der gesamten Produktionskosten geschluckt hätte. Fies. Aber nun wurde dieser Fauxpas mit nicht unwesentlichem Aufwand gerade gebogen, einige Stücke lizensiert, andere getauscht, wieder andere mit einer eigens zusammen gestellten Gruppe Musiker gecovert, um die Copyrights zu umgehen. Verdammt viel Aufwand. Aber nicht dass die missliche Musik-Misere gereicht hätte, denn Wenders, der Jahre zuvor sämtliche Rechte an seinen eigenen Werken aufgrund eines Firmenbankrotts plus Insolvenzversteigerung verloren hatte, musste zunächst mühsam die Negative zurück in die eigene Obhut bekommen, deren Zustand sich als desaströs, wenn nicht kurz vor der Verrottung heraus stellte. Ein mühsamer Weg voller Hürden, doch er war es wert: In diesem August ist DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER offiziell in einer fantastischen Restauration erschienen.

Wovon handelt die Literaturverfilmung nach einem Roman von Peter Handke (der auch das Drehbuch adaptierte)? Josef Bloch, ein professioneller Torwart spielt in Wien, doch wirkt bereits auf dem Feld abwesend und in sich versunken. Noch geht alles ganz schnell: er hält einen Ball nicht, pöbelt den Schiri an und wird vom Platz gestellt – also packt er seine Sachen und geht. Doch so abrupt wie das Ende des Spiels ihn erwischte, so verloren streift er im weiteren durch die Straßen und Bezirke der Metropole, begegnet Menschen und stellt sich als eine höchst seltsame, zunehmend undurchsichtigere Person heraus. Wer die folgenden Werke Wenders’ (ALICE IN DEN STÄDTEN, FALSCHE BEWEGUNG) kennt, ist vielleicht schon darauf eingestellt, dass es kein strenges Handlungs-Konstrukt im Sinne eines straffen Plots gibt, denn viel mehr arbeitet der Filmemacher (und hier kommt die Geschichtsstunde wieder ins Spiel) bereits in diesem Frühwerk enorm mit Atmosphäre und beackert einige (bzw. sogar die meisten) Themenkomplexe, die später bezeichnend für sein Werk werden sollten: Das erste Stichwort ist Entfremdung. Wie ein Geist streift Bloch ohne Ziel durch die Straßen. Anteilnahmslos. Rastlos. Die vereinzelte Interaktion mit seinen Mitmenschen wirkt seltsam gedämpft, wie durch einen unsichtbaren Schleier, der ihn unüberwindbar von seiner Umwelt entkoppelt zurück gehalten, gelingt es ihm einfach nicht durchzudringen – jeglicher Kontakt bleibt oberflächlich. Vielleicht will er das? Vielleicht weiß er aber auch gar nicht was er will, denn jegliche Emotion scheint erstickt, nur eine Hülle aus Fleisch schleppt sich von Ort zu Ort – einzig das Kino scheint ihm eine erwünschte Bastion der Zuflucht zu sein, die sein Desinteresse an alles und jedem zu kippen vermag. “Haben sie Doppeltüren in diesem Haus? Ich habe mal einen Film gesehen, in dem ein Räuber zwischen solchen Türen eingesperrt wurde” lässt er mal völlig aus dem Nichts verlauten. Und überhaupt sind die meisten seiner spärlichen Anekdoten Dinge, die er “irgendwann mal in einem Film gesehen” hat.

Hier steckt der zweite große Wenders-Komplex im Detail. Die Filme, die Ploch sieht, sind natürlich amerikanisch, die Musik in den Jukeboxen ist es – Jazz, Blues, Rock & Roll – und die Münzen die Ploch in der Tasche mit sich trägt sind verbliebene Cent-Münzen einer Fußball-Tour durch Amerika. Etliche Fragmente addieren sich auf und formen den Mythos USA, welcher in den nächsten Jahrzehnten so präsent bleiben sollte. In ALICE IN DEN STÄDTEN versucht ein Musiker sein Glück in den Staaten und reist frustriert zurück nach Deutschland, in PARIS, TEXAS dienen die endlosen texanischen Wüsten als Spiegel der inneren Ausgebranntheit, DER AMERIKANISCHE FREUND reiht sich bereits über den Titel in diese Reihe ein. Es spricht ein überdeutliches Fernweh aus diversen Momenten – nicht zufällig findet ein Teil der Handlung in der Nähe eines Flughafens statt und immer wieder werden Zeile der Maschinen besprochen, auch bricht Ploch später zu einem kleinen Roadtrip auf, um eine alte Geliebte zu besuchen. In Bewegung sein, vorankommen, sinnbildlich dem Stillstand des deutschen (oder hier österreichischen) Bürgertums entkommen – auch darum geht es.

Beindruckend ist, wie sehr Wenders bereits 1972 schafft, all diese impliziten Inhalte auf einer reinen Gefühlsebene zu vermitteln – kaum Dialog nötig, denn DIE ANGST DES TORMANNS erzählt audiovisuell, gibt Bild und Klang den Raum sich zu entfalten und setzt auf 100 Prozent Atmosphäre, um den Zuschauer mitzureißen. Diesem Ansatz tut das Tempo gut, denn aus filmischer Sicht schreitet DIE ANGST DES TORMANNS selbst für Verhältnisse der Siebziger im Schneckentempo voran, aber nimmt sich so die notwendige Zeit für (ebenso notwendige) Beobachtungen des menschlichen, also vor allem Plochs, Verhaltens. Feinfühlig vermittelt Wenders, dass mit diesem Typen etwas nicht stimmt: Fast “hitchcocky” muten einige seiner orientierungslosen Streifzüge durch die nächtlichen Straßen an – die Lunte scheint zu brennen – es herrscht eine anhaltende Unfähigkeit den Protagonisten charakterlich einzuschätzen vor. Die anfängliche Skepsis wird zur Abneigung, von ihm scheint eine aufkeimende Bedrohung auszugehen, ohne konkrete Gründe schleicht sich eine beklemmende Suspense ein. Einen “existenzialistischen Thriller” nannte man den Film laut Wenders und wäre TAXI DRIVER nicht vier Jahre später entstanden, bedürfte es keiner langen Überlegung in Bezug auf die vorliegenden Einflüsse. Im Gegenzug ließe sich die Frage nun andersherum stellen: Kannte Scorsese vielleicht DIE ANGST DES TORMANNS? Beide Regisseure jonglieren in gleichem Maße mit einem unterkühlten, unberechenbaren Protagonisten, der von der Welt entkoppelt scheint. Wer ist nun dieser Ploch, wozu ist er fähig? Es sind diese Fragen, die in die alltäglichsten Situationen eine subtile, aber nicht von der Hand zu weisende Spannung einflechten und, nachdem die Ereignisse sich auf einmal völlig unerwartet überschlagen, für den Rest der Zeit eine vollkommene Unberechenbarkeit als Faktor in Plochs Gleichung einfügen. Nur so viel: Aus dem Nichts kommt es zu einem heftigen Verbrechen, doch die Folgen trägt er mit völliger Gleichgültigkeit. Ein einschneidender Moment, von dem an die Bilder von Wenders’ langjährigem Kameramann Robby Müller trotz des Fehlen eines Plots zeitweise fast psychologischen Thrill, wenn nicht gar subtilen Horror vermitteln – der düster-atmosphärisch anmutende Jazz Score steuert seinen Teil bei und verwandelt selbst eine simple Straßenbahnfahrt in ein spannendes Erlebnis

Ein starkes Debut, in dem neben Entfremdung, ehrlichem Fernweh als Symbol für den Drang nach Ausbruch und atmosphärischer Brillanz noch weit mehr steckt. Wenn sich der Kreis der Verlorenheit schließt und Ploch spät im Film wieder am Rande eines Fußballfeldes fachsimpelt – über Eventualitäten, Entscheidungswege und Schicksal – offenbart sich wohl der letzte Kernpunkt (der sich eigentlich schon im Titel andeutete): Die Angst des Tormanns ist (so simpel es klingen mag) die Angst vor dem Scheitern, davor den Schritt in die falsche Richtung zu tun. Davor nicht in die Welt zu passen. Diese Zweifel sind es, die Ploch letztendlich den Weg verbauen, weil er das einzige Mal, als er tatsächlich mal etwas tut, in seine Entscheidung nicht falscher liegen könnte. Stimmt wohl irgendwie, mit dem „existenzialistischen Thriller“.


Wertung
7-8 von 10 sinnlosen Hotel-Aufenthalten


Veröffentlichung
DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER ist erstmalig bei STUDIOCANAL als BluRay und DVD erschienen. Im Bonusmaterial befindet sich eine 15 minütige Dokumentation über die Restauration von Wenders’ Gesamt-Werk. Die Discs kommen im Wendecover.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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11 Gedanken zu „Wim Wenders #1: Die Angst Des Tormanns Beim Elfmeter (1972)“

  1. Den Torwart kenne ich nicht, aber neulich lief IM LAUF DER ZEIT von Wim auf ARTE.
    OMG, der hatte eine Szene, bei der ich mich beim anschauen gefragt habe, ob ich das jetzt wirklich sehe.
    Mein Anstand und meine gute Kinderstube verbietet mir die Szene zu beschreiben, aber wer den Film kennt, wird wissen was ich meine.
    Die 70er Filmschaffenden hatten anscheinend viel Freiheit Sachen zu zeigen, die heute niemand mehr in dieser Form zeigen würde.
    Zumindest ich habe so etwas nie mehr in einem Film gesehen, und kann mir auch nicht vorstellen, dass ein Protagonist zu diesem Akt bereit wäre.

    Hört sich kryptisch an, mein Geschreibsel, aber ich hoffe ihr wisst was ich meine, oje….

    1. Den kenne ich hingegen noch nicht. Da ich jetzt aber die BD-VÖ von DIE ANGST DES TORMANNS als Anstoß für eine gemütliche Wenders-Retro nehme, wird der mir ja bald über den Weg laufen. Ich denke dann an deine Worte

      1. Uiii, sehr gespalten. Ich fand The Million Dollar Hotel ganz nett – sogar trotz Mel Gibson. Bei Paris, Texas musste ich hart mit dem Schlaf kämpfen aber Der Himmel Über Berlin hat mich damals ziemlich geflasht …

      2. Ersteren kenne ich nicht, aber PARIS, TEXAS hab ich letztens auf Arte gesehen – wohl an dem Tag an dem Gormenghast danach IM LAUF DER ZEIT geguckt hat – fand ihn etwa 80 Minuten lang fantastisch, aber speziell im “emotionalen Finale” unglaublich zäh und viel zu langsam. Klar, es ist schon irgendwie realistisch (bzw. Typ-Sache), dass man in der Konfrontation eines lang zurück liegenden quasi-Traumas nicht wie ein Wasserfall redet. Aber der Dialog durch den Spiegel ist einfach ZU langsam. Ich war allerdings ziemlich müde und werd das im Zuge der nun anstehenden Wenders-Retro noch mal wacher versuchen

        Aber DER HIMMEL… ist der Wahnsinn und auch den BUENA VISTA Dokumentarfilm fand ich so toll, dass er mich fast zu Tränen gerührt hat!

    1. Die Vorraussetzung ist natürlich, dass man langsame, unaufgeregte Autorenfilme mag. Wer jeden Fassbinder-, Jarmusch- oder Bilge-Ceylan-Film sterbenslangweilig findet, wird auch hier nicht gerade auf seine Kosten kommen – wenn man hingegen für diese leise Art Filme etwas übrig hat, ist es ein tolles Regiedebut!

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