Film: The Tree Of Life (2011)


Trailer © by 20th Century Fox


Fakten
Jahr: 2011
Genre: Drama, Kunstfilm
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Besetzung: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, Hunter McCracken, Tye Sheridan, Laramie Eppler
Kamera: Emmanuel Lubezki
Musik: Alexandre Desplat
Schnitt: Verschiedene


Review
“When this tree is tall, we’ll all be gone”
Ein Satz, der alles in sich trägt, was Terence Malick uns in zweieinhalbstündiger Poesie mit THE TREE OF LIFE erzählen will.

Leben. Vergänglichkeit. Tod. Endgültigkeit?
Wir sind gefangen im Kreislauf des Lebens und stolpern darin herum, verzweifelt auf der Suche nach Antworten, stets bemüht das alles mit dem nötigen Sinn zu füllen. Doch was ist dieser Sinn? Was bringt Erfüllung und welcher Weg führt zu Bitterkeit? Erfolg? Anerkennung? Liebe? Glaube?

THE TREE OF LIFE ist ein Blick auf das Leben in einem Universum, das jegliche Grenze unseres Bewusstseins unendlich überschreitet. Leben das auf subatomarer Ebene beginnt und auf universeller Ebene endet – vielleicht sogar nicht einmal dort. Und Malick zeigt es uns alles – die kleinsten Teile, die größten Strukturen, die Elemente im einfachen klassischen, wie auch im chemischen Sinn, die kleinsten Bakterien und die größten Lebensformen, die grünsten Wälder und die kargsten Wüsten, das was davor ist, das was im Leben ist und das was vielleicht danach sein kann, den Anbeginn der Zeit und die Unendlichkeit.

Und wir mittendrin.
So klein und doch das Zentrum – unser Zentrum.
So unwichtig auf universeller Ebene und doch der Fokus der Wahrnehmung – unserer Wahrnehmung.

THE TREE OF LIFE lebt von den größtmöglichen Kontrasten und einer omnipräsenten, alles durchflutenden Symbolik – Malick erzählt so viel, aber nie direkt und nie klar ausformuliert. Sein Film sinniert über die Menschen im Allgemeinen, ihren Umgang mit dem Leben und dem Tod, ihre Einstellung zur Welt, ihren träumerischen Zielen und ihren schwersten Problemen. Nicht umsonst haben Mutter und Vater der gezeigten Familie keine Namen. Sie stellen nicht zwei konkrete Menschen dar, mit deren Innerem wir uns als Figur identifizieren sollen, sondern sie stellen die konträren Ansichten, die der Mensch überhaupt von der Welt haben kann dar.

Er: “I wanted to be loved cause I was great, a Big Man.”
Die fordernde, rationale Sicht der Dinge – hart, abgeklärt, zielstrebig.
Aber auch erfüllend?

Sie: “The only way to be happy is to love. Unless you love, your life will flash by.”
Die emotionale, liebevolle, spirituelle Art zu leben – immer im Wissen um die Schönheit, die uns umgibt und irgendwie auch innewohnt. Aber noch geerdet?

Schon früh im Film, in einer der unzähligen phantastischen Aufnahmen von Kameramann Emmanuel Lubezki, als der Vater im Haus durch eine Glasscheibe beobachtet wird und die Mutter außerhalb der Scheibe durch das Gras spaziert, ihr Spiegelbild auf ihn trifft und die zwei unbewusst durcheinander hindurch schweben, wird klar, dass diese Lebenswege nur schwer einen gemeinsamen Pfad beschreiten können. Keine Berührungspunkte, ein gleiten durch die Welt des anderen ohne Fuß zu fassen

Doch das ist nur eine Einstellung von vielen, die in einem kurzen Moment mehr sagen als hunderte Worte. Jedes Frame in THE TREE OF LIFE ist ein Gemälde, jede Einstellung von einer Aussagekraft durchflutet, die ihresgleichen sucht:

Die fortwährenden Naturaufnahmen zeigen nicht bloß Bäume, Flüsse und Wüsten – die Kamera findet immer den nötigen Winkel, um fühlbar zu machen wie mächtig und wundervoll das große Ganze um uns ist. Im harten Kontrast dazu steht die futuristische Architektur, in der der erwachsene Jack sein Leben lebt, sein Glück sucht, seinem Vater – also dem Lebensweg des Erfolges – nacheifert, um ein einziges Mal gut genug zu sein (dabei jedoch immer in Zerrissenheit lebt). Bastionen, die die Menschheit sich errichtet hat, in denen definierte Verhältnisse herrschen, in denen das Gefühl der Unterlegenheit unter dem Leben verschwindet. Die Illusion der Bedeutsamkeit. Doch die Räder der Zeit drehen sich unbeirrt weiter und auch diese Gebäude werden verschwinden.

Oder die heißen Quellen in der kargen Wüste: Sie blubbern. Blasen bilden sich, fließen ein paar Meter.. und zerplatzen. Entstehung, Leben, Rückführung in den ewigen Kreislauf. Diese Blasen sind nichts anderes als der Mensch und genau das drückt die Aufnahme aus. Geburt, Leben, Tod. Schon immer, für immer.
Und DAS ist THE TREE OF LIFE.
Das sind die Bäume, die Wellen, die Einzeller, die Dinosaurier und die gezeigte Familie.

Es ist natürlich leicht THE TREE OF LIFE als überlanges und langatmiges Familiendrama ohne roten Faden abzustrafen, doch das wird weder der Intention, noch der Umsetzung gerecht. Auch der Verlust den die Familie erleidet und der Weg den sie dahin geht, sind ein Sinnbild für die große Spannung des menschlichen Daseins. Unser Mikrokosmos, beherrscht durch die Wucht und desaströse Wirkung, die ein solch gravierender Verlust auf unser Leben hat. Auf der anderen Seite die unbedeutende Winzigkeit, die jeden von uns, egal ob Professor, Busfahrer oder Friedensnobelpreisträger, gegenüber der unendlichen Weite der Welt (in einem universellen Sinne) im Fluss der Zeit zu einem Nichts werden lässt.
Es ist dieser Kontrast, der den Kern des Films bildet.
Und die daraus resultierende Erkenntnis, dass wir trotz allem so viel mehr sind, als unwichtige Packungen aus Atomen und Molekülen, verloren im Strom der Zeit.

Pure Schönheit (aus der Malick direkt einen angenehm warmen Kitsch ableitet, der sich richtig und natürlich anfühlt, weil er organisch aus der Welt entsteht) und purer Schmerz, in Koexistenz – ehrfürchtig und selbstbewusst zugleich. Und am Ende dann der eine Moment der Klarheit.
Loslassen.
Im tiefsten Inneren für einen Moment Verständnis für das große Ganzen erlangen, sich des eigenen Seins bewusst sein, die Einsicht erlangen dass ein “warum” nicht existent ist – das Rad des Lebens dreht sich, weil es sich dreht, wir können es nicht beeinflussen, nur uns fügen, ohne zu bereuen. Der Baum sprießt. Wächst. Blüht. Geht ein…
…und wächst von neuem. Bis wir schon längst nicht mehr da sein werden.


Wertung
10 von 10 schwebenden Zuständen


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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9 Gedanken zu „Film: The Tree Of Life (2011)“

    1. Danke Ist auch die Frage in wie weit man den Film tatsächlich “kapieren“ kann. Denke Malick ist weit mehr daran interessiert Stimmungen zu vermitteln, als irgendeine Form von Geschichte. Fühl-Kino in Reinform. Kennst du sonst was von Malick?

      1. Nein, das war mein erstes Erlebnis mit ihm. Allerdings habe ich “Der schmale Grat” schon als BluRay in meinem Regal stehen. Wird bald gesichtet

      2. Der ist auch wahnsinnig gut. Verhält sich aber zu nem “normalen“ anti-Kriegsfilm, wie TOL zu nem “normalen“ Drama – sehr fragmentarisch, keine wirkliche Hauptfigur, etc. Malick arbeitet auch da schon stark mit Kontrasten, überwiegend von reiner, unberührter Natur zu dem Wahnsinn, den die Menschen in ihr anstellen..

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