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Film: Stranger Than Paradise (1984)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by STUDIOCANAL


Fakten
Jahr: 1984
Genre: Roadmovie, Slacker, Tragikkomödie
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: John Lurie, Eszter Balint, Richard Edson, Cecillia Stark, Danny Rosen, Rammellzee
Kamera: Tom DiCillo
Musik: John Lurie
Schnitt: Melody London, Jim Jarmusch


Review
An die Basis eines Regisseurs zu gehen, stellt sich oft als spannende Erfahrung dar (auch bei Wim Wenders fiel mir dies bereits auf), denn die Suche nach den Ursprüngen der großen Themen, die sich, besonders bei derart gehaltvollen Autoren- und Independent-Filmern, über die nächsten Jahrzehnte durch ihr Werk ziehen werden, kann bereits im Frühwerk ertragreich enden. So auch in diesem Fall, denn in Jim Jahrmusch’s zweitem gehversuch in Spielfilmlänge ist tatsächlich schon all das zu finden, was in den folgenden zig Filmen sein Trademark werden sollte – der langsame Stil, die sich wiederholenden musikalischen Themen und vor allem das spezielle Handeln seiner Figuren verschmelzen zu einer urtypischen Einheit, die in Summe zu des Regisseurs erstem melancholischen Roadtrip führt. Von New York nach Cleveland, von Cleveland nach Florida, auf der Suche nach Freiheit, nach einer Bestimmung, aber vor allem nach sich selbst.

Anstoß dieser Reise ins Ich, ist der unangekündigte Besuch der jungen Ungarin Eva, bei ihrem Cousin Willie in New York. Er benimmt sich, als sei es ihm sehr daran gelegen seine Wurzeln hinter sich zu lassen: Nicht ungarisch sondern Englisch soll sie mit ihm sprechen, lange zu Gast bleiben eigentlich auch nicht – doch während die Zwei kurzzeitig gemeinsam in der alltäglichen Tristesse ihrer Leben verharren, entsteht eine schwer in Worte zu fassende Form der Bindung. Etwas eint sie, ein zentrales Element, welches von NIGHT ON EARTH bis BROKEN FLOWERS noch viele spätere Werke aus Jarmusch’s Feder bestimmen wird – die oft durchexerzierte Ziel- und Heimatlosigkeit. Wo liegt die Bedeutung des eigenen Schaffens? Wo ist zuhause? Wo soll das eigene Leben hin führen? Weder Eva, noch Willie haben einen Plan, geben sich mal aufmüpfig, mal weltgewandt und cool, doch wabern eigentlich bloß geisterhaft von Tag zu Tag. Glotzen TV. Rauchen. Schweigen. Unnachahmlich lässt Jarmusch seine Figuren kaum etwas tun, doch erzählt mit enormer Tragweite von ihren Sorgen, Problemen und Hoffnungen – als Eva ungefragt in Willie’s Welt einbricht, dauert es nicht lang bis seine sorgsam konstruierte, glänzende Fassade aus Lässigkeit und Hipstertum zu bröckeln beginnt. Den entscheidenden Impuls aus seinen Alltag auszubrechen, kann sie ihm jedoch nicht geben – der Prozess der Erkenntnis ist angestoßen, nicht abgeschlossen, die Sättigung an Banalität noch nicht erreicht. Eddie, Willie’s Kumpel, schlägt in die gleiche Kerbe, obgleich er minimal aktiver und so auch etwas lebensfroher wirkt – ein Jahr soll es jedoch dauern, bis die zwei lässigen ur-Hipster sich aus einer spontanen Laune heraus ins Auto setzen, um Eva in Cleveland zu besuchen. Warum? Weil die Flucht überfällig geworden ist. Weil es anderswo eventuell besser ist – interessanter, oder vielleicht einfach nur anders (wie sagte Bill Murray acht Jahre später im grandiosen GROUNDHOG DAY: “It feels different. Anything different is good!“). Ja, anders wäre auch schon gut, etwas frischer Wind kann nicht schaden, sie lesen Eva auf, doch bezeichnend für den Status der drei jungen Menschen ist, dass egal wohin sie auch reisen, sie nie anzukommen scheinen: die starke Kamera lässt sie durchweg wie Fremdkörper durch eine seltsam entleerte Welt schweben. Die Städte um sie herum verlassen, die Orte verschlafen, als sei die Zeit eingefroren – ein direkter Spiegel des orientierungslosen Stillstands. Kann man ein Ziel erreichen, dessen Lage gar nicht bekannt ist?

Bei all den existenziellen Fragen, die diese Subtexte adressieren, verliert Jarmusch glücklicherweise nicht aus den Augen, dass STRANGER THAN PARADISE auf der Primärebene von drei jungen, sympathischen, größtenteils gut gelaunten Menschen handelt, die ihr Mäandern durch das Leben nicht als das schlechteste ansehen – im Gegenteil, die die unübersehbaren Löcher in ihren Leben mit Freude am Dasein und einem lebensfrohen Esprit füllen. Zwar ist nichts von dem, was die drei Freunde in den Weiten der südostamerikanischen Einöde gemeinsam erleben spektakulär, doch in so mancher alltäglichen Situation gelingt es Meister Jarmusch bereits blendend die omnipräsente Skurrilität unter der Deckschicht des Normalen hervor zu schälen – Jarmusch kontrastierte also auch damals seine tiefe Melancholie schon mit genügend Absurdität und Humor. Wenn die Protagonisten süffisant grinsend auf der Couch der ungarischen Oma bewirtet werden, wohlwissend dass um den Verzehr ungarischer Hausmannskost kein Weg herum führen wird, oder gebannt in Kino, Popcorn-mampfend, einen Film verschlingen in dem minutenlang nur geballert und gekloppt wird (also die ultimative Gegenthese zu Jarmusch’s Kino entfesselt ist), offenbart das den einzigartig gefärbten Blick, mit dem Jarmusch schon Mitte der achtziger Jahre das Leben beobachtete. Seine implizite These: Probleme sind keineswegs vom Tisch zu fegen, ihre Lösung will gefunden werden, doch das Menschsein kann so viel mehr Spaß machen, wenn Humor nicht in Vergessenheit gerät – das Leben, selbst der kargste Alltag, bietet genug Antrieb es zu genießen, man muss nur richtig hin sehen, um die Zeichen zu erkennen. Gerade deshalb ist STRANGER THAN PARADISE auch ein Film über die Freundschaft. Echte Freundschaft, die den Ort und die eigene Bestimmung zur Nebensache degradiert, weil gemeinsam selbst das größte Nichts zu Etwas wird. Banalität kann interessant sein, wenn man sie mit den richtigen Menschen erlebt.

So weit so gut. Einziges Manko in diesem körnigen Schwarz/Weiss-Streifen ist das leichte Defizit in den schauspielerischen Möglichkeiten der drei Protagonisten. So lässig sie sich auch geben, mit der formellen Brillanz der Bilder und dem atmosphärischen Musikeinsatz hält ihr Spiel nur bedingt mit. Nicht als schlecht, eher als ein wenig begrenzt könnte man die Bandbreite der Darsteller bezeichnen, ohne Ihnen vor den Kopf zu stoßen (das will man diesen sympathischen Nichtsnutzen nämlich wirklich nicht). Immerhin kann (mindestens) einer von ihnen dies mit enormem Charisma ausgleichen und so bleibt STRANGER THAN PARADISE, der durch seine gezielt-beobachtende nicht-Geschichte auf einem menschlich-persönlichen Level exzellent von Gefühlen, Ängsten und (fehlenden) Perspektiven berichtet, zwar ein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurück, reiht sich aber dennoch mühelos in die Riege der allesamt gelungenen Filme des Autorenfilmers ein, nicht zuletzt durch sein (so profan wie wahres) Fazit: Das Leben ist so seltsam wie schön.


Wertung
7 von 10 ziellosen USA-Reisen


Veröffentlichung
STRANGER THAN PARADISE ist bei STUDIOCANAL als Teil der Complete Jarmusch Collection auf BluRay und DVD erschienen, außerdem als DVD einzeln und im Arthaus Close-Up, sowie per VoD. Im Bonusmaterial befinden sich: January 1984 – STRANGER THAN PARADISE in Cleveland; Trailer. Die Discs kommen im Wendecover ohne FSK Logo.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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