© by Pierrot Le Fou

Film: Dealer – Trip In Die Hölle (2014)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Pierrot Le Fou


Fakten
Jahr: 2014
Genre: Gangsterfilm, Drogenfilm, Thriller
Regie: Jean Luc Herbulot
Drehbuch: Jean Luc Herbulot, Samy Baaroun
Besetzung: Dan Bronchinson, Elsa Madeleine, Salem Kali, Bruno Henry, Hervé Babadi, Dimitri Storoge, Fatima Adoum, Didier Mérigou, Maïa Bonami, Tchewk Essafi, Emmanuel Bonami
Kamera: Nicolas Salet, Lionel Sautier, Grégory Turbellier
Musik: Reksider
Schnitt: Jean Luc Herbulot, Zohar Michel


Review

“Achtung, Achtung, bitte anschnallen, KOKO-Airlines hebt nun ab”

…und es erwartet sie ein so rohes, wie überstilisiertes, highspeed (quasi-)PUSHER-Remake, das allen, aber auch WIRKLICH ALLEN unnötigen Ballast über Bord wirft und mit konstant durchgetretenem Gaspedal in gerade mal knapp 70 Minuten auf den Punkt davon erzählt, wie es mal so richtig scheiße laufen kann.

Dan ist der “Konditor” – le Pâtissier. Ein alteingesessener, immer nach den Regeln spielender Drogendealer in den Banlieues von Paris. In seiner abgefuckten Welt auf Jogging-Anzügen und kleineren Zuhältereien dealt er Gras, Amphetamine, jeden vorstellbaren Dreck. Was auch immer du willst, er hat es – es sei denn du willst Koko. Koko machen andere, Koko dealt Coco und das ist ein Business, aus dem der Konditor sich raus hält. Muss er nicht haben, zu heiß, zu kranke Typen involviert. Wäre da nicht dieser alte Bekannte, dieser langwierige Stammkunde, der wegen der Fashion-Week Druck macht. Koks-Connection aufgeflogen, Fluss verebbt, jetzt braucht er was – ein Kilo soll es sein, die Models wollen den Stoff schließlich. Und wie das so ist: Hätte der Pâtissier lieber auf seine Intuition gehört, würde dieser Deal, der ihm den Duft des schnellen Geldes versprach, nicht so katastrophal schief gehen und er auf 40.000 € Schulden sitzen. Wenn es scheiße läuft, dann richtig…

Filmemacher Jean-Luc Herbulot betreibt in seinem flimmerig-pulsierenden Langfilmdebut DEALER schnörkellose Reduktion in selten konsequentem Maß und verdichtet die Erzählung brutal, bis der aufgestaute Druck ins Unermessliche steigt. Das Resultat: Adrenalin-Explosion. Tempo, Kamera und Attitude sind extrem, denn Dan’s Uhren ticken anders, als unser breit-gesessener Sofa-Hintern es verkraften kann. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, denn in einem wahren Schnitt- und Wackel-Gewitter, untermalt von verzerrtem Electro-Sound, begleiten wir Dan und seinen besten Kumpel Salem (den “Araber”) an einem typischen Tag der in der weniger typischen Organisation, Umsetzung und schlussendlich dem folgenreichen Scheitern eines verdammt (nochmal zu) großen Drogen-Deals gipfelt.

Backstorys, Nebenplots, oder doppelte Böden braucht Herbulot nicht, jeder unnütze Ballast würde wertvolle Sekunden kosten, die er lieber zielgerichtet in eine hoffnungslose Abwärts-Spirale aus Verrat, Überfällen und Gewaltspitzen investiert. Das mag dem ein oder anderen sicher zu reduziert erscheinen und wer generell nichts von kleinen, dreckigen Gangster-Storys hält, ist sowieso fehl am Platze – der Rest kann jedoch von dieser Fokussiertheit auf das Wesentliche schnell gefangen genommen und mitgeschliffen werden. Dass die Prämisse so pur ist, wie das Koks, dass der Pâtissier verschlampt hat, hilft nicht unwesentlich dabei, sich in das Szenario einzufinden. Dan ist am Arsch und man leidet mit ihm: Wenn aus der sicheren Nummer erst einmal 40.000 und schnell sogar 70.000 € Miese geworden sind, bestehen Prinzipien nur noch, um mit ihnen zu brechen, erst recht als ihm (und uns) mit aller blutigen Drastik vor Augen geführt wird, was für Zukunfts-Optionen bestehen, wenn er die Kohle nicht ran schafft.

“Kennen Sie den Witz von dem Weißen und dem Zigeuner, die einen Belgier überfallen?”

An anderer Stelle oft nur als unbeholfenes Stilmittel zu werten, geben die sarkastisch-zynischen Off-Kommentare des verzweifelten Pâtissier diesem makabren Spiel eine besondere Note. Fatalistisch ist sie, von Galgenhumor der Marke “bis hier hin lief’s ganz gut” durchzogen und dennoch willkommene Auflockerung in einer hyperkinetischen Inszenierung, deren Primärziel die gelungene Vermittlung totaler Angespanntheit ist. Die niemals ruhende Handkamera hält einen guten Anteil daran, dass das knackige Konzept aufgeht und selbst kurze, audiovisuell am frühen Aronofsky orientierte Einschübe, die dem geplagten Dan enge Zeitfenster für einen bitter nötigen Verschnaufungs-Spliff zugestehen, fliegen in Sekunden-Bruchteilen an uns vorbei – Roll it up. Light it up. Smoke it up. Und weiter – das Geld wächst nicht am Straßenrand.

DEALER fasst sich so verdammt kurz, dass alles auch schon wieder vorbei ist, als man gerade meint es ginge so richtig los. Schade? Nein, viel mehr macht es Sinn, denn warum künstlich aufblähen, was auch in einem Augenblick erzählt werden kann? Ob dies als bewusste Abrechnung mit der ausschweifenden Leere einiger Spielarten des heutigen Kinos zu werten, oder lediglich Beiwerk des verbildlichten Stresses ist, sei dahin gestellt. Fakt ist, es funktioniert und DEALER funktioniert als beeindruckend-geradliniger, innerhalb seines abgesteckten Rahmens recht effektiver Genrefilm über weite Strecken. Tatsächlich rangiert das alles zwar etwas ZU nah an PUSHER, ist unterm Strich aber trotzdem mehr als brauchbar.


Wertung
6 von 10 schnell gedrehten Marokkaner-Spliffs


Veröffentlichung
DEALER ist am 06. November 2015 bei Pierrot Le Fou als BluRay-Steelbook und DVD erschienen. Im Bonusmaterial befinden sich: Trailer, Interview mit Jean Luc Herbulot und Dan Bronchinson, Kurzfilme: Fairer Wettbewerb (*), Sick (*), Stabat Mater. Die Discs kommen im Steelbook mit Pappschuber, bzw. Wendecover ohne FSK Logo. (* nur BluRay)


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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