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Serie geschaut: Sense8 – Season #2 (2017)


Sense8 (IMDb) – Season #2, Science-Fiction, Drama, Ganze Welt, 2017 – Creator: Lana WachowskiLilly Wachowski , KameraJohn Toll, MusikJohnny KlimekTom Tykwer, Copyright (Titelbild, Bildausschnitte, Trailer): Netflix


Review
In Anbetracht der inhaltlichen und inszenatorischen Großartigkeit der ersten Staffel von SENSE8 (wir erinnern uns, ich war „leicht“ begeistert) hatte ich trotz unglaublicher Vorfreude und einem gelungenen Weihnachts-Special im Dezember etwas Angst die lang ersehnte zweite Season der Wachowski-Serie anzugehen. Season #1 ist so unbeschreiblich gut, konnte es also überhaupt gelingen dieses Niveau zu halten, geschweige denn sogar noch zu toppen? Ich war kribbelig. Ich fieberte. Ich hoffte. In der Eröffnungs-Episode WHO AM I? dauerte es genau 11 Minuten bis zur ersten absolut herausragenden Montage, die unter Erzeugung von Gänsehaut bis ins Letzte den SENSE8-Vibe atmet. Zweifel weg. Und sie sollte nicht die Letzte bleiben.

Die zweite Staffel (ich zähle das Weihnachtsfest-Special dazu) setzt stilistisch und emotional nahtlos da an, wo die vorherige ihren Schlussstrich zog – trotz Toby Onmuwere als neuem Darsteller des lebensfrohen Busfahrers Van Damme, trotz des Rückzugs von Lilly Wachowski aus der Produktion und trotz der Bringschuld, nach der Staffel-umspannenden Origin-Story des Clusters als Gemeinschaft, nun langsam tiefer in den Verschwörungs-Plot um Whispers und dessen geheime Organisation einzutauchen. 

Manches anders, aber das Gefühl ist da. Die charakteristischen zeit- und schwerelosen Orts- und Charakterwechsel tragen weiterhin durch die Serie und auch an ihrer Attitude hat SENSE8 nichts eingebüßt: die wundervoll optimistische Hoffnung, dass wir (als globales Konstrukt „Menschheit“) irgendwann mal in Toleranz und Verständnis geeint sein werden, versprüht die ehrlich-verkitschte Serie immer noch aus jedem Bild. So makellos wie im 2015er Auftakt, bringen Lana Wachowski und J. Michael Stracinszky das Pferd jedoch nicht ins Ziel.

Dass an einigen Ecken, anstatt „moderne“ Zurückhaltung zu üben, lieber dreifach zu dick aufgetragen wurde, stellte sich in Season #1 als eine der größten Qualitäten heraus – die überbordenden Gefühle machten aus SENSE8 ein Manifest der Gemeinsamkeit. Eine Serie, die an die Schönheit des Lebens glaubt. Und aufgrund des persönlichen Backgrounds der Erschaffer/innen (hier mal bewusst gegendert, knaaamean?) wirkten Herzschmerz und Gefühlsausbrüche trotz allen Kitsches ehrlich und emotional bewegend – wenn zum Beispiel die homosexuelle Hauptfigur Lito im Lens-Flare-Gegenlicht weinend sein Glück mit dem Partner fand, war dies zwar kaum weniger überzogen als der mexikanische Trash in dem er (in der Serie) als Schauspieler auftritt und hätte audiovisuell (neutral betrachtet) aus den Stock-Footage-Archiven diverser Urlaubskataloge stammen können, bewegen tat es entgegen aller Vorzeichen trotzdem.

Doch auch im Rahmen der hochsympathischen Naivität, mit der der Wachowski-Optimismus in die Welt heraus posaunt wird, gibt es Grenzen, ab denen es (mir) dann etwas zu viel wird – diese werden in Season #2 nicht ständig, aber doch gelegentlich, vor allem in der Staffelmitte, überschritten. Wenn teilweise in mehreren aufeinanderfolgenden Szenen die Figuren (mehr oder weniger) gewöhnliche Dinge nur noch mit großen Augen und „Gosh, it’s so beautiful!“ kommentieren, driftet das ganze doch unweigerlich ins Flache ab. Etwas mehr Profil und Tiefe darf ein Drehbuch um bereits etablierte Figuren gern hergeben.

Auf der anderen Seite kann man nach all den Achterbahnfahrten die das Cluster um Nomi, Riley, Wolfgang und co. hinter sich hat nur zu gut verstehen, dass sie ein Leben in Freiheit – sofern sie dies denn leben dürfen, denn an Stolpersteinen mangelt es nicht – in vollen Zügen auskosten wollen. Denn jenes ist keine Selbstverständlichkeit – Sun sitzt noch im Gefängnis, Will hat im Finale der Season #1 einen Blick mit dem geheimnisvollen Whispers ausgetauscht, was den gefährlichen Killer zum Dauergast im eigenen Kopf und Will somit zur Gefahr für das eigene Cluster macht und auch Nomi wird von den Behörden als vermeintliche Kriminelle gejagt. Bevor einige der mental verbundenen Protagonisten also in den Genuss des Dolce Vita kommen, gilt es Kämpfe zu fechten, die weit über Lito’s beruflichen Schwierigkeiten wegen seines öffentlichen Coming-outs hinausgehen und deren Ausgang und Schwere im Vorfeld kaum abzuschätzen sind.

Dunkle Kräfte sind den „Sensates“ auf den Fersen und wie bereits die (nun weiter ausformulierte) kick-off Story um Jonas und Angelica suggerierte, machen diese vor nichts Halt. Ausrottung des neu- und andersartigen steht auf der Fahne von Whispers dubioser Organisation und die Allegorien auf den Leidensweg der LGBT-Community in ihrem Jahrzehnte anhaltenden Kampf um Anerkennung werden umso deutlicher: Die Welt, oder vielmehr gewisse gestrige Kräfte in ihr, verwehrt sich allem, was nicht der Norm entspricht und geht über Leichen um den (nicht haltbaren) Status Quo zu bewahren. Widerlich und hier auf den Punkt kritisiert.

War das Entdecken der mentalen Vernetzung und der Zusammengehörigkeit im Cluster in Staffel #1 noch, symbolisch gesehen, das Entdecken der eigenen Andersartigkeit, so stellt diese nun die ersten scheuen Schritte in die Öffentlichkeit dar. Inklusive Rückschläge, inklusive zarter Akzeptanz und mit dem steigenden Bedürfnis den eigenen Lebensweg in die Welt hinaus schreien zu wollen. Und mit dem Erlangen von Öffentlichkeit kommt eine weitere Erkenntnis: „Wir sind nicht allein!“

Beschränkte man sich in Season #1 noch auf das Cluster der Hauptdarsteller, Jonas als erklärende Kontakt-Instanz und dessen Erzählungen von seinem eigenen Cluster, ist es nun an der Zeit weitere Sensates kennen zu lernen. Wie bereits von Will, Jonas und Whispers bekannt, folgen diese Begegnungen dem gleichen Schema – einmaliger Augenkontakt ermöglicht ein Einsteigen in den Kopf des Gegenübers. Durch den Austausch mit diesen neuen Figuren (welche im Vergleich zu den diversen Charakteren des eigentlichen Clusters allesamt weit weniger gelungen entworfen sind – meist erfüllen sie kaum mehr Zweck, als wichtige Infos zu liefern und/oder als alberne Sidekicks zu fungieren), bekommt die Gefahr durch Whispers eine neue Gewichtung.

Es gab einst viele Sensates, doch die meisten wurden umgebracht – die Strategie der übrigen: Untertauchen. Durch chemische Blocker können die geistigen Fähigkeiten unterbunden werden, die Gefahr wird ausgeschlossen, das Leben geschützt. Doch wo bleibt die Identität, die zu nicht geringem Teil durch das Sensing bestimmt wurde? Auch hier wieder viel allegorischer Gehalt: Anpassung an die Masse zum Selbstschutz, jedoch unter Aufgabe des wirklichen Selbst.

Und um dies nicht (dauerhaft) tun zu müssen, kämpfen unsere Helden neben zahlreichen persönlichen, teils verschränkten Nebenplots wie der zehrenden Liebesgeschichte zwischen Kala und Wolfgang, Jun’s Rache am Bruder der sie unrechtmäßig ins Gefängnis brachte, Van Damme’s großartig umgesetzter Einstieg in die Politik, gegen Whispers und seine Schergen. Eine Rahmenhandlung, die manchmal konfus und fragmentarisch daher kommt, aber dennoch regelmäßig für dichte Spannung sorgt und mit unberechenbaren Wendungen aufwartet. Lag der Fokus zuvor auf Inszenierung und Figuren, so kann diese neue Plot-Komponente durchaus mithalten, bzw. bügelt sogar die oben beschriebenen Defizite an anderer Seite des Skripts aus.

Wirklich grandios ist SENSE8 aber vor allem wieder dann, wenn die über den Globus verteilten Charaktere zur Lösung brenzliger Situationen an einem Strang ziehen und die Fähigkeiten ihrer Counterparts adaptieren – perfekt ergänzen sich Skillsets (von Barkeeping, über theatralisches Acting, bis zu Motor-Skills) und helfen den Freunden aus der Klemme. Der globale Dreh zahlt sich dabei aus, denn die verschiedenen Eindrücke, welche in solchen Fusions-Sequenzen von Schnitt zu Schnitt auf die Netzhaut einprasseln, grenzen in ihrer Diversität an (positive) Rauschüberflutung.

Auge, Kopf, Herz, Lachmuskeln – im stetigen Auf und Ab zwischen humorvoller Verschrobenheit, Gehalt, Gefühl und Suspense deckt SENSE8 nach wie vor einiges ab, was ein Werk zu Größe verhelfen kann. Das umso deutlichere Einstehen für Offenheit und Toleranz – wann immer es nur geht prangern Wachowski und Stracinsky Ungerechtigkeit und Gewalt an – fungiert als i-Tüpfelchen und lässt über manche unausgereifte Kleinigkeit hinweg sehen.

Im Detail nicht mehr perfekt, als großes Ganzes gesehen jedoch nach wie vor die vielleicht eigensinnigste und wundervollste derzeitige Serie. Muss man lieben!


Wertung
9 von 10 Szenen die berührender sind als die Summe ihres Kitsches


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3 Gedanken zu „Serie geschaut: Sense8 – Season #2 (2017)“

  1. Gute Neuigkeiten! Netflix hat wenigstens zum Teil die Schreie der Fans erhört und angekündigt, dass 2018 ein zweistündiger abschließender Film erscheinen soll, der den Cliffhanger aufklären wird. Schön!

    1. Ich bin rückwärts umgepurzelt als ich bin der Absetzung gehört habe Komme ich gar nicht klar drauf, denn was charmant-naive positive Messages betrifft gibt es gerade nichts besseres. Und on punkto Montagen eigentlich auch nicht. So sad. Und Absetzung hin oder her, das ist dennoch eine uneingeschränkte Empfehlung. Vor allem, weil hier eher der Weg das Ziel ist. Allein die Actionszene am Ende von S1E3 ist unglaublich.

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