Serie: Sense8 – Season #1 (2015)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Netflix


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Mystery, Drama, Rauschkino, Traum
Showrunner: Lana WachowskiLilly Wachowski
Network: Netflix
Crew (Writer, Director, Cinematographer, Editor): IMDb-Übersicht
Besetzung: Aml Ameen, Doona Bae, Jamie ClaytonTina DesaiTuppence MiddletonMax RiemeltMiguel Ángel SilvestreBrian J. SmithFreema AgyemanDaryl HannahAlfonso HerreraMax MauffPurab KohliTerrence MannNaveen AndrewsEréndira Ibarra
Musik: Johnny KlimekTom Tykwer


Review
Eins ist gewiss – wenn die Wachowski-Geschwister etwas anpacken, dann wird es, völlig unabhängig von der subjektiven Meinung über Qualität oder Scheitern des Endresultates, etwas einzigartiges. Und auch wenn sie mit steigenden Budgets immer wieder dazu neig(t)en sich in irrsinnigem Gigantismus zu verlieren, kann ihnen keiner nehmen, wie sie eine gesamte Generation mit offenen Mündern aus den Kinosälen stolpern liesen, verwirrt und erstmalig gewillt sich über Beschaffenheit der Realität Gedanken zu machen. Oder mit dem Aufleben einer vergessenen Anime-Serie in einem überbordenden Exzess aus Farben und Geschwindigkeit, oder fast schon frecher barocker Weltraum-Rauschüberflutung die Messlatte für Campiness ein Stück höher setzten.

Was ihr Werk auszeichnet ist vor allem die fehlende Bereitschaft, sich den ausgetretenen Konventionen der glattgebügelten Hollywood-Maschinerie zu beugen. Die beiden definieren sich stets über eine eigene Vision, stehen für die richtigen Werte ein und liefern im Grunde genommen 200+ Millionen Dollar teures Nischenkino für die wenigen verbliebenen Seelen, die sich noch nicht der einheitlich-uniformierten Instagram- und Fashionwelt hingegeben haben (und es nie werden). Ihre Helden trugen noch lange Ledermäntel, als das schon längst nicht mehr als cool galt, sie setzten auf Farben, als das Zeitalter des Apple-Weiss den Höhepunkt zu erreichen drohte, sie schufen kosmisches Chaos, als es gerade Pflicht war, weltliche Metropolen zu zerlegen. Ihre Manga- und Comic-Sozialisation mag bei diesem Schwimmen gegen den Strom eine ebenso große Rolle spielen, wie ihre Transsexualität – mit letzterer inmitten einer zutiefst intoleranten Gesellschaft zu leben, lässt ganz sicher in Bezug auf das Verteidigen der eigenen Ideale und Ideen eine harte Schule durchlaufen. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Eine bessere Besetzung als die beiden, hätte ich mir im Vorfeld für eine Serie, in der „8 fremde Personen auf dem gesamten Erball schleichend entdecken, dass sie telepathisch miteinander verbunden sind“ nicht vorstellen können. Die Wachowskis erdenken den perfekten Wachowski-Stoff.

Und was die beiden, gemeinsam mit co-Autor J. Michael Strakcynski, sowie den langjährigen Weggefährten Tom Tykwer und James McTeigue, aus dieser Prämisse herausholen, welche Schwerpunkte sie in der Umsetzung setzen und worum es im Kern eigentlich geht, verdient erneut, mit Nachdruck und in der absolutesten Definition dieses Wortes das Prädikat „einzigartig“. SENSE8 ist ein zehnstündiger Fluss aus purer Sinnlichkeit, der dem Kern des Menschseins, dem Gefühl der erfüllenden Gemeinsamkeit von tiefer Freundschaft und wahrer Liebe, so nah kommt, wie es nur allzu selten ein cineastisches Werk vollbringt.

Eine unsichtbare telepathische Verbindung zwischen Menschen zu visualisieren, das bedeutet das Unvorstellbare greifbar zu machen, Raum und Zeit zu relativieren, zu etwas Neuem verschwimmen zu lassen. Und tatsächlich, SENSE8 erzeugt mit fast schon lächerlich einfachen Mitteln, zunächst nur in zaghaften Andeutungen, doch je mehr die acht grundverschiedenen Figuren ihre Fähigkeiten entdecken mit einer zunehmenden Selbstverständlichkeit ein waberndes Gefühl des Schwebens. Einen Hauch von totaler Grenzenlosigkeit. Als sich in die Sinne der Protagonisten erstmalig Impressionen einschleichen, die unerklärlich erscheinen – Noomi in Los Angeles urplötzlich den Regen spürt, durch den Kala in Indien schlendert, oder die Kälte des Londoner Sonnenaufgangs auf der anderen Seite der Welt für Gänsehaut sorgt – und die eine Figur plötzlich ganz intuitiv Dinge tut, die auf der Expertise einer anderen beruhen, entfesselt dies eine ganz selbstverständliche Magie. Schnitt, Kamera und vor allem die außergewöhnliche Stimmung dieser Momente verschmelzen den Begriff der Wahrnehmung zu etwas neuem.

In wundervollen Parallelmontagen heben die Wachowskis Räume und vor allem die Zeit auf – was auf dem Schirm nacheinander gezeigt wird, formt dennoch eine Einheit, enthebt die verbundenen Menschen ihres Aufenthaltsortes, lässt sie kurzzeitig eins werden, durch die selben Augen sehen und verweilt in einem schwer beschreibbaren Zustand der fühlbaren Gleichzeitigkeit. Perfekte Momente. In packenden Spannungsbögen intensivieren sich diese Konstrukte, spitzen sich zu, um sich dann mehrfach einer unbeschreiblichen Klimax hinzugeben: egal ob z. B. einmal das zeitgleiche stattfinden eines Martial-Arts-Kampfes in Südkorea und Trainings am Schießstand eines Cops in Chicago, dem Busfahrer in Nairobi dabei zur Hilfe kommt, sein Hab und Gut von ein paar Gangstern zurück zu erobern (Finale Episode 3 – unfassbar!), oder Paare (bzw. Trios) an drei weit entfernten Orten Sex haben und einen globalen orgiastischen Höhepunkt erreichen (an sexueller Aufladung jeglicher Orientierung mangelt es SENSE8 sowieso nicht) – was aus diesen Momenten herausgeholt wird, hat mich vor lauter Großartigkeit teilweise (wortwörtlich) vor dem Schirm aufjubeln lassen.

Wie viel Planung und Feingefühl in den Aufbau derartiger Momente geflossen ist – der Dreh exakt gleicher Szenen in exakt gleicher Einstellung an unterschiedlichen Orten auf dem Globus (SENSE8 wurde in acht Ländern vollständig „on location“ geschossen) – und wie sehr diese in Harmonie mit dem Score (mesmerisierend komponiert von Johnny Klimek und Tom Tykwer) funktionieren, welcher dirigierend lenkt, unterstützt wo nötig, aber dennoch genug Raum für die Eigenwirkung der Bilder lässt, ist beachtlich. Vor allem, weil derartige Präzision nicht nur in signifikanten, groß angelegten Szenen, sondern auch in unscheinbaren, ruhigen Momenten walten gelassen wird.

Diese liefert SENSE8 zuhauf. Denn in einem konstanten Fluss liegt der Fokus sehr lange nur wenig darauf eine wirkliche Geschichte zu vermitteln, sondern viel mehr diese besonderen Menschen kennen zu lernen. Zwar erzählen die 12 Episoden sowohl eine übergeordnete Storyline, in der eine dubiose, machtvolle Organisation aus dem Schatten heraus dem telepathisch begabten Kreis auf den Fersen ist, wie auch zig kleinere Subplots – im Detail bekommt jeder der acht eine stark ausgearbeitete Vergangenheit und sein ganz persönliches Päckchen zu tragen. Und jede dieser Geschichten funktioniert exzellent, packt, berührt – von kaputten Vater-Sohn-Beziehungen, über Verlorenheit in Hass und Kriminalität, oder den eisernen Kampf die kranke Mutter zu beschützen, bis zur Unfähigkeit des Coming-Outs in den Ketten eines von tiefen Machismen geprägten Umfelds – doch eint die gezeigten Schicksale und Wege vor allem, wie stark sie uns die Protagonisten als Menschen näher bringen sollen.

Und es tun – schnell war ich an einem Punkt, wo ich mit Van Damme in seinem Bus durch Nairobi cruisen wollte, oder Riley tröstend in den Arm nehmen, oder hoffte, dass Kala die richtige Entscheidung trifft. Einfach Zeit mit ihnen allen verbringen wollte, in ihr Wesen, ihre Probleme, ihre Freuden abtauchen und – gewissermaßen ist das vielleicht sogar das Hauptziel dieser viel zu schnell vorüber fliegenden 10 Stunden – auf emotionaler Ebene ebenso ein Teil ihres Clusters werden. SENSE8 macht es einfach sich verbunden zu fühlen, bietet an Eindrücke zu teilen, gemeinsam mit den Protagonisten ihr Leben zu erleben. Dieser Zugang gelingt – unmittelbar und direkt – denn was man hinter den Gesichtern, in den Köpfen der acht Menschen findet, ist tiefe, ehrliche und gelebte Menschlichkeit. Denn obwohl sich SENSE8 immer wieder mit Stolz zu überbordendem Kitsch und einer gewissen Theatralik bekennt, kommen die Gefühle hier durch und durch von Herzen. Die Freude, die Angst, die Liebe – vom schönsten bis zum schlimmsten ist alles dabei, aber erscheint echt und berührend nah am Leben.

Leben. Auch darum geht es. Die Wachowskis schaffen tatsächlich Momente, die dieses in einem unbeschreiblichen Glanz erstrahlen lassen. Eine Rückblende, in der Kala als Kind auf einem rauschenden indischen Fest unterwegs ist, ihre Eltern verliert und mit einem kleinen Jungen in eine überdimensionale Ganesha-Statue krabbelt, hat sich förmlich festgebrannt. Sie klettert in der Holzkonstruktion der Statue zum Kopf empor, immer weiter schraubt sich die rhythmische Musik auf einen Höhepunkt zu und als sie dann oben ankommt, um in einem erhabenen Moment der totalen Klarheit durch die Augen der Gottheit auf die freudvollen, ausgelassen tanzenden Menschen zu sehen, bleibt die Zeit für einen Moment stehen – und in diesem Moment scheint alles nur erdenkliche möglich. Weil wir leben und atmen und weil das etwas verdammt wundervolles ist. Unglaublich.

Lässt man sich von all den weiteren interkulturellen Eindrücken und Stimmungen in SENSE8 wohlig umschmiegen, so wird nach und nach immer stärker klar, dass diese facettenreiche Erzählung auch (oder vielleicht vor allem) eine Ode an das Dasein ist. Die Serie ist so voll von Impressionen, Menschen, Eindrücken, dass man dabei (und danach) ständig das Bedürfnis verspürt vor die Tür zu gehen – egal ob bei Sonne, Sturm, oder Regen – einfach um ein aktiver Teil der Welt zu sein, sie zu genießen. SENSE8 feiert den Menschen und sein Schaffen, in allen Formen, Farben und Facetten und ist eine Liebeserklärung an die Vielfalt – denn wofür steht die Vernetzung dieser Menschen bildlich gesehen? Sie impliziert, dass wir alle eins sind, dass wir auf einem Planeten leben, die grenzenlos ist. Dass all die Limitierung die wir wahrnehmen, nur in unseren Köpfen besteht, weil jeder alles sein kann. Immer und überall.

Ein optimistisches, kraft- und gefühlvolles Plädoyer für Toleranz und Miteinander, das man 100% mit dem Herz rezipieren muss. Ich könnte noch ewig weiter schwärmen – von den allegorischen Aspekten, in denen sicher endlos viele (unangenehme) Erfahrungen der Geschwister stecken, vom gelungenen Humor, oder den vielen Denkanstößen zu Religion, Lebensweise, oder Moral. Doch weil SENSE8 gewöhnliches Geschichten erzählen schnell transzendiert und einen Zustand des Erlebens hervorruft, schließe ich mit der Hoffnung, dass ihr genauso davon umgehauen wurdet wie ich. Durch SENSE8, egal wie eure Ausgangslage war, noch ein kleines Bisschen mehr Bock auf das Leben bekommen habt. Und vor allem zwei enorm wichtige Zitate verinnerlicht habt: „Van Damme never loses hope“ und „CONAN is a masterpiece“!


Wertung
10 von 10 mal komplett im Herzen berührt worden


Veröffentlichung
SENSE8 ist eine Netflix Produktion und bis jetzt auch nur dort zu sehen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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3 Gedanken zu „Serie: Sense8 – Season #1 (2015)“

  1. Hört sich supergut an. Wohl ein Muss, wenn ich dann mal bei Netflix einsteige. Wo kann ich eigentlich das Jahr Urlaub beantragen?

    Ich mochte auch schon „Cloud Atlas“ sehr gerne und die Serie erinnert mich von der Beschreibung tatsächlich daran…

    1. CLOUD ATLAS kenne ich nun (leider noch) nicht – steht aber im Regal. Habe aber mit Christian von Second Unit letztens eine Weile drüber gequatscht, der hat beides gesehen und eine gewisse Ähnlichkeit in der emotionalen Wirkung attestiert Nicht zuletzt wahrscheinlich wegen des tragenden, wundervollen Scores von Tykwer. Der Mann ist wirklich ein begnadeter Komponist!

Und eure 2 Cents?