Roman: Jeff VanderMeer – Southern Reach Trilogy, Part I – Annihilation (2014)

Eckdaten
Autor(en): Jeff VanderMeer
Titel: Area X – The Southern Reach Trilogy, Part I: Annihilation
Erscheinungsjahr: 2014
Entstehungsland: USA
Genre: Science-Fiction, Mystery, Horror
Umfang: 129 Seiten
Gelesen: Januar-Februar 2017, Englisch


Plot
Eine (nach einem angeblichen biologischen Zwischenfall) hermetisch abgeriegelte Zone an der Küste der USA wird in regelmäßigen Abständen von Expeditionen erforscht, deren Teilnehmer nicht, oder verändert zurückkehren. In ANNIHILATION begleiten wir die Biologin, Teilnehmerin des zwölften Erkundungstrupps, dabei wie sie immer tiefer in eine seltsame Welt voll eigenartiger Impressionen und naturwissenschaftlichen Ungereimtheiten hinein gerät.


Review
Bei der Buch-, oder genauer gesagt Romanauswahl (denn Comics sind schließlich auch Bücher) war mir in den letzten Jahren ein glückliches Händchen gegönnt – entgegen der vielen gesehenen Filme, unter die sich in regelmäßigen Abständen tiefe Griffe in die Kloschüssel gesellen – was mich dann dazu nötigt schier unerträglichen Müll auszusitzen (scheiß Kompletionismus) – empfinde ich fast jeden Roman der seinen Weg in meine Hirnwindungen findet als regelrechte Erfüllung (zuletzt COSMOPOLIS). Mag am wenigen, dadurch aber extrem selektiven Lesen liegen, oder mit einer gesunden Portion Glück zu tun haben, das Ergebnis schmeckt mir jedoch aus offensichtlichen Gründen sehr gut. 

Von ANNIHILATION, dem Auftakt zu Jeff VanderMeer’s SOUTHERN REACH TRILOGIE hatte ich das erste mal im (durch und durch empfehlenswerten) Nerdvana Podcast gehört, 1 und 1 zusammengezählt und aus dem Setting des Romans eine an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit abgeleitet, dass er das Potential zum Genre-Meisterwerk in sich tragen kann, sollte der (mir bis dato unbekannte) Autor auch nur die Hälfte richtig machen.

Und das tut er. Mehr als das. Eigentlich macht er absolut alles richtig und schnürt ein tief beklemmendes, cleveres, krasse Spannung aus gekonntem Spiel mit vorenthaltener Information und genereller Unwissenheit ableitendes Gesamtpaket. Die Parallelen zu Tarkovski’s STALKER, oder, da wir uns ja in literarischen Gefilden bewegen, dem zugrunde liegenden PICKNICK AM WEGESRAND der Strugatzkis sind unübersehbar und sicherlich auch Vandermeer nicht verborgen geblieben – eine ominöse, durch eine offizielle Instanz abgesperrte Zone, in der vermeintlich unerklärliche Dinge passieren, eine Expedition in diese, die die Menschen verändert und kaum vorstellbare Dinge zu Tage fördert, über allem der Hauch des mystischen – Schaden tut dies aber keinesfalls.

Denn rein auf Eckdaten gestützt, klingen die Plots der zwei Romane zwar, als wäre der spätere ein direktes Remake des ersten, in den Feinheiten liegt jedoch der signifikante Unterschied. War der Klassiker aus der UDSSR zum einen an den großen Fragen, bis hin zum Sinn des Lebens, zum anderen an subtextueller Systemkritik interessiert, liefert ANNIHILATION den Großteil der Kür vor allem auf Stimmungs- und atmosphärischer Ebene ab. VanderMeer erwischt uns da, wo es weh tut, wo eiskalte Schauer den Rücken herunter laufen, weil die direkte Beschreibung dem Kopfkino weicht, allerdings zuvor genug Vorlage geliefert wurde, um Raum für die Projektion ganz eigener Urängste zu gewähren.

Von der ersten Seite an, ist die Expedition der vier Wissenschaftlerinnen (deren Fortschreiten wir über ihre gesammelten Journal-Einträge subjektiv aus der Sicht der Biologin erfahren) auf einem schmalen Grat zwischen wissbegierigem Forscherdrang und nagender Angst vor dem Ungewissen austariert. Im Angesicht einer undefinierten, unberechenbaren Umgebung, welche nicht den klassischen Regeln der Natur zu funktionieren scheint, wird die Zukunft zu einer nebligen Schwärze.

In wirkungsvoller, facettenreicher Sprache pflanzt VanderMeer uns schnell die nicht mehr abklingen wollende Ahnung ein, dass in der Area X weit mehr nicht stimmt, als die Koexistenz einer Vielzahl aneinander grenzender Ökosysteme auf zu engem Raum und eine Handvoll anderer naturwissenschaftlicher Unerklärlichkeiten.

Würde die undurchsichtige Expeditionsleiterin – die Psychologin – die drei anderen Teilnehmerinnen sonst unter Hypnose über die Mythen-umrankte „Grenze“ leiten? Wäre nicht sonst, nachdem die Expedition der wir in ANNIHILATION beiwohnen bereits die zwölfte in die Area X ist, ein Artefakt-artiger Tunnel tief ins Erdinnere, der sich nur einen Steinwurf vom bereits etablierten Basiscamp entfernt und besonderes Augenmerk der Psychologin auf sich zieht, auch auf den sorgfältig erstellten Karten der Region verzeichnet? Und hätten sich, wenn botanische Anomalien das einzige Geheimnis der Zone wären, Teilnehmer der vorherigen Erkundungstouren gegenseitig erschossen, wären spurlos verschwunden, oder hätten Selbstmord begangen?

Es sind all diese Informationsfetzen, gepaart mit der Art wie VanderMeer sie zeitweise fast beiläufig einstreut, die uns eine stetige Vorahnung des Unheils einpflanzen. Ein unbeschreibliches Grauen lauert – wo, wann und vor allem in welcher Form bleibt jedoch im Dunkeln, ist schlichtweg nicht abzuschätzen. Gepaart mit der überraschenden Entwicklung der Dinge – schnell laufen die Ereignisse massiv aus dem Ruder – beschwört diese Unberechenbarkeit einen stetig wachsenden Terror herauf, der sich in der Amygdala einnistet und bis zum Abklingen des bizarren Finales nicht mehr aufhört dissonant zu Kreischen.

Die Kunst in der Erschaffung dieser (in meinem Fall immensen) Wirkung liegt in einem simplen, aber allgemein viel zu selten in Perfektion angewandten Kniff: die dunklen Schatten zukünftigen Horrors umreißt VanderMeer nicht über das was er ausformuliert, sondern gerade das was er eben NICHT ausspricht.

So ist in Journalen früherer Expeditionen, die die Biologin auf ihren Streifzügen findet, mehrfach die Rede von „things that words can’t describe“, sie selbst hört in den Tiefen des Waldes markerschütternde Laute, die ihren Ursprung nicht in den Kehlen uns bekannter Spezies gefunden haben können und den Gipfel nimmt diese Form des fordernden Kopfkinos, als der Biologin ein Zettel der Psychologin in die Hände fällt, auf dem einige der Hypnose-Codes notiert sind, mit denen diese die anderen Expeditions-Teilnehmer kontrollieren kann. Es heißt: „The word Annihilation was followed by help commit immediate suicide“. Eine Textzeile, die meinen Klos im Hals nochmals nachhaltig wachsen ließ. Was für ein unvorstellbares Grauen muss in dieser Welt verborgen liegen, wenn den Menschen, die zu ihrer Erkundung rekrutiert werden die Bereitschaft zum sofortigen Selbstmord einprogrammiert wird, weil er die bessere Alternative zu dem was sie erwarten könnte darstellt?

Das Ergebnis ist bis ins Unerträgliche verdichtete Atmosphäre, jede Zeile steht unter Generalverdacht ganz unerwartet eine maßgebliche Wendung einzuleiten. Denn die Angst, dass all diese schrecklichen, unsere Vorstellungskraft übersteigenden dunklen Kräfte nicht bloß weit entfernte Bedrohung sind, intensiviert VanderMeer in letzter Instanz durch gekonntes Foreshadowing – es existiert abscheuliches in der Area X und es wird zuschlagen. Durch die rückblickende Erzählung der Biologin erfahren wir in einigen Fällen sogar das Fenster in dem es – irgendetwas – passieren wird, jeder weitere Schritt der Handlung enthält eine fiebrige Note.

Das stetige Schwärmen könnte noch eine gute Weile anhalten, denn allein die farbenfrohe Bildlichkeit mit der der Autor selbst die bizarrsten Kuriositäten vor dem inneren Auge entstehen lässt (von der mystischen Qualität seiner Landschaftsbeschreibungen ganz zu schweigen), oder die facettenreiche Charakterisierung der Biologin über Rückblenden in ihr vergangenes leben könnten ganze Reviews füllen. Aber ich lasse es mal gut sein… Teil 2, AUTHORITY wartet schließlich darauf entdeckt zu werden.


Weblinks
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