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(Neuer) Deutsch(sprachig)er Genrefilm #16: Tatort – Fürchte Dich (2017)


Tatort: Fürchte dich (IMDb) – Horror/Krimi, Deutschland, 2017 – Regie: Andy Fetscher, Skript: Andy Fetscher, Christian Mackrodt, Kamera: Benjamin Dernbecher, Musik: Steven Schwalbe, Copyright (Titelbild, Bildausschnitte, Trailer): Das Erste


Review
Sich einen von den wenigen Typen, die innerhalb des deutschsprachigen (Film)Raumes innerhalb des letzten Jahrzehnts konsequentes Genre-Kino fabriziert haben, als Regisseur für einen TATORT zu holen, zeigte sich in der Vergangenheit bereits als gute Idee – immerhin lieferte Marvin Kren, seines Zeichens treibende Kraft hinter Perlen wie RAMMBOCK und BLUTGLETSCHER mit TATORT: KALTSTART einen der besten mir bekannten „Sonntags-Krimis“ ab.

Nun durfte Andy Fetscher (Regisseur von u. A. BUKAREST FLEISCH und URBAN EXPLORER) ran, um das Halloween-Special FÜRCHTE DICH herunter zu kurbeln und was soll ich sagen – ditt Ergebnis war dufte! Frankfurt der Ort, dunkel die Nacht und wahrlich hemmungslos schmeißt der gute Mann mit allem um sich, was die Horror-Landschaft an Tropes, Motiven und Stilmitteln zu bieten hat. 

Ein seltsamer alter Mann stirbt beinahe vor den Toren von Kommissar Brix’s (eindeutig an altmodische Spukhäuser angelehnten) Villa, seine esoterisch angehauchte Frau/Freundin/Partnerin/Mitbewohnerin Fanny beginnt komplett am Rad zu drehen, er hingegen geht einem geheimnisvollen Baby-Skelett nach, welches er nach dem unwirklichen Ereignis auf dem Dachboden findet und schnell werden die Figuren in einen Strudel gezogen, welcher schnurstracks in der überaus dunklen Vergangenheit des Gebäudes, einem ehemaligen Waisenhaus endet. Angesiedelt um misshandelte Kinder, eine in ihrer verzweifelten Suche nach dem eigenen Sohn ertrunkene Hausdame und Verstrickungen bis in die höheren Machtkreise des Stadtteils hinauf, ist das Fundament des Films, die eigentlichen, verdammt unterhaltsamen Qualitäten liegen jedoch an anderer Stelle.

Fetscher zitiert was das Zeug hält, ein Genre-Klassiker, bzw. ein zum Trope gewordenes Motiv nach dem anderen dient als Inspiration – klingt abgedroschen, den Unterschied zum hunderttausendfach existenten, zumeist vollkommen uninspirierten Futter für Horror-Hounds bilden jedoch das Selbstbewusstsein und die pure Freude mit der der Regisseur neben klassischer Haunted-House- und Backwood-Ästhetik auch ein surreales Spiel mit der Wahrnehmung bedient und am Ende sogar die Gewalt-Horror Fascho-Karte zieht. Fetscher wählt all diese Tropen und Klischees nicht, weil er sich nicht anders zu helfen wusste – zumindest fühlt sich FÜRCHTE DICH nicht hilf- und ziellos inszeniert an – sondern lässt eine tiefe Liebe für den Horror aus seinen Bildern sprechen.

Klingt dennoch alles andere als subtil? Richtig, ist es nicht, ganz im Gegenteil. Der Beitrag trägt mit all den Elementen, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit Sonntags um 20.15 Uhr die Herzschrittmacher und Treppenlifte des Langweiler-Publikums stehen lassen werden, gleich dreifach dick auf. Herrlich. Türen knallen zu, atonale Streicher setzen ein, Nebel, Visionen, Wahn in der einen Szene, die tragische Besessenheit eines kleinen Jungen durch die vermoderte Zombie-Mutter, welche ihm beklemmende Mordanweisungen ins Ohr flüstert, um verspätete Rache an den einstigen „Peinigern“ zu nehmen in der anderen und die Liste weiterer köstlich überzogener Eskapaden ließe sich beliebig fortsetzen.

Stimmig wird das filmische Resultat jedoch – Fetscher’s Liebe zum Genre hin oder her – erst durch die handwerkliche Kompetenz des Filmemachers. FÜRCHTE DICH zeigt nicht bloß sondern wirkt. Durchweg gelingt es dem Film, eine unwirkliche, entrückte Stimmung zu erzeugen, die mit festem (wenn auch nicht knallhartem) Griff um die eigenen Eingeweide durch die Handlung schleift, ohne dabei zu bierernst daher zu kommen. Gute Genre-Vertreter finden Irrsinn unter dem Tarnmantel der Normalität und so fängt Dernbecher’s Kamera hier bereits auf bizarre Weise en, wie eine alte Dame Kuchen ist, ein Alter Mann einen Anfall erleidet, oder Ego-Lady Fanny ihre seltsamen Séancen abhält.

Rundum stark, aber – wenn überrascht’s – dem konservativen Schnarch-Publikum passten derartige „Experimente“ natürlich mal wieder überhaupt nicht in den Kram – man wolle doch bitte „einfach nur Krimis sehen“ und „das alles habe ja schließlich überhaupt keinen Sinn gemacht“! Was datt denn hier, nein, so geht es ja nun wirklich nicht, um Abwechslung hat nun wirklich NIEMAND gebeten. Und wenn die Masse solch fundierte Kritik an dem vielleicht einzigen formell interessanten TATORT des letzten Zeitraums X formuliert, entscheidet die kunstfeindliche Sender-Leitung natürlich im Zweifel gegen den Angeklagten und versichert hoch und heilig und heuchlerisch, dass derartige Experimente in der Zukunft natürlich begrenzt werden. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich zur besten Sendezeit gar Kreativität und Leidenschaft entfalten würden? Spackos!


Wertung
8 von 10 Rache getriebenen Geistern


Ich bin viel zu spät dran mit dem Review (das #horrorctober-Podcasting hat mich einfach schachmatt gesetzt) aber wenigstens eine Woche (bis 28.11.) könnt ihr FÜRCHTE DICH noch in der ARD MEDIATHEK sehen. Seid schnell, die Chancen für Wiederholungen schätze ich bei der traurig-katastrophalen Resonanz als gering ein.


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