(Neuer) deutsch(sprachig)er Genrefilm #4: Hai-Alarm am Müggelsee (2013)


Trailer © by Warner Home Video


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Satire, Komödie, anti-Film, Trash
Regie: Leander Haußmann, Sven Regener
Drehbuch: Leander Haußmann, Sven Regener
Besetzung: Henry Hübchen, Anna-Maria Hirsch, Michael Gwisdek, Uwe Dag Berlin, Tom Schilling, Annika Kuhl, Benno Fürmann, Detlev Buck, Katharina Thalbach
Kamera: Jana Marsik
Musik: Leander Haußmann, Sven Regener
Schnitt: Christoph Brunner


Review
Bademeister: „Watt jefährlich? Hier is‘ nüscht jefährlich! Wannsee is‘ jefährlich, Müggelsee is‘ nüsch jefährlich. Unten is‘ jefährlich, oben is‘ nüsch jefährlich. Und warum? Weil hier jemacht wird, watt der Bademeister sagt!“

Frontal-Trash mit Ansage, eine Ode an den anti-Film, Gesellschaftssatire Deluxe – HAI-ALARM AM MÜGGELSEE ist eine Groteske der ganz eigenen Art und eine absurde Abhandlung über das Mensch-sein (und die Menschheit) im 21. Jahrhundert. Am Müggelsee ist Hai-Alarm – bis in’s Kleinste geplant vom Stadt-Marketing und der „Arbeitsgruppe Hai-Alarm“. Was nun? Nix. Keine Tagesordnung. Es ist doch Hai-Alarm, jetzt ist alles evakuiert.

Sich diesem Film nach den „normalen“ Regeln filmischer Werke zu nähern, ist sicher zum tosenden Scheitern verurteilt, denn das Ergebnis kann nur lauten: Das Tempo des Films? Lahm. Die Story? Ein (schlechter) Witz. Die Figuren? Klischee-Abziehbildchen von all den stereotypen Menschen, denen wir tagtäglich begegnen. Wirkung? Gespielt werden diese Nicht-Figuren hingebungsvoll auf einem sub-GZSZ-Niveau, das seinesgleichen sucht.  Doch was ist „gutes“ Schauspiel? Die Darsteller, allen voran Benno Fürmann, der hier die Rolle seiner Karriere abliefert, aber auch Tom Schilling, Henry Hübchen, oder Anna-Maria Hirsch geben alles und eins sollte im Hinterkopf behalten werden: hölzern, übertrieben, oder schlicht unterirdisch will auch gekonnt sein und hier wird auf diesem Sektor ein Meilenstein gesetzt: Haarsträubende Dia- und Monologe, unsinnige Sequenzen voll reiner Idiotie und all dies durchzogen von der tief verankerten Melancholie des Lebens am Müggelsee.

Abgesehen von der überragenden Filmmusik ist alles in diesem Werk mit konsequenter, maximaler Effizienz auf Müll getrimmt. Random? nein, sondern weil es genau so Sinn macht! Weil Leander Haußmann und Sven Regener (die das Drehbuch schrieben, die Musik einspielten und den Film inszenierten, so wie auch produzierten) scheinbar sehr ausführlich und intensiv die Menschen beobachtet haben – wie sie sind, was sie tun, was an ihnen schräg ist, welche Klischees sie bedienen und wie sie doch immer wieder den Stereotypen entsprechen, die man gesehen haben muss, um zu begreifen, dass sie keine Erfindung Scheuklappen-tragender Schubladendenker sind – und sich genau diese Form als die passendste herausstellt, um zu zeigen wie seltsam doch das Leben eigentlich ist.  Diese Welt voller Wichtigtuer, voller sinnloser Signalpolitik und voller armer Seelen, die doch eigentlich alle nur hoffen irgendwann mal ihre 15 Minuten Ruhm zu bekommen. HAI-ALARM AM MÜGGELSEE überzeichnet ab und an beinahe auf ein dadaistisches Level, aber bricht dabei gekonnt menschliches Verhalten auf dessen Essenz herunter: Wie wir aus Mücken Elefanten machen und uns wichtiger nehmen als wir sind, während wir unseren utopischen Träumen hinterherlaufen. Wie der Innovations- und Wirtschaftszwang des 21. Jahrhunderts alles zum Business macht und Katastrophe zu Entertainment wird. Dass Dialog oft nur Monolog ist und wir eigentlich meist nur uns selbst, anstatt auch mal anderen zuhören. Dass die Politik uns reichlich Unsinn auftischt, es aber keinen interessiert, so lang es „Freibier“ gibt. Und noch viel mehr – aufmerksame Zuschauer können in jeder Einstellung einen Spiegel von Mensch und Gesellschaft erkennen – Mitläufertum der einfachen Befehls-Befolger, Profilierungswut dynamischer Karrierefreaks, oder Arroganz die durch das liebe Geld entsteht. Alles drin.

Der reiche Mann von Friedrichshagen: „Warum? Weil das hier mein Schwimmbad ist! Und wenn hier keiner ins Wasser geht, dann mach‘ ich den Laden dicht. Dann seid ihr alle euren Job los. Dann kommt ein riesen Arsch aus dem Himmel und scheißt euch richtig zu!“

HAI-ALARM AM MÜGGELSEE ist keine Komödie im klassischen Sinne, man sitzt nicht da und wird von eng getakteten Pointen zum Totlachen gezwungen, viel mehr sorgt die dauerpräsente Skurrilität von ausnahmslos allem Gezeigten für ein omnipräsentes Grinsen von Ohr zu Ohr. Köstlich was da so passiert, könnte man sagen: Arm ab und dann? Die blonde Schnalle vom Städtemarketing Friedrichshagen stellt ’nen drei Punkte Plan auf: a) Hai-Alarm, b) weiter wie bisher und c) keiner geht mehr ins Wasser – aber positiv. Was tun? Dem Bürgermeister wäre a) am liebsten, denn a) bringt Popularität und Ruhm, vorausgesetzt der Wannsee und co. ziehen nicht mit. Das weiß auch die Blonde vom Städtemarketing Friedrichshagen, also sollen die da halt Karpfen-Alarm machen, Hai-Alarm ist und bleibt am Müggelsee – und zwar NUR am Müggelsee. Zumindest nachdem der Bürgermeister und super-Bad-Ass Snake Müller das Formular für Hai-Alarm unterzeichnet haben und die Arbeitsgruppe ihr Okay gegeben hat. Allein diese drei Optionen und der Umgang mit ihnen, bilden eine gelungene Allegorie auf die aktuelle Tagespolitik: Erst ignorieren, dann dementieren, wenn es aufgedeckt wird klein-reden und wenn dann gar nichts mehr hilft überzogene, medienwirksame Maßnahmen treffen, die vor laufender Kamera mit reichlich Hohlphrasen garniert werden.

Wahrscheinlich ist dieser Film für die meisten nur ein Riesen Haufen inhaltsleerer Schwachsinn, der nicht mal sonderlich witzig ist – wäre zu verstehen, zu sehr totalverweigert er sich gängigen Konventionen – doch für mich trifft er genau, aber wirklich haargenau einen Nerv. Böse Zungen wollen das Werk abwerten, „wer sowas möge, der möge wohl auch Helge Schneider“ heißt es – und sie haben Recht! Haußmann und Regener reflektieren versteckt (doch erstmal erkannt nicht mehr übersehbar) und punktgenau die Gesellschaft und ihre seltsamen Eigenarten. Sie zeigen das Leben in einer tristen Melancholie aus Langsamkeit und Bestimmungslosigkeit, die ich in der Form bis jetzt nur aus PRAXIS DR. HASENBEIN (ebenfalls ein Film dem völlige Inhaltslosigkeit vorgeworfen wird, was bei mir nur Kopfschütteln hervorruft) und leider auch zuhauf aus der Realität des Alltags kenne.

HAI-ALARM AM MÜGGELSEE ist so real wie verschallert und ein absoluter Hauptgewinn für Freunde des abseitigen Humors – einer der besten deutschen Filme der letzten 20 Jahre!


Wertung
9 von 10 dauerhaften Hai-Alarmen


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
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11 Gedanken zu „(Neuer) deutsch(sprachig)er Genrefilm #4: Hai-Alarm am Müggelsee (2013)“

  1. Oh, es handelt sich hierbei tatsächlich um eine Satire? Und ich dachte schon, nach dem „Hai-Alarm auf Mallorca“ wär der nächste „ernste“ Hai-Film von Deutschland gedreht worden. Jetzt haste mein Interesse tatsächlich geweckt

    1. Für mich sogar DIE Satire der letzten Jahre. Wenn man selbst viel beobachtet, wie die Menschen so vor sich hin leben, findet man im Sekundentakt großartige Seitenhiebe auf Gesellschaft, etc.

Und eure 2 Cents?