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Serie: Mr. Robot – Season #1 (2015)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Universal Pictures Germany


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Mystery, Mindgame, Gesellschaftskritik
Showrunner: Sam Esmail
Network: NBC, Universal Cable
Crew (Writer, Director, Cinematographer, Editor): IMDb-Übersicht
Besetzung: Rami Malek, Christian Slater, Portia Doubleday, Carly Chaikin, Martin Wallström, Stephanie Corneliussen, Michel Gill, Michael Cristofer, Sunita Mani, Ron Cephas Jones, Ben Rappaport, Frankie Shaw
Musik: Mac Quayle


Review
Wir schreiben das Jahr 2015 – alles ist digital.

Alles? Vielleicht nicht ganz, doch es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass ein Großteil der Bewohner unseres Planeten (und zwar nicht bloß der westlichen Industrie-Nationen), die über einen freien Netz-Zugang verfügen, bereits ein beachtliches, nicht weg zu diskutierendes Stück seiner Lebensrealität ins Internet verlagert hat. Sich auf Social-Media-Platformen in möglichst gutem Licht darstellen, mit Selbstoptimierungs-Apps Ernährung, sportlichen Einsatz und Vitalfunktionen überwachen, jegliche Kommunikation per Messenger oder Chat – das alles ist ein so essentieller Teil unseres Lebens geworden, dass nur die wenigsten überhaupt noch bewusst reflektieren, in welchem Maße das Netz sich in unseren Alltag eingeschlichen hat.

Ohne Cloud geht nichts mehr, Bluetooth-Zahnbürsten und WLAN-Barbies sind nur die aktuelle Spitze des Eisbergs und man muss nicht wirklich tief in die Materie abtauchen, um eine wichtige Erkenntnis zu erlangen: Online und Offline sind untrennbar geworden, beide Welten so fest miteinander verwachsen, dass Online-Fehltritte bereits reale Persönlichkeiten zu Fall bringen können, oder Ihnen zumindest merkliche Nachteile bescheren. Und da liegt der Punkt. Die schier unendliche Fülle an persönlichen Informationen, abrufbereit auf den Server-Farmen dieser Welt, bedeutet, sofern richtig genutzt, vor allem eins: Macht. Je mehr jemand die zugrundeliegende Technik bis ins Letzte durchdrungen hat, ihre Fehler kennt, umso mehr kann er sich diese Macht aneignen.

Interessant daran ist vor allem, dass die Menge der Personen, die die Technik, auf die sie täglich zurück greifen, tatsächlich noch verstehen, zwar sicherlich steigt, allerdings das Grundverständnis eines Durchschnittsnutzers kontinuierlich schrumpft. Zu einfach ist es, die vielen tollen Funktionen der wundersamen Blackbox-Gadgets namens Smartphone & co. lediglich zu nutzen, um vermeintliche Lebensqualität zu gewinnen, anstatt zu versuchen ihre Arbeitsweise zu verstehen. Ein Klick und alles läuft. Bei der Zunahme an Komplexität aller uns umgebenden Devices geht es wahrscheinlich nicht anders, doch machen wir uns nichts vor, der Einzelne wird angreifbarer. Ist zunehmend davon abhängig, dass Sicherheits-Pros der Entwicklungsabteilungen von herstellern die Sache im Griff haben.

Und genau da – bei der Macht der Daten, ihrem Missbrauch und der Ohnmacht die folgt – setzt MR. ROBOT an. Konzerne sammeln Daten für optimierte Werbung, Trojaner sammeln Daten für kriminelle Machenschaften (ob ersteres nicht auch unter diese Kategorie fällt, ist zu diskutieren) und das wichtigeste, wir alle schmeißen wie wild geworden mit Daten um uns. Wer die richtigen Mittel und Wege kennt, kann umfassende Einblicke in (freiwillig) blank gezogene Existenzen erhaschen. Und diese Erkenntnisse dann zum drastischen Druckmittel instrumentalisieren.

Protagonist Elliott, verkörpert von einem Rami Malek, der in dieser Rolle alles und jeden gegen die Wand spielt, ist ein hochgradig fähiger Computer-Geek, verbringt seine Tage mit monotoner Arbeit in einer Cybersecurity-Firma, die Nächte jedoch, verstrahlt auf sorgsam kalkulierten Mengen Morphium, auf Raubzug in den Tiefen des Netzes. Ausgeschlossen aus der düsterer, “realen” Welt, zu der er nie wirklich Zugang gefunden hat. Seine Freunde, seine Kollegen, seine Therapeutin – er weiß alles über sie, ohne groß investieren zu müssen, denn wie er immer wieder abfällig aus dem Off betont, ist die Simplizität der allgemeinen Passwort-Wahl, kaum der Rede wert – Name des Haustieres, Geburtsdatum, Lieblingsband, alles Informationen, welche in den diversen Social-Media-Profilen der Ziele offen einsehbar sind. Dann ein wenig variieren. Dann drin. Und schon geht das Abgreifen ganzer Lebensinhalte los, die Macht über die jeweilige Person steigt von Klick zu Klick. Jeder hat mal mehr, mal weniger dunkle Geheimnisse und bunkert sie mit Vorliebe dort, wo er sie sicher aufbewahrt vermutet. Betonung auf “vermutet“. Doch Sicherheit gibt es nicht, erst recht nicht, wenn Glasfaser-Leitungen im Spiel sind.

Wir erfahren all dies, weil Elliott es uns als zusätzlichen Layer über den (eigentlich äußerst aussagekräftigen) Bildern direkt erzählt. Uns anspricht, an die Hand nimmt und aus dem Off die Narration leitet. Das mag auf Anhieb komisch klingen, ist doch derart erklärendes Geplapper allzu oft nur letzter, unbeholfener Ausweg in erzählerisch unkreativen Werken, die es nicht vollbringen die Bilder für sich sprechen zu lassen. Doch dass wir uns in MR. ROBOT als imaginärer Freund des Protagonisten in den Tiefen seines Kopfes einnisten und als begleitende Instanz dort immer präsent bleiben, ist ein erzählerischer Kniff, der in Bezug auf das Innenleben und die psychischen Anomalien dieser Figur nicht nur Sinn macht, sondern sogar aktiv zu Formung und Verständnis ihres Charakters beiträgt. Wir erleben mit ihm die übergeordnete Geschichte um einen groß angelegten Hacker-Angriff und lernen so aus erster Hand, dass auf Elliott’s Wahrnehmung wenig Verlass ist, werden von seinen Stimmungen mitgerissen und entwickeln zunehmend die nötige Skepsis gegenüber den offensichtlichen Dingen – eine Welt läuft aus dem Ruder und wir mit ihr, denn den Bildern voll zu trauen, die wir durch Elliott sehen, wäre so sicher wie das Passwort “0123456789“.

Was sich aus dieser Unsicherheit in den folgenden, unglaublich düster und beklemmend inszenierten Episoden für ein immenser Level an emotionaler, wie auch inhaltlicher Paranoia entspinnt, ist nicht weniger als ganz großes Kino. MR. ROBOT formuliert die sozialen Probleme und psychischen Schwierigkeiten des gestörten Antihelden treffend aus, lässt ihn wie einen Geist durch eine beängstigende Noir-Welt schweben, aber verharrt nicht auf der persönlichen Ebene, sondern hebt sein Schaffen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext – warum die überdurchschnittlichen Fähigkeiten nicht nutzen, um das zu tun, was einst schon Ton, Steine, Scherben besangen: kaputt zu machen, was uns kaputt macht?

Im Zuge des Kampfes einer Hacker-Gruppe – angesiedelt um den namensgebenden Anführer “Mr. Robot“, welcher Elliott sich schnell, aber nie ohne verbleibende Skepsis, angeschlossen hat – gegen den Mega-Konzern E-Corp (in der Serie durch Elliott’s Wahrnehmungsbrille immer und überall passend als “Evil-Corp“ dargestellt), keimen sowohl packende Thriller-Spannung, wie auch höchst spannende Fragen zur Entwicklung unserer Systeme auf: Wie sicher ist eine Gesellschaft noch, in der irgendwann alles, jegliche Information, die über Leben und Tod entscheiden kann, auf Servern liegt, aber plötzlich die Backups kaputt sind? Wie sicher ist das Wirtschafts-System, welches bereits ein ultimative Daten-Crash mit globalem Fallout zum Sturz bringt? Und wie verzerrt ist unser Leben, wenn durch einen Kollaps des Netzes große Teile unserer Existenz gleich mit kollabieren?

In den angedeuteten Antworten ist MR. ROBOT glücklicherweise keineswegs Fortschritts-feindlich – das wäre für eine Hacker-Serie auch höchst problematisch – sondern eher fatalistisch. Der Subtext sagt uns, dass wir bereits erfolgreich in eine Sackgasse manövriert sind und die Gesellschaft vor die Hunde geht, wenn alles weiter läuft wie bisher. Business as usual die übergeordnete Prämisse bleibt. Und dass die einzigen, die die Macht hätten diesen Status Quo merklich aufzubrechen, so sehr damit beschäftigt sind, sich bis ins Unermessliche die Taschen vollzuladen, dass aus dieser Richtung keine Hilfe zu erwarten ist.

Dem ein oder anderen mag MR. ROBOT sicher zu nah an diversen, zeitweise mehr als offensichtlich zitierten Vorbildern entlang schrammen. Point taken. Doch fällt das wirklich arg ins Gewicht, wenn es den Machern doch durchweg gelingt uns zu vermitteln, dass sie sich durchaus bewusst sind, wie stilprägend die gezeigten Pfade bereits bewandert wurden und sie sich daher mächtig und mit geglücktem Resultat ins Zeug legen, um diesen knappen zehn Stunden einen eigenen Spin und Charakter zu geben? Ich denke nicht. Und so ist MR. ROBOT ein fantastisches Spiel mit Realität, Täuschung und Wahn, dessen kritische Untertöne immer wirkungsvoll bleiben und das nicht selten am Ende einer Episode ungläubig und mit aufgeklapptem Kinn da sitzen lässt.


Wertung
9 von 10 nächtlichen Beutezügen auf Morphium


Veröffentlichung
MR. ROBOT ist eine Produktion des NBC / Universal Cable Networks und in Deutschland bei Amazon Prime per Video on Demand und bei Universal Pictures Germany als BluRay und DVD erschienen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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5 Gedanken zu „Serie: Mr. Robot – Season #1 (2015)“

    1. Super, mach mal! Ich kann mir auch kaum vorstellen, warum einem diese Serie nicht gefallen sollte. Die einzigen negativen Stimmen, die ich auf MP und anderen Portalen aufschnappen konnte, gingen in Richtung: “Da passiert ja gar nichts, sau langweilig.” Aber wie kann in einer Serie, die den Zuschauer voll in den Kopf des Protagonisten katapultiert denn “nichts passieren”?

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