Film: Vertigo (1958)


Trailer © by Universal Pictures Germany GmbH


Fakten
Jahr: 1958
Genre: Mystery-Thriller, Drama
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Samuel A. Taylor, Alec Coppel
Besetzung: James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones
Kamera: Robert Burks
Musik: Bernard Hermann
Schnitt: George Tomasini


Review
Millionenfach verehrt, tausendfach zitiert, hundertfach kopiert – und nun zum ersten Mal von den 800+ Kritikern und Filmwissenschftlern der Sight & Sound-Umfrage zum “Besten Film aller Zeiten” gewählt: Alfred Hitchcock’s VERTIGO!

Zu recht ist dieses Label streitbar, im Grunde genommen kann man es bis an einen Punkt hinterfragen, der offen und ehrlich freilegt, wie wenig sinnhaft es ist, weil eine solch kurz und knappe Phrase niemals auch nur ansatzweise die relevanten, überwiegend höchst subjektiven Wirkungsmechanismen und Mysterien des Mediums Film in sich aufnehmen und berücksichtigen kann – “gut”, was ist das eigentlich? Da geht es schon los. Diesen gottgleichen Status aber mal außer Acht gelassen, kann in Bezug auf VERTIGO eine Aussage getroffen werden, die alles andere als streitbar ist: VERTIGO ist ein verdammt guter Film. Ein vielschichtiger, atmosphärischer, herausragender Film, der seiner Zeit weit voraus war und erst bei wiederholtem Schauen seine vielen besonderen Aspekte offenbart (ich selbst habe sicher noch nicht ansatzweise alles entdeckt, was Hitchcock hier verpackt hat).

Damals, beim ersten Schauen, hat der Film mich vor allem formal beeindruckt und sicher ist diese Faszination geblieben, aber nun sehe ich da noch so viel mehr. Dazu später, denn um an die visuelle Faszination anzuknüpfen, reicht es sich den Vorspann des Films vor Augen zu rufen! Ich zähle ihn nach wie vor (und werde es immer) zu den visuell gelungensten und vor allem sinnvoll-zweckmäßgsten Effektspielereien der Epoche – während ein X-beliebiger BOND-Vorspann auch schon damals toll aussah, allerdings nicht mehr als das, nimmt der Hitchcock-Strudel, ein Symbol was den Film immer wieder durchzieht, gefangen, lässt den Zuschauer direkt in den Äther der mysteriösen VERTIGO-Welt eintauchen und ahnen, dass sich hier etwas starkes, intensives anbahnt, dessen Sog ganze zwei Stunden nicht abreißen wird.

Dabei beginnt alles so einfach, so klar: Bei einer fußläufigen Verfolgungsjagd auf San Francisco’s Dächern erlebt James Steward’s Figur Scottie übles und bleibt traumatisiert zurück. Krasse Höhenangst macht ihm den weiteren Polizeidienst unmöglich, als privater Ermittler wird er jedoch von einem alten Freund mit der Beschattung von dessen Frau betreut. Diese benimmt sich seltsam, soll suizidale Tendenzen aufweisen. Nach und nach wird Scottie immer mehr Opfer seiner Sinne – Realität, Wahn, Übersinnlichkeit, all diese Eindrücke beginnen zu verschmelzen und formen eine neue, unzuverlässige Wahrnehmung voller Zweifel und Trug.

Inszenatorisch ist VERTIGO über jeden Zweifel erhaben. Der Film zelebriert die Langsamkeit selbst für damalige Verhältnisse enorm, gibt an echten Drehorten in wundervoll fotografierten Einstellungen den mysteriösen Aspekten der Handlung viel Wirkungsraum und beweist, dass darin der Schlüssel zu beunruhigender, echter Spannung liegen kann. Wie nur wenige sonstige Filme (alt und neu) erschafft VERTIGO durch seine Machart die perfekte Immersion – man sitzt neben Scottie in seinem Wagen und taucht schleppend Meter für Meter tiefer in den bedrückenden Horror unter der täuschend einladenden Oberfläche eines belebten San Franciscos ein, ist dabei und fühlt, wie die Stimmung Minute zu Minute mehr in eine mysteriöse Undurchsichtigkeit kippt.

So weit so gut, doch was den Film schlussendlich besonders macht (und auch der Grund ist, warum ich beim erneuten Schauen vom Inhalt noch weit mehr beeindruckt war), ist die Selbstverständlichkeit mit der Hitchcock in VERTIGO Dinge tut, die 1958 noch lange nicht Einzug in die Filmwelt gehalten hatten. Story, Figuren, Aufbau – man kann hier viel wegweisendes finden.

Geradezu mit postmoderner Selbstverständlichkeit jongliert Hitch Genre-Versatzstücke aus Krimi, Romanze, Charakterdrama, Mystery-Thriller und psychologischem Horror, verliert aber nie eines davon aus den Augen, sondern fügt sie stilsicher zu einem neuen, organisch gewachsenen Ganzen zusammen. VERTIGO ist alles, will sich nie auf ein Genre festnageln lassen und bedient sich mit kleineren Zeitsprüngen, traumartigen Visionen und schlussendlich sogar dem Infragestellen der wahr genommen Wahrheit höchst “moderner” Erzähltechniken. Auch die Figuren verblüffen: Typisch für die Fünfziger Jahre ist unsere Hauptfigur natürlich männlich, völlig untypischerweise ist dieser Mann jedoch weder stark noch schillernd, sondern höchst fehlbar, von Problemen und Ängsten zerfressen und allein kaum lebensfähig. Obsessives Verhalten, psychische Probleme und Traumata sind nur einige seiner Bürden – zur Überraschung steht ihm zur Bewältigung dieser aber als best-Buddy eine starke, UNABHÄNGIGE Frau, zur Seite, nämlich Barbara Bel Geddes als Mitch. Zwar ist nicht gänzlich klar ob ihr Verhältnis zu Scottie noch tiefe Freundschaft, oder schon ein leichter Crush ist, aber das tut nichts zur Sache, denn wichtig ist dass sie nicht durch ihn, sondern sich selbst definiert ist, Charakter plus einen selbstbewussten Dickschädel hat und Scottie oft in die Schranken weist . Ein offenkundig als Lustmolch bekannter Filmemacher inszeniert 1958 also die Art von Frau, an der es dem Hollywood-Kino selbst heute noch fehlt – Chapeau!

Desweiteren perfektioniert Hitchcock hier über einen meisterhaften Trick sein Spiel mit der Suspense: er lässt den Zuschauer nicht nur szenisch auf einen “Knall” hinfiebern, sondern erzeugt durch eine frühe Vorab-Enthüllung des entscheidenden Twists bis ans Ende des Films eine kaum auszuhaltende Dauerspannung. Klingt seltsam, ist es doch meist der Twist, welcher den großen Moment markiert, doch dass wir keine Enthüllung, sondern “nur noch” die fatale Reaktion darauf erwarten, hebt das Spiel mit dem Unwissen des Protagonisten auf eine höhere Ebene der psychologischen Intensität.

Vielleicht ist der Film in wenigen Momenten ein bißchen zu theatralisch im klassischen Hollywood-Sinn, vielleicht auch ab und an ein kleines bißchen ZU langsam, doch an sich stimmt in VERTIGO einfach so gut wie alles. Der Film lebt von seiner Atmosphäre, vom sehnsüchtig-verzweifelten (James Stewart) und unnahbar-kühlen (Kim Novak) Spiel der Darsteller, sowie vom langsamen Fortschreiten der geheimnisvollen Story. Letztere ist mit exaktem Gespühr für Timing umgesetzt, auf den Punkt flammen relevante Wendungen und Wechsel auf, nichts wird zu früh, nichts zu spät erzählt und unterm Strich vergeht der Film trotz seiner arg langsamen Erzählweise wie im Fluge. Seit dem Vorspann lässt der Strudel nicht los, sondern zieht uns tiefer und tiefer hinein, zurrt die Schlinge immer fester um den hals und lässt trotz großem Raum für Immersion kaum welchen, um nach Atem zu schnappen. Von Drama, über Mystery, bis Spannung alles drin, fantastisch gespielt und von einem Score zum Niederknien untermalt – da bleibt nur ein Fazit: Zeitlose Filmkunst!


Wertung
9-10 von 10 wiederauferstandenen Schönheiten


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
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2 Gedanken zu „Film: Vertigo (1958)“

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