LP: Curse – Uns (2014)


Quelle: Curse YouTube-Kanal


Wenn man sich so oft um sich selber dreht wie ich, bis man vor Schwindel bricht, fällt man um – und steht für nichts!

Normalerweise blogge ich ja Musik nur relativ kurz und knapp – “das hier ist gut, hört euch das an, es geht in Richtung XY” – weil ich es bei einer, für mich, rein emotionalen Sache wie Musik schwer finde die Essenz in Worte zu fassen.

Aber:
Ich höre ja nun schon sicher 20 Jahre intensiv Hip-Hop (nebst etlichen anderen tollen Musikrichtungen) und bin von Curse’s neuer LP nach 7-8 Hör-Durchgängen in einem seltenen Maße beeindruckt – dazu müssen einfach mal ein paar mehr Worte verloren werden!

UNS ist anders.
Anders als alles was Curse, ein Künstler der in der Vergangenheit vor seiner 6 jährigen Pause stetig durch inhaltsvolle und technisch brillant vorgetragene Texte überzeugte, bis jetzt gemacht hat, aber auch anders als alles was gemeinhin als Hip-Hop bezeichnet wird. Curse rappte immer großartig, war aber früher dennoch Teil von Hip-Hop als Selbstzweck-System: es zählten Rhymeskillz, Doubletime, Conscious-Lyrics, Fame, etc. Doch UNS hat all dies souverän hinter sich gelassen. Curse braucht nicht mehr zu zeigen, dass er technisch und inhaltlich überragend schreiben & rappen kann und das Game verstanden hat. Das haben 5 vergangene Alben erledigt, stehen als Fels im Damals und sprechen auf ewig ihre eigene Sprache.

Nein, wer den Lyrics seines neuen Albums sorgsam lauscht, erkennt hier einen völlig anderen, reiferen Menschen, der durch Abstand zu all diesen Hip-Hop-Hohlphrasen, aber vor allem durch maßgebliche Veränderungen in seinem Leben gereift ist und verwandelt wurde – und diesen Wandel, diesen neuen Curse, in brutaler Ehrlichkeit auf Beats und Flächen verewigt. Das ist das oben genannte beeindruckende an diesem Album: Die Ehrlichkeit, mit der Curse plötzlich ein nie gekanntes emotionales Zelt aufspannt und in diesem neuen Kosmos von Familie, vom Vater-werden und von der Kraft, die er aus der Liebe zu Nachwuchs und Partnerin zieht berichtet.

Du fragst: „Erzählst du mir noch irgendwas?“, hebst müde deinen Blick, smaragdgrünes Licht.
Atmest aus, senkst die Brust, leiser Wind, atmest ein, sagst „Dein Bart riecht nach Zimt“
Der Tag war lang, obwohl sie kürzer werden, während Novemberböen Regen an die Fenster werfen, endet der Lärm auf Baustellen unserer Gedankenstadt, wir haben so oft nur die Nacht – ich bleib mit dir wach!

Das sind Themen, die es in dieser Form noch nie im Hip-Hop gab – ist verboten, geht es doch in dieser Musik meist darum, dass roughe Gs vom Drogenticken und Schlägereien rappen, oder, as meta as it can be, technisch mehr oder weniger gute Rapper davon rappen wie technisch gut sie, bzw. wie wack der Rest eigentlich rappen. Auf dieser Einbahnstraße des selbst-Hypens war auch er unterwegs (wenn auch qualitativ ganz oben) und zog 2009 nach dem letzten Album FREIHEIT seine Konsequenzen – Ende mit Musik, Distanz, das war’s. Doch in dieser Zeit passierte etwas, mit Weitsicht auf die Künste betrachtet, essentielles: Die Inspiration kam zurück. Inspiration wieder Musik zu schaffen, weil nach dem obig zitierten ewig langen “um sich selber drehen” plötzlich wieder etwas zu erzählen war – er scheinbar ein neues Feuer in sich trug, was in die Musik einfließen und sie mit Wahrheit entflammen konnte.

Herausgekommen sind 12 Lieder, die mit Leichtigkeit als gefühlsduseliger Kitsch auf Chart-ähnlichen Popstep-Beats zerrissen werden könnten (und ganz sicher, besonders von “realen Hip-Hoppern”, auch werden) – doch halt: Kitsch, das ist der einfache Weg, Kitsch ist das vorgaukeln falscher Tatsachen, im Grunde genommen nur billige Effekthascherei ohne Wert. Doch was Curse auf UNS an treffender Poesie um die emotionalen Wirrungen des menschlichen Daseins spinnt, ist echt! Egal ob die Texte von dem Entstehen neuen Lebens und der magischen Bindung zweier Menschen im schönen MILLIONEN MAL SCHON oder der Trauer und Hilflosigkeit bei und nach Verlust eines solchen im, auch beim siebten oder achten Hören wieder zu Tränen rührenden KRISTALLKLARER FEBRUAR / FÜR P. handeln, hier lässt ein Künstler sein Inneres sprechen, zieht die Seele blank und reißt (zumindest mich) damit unglaublich mit!

Zwar ist nicht jedes Lied perfekt (und wie gesagt, der Sound auch sicher nicht Jedermann’s Sache), aber im Gros überzeugen die irgendwo zwischen Dubstep, Kammermusik und Hip-Hop angesiedelten Songs enorm. Sollte man sich anhören, denn egal ob eingefleischter Rap- oder abgeneigter Sonstwas-Hörer, wer ein Auge bzw. Ohr für das Wahre hat, wird hierfür einen Platz im Herzen frei machen können.

Wir sind keine schlechten Menschen, doch wir machen so viel falsch, du fragst: “Wo soll das mit uns enden?”, ich sag: “Werd’ mit mir alt.”. Insekten an der Zimmerdecke, stille Zeugen uns’res Streits. Keine Worte könnten mehr verletzen, als wenn du schweigst.

9 von 10 Rap-, Poesie- und Kunst-Sternchen – ein Album, was sein Genre in eine neue Richtung öffnet!



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