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Serie: MARVEL’s Iron Fist – Season #1 (2017)


MARVEL’S Iron Fist (IMDb) – Season #1, 13 Episoden, Netflix – Superheld, Drama, USA, 2017 – Creator: Scott Buck, Kamera: Manuel Billeter, Musik: Trevor Morris, Copyright (Titelbild, Bildausschnitte, Trailer): Netflix


Review
Aufmerksamen Lesern dieses Blogs dürfte aufgefallen sein, dass ich von der ersten MARVEL/Netflix-Zusammenarbeit DAREDEVIL (mit kleinen Abstrichen in den letzten Episoden der zweiten) über beide bis dato existenten Seasons hinweg ziemlich angetan war. Weitere Reviews zu Formaten aus besagter Produktions-Konstellation sucht man jedoch (noch) vergebens.

Im Falle von JESSICA JONES war mir lediglich der Faktor Zeit nicht gnädig, ich aber ebenfalls begeistert und hätte eigentlich gern geschrieben: Ein starker Villain, eine noir’esk gebrochene Hauptfigur, gesunder Rhythmus, viel Spannung und echtes Charakterdrama. Passte. LUKE CAGE hingegen ließ mich einfach nur erleichtert aufatmen, als ich mich endlich vollständig durch die überwiegend drögen 13 Episoden gequält hatte – zu zäh das Erzähltempo, zu uninteressant der Held, zu belanglos die Action. Klar, die Soul-, Funk- und Rap-schwangere Welt von Harlem sorgte für extrem gelungene Stimmung (vielleicht die beste der vier Serien), und die Serie brachte es insgesamt schon auf einige bemerkenswerte Momente, aber dennoch langweilte mich der Stoff fast durchweg. Man muss nicht zwischen jedem Satz eine (gefühlte) Pause von 10 Sekunden einlegen. 

Die letzten Meter der dritten, sowie die vierte Netflix/MARVEL-Produktion also doof – entwickelt sich da etwa ein Abwärtstrend (wie er sich auch spätestens nach Film 5-6 im MARVEL-Filmuniversum einstellte)? Gemach, junger Padawan, ich möchte nicht in die reißerische Clickbait-Meinungsmache der letzten Jahre einstimmen, welche sich einzig in zwei konträren Extremen gefällt (heute ist leider alles entweder Meisterwerk oder der/die/das „schlechteste aller Zeiten“) und nach wie vor offen und voller Vorfreude an die Sache herangehen. Gute Entscheidung, es lohnt sich.

Denn entgegen meiner Erfahrungen mit LUKE CAGE (die ich so ziemlich als einziger öde fand), stellt IRON FIST wieder einen verdammt starken Beitrag zum stetig wachsenden Serien-Universum dar (was die Kritiker-Gemeinde hingegen VÖLLIG anders sieht). Es mag an meinem ausgeprägten Martial-Arts-Crush liegen, der in einigen (wenn auch nicht allen) Kampfsequenzen ausgiebigst genährt wurde, vielleicht auch am Inhalt, der sich, trotz diverser Ausflügen in nicht immer fruchtbare Gefilde am Wegesrand, immer meist wieder zielsicher in moralischen Dilemmata verbeißt, ganz sicher trug auch die düstere (immer gut), von kühlen Synthwave-Klängen schwangere (noch besser) Atmosphäre ihren Teil bei. Aber von vorn.

Ich kannte die Immortal Iron Fist im Vorfeld gar nicht – mittlerweile habe ich direkt Comics hinterher geschoben – und wusste somit absolut nicht, was mich erwarten würde. Für ähnlich unwissende ein kurzer Abriss: Danny Rand ist Sohn des Gründers des global agierenden Rand-Konzerns, wurde aber für tot erklärt, nachdem er als Kind, gemeinsam mit seinen Eltern, über dem Himalaya-Gebirge mit dem Flugzeug abstürzte. Von Mönchen gefunden und aufgezogen, bildete man ihn in der geheimnisvollen Stadt K’un-Lun über 15 Jahre zur knallharten Waffe aus – seine Bestimmung: mit seinem Leben den mysteriösen Ort gegen „The Hand“ zu verteidigen.

Doch von der Suche nach der eigenen Identität zurück in die Heimat getrieben, taucht Danny als verzottelter, zunächst in regelrecht esoterischer Ruhe verharrender Unbekannter in NY auf. Die Rand Company wird mittlerweile von Sohn und Tochter des ehemaligen Geschäftspartners seines Vaters geleitet, die ihn für einen verstörten Penner halten – ein Kampf gegen die früheren Freunde und um Anerkennung der eigenen Existenz beginnt, nimmt bald schon ungeahnte Bahnen und nach einigen Twists eskaliert die Situation völlig.

Klingt zunächst nach viel Fokus auf den Figuren, sowie ihren schwierigen Konstellationen und tatsächlich nimmt sich Scott Buck’s Serie immer wieder viel Zeit, um das Innenleben dieser zu erforschen. Danny, der träumerisch anmutende Idealist strahlt zunächst eine an Weisheit grenzende Güte aus, kollidiert jedoch immer stärker mit den Hürden der kalten, entemotionalisierten modernen Welt, in der Dollars (oft weit) über Mitgefühl stehen. Er trifft Entscheidungen, weil er Menschen achtet und ihnen das Beste wünscht, der Vorstand der Firma, in dem er sich schon bald den ihm zustehenden Platz erkämpft hat, brandmarkt ihn jedoch nach wenigen vermeintlichen „Skandalen“ als nicht tragbar und versucht alles nur mögliche, um ihn loszuwerden bzw. für wirtschaftlich wichtige Entscheidungen mundtot zu machen.

In Danny stößt dies vor allem Unverständnis und Entfremdung an – in der Hoffnung auf Antworten aus einer Welt, in der er sich nie bis ins Letzte heimisch fühlte, gekommen, muss er mit Entsetzen feststellen, dass sich sein ehemaliges Zuhause noch viel weniger als solches anfühlt. Weil der Kosmos in den er nun wieder eintritt komplex und irrational ist, nicht nach Herz und Verstand handelt, sondern nur durch die Brille der Gier zu begreifen ist – kurzum nicht konträrer zu (dem stets und ausgeglichenes Chi bemühten) Danny sein könnte. In einem Strudel aus Heimatlosigkeit, Enttäuschung, Verzweiflung und vor allem Ungewissheit bezüglich der eigenen Ziele im Leben beginnt sein ausgeglichenes Ich zu straucheln. Wird wütend. Und somit gefährlich.

Gefangen im luftleeren Raum zwischen den Welten realisiert er zudem bald, dass es ihm unmöglich ist, das alte Leben hinter sich zu lassen. Die „Hand“ hat sich während seiner Zeit als Beschützer zwar nie in K’un-Lun blicken lassen, hat aber New York und den Drogenhandel in der Hand (was ganz beiläufig offene Fäden aus DAREDEVIL Season 1 und 2 zusammenführt), die Kämpfe die er als Iron Fist nicht führte, muss er nun als Danny Rand bestehen – und schmeißt sich selbstlos in sie.

Doch nicht nur Danny’s Wandel vom Traumtänzer, zur desillusionierten Kampfmaschine und zurück zur Hoffnung zeichnet IRON FIST (mal sehr gelungen, mal etwas krude) nach, auch seine Gegenüber, die Geschwister Joy und Ward Meachum werden sorgsam gezeichnet. Anfangs lediglich hart und egoistisch anmutend, kommen zunehmend kleine Fragmente der schwer geschundenen Psychen dieser zwei Opfer ihrer eigenen Vergangenheit ans Licht: Dauerhaft, bis es irgendwann irreversibel zu spät war, verwehrte elterliche Anerkennung, das Gefühl trotz aller Erfolge nie zu genügen, der Ausweg, sich in den betäubenden Rausch zu flüchten – nach dem (vermeintlichen) Tod ihres skrupellosen Vaters fehlt es den beiden trotz finanziellen Reichtums und einem Weltkonzern in den Fingern am essentiellsten. Menschlicher Wärmer und Nähe. Doch als Danny unerwartet auftaucht und bereit ist, diese zu geben, ist der Ausgangspunkt eines möglichen Wandels vielleicht schon überschritten.

Ein verlorener Sohn, ein kaputtes Geschwister-Pärchen, ein Heroin schmuggelnder Geheimbund, welcher Tote zum Leben erweckt, viele Betrachtungen zu Moral und Güte, dazu die unfassbar badassige Karate-Lehrerin Colleen Wing, deren wirkliche Stellung in der gesamten Konstellation lange unklar ist, übernatürliche Gegner in heiligen Kampf-Events und noch mehr – IRON FIST macht zunächst eine Menge Fässer auf, führt die Stränge aber nach und nach zu einem großen Ganzen zusammen, in dem die Ereignisse einen hochgradig konstruierten, aber dennoch organischen Fluss ergeben. Eine gewisse Vorhersehbarkeit muss man der Serie dabei leider (vor allem in der Vorbereitung der großen Twists) attestieren, doch das kann sie für mich durch zahlreiche andere Qualitäten ausgleichen: Charismatische Darsteller, besagte überfette Fights und die dichte Stimmung.

Wenn es knallt, dann richtig und Finn Jones (bzw. seine Kampf-Doubles) wirbelt wie ein Berserker in irren Kung-Fu Techniken durch die Lüfte. Obwohl seine glühende Faust, sowie zig weitere Story- und Filmwelt-Elemente natürlich eine fantastische Komponente darstellen, bleiben die Choreografien dabei bodenständig und greifbar, was sie nur umso faszinierender macht. Echte Bewegungsabläufe, pure Kinetik, statt zerschrotteter Computer-Städte und überforderndem Krawall – für eine US-Produktion wird in IRON FIST an ungewöhnlicher Stelle, aber dafür richtig aufgefahren.

Auch punktet die Serie – ihrer Vorlage geschuldet – durch eine interessante Mythologie. Danny, als kleiner Junge in der geheimen Stadt, deren Pforten sich nur alle 15 Jahre einmal öffnen, zur gefühllosen Kampfmaschine erzogen, ist tief in sich immer noch viel zu viel Mensch, um seine Bestimmung ohne Widerrede zu erfüllen – vom Werdegang dieses Helden, der immer wieder auch Kämpfe mit Teilen des eigenen Selbst ausfechten muss, sowie den Mönchen aus K’un-Lun würde ich gerne mehr sehen (eine Aussage, die ich nicht oft über Superhelden treffen kann).

Und so ergibt sich in Summer eine ziemlich gelungene Ergänzung zum MARVEL/Netflix-Serienuniversum, die mich endgültig hungrig auf die Zusammenführung dieser Helden im kommenden DEFENDERS-Format werden lässt.


Wertung
8 von 10 mal ausbalanciertes Chi


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3 Gedanken zu „Serie: MARVEL’s Iron Fist – Season #1 (2017)“

  1. Also ich stimme dir insofern zu, dass die Martial-Arts-Einlagen großartig waren und auch was Danny an sich betrifft. Er ist schon eine interessante Figur mit viel Spannungspotential, wenn (Zen-)(Kampf-)Buddhismus auf die Anzugträger in New York trifft. Aber dramaturgisch hat mich die Serie nicht überzeugt und ich musste mich ziemlich zwingen einzuschalten. Das größte Problem waren dabei für mich Joy und Ward, deren Meinungen und Seitenwechsel es mir schwer gemacht haben. Sie wirkten auf mich manchmal wie ein dramatisches Mittel, dass immer dann eingesetzt wird/seine Meinung ändert, wenn die Handlung gerade auf der Stelle tritt. Auf die Defenders freue ich mich auch, aber Iron Fist blieb etwas hinter meinen Erwartungen zurück.

    1. Ich hab bei Joy und Meachum ihr (zugegebenermaßen tatsächlich oft sehr sprunghaftes) Verhalten ganz gut über das komplett kaputte Verhältnis zu dem Vater kaufen können.

Und eure 2 Cents?