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Film: Praxis Dr. Hasenbein (1997)


Titelbild & Trailer © by Universum Film GmbH


Fakten
Jahr: 1997
Genre: Satire, Nonsens, Komödie, Trash
Regie: Helge Schneider
Drehbuch: Helge Schneider
Besetzung: Helge Schneider, Peter Berling, Andreas Kunze, Horst Mendroch, Bernhard Sondermann, Werner Abrolat, Carina Berns, Carlos Boes, Bernd Jungkurth, Bodo Österling, Peter Thoms, Andrea Rottmann, Norbert Losch
Kamera: Serge Roman
Musik: Helge Schneider
Schnitt: Andrea Schumacher


Review
„Wir sind die 5 vom Waisenhaus und Tante Uschi gibt einen aus, für jeden eine Currywurst, nur der Carlos hat noch Durst… Wir sind die 5 vom Waisenhaus und Tante Uschi gibt einen aus, für jeden Eis mit Sahne, nur Bodo will Banane… Wir sind die 5 vom Waisenhaus und Tante Uschi gibt einen aus, für jeden einen Stinkekäse nur Annegret kriegt Mayonaise“

Stinkekäse und PRAXIS DR. HASENBEIN, das gehört zusammen und die meisten – selbst Helge-Schneider-Fans – erinnern sich bei diesem Film wohl lediglich an eine Komponente: den miefigen Gestank einer unerträglich lahmen Reise in die Mottenkiste. PRAXIS DR. HASENBEIN schmeckt wie Käsefüsen. Nach Stinkekäse? Doch, wie heißt es so schön: „LECKER, Papa! Stinkekäse!“. Ja, und lecker ist sie, diese Ode an die Einsamkeit, diese nachdenkliche Abhandlung über die Tristesse der Klein(st)stadt, diese kritische Auseinandersetzung mit den Problemen und Hürden alleinerziehender Elternteile.

Langsam und tief-melancholisch lebt man vor sich hin, in Kargesloch, wo Dr. Angelika Hasenbein sich durchschlägt. Sich und sein Peterchen – man muss ihn lieben, geboren auf unergründlichem Wege („Keine Frau, nur nen Sohn“), ist er aufgeweckt und „spielt immer schön mit dem Ball“, gibt sich trotzig, will nicht „ins Bett? Nööö!“ und gönnt sich „lecker Süppchen“ zum Planschen. Und je mehr wir Teil der kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft von Kargesloch werden, um so mehr offenbart sich uns der versteckte Metropolencharakter: An Entertainment mangelt es im Orte nicht, selbst weltberühmte Bühnenstars sind zur Filmpremiere zu Gast: „Ruck, Ruck, ich bin der Taubenmann“. Wahre Kunst? Oder ist das „der letzte Dreck“?

Auch auf wissenschaftlicher Ebene ist Kargesloch alles andere als hinterwäldlerisch: Dr. Hasenbein ist Vorreiter der Alternativmedizin und lässt die Patienten „Ein Mal zur Wand gucken“. Stimmt die Diagnose? Herr Voss, ein Modezar vor dem Herren muss „noch einmal, noch einmal zur Wand gucken“, um ganz sicher zu gehen. Hasenbein räumt Zweifel aus, schreitet voran und zeigt sich im Falle von Gefahr als abgebrühter Retter: wenn es brenzlich wird, ist er als ausgebildeter Ersthelfer zur Stelle – sein Motto: „Ein Notfall! ………….. Ich komme sofort ……………………………………………….. Bloß schnell keine Zeit verlieren“.

Was Schneider hier schuf, ist keinesfalls nur lahmer Klamauk. Es ist ein Manifest für die Menschlichkeit, dafür sich Zeit füreinander zu nehmen. Dafür, dass auch die durchorganisierte Welt Raum für Unterhaltung bietet: menschlicher Service wird hier groß geschrieben! Bereits am Geld“automaten“ wird der Kunde freundlich mit „WAT IS?“ begrüßt, die kulinarischen Highlights des Ortes resultieren nicht zuletzt aus den zahlreichen originellen Sonderwünschen der Customer („Hey Joe, stell mir doch schon mal ’n paar Pommes kalt“) und Hasenbein revolutionierte bereits Mitte der Neunziger den Arbeitsmarkt – im Vorbeigehen definierte er moderne Anforderungen, die heute ein jeglicher Personalchef an die Neuzugänge stellt (nur dank Hasenbein stellen KANN): die zentrale Aufgabe im Einstellungstest: „TRINK! BRING MIR SUPPE!“

Hasenbein bringt nichts aus der Ruhe, auch keine „Maus“ am Empfangsschalter, lediglich bei Streichen der Kinder vom Waisenhaus wird er fuchsig. Ohne Entschuldigung ist „nicht mehr mit ihm zu rechnen“, als Retour für das Entwenden des Balls wird, ohne Böswilligkeit, „der Hermie NIEDERGEMETZELT„. Das kann nicht mal mehr „Carlos“ regeln – „Er hält sich da raus“.

Käme nicht der schreckliche Krieg könnte er weiterhin schön „die Kochsendung“ schauen und „Überraschungstüten“ kaufen – Nachschub „für den Herren“ käme sicher bald – 30 Jahre später jedoch, ist der Zug abgefahren. Kein Zigarrenladen mehr, Metulskie hat es „in Amerika zu etwas geeebracht“ und das Altersheim ist die letzte Flucht.

Alles grenzgenial, schräg bis zum Umfallen und für den „Normalo-Zuschauer“ wohl kaum erträglich. Schneider geht nach dem Vorgänger 00 SCHNEIDER, der zumindest noch die Andeutung einer Handlung hatte, in eine Haltung der Totalverweigerung. Gegenüber Inhalten, gegenüber Seh-Konventionen, ja streng genommen gegnüber allem, was Film überhaupt auszeichnet. Soll man also wirklich nach dem Sinn in PRAXIS DR. HASENBEIN suchen? Man muss es nicht. Heißt das im Umkehrschluss, dass PRAXIS DR. HASENBEIN wirklich nur und definitiv völliger Nonsens ist? Ich denke nicht. Denn je öfter ich diesen Film sehe, desto mehr fällt mir auf wie sehr Helge doch, auf seine ganz eigene Art, die Eigenarten des Menschen herausarbeitet und in ganz köstlicher Weise parodiert. Keineswegs zeigt das Werk nur belang- und zusammenhangslos irgendetwas – viel mehr finden jede Handlung und jeder Bewohner der Stadt ganz klar ihre Entsprechung in den gängigen Klischees unserer Gesellschaft. Der Smalltalk mit dem Zigarrenverkäufer, die Skat-Klopper in der Kneipe, das Bewerbungsgespräch, der Kunstfilm, die Porree-Oma – einfach alles. Es mag sich einem nicht auf Anhieb erschließen, doch das ist weit mehr, als völliger Unsinn.

Dennoch gilt: Einfach „genießen“, oder eben nicht. Ich tue es und genieße diesen Film, seine großen Momente und vor allem die kleinen, versteckten Pointen immer wieder. Wahrscheinlich schon mehr als zehn Mal gesehen und wahrscheinlich noch weitere 10 Durchläufe.

Lieber Helge, „Was du uns bescheret hast. Mahlzeit!“


Wertung
10 von 10 Überraschungstüten für den Herren (♥)


Veröffentlichung
PRAXIS DR. HASENBEIN ist bei Universum Film GmbH einzeln als DVD und in der HELGE SCHNEIDER BOX erschienen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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4 Gedanken zu „Film: Praxis Dr. Hasenbein (1997)“

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