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Film geschaut: Paterson (2016)


Paterson (IMDb) – Slice-Of-Life, Drama, USA, 2016 – Regie: Jim Jarmusch, Skript: Jim Jarmusch, Kamera: Frederick Elmes, Musik: Carter Logan, Sqürl, Copyright (Titelbild, Bildausschnitte, Trailer): Weltkino


Review
Viertel nach 6. Aufstehen, eine Paar Worte mit der verschlafenen Liebsten wechseln, zum Frühstück Cerealien aus einer Schwarz/Weißen Schale. Dann der Weg zur Arbeit, noch ein Paar Worte, dieses mal mit dem frustrierten Vorarbeiter, Busfahrt 9 to 5. Dann Feierabend, Weg nach Hause, Begutachten der neusten künstlerischen Kreationen im kleinen gemeinsamen Häuschen, dann Diner, dann Gassi gehen, Kneipe, ein Bier am Tresen. Dabei die letzten paar Worte mit dem alten, weisen Barkeeper. Schlafen. Reset. Und wieder von vorn…

Protagonist Paterson befindet sich in einer Schleife der Wiederholung, seine Tage ähneln sich, wie ein Ei dem anderen – doch völlig konträr zum dogmatisch-verpflichtenden Streben nach Mehr in der zeitgenössischen Gesellschaft, stürzt ihn dieser Zustand nicht in eine Sinnkrise, veranlasst ihn nicht zur ständigen Suche nach Verbesserungs-Optionen und potentiellen Möglichkeiten des Aufstiegs. Im Gegenteil – Paterson ist glücklich. Zufrieden. Mit dem kleinen Haus, dem unspektakulären Job. Seinem Leben, genau so wie es ist. 

Obwohl er am Steuer seines Busses auch mal auf die Uhr schielt und im immer gleichen Trott die Zeit zu einer schwer greifbaren Größe wird. Obwohl es ihm wie eine unüberwindbare Hürde erscheint, einige hundert Dollar in eine Gitarre zu investieren, damit seine Freundin ihren Traum (bzw. einen ihrer zahllosen Träume), Country-Sängerin zu werden, realisieren kann. Und obwohl es auch Tage gibt, an denen der stille Paterson ins Melancholische abdriftet und mit getrübter Miene seinen Aufgaben nachgeht.

Ihm geht es dennoch gut, denn er sieht mehr in der Welt, als bloßen Alltag und vermeintliche Tristesse – sein Blick ist verändert, geschärft, sensibel. Alles ist Inspiration. Er findet Schönheit, wo andere nur trübes Grau sehen, er nimmt aktiv wahr, statt die Dinge nur an sich vorbei rauschen zu lassen, und überführt diese Wahrnehmung in kurze Gedichte, an denen er in seinem geheimen Büchlein in jeder freien Minute schreibt. Bereits am frühen morgen, in den wenigen Augenblicken, bevor er den röhrenden Motor seines Busses anlässt, bringt er die ersten Zeilen zu Papier, verarbeitet stetig neue Eindrücke und Gedanken, was in Anbetracht der immer gleichbleibenden Morgen umso unglaublicher erscheint. Ein busfahrender Poet, formal im Stillstand, doch innerlich auf einer nie endenden Reise – ein schönes Spannungsfeld.

Paterson (Film wie Protagonist) befindet sich auf der Suche nach dem Besonderen im Gewand des Normalen – und findet es. In Vintage-Streichholzschachteln, in den verschlafenen Orten der gewöhnlichen Stadt in der er lebt – auch sie heißt Paterson und ist von Jarmusch, ganz im Geiste des Films, trotz (bzw. wegen) ihrer unspektakulären Beschaffenheit als einer der schönsten Orte überhaupt eingefangen – oder in den Wasserfällen eines Parks.

Auf den ersten Blick scheint Jarmusch „nur“ die Aussage zu machen, dass man tief unter die Oberfläche schauen muss, weil die Schönheit überall versteckt liegt. Kennt man ihn und sein (mittlerweile Lebens)werk, drängt sich jedoch die Vermutung auf, dass die Botschaft noch viel weitreichender sein könnte. Wer wirklich hinsieht und sich nicht ablenken lässt (ganz bewusst verweigert sich Paterson in seinem filmischen Kosmos Smartphones, PCs, etc.), wird Schönheit gar nicht erst suchen müssen – sie ist überall, in Menschen, in Orten, in Objekten, weil das Leben etwas großartiges ist.

In Zeiten des geradezu zwanghaften Pessimismus mag diese Message vielleicht als kitschig oder pathetisch empfunden werden, die Art wie Jarmusch sie seit jeher über die Lebenswege seiner knuffigen Außenseiterfiguren in die Welt kommuniziert, lehrt den Zweifler jedoch eines besseren. Von frühen Filmen, wie dem Roadtrip STRANGER THAN PARADISE, über schweigsame Hip-Hop-Samurais in GHOST DOG, bis zu einem Bill Murray auf Sinnsuche in BROKEN FLOWERS, lies Jarmusch als elementaren Teil seines Werkes schon immer auf entwaffnend ehrliche Weise Figuren nach einem eigenen, einem alternativen Lebensweg suchen. Und sie dabei durch eine Welt geistern, deren kauzige Eigenschaften er mit einem gänzlich eigenen Blick einfing.

Diesen Blick teilt der Protagonist Paterson und das macht den gleichnamigen – von gleichsam wunderschön-warmer wie meditativer Bildsprache, über einen gelassenen, jazzig angehauchten Score bis zu den sympathischen, oft wortkargen Figuren, wieder sämtliche Trademarks vereinenden – Film zum vielleicht ultimativen Jarmusch-Werk. PATERSON ist nicht bloß Meditation über die Menschen, die Welt und das Leben, sondern auch (oder vielleicht sogar primär) über die eigene Person des legendären Independent-Filmemachers – auch Jarmusch fand immer etwas besonderes im Alltag. Genial.

PATERSON überzeugt aber nicht bloß über den offensichtlichen selbstreferenziellen Gehalt, sondern flechtet über diesen hinaus eine notwendige Ambivalenz in die Handlung ein – was wäre auch ein echter Jarmusch ohne die tiefe Melancholie, was wäre Glück ohne den Hauch von Zweifel? Indem er Paterson mit dessen Freundin Laura eine völlig konträre Figur gegenüberstellt – eine die so vieles vom Leben will, in so viele verschiedene Richtungen strebt, dass sie selbst den Überblick über ihre chaotisch verteilten Ziele längst verloren hat (dabei aber immer grundsympathisch bleibt) und die kaum eine Sekunde still sitzen kann, stetig verändern, schaffen und in Bewegung sein muss – indem er Paterson’s ruhige Passivität also immer wieder mit ihrem Elan und Tatandrang kontrastiert, entsteht auf subtilste Weise emotionale Reibung.

Ist Paterson, obwohl er diesen Anschein über weite Strecken erweckt, wirklich so zufrieden, wie er es mit seinem standardisierten „I’m okay“ auf jede Nachfrage antwortet? Ist die endlose Routine nicht vielleicht nur Schutzwall vor den überfordernden Möglichkeiten des Lebens, weshalb ihn kleinste Abweichungen von der persönlichen Norm (z.B. ein liegengebliebener Bus) bereits stark aus der Bahn werfen? Driver’s zurückhaltende Mimik ist nicht immer klar zu deuten, in kurzen Episoden scheint er tatsächlich in tiefe Zweifel bezüglich des eigenen Weges abzugleiten und so begeistert der Nachhall zufällig belauschter Unterhaltungen im Bus ihn zurücklässt, so schwer scheint das Dasein ihm an anderer Stelle zu fallen.

Würde er doch lieber von morgens bis Abends an seinem Büchlein schreiben, vielleicht gar Laura’s Drängen nachkommen, seine Werke zu veröffentlichen, um so bekannt wie die großen Poeten die er verehrt zu werden? Oder würde das Schreiben gar nicht funktionieren, wenn sein Leben schneller, abwechslungsreicher, fordernder wäre? Kann jemand über den quälenden Lauf der Zeit schreiben, wenn sie für ihn wie im Fluge vergeht? Kann jemand über Streichhölzer schreiben, wenn sie nicht Objekt, sondern nur Mittel für ihn sind?

Wir wissen es nicht, doch allein sich diese Fragen zu stellen zeigt mir, dass Jarmusch mit PATERSON erneut reichlich Stoff zum Nachdenken über Bestimmung, Lebenswege, Glück und co. liefert. Durch die herrlich skurrilen Unterhaltungen, kauzigen Figuren und vielen wiederkehrenden Motive schleicht sich zudem ein verschrobener Humor ein, der zum Grinsen und, darüber dass der gelassene Paterson ständig von Menschen umgeben ist, die aus kleinen Dingen große Dramen generieren, auch dazu einlädt die Dinge nicht immer so verdammt todernst zu nehmen. „Funny right? A guy dying of heartbreak. Yeah, that’s hilarious!“ Indeed. Paterson zumindest muss arg gegen das Lachen kämpfen.

PATERSON ist ein Film, der nicht nur an uns vorbei flimmern soll, sondern uns auf seine verträumt-lässige Weise ein Angebot macht: Er zeigt uns, dass man sich einfach mal über das freuen kann was man hat, anstatt ewig hinter dem her zu hetzen, was man glaubt zu wollen, oder zu müssen. Runter kommen, fließen lassen, kein Stress, die Sinne auf Reise schicken. Wer das tut und fünf gerade sein lässt, kann im Jetzt das Leben genießen. Tolle Aussage, schöner, so warm wie nachdenklicher Film und somit nach ONLY LOVERS LEFT ALIVE direkt der nächste Geniestreich, in dem Jarmusch absolut alles richtig macht.


Wertung
10 von 10 routinierte Gassi-Runden


Release
Paterson ist am 09. Juni 2017 bei Weltkino auf BluRay & DVD erschienen. Zum Review wurde mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Merci!


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6 Gedanken zu „Film geschaut: Paterson (2016)“

  1. Volle Punktzahl, ich glaub‘ es nicht,
    für dieses filmgewordene Gedicht?
    Ich war da kritischer, musst du versteh’n,
    bei mir gab’s „nur“ 8.5 von 10.

    Denn der Film hat durchaus Längen,
    das muss man lieben oder verdrängen,
    Beim Cast allerdings kann man nicht klagen,
    ich könnte so vieles über Driver & Co. noch sagen.

    Aus dem Film wurde ich nicht ganz schlau,
    doch er gefiel mir irgendwie, das weiß ich genau.
    Ich kehre nun zurück zu meiner Filmblog-Präsenz,
    liebe Grüße von Franzi von Adoring Audience.

  2. Klingt nach einem Film, der mir sehr gut gefallen könnte. Und vielleicht das eigene Leben mal wieder in Perspektive rückt. Danke für die wundervolle Besprechung, in der man die Liebe für den Film spürt. Toll!

Und eure 2 Cents?