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Comic: Carnage/Maximum Carnage (1992/1993)

Titelbild & Bildausschnitte © by Marvel


Ich habe einen Trip in meine Kindheit unternommen und einen lange vergessenen Stoff ausgekramt. Ob Realität und idealisierte Erinnerung zur Deckung kamen, lest ihr im, selbst für meine Verhältnisse üppig ausgefallenen, Review. Viel Spaß!



Carnage/Maximum Carnage (ComicBookDB) – StoryDavid MichelinieJohn Marc ‚J.M.‘ DeMatteisTerry Kavanagh ArtworkMark BagleySal Buscema & Others, Colorist: Verschiedene, Genre: Superheld, Action, Label: MARVEL, 1993, Umfang: 104 & 331 Seiten, Gelesen: April 2016, Digital, Englisch


Plot
Bei einem gemeinsamen Gefängnis-Aufenthalt wird der psychopathische Wahnsinnige Cletus Kasidy mit einer Spore des außerirdischen Venom-Symbioten infiziert. Er mutiert zu Carnage, einer roten Variante von Venom, die noch stärker, aber vor allem aufgrund des gestörten Geistes ihres Wirtes vom blutrünstiger Mordlust getrieben ist. In zögerlicher Allianz mit dem eigentlichen Erzfeind Venom (CARNAGE), bzw. einer Vielzahl weiterer Superhelden, u. A. Cloak & Dagger, Deathlok und Iron Fist, sowie fragwürdigen Mitstreitern wie Morbius dem lebenden Vampir (MAXIMUM CARNAGE), versucht Spiderman die Welle der Zerstörung in New York aufzuhalten.



Review
Wer (bzw. welcher „Non Digital Native“) kennt das nicht: man hat aus der Zeit „vor dem Netz“ fragmentarische Erinnerungen an ein Buch oder Comic, die Bruchstücke der Lyrics eines Songs, oder einzelne Bildfetzen eines Films. Erinnerungen die positiv behaftet sind und zu deren Ursprung man gern zurückkehren würde – wenn man denn wüsste was genau es war. Doch anstatt direkt das naheliegende zu tun, wenn sich wieder eins dieser Bilder oder Klänge vor das innere Auge schiebt – nämlich die Zeit, oft sind es nur Sekunden, zu investieren, die eine Netzrecherche benötigt, um den Titel des in diffusem Erinnerungsnebel verschwommenen Werkes herauszufinden – grübelt man ewig vor sich hin, bis es klick macht. Oder auch nicht.

So hier geschehen. Als elfjähriger, zumindest deutet 1994, das Jahr des deutschen Erscheinens jener SPIDERMAN-Ausgaben in denen das MAXIMUM CARNAGE-Event stattfand an, dass ich 11 war, las ich regelmäßig Spidey und X-MEN-Comics. Viel ist aus der Zeit nicht hängen geblieben (was das über die Qualität der Geschichten aussagt, sei dahingestellt), eines jedoch schon: Ein ultraböser Villain, dessen Wahnsinn und Boshaftigkeit sich fest in meinem popkulturellen Gedächtnis verankert hat und über die Jahre nie weichen wollte. Der Name war mir entfallen, das genaue Aussehen war mir entfallen, einzig das Gefühl, damals dem bösesten Bad-Guy aller Zeiten begegnet zu sein, und in dessen Bekämpfung den puren Thrill erlebt zu haben, sowie das Wissen dass Venom eine Rolle spielte ist geblieben. In diese Welt, wollte ich nochmal abtauchen.

Gesagt, getan, Google war mein Freund und surprise: mit minimalem Aufwand war ich sicher, dass es sich um Carnage, einen Abkömmling von Venom handeln musste. Um an die Anfänge dieser Figur zu gehen, lässt sich für kleines Geld die CLASSIC CARNAGE-Collection erwerben, in der Auszüge zu seiner Origin (ab AMAZING SPIDER-MAN #344), sowie der CARNAGE-Arc, seine erste Konfrontation mit Spidey, plus zig spätere Storys enthalten sind. Die MAXIMUM CARNAGE-Story gibt es in einem eigenen TPB und man muss sie beim Lesen nach dem CARNAGE-Arc einschieben. Ich schlug zu und war in dem Maße gehyped, wie ich es gerade noch zulasse, wenn ich Stoffe revisite, die ich als Kind mal mochte.

Konnten die Storys halten, was mein diffuses Gedächtnis versprach? Hmm. Ich drücke es mal diplomatisch aus und stelle fest, dass unter der Oberfläche durchaus einige interessante Fragestellungen zu Recht, Moral und der Frage, ob der Zweck in jedem Falle die Mittel heiligt stecken. Weniger diplomatisch (und weit kritischer) könnte man sagen, dass eigentlich 14, bzw. 18 Hefte lang in verschiedensten Konstellationen nur stumpf geprügelt wird.

Carnage als Figur, das kann man nicht anders sagen, ist tatsächlich komplett (!) durchgeknallt und ein willkürlicher Teufel in Person, als auch in Bezug auf seine Fähigkeiten im Kampf extrem stark, eigentlich kaum zu besiegen – hier plagt sich das MARVEL-Universum bereits 1993 mit Problemen, die langsam auch das MCU der 2010er Jahre ereilen und muss ständig aktiv aussprechen, dass die Avengers ja gerade an anderer Stelle wichtigeres zu tun haben, als einen wildgewordenen Psychopathen samt Anhang ruhig zu stellen. Sonderlich interessant ist Carnage abseits dieser konzentrierten Muskelkraft jedoch nicht, denn charakterlich ist Casady absolut eindimensional gezeichnet.

Wahrscheinlich macht es insgesamt auch mehr Sinn ihn als Symbol zu sehen. Für den puren Wahnsinn, einen Guru des Verderbens. Unter diesem Aspekt bauen die Autoren einige schöne Details ein und liefern eine gelungene Abhandlung über „Inspiration“ die der Irrsinn der Gang um Carnage dem gemeinen Volk liefert. Denn nicht nur schlagen er, Shriek, der Spider-Man Doppelgänger aus dem Infinity-War und Demogoblin alles kurz und klein, auch folgen schnell Trittbrettfahrer, die auf den Zug der Randale aufspringen. Müssen wir also nur genug Wahnsinn erleben, um das schlechteste in uns langsam nach außen zu kehren? Wie schnell verfallen gesellschaftliche Ordnung und Verhaltenskodizes, wenn bestehende Strukturen zu bröckeln beginnen?

Auch schlummert in diesem Themen eine gelungene Extremismus-Allegorie, denn obwohl Carnage und Shriek offen bekunden lediglich an wahllosem Mord und Zerstörung interessiert zu sein, dass der Plan lautet „there is no plan“, stoßen ständig weitere Anhänger zu ihnen, denen es problemlos gelingt diese eigentliche „Nicht-Ideologie“ so weit zu bieten, dass sie mit den eigenen fanatischen Zielen übereinander geht. Carnage’s Gewaltausbrüche als Bibel der diabolischen Supervillains.

Auf der anderen Seite punkten beide Storys durch die Probleme, die der Wertekodex der Helden im Kampf gegen das Böse bringt. Sollte man sich mit einem Dämon einlassen, um den Teufel zu bekämpfen? Diese Frage stellt sich Spidey, von seinem nicht zu bändigenden Bedürfnis die Bewohner von NYC zu schützen bereits in eine ernsthafte Ehekrise mit M.J. getrieben, schon zu Anfang der ersten Geschichte. Ein Töten des Gegners kommt für ihn unter keinen Umständen in Frage, nicht mal ein Massenmörder wie Kasidy darf mit den eigenen Waffen besiegt werden. Venom hingegen, seines Zeichens selbst nicht ganz frisch im Oberstübchen, dürstet es nach Blut. Der entstehende Spagat ist nur der Anfang eines elementaren Konfliktes.

Je länger Spidey und seine (teils ebenfalls recht mächtigen) Mitstreiter gegen das geballte Chaos ankämpfen und, teils unter schweren Verlusten in den eigenen Reihen, ein ums andere mal daran scheitern, desto stärker stellen die Helden in Frage, ob es ihnen überhaupt möglich ist, mit moralisch vertretbaren Methoden diesen Krieg für sich zu entscheiden. Ob eine ungebändigte Urgewalt wie Carnage zu bändigen ist, so lange auch nur eine einzige seiner Zellen weiter auf der Erde existiert?

Wie weit kann man Gesetzbrecher effektiv bekämpfen, wenn man sich strikt ans Gesetz hält? Ist ein „Schlagen mit den eigenen Waffen“ unumgänglich? Peter, der immer wieder die eigene Bestimmung zum Heldsein betont, glaubt eigentlich an den rechten Weg, doch die Umstände im Angesicht des von Carnage entfesselten Wahnsinns, sowie der extrem desillusionierte Zynismus seines zurückgekehrten Dads (dessen tragische Backstory eine Gefangenschaft im Gulag beinhaltet, während der er jeglichen Glauben an die Menschheit verlor) verstärken das Hinterfragen der eigenen Werte und des Handlungskodex weiter.

Und schmerzhafte Verluste, Wut und Verzweiflung existieren nicht nur bei ihm, sondern katalysieren diese Sorgen bei sämtlichen Helden – Carnage’s nie enden wollender Amoklauf erschüttert den sonst so unumstößlichen Glauben an das Gute im den Grundfesten. Zwar tappen die Autoren im späteren Verlauf in die Wiederholungsfalle – immer wieder entstehen den Helden starke Defizite, weil sie gewisse Grenzen nicht überschreiten wollen, mehrfach kratzen sie dann doch an dieser Grenze, doch kollabieren dann unter der emotionalen Last und ziehen (wie im Fall von Firestar) im letzten Moment die Notbremse, nur um geschockt von sich selbst in eine Sinnkrise zu stürzen – doch gelingt es ihnen auch, im Zuge dieser Momente visuell brillante Panels zu erschaffen.

Als z.B. Deathlok, Iron Fist, Firestar und Spidey die von Shriek in Rage versetze Meute zum „aufwachen“ bringen, ist das nicht nur ein Schlüsselmoment in MAXIMUM CARNAGE, der den Bund zu neuem Zusammenhalt finden lässt, sondern auch visuell der vielleicht stärkste Moment des Comics. Regelrecht hypnotisch lassen die Bilder uns mit Tiefe nachempfinden, dass der wichtigste Kern dieser Superhelden sicher nicht in heftiger Muskelkraft, oder dem verschießen von buntem Strahlen liegt, sondern in dem festen Glauben an das elementare Gute, den jeder dieser Helden im Herzen trägt und der Fähigkeit dies auf die Menschen (und uns Leser) zu übertragen. Eine Licht lodert, das stärker als Gesetze ist.

Auch an anderer Stelle überzeugt der Stil – das Spiel mit der Anordnung der Panels generiert eine schöne Dynamik zwischen klassischen 3×9 Layouts und modernerer, kreativer Kunst, die das Medium in den Möglichkeiten erforscht. Wäre da nicht die oftmals eine vollkommene visuelle Überladung. Chaos regiert in MAXIMUM CARNAGE nicht bloß auf NYC’s Straßen, sondern leider auch weitläufig in den Bildern. Wenn 5 Helden in einem halbseitigen Panel auf 5 Villains treffen, während um sie herum sich das Volk die Köpfe einschlägt, entstehen konfuse Resultate, in denen kaum noch Orientierung möglich ist. Wer greift hier wen an und von wo? Welcher Angriff sitzt, welcher Schlag geht ins Leere? Wer diesen Blog regelmäßig liest, wird sicher schon mitbekommen haben, dass ich ab einem gewissen Level der Informationsdichte dazu neige, Bilder und Klänge nur noch als Rauschüberflutung wahrzunehmen – in dieser Geschichte kam es in den meisten der 14 Hefte zu derartigen Momenten.

Wahrscheinlich hat es dem Event, der sich damals in einem Zeitraum von 3 Monaten über 5 parallel laufende Spiderman-Serien erstreckte, auch nicht wirklich gut getan, von mehreren Autoren und Zeichnern umgesetzt worden zu sein (ich bin noch zu grün hinter den Comic-Ohren, um sagen zu können, ob das gängig ist). Wie oben beschrieben wird sowieso viel und lang gekämpft, mit der Zeit schleicht sich in diese Schlagabtausche verschiedener Konstellation eine starke Redundanz ein. So wild und krass sie auch sind, muss man die Fights nicht 8 bis 10 mal wiederholt sehen – sie nutzen sich ab und die beschriebenen Subtexte beginnen nach zigfachem Durchexerzieren zu bröckeln, weil sich Langeweile einschleicht.

Ähnliches gilt für Story-Elemente. Scheinbar bestand 1991 noch wenig, oder zumindest weit weniger Vertrauen als heute in das serielle Erzählen und damit verbundene kontinuierliche Lesen der Audience – am Anfang (fast) jedes Heftes werden (innerhalb der Story, statt in Form eines kleinen Textes vor Beginn des Comics) kleine verbale Recaps eingeflochten, die helfen sollen zu verstehen wo wir gerade sind und sich in die Situation einzufinden. Nervig, wenn man die 14 Parts in eins weg liest.

Insgesamt sind CARNAGE bzw. MAXIMUM CARNAGE also deutlich schwächer, als mein Hirn sie in kindlicher Erinnerung romantisiert hatte, aber haben visuell wie inhaltlich ihre starken Momente und zeitweise auch viel (zynischen) Humor auf Seite der Villains. Weil sie in Bezug auf Moral und das Heldendasein zudem substantielle Fragen stellen, die mich in meinem Bestreben mir ein Bild davon zu machen, was für mich überhaupt der Terminus „Superheld“ bedeutet (mehr dazu monatlich drüben bei der SUPERHERO UNIT), ein Stück weiter gebracht haben, möchte ich diese Reise in meine eigene Comic-Vergangenheit nicht missen. Ob ich es allerdings empfehlen würde.. Klares jein!


Weblinks
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