Arkadi und Boris Strugatzki - Gesammelte Werke - Band 1 - Foto by Jacker

Roman: Arkadi & Boris Strugatzki – Die bewohnte Insel (1969)

Ich hatte mir ja vorgenommen mehr zu lesen.
Da ein Buch schon mehr als kein Buch ist, habe ich in den ersten zwei Monaten dieses Jahres definitiv schon mehr gelesen als zuvor. Aber das ganze ist ausbaufähig, vor allem wenn ich bedenke wie gut mir das Buch, was ich euch nun hier kurz vorstellen möchte, gefallen hat und dass ich von den Autoren noch fünf weitere hier liegen habe.

Was habe ich gelesen?
Autor(en): Arkadi & Boris Strugatzki
Titel: Die bewohnte Insel (OT: Обитаемый остров)
Erscheinungsjahr: 1969
Entstehungsland: Russland
Genre: Science-Fiction, Dystopie, Gesellschaftskritik

Worum es geht?
Maxim ist Weltraum-Pilot und erkundet im Auftrag der (weit fortgeschrittenen) Menschheit das Universum zu Kartografierungs-Zwecken. Auf einem scheinbar unterentwickelten Planeten wird während eines kurzen Ausstiegs sein Raumschiff zerstört. Nach anfänglicher Verwirrung gerät er in die Fänge der dortigen, in Maxims Augen überaus einfach gestrickten Menschen, die ihn jedoch ebenfalls als unterentwickelten Gebirgs-Menschen ansehen und in ihre Hauptstadt befördern, um dort medizinische Tests an ihm durchzuführen. Bei einer Beförderung zu einem Maxim unbekannten Ort kommt er frei, knüpft erste Kontakte und merkt immer mehr, in was für ein totalitäres System, voller fremdgesteuerter Menschen er geraten ist. Doch Maxim will etwas verändern und wird zum Spielball der Ideologien.

Wie ich es fand?
Science-Fiction war schon immer eines meiner liebsten Genres. Ursprünglich war der Grund eine kindliche Faszination für Weltall und fremde Lebensformen, später erkannte ich, allerdings ausschließlich über den Genuss von Sci-Fi-Filmen (gelesen hab ich fast nur Horror), dass dieses Genre schon immer dafür prädestiniert war Ängste, Entwicklungen und Zustände von Mensch und Gesellschaft weiterzuspinnen, zu reflektieren und (das ist der Grund, warum ich jetzt endlich mal der klassischen UDSSR-Literatur meine Aufmerksamkeit schenken will) auch zu kritisieren! Wer bestehende Missstände abstrahiert, vielleicht sogar in seinem Werk umdreht und zur Eigenschaft “des Feindes” macht, kann offener sprechen und wird mehr Gehör finden. Die Wahrheit ist oft bitter zu schlucken und sie auszusprechen konnte (und kann leider immer noch) im Beispiel der ex-UDSSR-Autoren sogar gefährlich sein – der Science-Fiction wohnt also die Chance inne, höchst subversive Stoffe umzusetzen.

DIE BEWOHNTE INSEL ist eines der Werke, die heftigste Gesellschafts- und Systemkritik in die Form einer leicht abstrahierten Weltraum-Parabel pressen. Hauptfigur Maxim ist natürlich Russe, entstammt aber einer Erde (sprich: einem Russland), die dem reinen Utopia gleicht. Hochkomplexe Wissenschaft ist Allgemeinbildung, Krieg, Hass und Gewalt gibt es nicht mehr, die Menschheit hat jegliche Eitelkeiten hinter sich gelassen. So war der Roman natürlich für die Zensur weit schwieriger angreifbar. Die seltsame Welt in die er dann gerät, ist jedoch das absolute Gegenteil (und somit dem totalitären Russland zur Entstehungszeit um einiges ähnlicher) – es toben vermeintliche Stellungskriege mit den Nachbarländern, gegen welche die dauerhafte Staats-Propaganda mobil macht, brutal schlägt die Armee Widerstandskämpfer nieder, um sie öffentlich zu exekutieren und flächendeckende Sendetürme scheinen das Volk einer ständigen Gehirnwäsche zu unterziehen. In Konsequenz folgen die Menschen ehrfürchtig der dubiosen “Regierung”, welche nur “die großen Alten” genannt wird und sich irgendwann mal selbst ernannt hat (wann genau, weiß niemand, denn die Geschichte wird ständig umgeschrieben), hassen den Feind und hinterfragen keinen einzigen Aspekt ihres Lebens.

Wie falsch, unnötig und brutal all dies ist, heben die Strugatzki-Brüder gekonnt über Maxims Perspektive hervor. Schnell wird er Teil des Systems und von allen Seiten instrumentalisiert – anstatt blind zu folgen, hinterfragt er jedoch jede noch so banale Handlung, jeden Einsatz der Armee (in die er zunächst eingegliedert wird), sowie die alltägliche Propaganda. Hier schaffen die Strugatzkis ganz wundervoll im Subtext zu vermitteln, wie absurd Totalitarismus doch ist, weil Gewalt keiner denkbaren Logik standhält. Sie macht schlicht keinen Sinn und daher kommt Maxim wie jeder denkende Mensch zu dem Schluss, in unduldbaren Zuständen zu leben. Da er körperlich und geistig den dortigen Menschen haushoch überlegen ist, flieht er um sich dem Widerstand anzuschließen und für die richtige Sache einzustehen.

Doch ist es dort besser? Es herrschen ebenfalls eine extreme Sicht der Dinge, militärischer Drill und Unterdrückung, nur dass diese mit dem Argument: “Der Zweck heiligt die Mittel” geduldet und gerechtfertigt wird. Das Unverständnis wächst, bald hat Maxim auch hiervon genug, doch wohin ihn die Reise auch trägt, er findet Lügen, fehlgeleitete Ideologien und Chaos vor. Nie hat er das Gefühl voran zu kommen, denn egal was im jeweiligen Mikrokosmos speziell propagiert wird, all dieser Wahnsinn ist immer wieder nur eines: vollkommen absurd und genauso falsch, wie er es beim Vorgänger auch schon war.

Für mich war der Roman ja nun mein Erstkontakt mit der geschriebenen Form der klassischen “Ostblock”-Sci-Fi (Verfilmungen wie STALKER, THE CONGRESS oder SOLARIS kenne ich allerdings) und ich bin wirklich beeindruckt, wie die zwei Brüder gesellschaftliche Allegorien einflechten und sowas 1969 in Russland veröffentlicht bekamen – unterm Strich ist das Buch nämlich eine tiefgehende Total-Abrechnung mit dem System. Stark ist der Vergleich zu US-Sci-Fi gleicher Epoche: Ich kenne einige Bücher von Phillip K. Dick und habe nun das Gefühl, dass diese sich viel mehr mit Technologie und deren Auswirkungen beschäftigen. Ob diese Beobachtung sich zu einem statistisch signifikanten Trend entwickelt, kann ich wohl nur mit guten Vorsätzen (mehr lesen, haha) herausfinden – ich werde es versuchen. Noch kurz zum Stil: Obwohl ich lese-technisch echt langsam und eingerostet bin, konnte ich den Roman zackig weg-lesen, denn der Stil ist simpel und direkt, teilweise fast schon schroff. Manch einem vielleicht etwas zu einfach? Fans von Dystopien würde ich dennoch eine Empfehlung aussprechen!

Wo man es her bekommt?
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2 Gedanken zu „Roman: Arkadi & Boris Strugatzki – Die bewohnte Insel (1969)“

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