Film: Terror 2000 – Intensivstation Deutschland (1993)


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Fakten
Jahr: 1993
Genre: Satire, Trash
Regie: Christoph Schlingensief
Drehbuch: Christoph Schlingensief, Uli Hanisch, Oskar Roehler
Besetzung: Margit Carstensen, Udo Kier, Peter Kern, Susanne Bredehöft, Alfred Edel, Artur Albrecht, Kalle Mews, Brigitte Kausch, Dietrich Kuhlbrodt, Detlev Redinger, Irmgard Freifau von Berswordt-Wallrabe, Christoph Schlingensief
Kamera: Reinhard Köcher
Musik: Kambiz Giahi
Schnitt: Bettina Böhler


Review
Wir schreiben Anfang der 1990er Jahre, die Asyldebatte im wiedervereinten Deutschland brodelt, die Drecksnazis in Solingen, Rostock und sonstwo schmeißen Brandbomben auf die, im Volksmund und Stammtisch so häufig thematisierten “Asylantenheime” und Christoph Schlingensief wählt seine ganz eigene Art, um der Nation ihre (fehlende) Zurechnungsfähigkeit zu attestieren.

TERROR 2000 – INTENSIVSTATION DEUTSCHLAND. Ein Titel den man nachhallen lassen muss, wobei die damaligen Zustände sich wohl am Besten im Zusatz nach dem Bindestrich wiederspiegeln. Fremdenhass ist populär und keiner macht was – ein Geisteszustand, der einer klaren Ansage bedarf.

Und die gibt Christoph Schlingensief 1993 mit TERROR 2000. Latenter bis offensichtlicher Rechtsextremismus in der deutschen Bevölkerung war immer ein Thema in seiner subversiven Provokationskunst und die filmischen Umsetzungen immer ganz nah am Wahnsinn. Im Resultat traf er vielleicht gerade deshalb ins Schwarze – so viel groteske auf einen Haufen geschaufelt, dass die Wahrheit plötzlich wieder klar erscheint. Und um es kurz zu machen:

DAS HIER ist die Krönung!
So irre war er vorher noch nie!

Die Nazis vom Möbelmarkt säubern die Gegend ums Asylantenheim, das notgeile Bullenpärchen ermittelt auf Hochtouren, will aber eigentlich auch – wie eigentlich alle, der hier vorkommenden komplett-Gestörten – nur rumficken, mit Vorliebe die Blonde vom Nazipack, jeder rächt irgendwen und der engagierte Sozialarbeiter wird im Zug blutig ermordet, weil er polnische Familien ins Land bringt. Drumherum gibt’s gaga-Dialoge, einen schwulen Hitler-Verschnitt, seltsame Voodoo-Vergewaltigungen, Udo Kier mit ‘ner Knarre im Mund, irre Stuntdriver auf der Mofa und noch einen Haufen anderes Zeugs, das wirklich durch die Bank weg völlig plemm-plemm daher kommt.

Das Verrückte dabei: Abgesehen davon, dass dieser frontal angreifende Hardcore-Trash wirklich zum Brüllen absurd ist, hat man trotz des Fehlens von allem, was irgendwie als wichtige Komponente des Mediums Film angeführt werden könnte, das Gefühl, dass Schlingensief hier einiges über die Lage der Nation aussagt. Dieser ganze durchgeknallte Dadaismus ist keineswegs random, sondern eine bewusst gestaltete Freakshow – danach zweifelt man überraschend wenig den Geisteszustand der Beteiligten und überraschend stark die Lage im Deutschland der frühen Neunziger an.

Trotzdem: Was auch immer der Zuschauer im Vorfeld über “Film” denken mag, nach diesen 70 Minuten wird die bekannte Definition um eine nie erahnte, groteske Version dieser Kunstform erweitert. Nicht selten fragt man sich in TERROR 2000, ob nun in einem der Schauspieler endgültig alle Sicherungen durchgebrannt und irreparable Schäden eingetreten sind? Zurückgebliebenes Gestammel, wahnsinniges Gekreische, dreckiges Gegrabbel, suizidale Tendenzen als Party-Event und apathische Abwesenheit weggetretener Figuren – All das tanzt einen verkrüppelten Tango um ein lichterloh brennendes Feuer. Zu einem deutschen NS-Marsch.

Ist das krank.
Und ist das Geil!

Je mehr ich von diesem Mann sehe, umso mehr schmerzt es mich, dass er so früh gegangen ist. Gerade in den heutigen, völlig abgestumpft-regungslosen Zeiten der kollektiven Passivität bräuchten wir ihn und seine zerstörerische Offenheit. Und zwar NUR ihn, denn – so weh das auch tut – ich befürchte einen vom Schlage Schlingensief wird es auf ganz lange Zeit nicht mehr geben.
Eine Träne kullert.


Wertung
9 von 10 eingenommenen Möbelhäusern


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
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