Quentin Tarantino #6: Inglourious Basterds (2009)


Trailer © by Universal Pictures Germany GmbH


Fakten
Jahr: 2009
Genre: Mashup, Drama, Komödie, Episodenfilm
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Christoph Waltz, Brad Pitt, Mélanie Laurent, Michael Fassbender, Diane Kruger, Eli Roth, Daniel Brühl, Til Schweiger, August Diehl
Kamera: Robert Richardson
Musik: Diverse
Schnitt: Sally Menke


Review
Gott sei Dank ist Quentin Tarantino nach dem quasi-Debakel DEATH PROOF scheinbar lange in sich gegangen und/oder hat sich zwei Monate auf Loop PULP FICTION angeschaut, um sich darauf zu besinnen wo seine eigentlichen Stärken liegen. Es muss so sein, denn was Tarantino’s freche Geschichtsumschreibung INGLOURIOUS BASTERDS in gleichem Maße wie sein genanntes Zweitwerk großartig macht, ist nicht nur die ähnliche Erzählweise (Kapitel – Tarantino ist offensichtlich immer am besten, wenn er fragmentarisch in Kapiteln erzählt), oder die Mythen-umrankte Laufzeit von 154 Minuten, sondern es ist das intensive, mitreißende Gefühl beim Schauen des Films.

Es ist die tolle, immer wieder aus gewohnten Mustern ausbrechende Kamera, es ist die Lässigkeit, mit der ganz selbstverständlich absurde Figuren ins Geschehen schmeißt und sie noch selbstverständlicher irre Dinge tun lässt, es ist der gelungene Soundtrack, der immer wieder durch die herben Kontraste zum Gezeigten seine pointierte Wirkung entfaltet und es ist – und das ist das Herz eines jeden gelungenen Tarantino-Films – die Fähigkeit Dialoge zu schreiben, die teilweise wie nicht von dieser Welt erscheinen.

Dialoge in denen nie nur das Gesagte Gewicht hat. Im Gegenteil, in denen das Ausgesprochene nur Tarnung für die zum zerreißen spannende und energiereiche Ebene unter Oberfläche ist. Es gelingt Quentin Tarantino immer wieder Momente zu kreieren, die auf den ersten Blick ganz ruhig erscheinen, jedoch eine nicht in Worte zu fassende brodelnde Spannung entwickeln, einen Sog wie ihn keine Auto-Verfolgungsjagd, kein Faustkampf und keine sonstige Action-Szene dieser Welt erzeugen kann. Da führt ein brillanter Christoph Waltz als Hans Landa in der Stube des einfachen Bauern LaPadite “nur” eine simple Befragung zum Aufenthaltsort einer jüdischen Familie durch. Da fühlt ein vollkommen überragender August Diehl “nur” dem ihm vollkommen ebenbürtigen Michael Fassbender in einem Kneipengespräch auf den Zahn, um die Herkunft eines Dialektes zu erkunden. Da ist wieder Hans Landa, der “nur” der Kinobesitzerin Shosanna einige Fragen über ihr Theater stellt.

Andere Filmemacher würden aus diesen Situationen einen leichten Spannungsaufbau generieren, der nur funktioniert weil man weiß, worauf es hinaus laufen könnte. Aber Tarantino macht daraus so viel mehr: Jedes Wort vibriert, als würde es sich kurz vor der Explosion befinden, die Dramatik steigert sich von Sekunde zu Sekunde und kaum etwas vergleichbares erfüllt die Hitchcock‘sche Definition der Suspense (die brennende Lunte, deren Länge und Ziel wir jedoch nicht abschätzen können) in der heutigen Zeit perfekter. Situationen, die sich minutenlang nur eine Nuance vor dem fatalen Kippen befinden – wahre und echte Spannung, einzig allein aus Dialogen generiert. Genial!

Nachdem ich sämtliche Tarantino Filme über Jahre nicht gesehen hatte und nun alle mal wieder genossen habe ist mir zudem eins klar geworden: Irgendwie dreht der Mann oft verdammt nah am Western. Bis auf DJANGO UNCHAINED natürlich immer in völlig andere Gewänder gehüllt, aber doch sind ständig Einflüsse zu erkennen. Hier vielleicht am stärksten? Der Score, die Rache-Story, der loyale Trupp von (ganz bewusst völlig überzogen schwarz/weiß gezeichneten) Kämpfern für “das Gute” – einige von vielen Elementen, die wir Jahrzehnte vorher zuhauf in den staubigen Weiten des amerikanischen Flachlandes verfilmt fanden. Shosanna der gebrochene Held, die Basterds die unterdrückten Indianer, die gegen den Besatzer kämpfen, Frederick Zoller der Zweifler, der irgendwie die Verbindung zwischen den Fronten schaffen will?

Ein wenig mehr zum Inhalt: Klar kann man sich fragen, was dieser Film eigentlich soll. Warum wird hier internationale (vor allem auch unschöne deutsche) Geschichte frei und provokativ umgeschrieben, ohne dabei die (vor allem in unserem Lande ja so stetig geforderte) nötige Ehrfurcht zu zeigen – immerhin wurde dem Film und somit auch Quentin Tarantino alles mögliche an den Kopf geworfen, bis hin zu Respektlosigkeit gegenüber den Leiden des zweiten Weltkriegs. Ich denke dass es einfach eine gewisse Mentalität in der Herangehensweise war, die uns diesen tollen Film beschert hat. Eine Mentalität, die es viel öfter geben sollte:

“What if?” vs “Let’s just do it!”

Was wäre, wenn Hitler durch einen verrückten Söldnertrupp zu Fall gebracht worden wäre?
Und was wäre, wenn damit auch noch direkt die Vorführung eines Films zu tun gehabt hätte?
Ja, was wäre dann – lass es uns durchziehen und es herausfinden!

Und im Resultat hat Quentin entgegen aller Vorwürfe einen sehr positiven Film gedreht. Einen der – wie es bei der Liebe zum Film seines Autors ja schon gängig ist – die Liebe zum Kino feiert und sagt: “Kino kann etwas verändern!”, einen der lauthals ruft: “Der richtige Film am richtigen Ort kann Geschichte schreiben!”. Das mag romantische Schwärmerei sein, aber es ist nun mal die Begeisterung eines Cineasten, die aus diesen Szenen spricht. Und ebenso wurde hier, entgegen der Vorwürfe einen Film der lediglich stumpfe Gewalt zelebriere gedreht zu haben, genau das Gegenteil gemacht. Zwar ist Gewalt hier wieder ein drastisches Mittel zum Zweck, doch flechtet Q.T. auf einer meta-Ebene sogar innerhalb seines Filmes eine interessante Betrachtung über den Unterschied zwischen realer und fiktiver Gewalt ein. Im Werk STOLZ DER NATION werden die “Heldentaten” des deutschen Soldaten Frederick Zoller gefeiert. Ruhm, der darauf basiert im Alleingang etwa dreihundert Menschen getötet zu haben. Und daran ist nichts mehr cool, oder unterhaltsam.

Shosanna: “Sie sollten unten sein und feiern. Das ist ihr Film”
Zoller: “Und was. Ich habe dreihundert Menschen getötet. Das ist nichts worauf ich stolz sein sollte.”

Und auch am Ende, wenn Eli Roth als der Bärenjude mit Hass-verzerrtem Gesicht sein Maschinengewehr Magazin für Magazin in die Menge deutsche Premierengäste entlädt, ist nichts mehr cool, oder unterhaltsam, sondern INGLOURIOUS BASTERDS schleudert uns eine riesige Dosis konzentrierten Hass ins Gesicht – und zwischen den Zeilen steht in großen Buchstaben: “Hier ist niemand mehr der Gute. Hier regieren nur noch Hass und daraus resultierende Zerstörung. Und das kann NIEMALS gut sein, egal wer wen hasst und in welche Richtung sich die Gewalt entlädt!” Es steckt mehr dahinter, als etwas coole Musik und Unterhaltung!

Alles in allem ist das Werk eine Ansammlung an drastischen, coolen, intensiven und bedrückenden Episoden, die von stark ausgewählter Musik, toller Ausstattung und vor allem besagten Dialogen in Verbindung mit absolut übermenschlich-gutem Schauspiel getragen werden. Da ist nicht nur Christoph Waltz (den ich gegen Ende zeitweise sogar fast als etwas zu viel empfinde), da sind auch August Diehl, Mélanie Laurent, Michael Fassbender, Brad Pitt, Diane Kruger (ja, auch die, denn die Rolle des oberflächlichen, nie ihr wahres Gesicht zeigenden Reichs-Starlets könnte nicht besser verkörpert sein) und sogar Til Schweiger, Daniel Brühl, Eli Roth, etc. machen einen tollen Job. Jeder wächst hier über sich hinaus. Dazu noch angenehm wenig Film-Referenz-Namedropping und mehr echter Q.T. Stoff – einfach rundum gelungen, vom Gefühl am nächsten an PULP FICTION und so umfangreich, dass die Anzahl an potentiellen Sichtungen nicht in eine Zahl gepackt werden kann.

Bitte als nächstes wieder genau so, Herr Tarantino!


Wertung
8 von 10 Wortgefechten im Bierkeller


Weblinks
IMDB
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5 Gedanken zu „Quentin Tarantino #6: Inglourious Basterds (2009)“

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