Film: Ender’s Game (2013)


Trailer © by Constantin Film


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Science-Fiction, Kriegsfilm
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: Gavin Hood
Besetzung: Harrison Ford, Asa Butterfield, Hailee Steinfeld, Abigail Breslin, Ben Kingsley, Viola Davis
Kamera: Donald McAlpine
Musik: Steve Jablonsky
Schnitt: Lee Smith, Zach Staenberg


Review
Ein interessantes Beispiel dafür, wie Shitstorms, Hypes, Gegen-Hypes, etc. ein vorgefertigtes Bild im Kopf platzieren, welches es ziemlich erschwert der Entstehung einer eigenen Sichtweise genügend Raum zu geben. Meint: Dass der Orson Scott Card, der Autor der Romanvorlage dieses Films eine Menge homophoben Bullshit gequatscht und geschrieben hat, ist leider Fakt und nicht weg zu diskutieren. Aber sollte man deswegen einen Film boykottieren, der lediglich auf einem seiner Werke basiert, in dessen Produktion der Mann aber gar nicht einbezogen ist? Immerhin lässt man einem Clint Eastwood, aktiver Filmemacher, nicht bloß Romanautor, auch eine Menge arg konservativ-rechten Quatsches durchgehen und genießt dessen Filme weiterhin. Schwieriges Ding.

Auf jeden Fall war dieses Wissen echt in meinem Kopf fest gesetzt und ganz automatisch bin ich davon ausgegangen, dass ENDER’S GAME aufgrund der Vorgeschichte des Autors mit Sicherheit homophob UND auch noch rassistische Militär-Propaganda ist – gehört ja irgendwie zusammen und dämlich-unwissende Vorurteile fühlen sich ja gemeinsam in ein und dem selben Schädel meist am wohlsten. Aber so sehr ich jetzt auch Pro und Contra abwäge, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass der Film zwar seine Probleme hat, weil ihm in letzter Instanz die nötige, nachdrückliche Konsequenz fehlt, um seine Aussage glaubhaft und fühlbar zu vertreten, aber er in Summe genau das Gegenteil von Militärpropaganda ist.

Direkt zu Beginn gibt es klare Einblicke in die leider sehr erfolgreiche Wirkungsweise moderner Propaganda – Mobilmachung zum Schutz des Planeten, alle Opfer zu Gunsten des großen Ganzen, schlacht-basiertes Heldentum – im Weiteren handelt der Plot militärischen Drill, emotionale Abstumpfung und zu guter letzt vor allem rücksichtslose Instrumentalisierung des Individuums ab.

Jugendliche sind in ENDER’S GAME nach einer zurück geschlagenen ausserirdischen Invasion die (angebliche) Hoffnung der Menschheit. Sollte “der Feind” zurück kommen, müssen sie Maschinen bedienen, Truppen koordinieren, Flotten navigieren. Warum? Die Prämisse lautet: Kindliche Hirne können die Daten schneller verarbeiten. Muss man als gegeben akzeptieren. Und da der Staatsapparat keine Kosten und Mühen scheut diesen Dienst als das Nonplusultra darzustellen – “Uncle Sam wants YOU in Space” – investieren Eltern reichlich in ihre zukünftigen Jetpiloten und auch für diese gibt es kein größeres Ziel als den zukünftigen Kampf.

Da viele hier genau die (erwartete?) Kriegspropaganda sehen, muss es scheinbar möglich sein diese darin zu lesen, ich hingegen verstehe wirklich nicht wie, denn wenn ich hier etwas heraus lesen kann, dann eher die Aufforderung niemals den Autoritäten und ihren fadenscheinigen Kriegsgründen zu trauen! Es geht um die perfiden Mechanismen, mit denen der Kriegsapparat rekrutiert und über Gamification, unbemerkt von ihnen selbst, Kampfmaschinen züchtet, pausenlos einen immensen Druck auf die jungen Rekruten ausübt, was im Resultat nicht unbedingt deren beste Seiten zu Tage fördert und in finaler Konsequenz jegliche Ethik fallen lässt, um die irrsinnige “Endlösung” zu erreichen. Das geht bei Harrison Ford (der mein Sichtungs-Grund war, ich wollte mich selbst überzeugen, ob seine Leistung wirklich so schwach ist) als Colonel los – der Mann ist ein krasser Unsympath, zeigt nach vorn Fassade solang es nötig ist, doch schaltet wenn nötig auf eiskalt, brüllt Kids zusammen, generiert gefährliche Konfliktsituationen zur Psycholanalyse, und erstickt jegliche Zweifel an der Moral und Erträglichkeit seines Handels im Keim (die betreuende Psychologin wird beim Aufkommen erster Skepsis einfach gefeuert). Auch Stimmung und Lebensbedingungen unter den rekrutierten Kindern wirken keineswegs heroisch-anziehend, sondern eher karg und abstoßend – mit einer Ausnahme, denn Autor/Regisseur Gavin Hood flechtet eine weitere wichtige Seite der Medaille ein: durch geschicktes Marionettenspiel der Obrigkeit wird in einem kleinen Verband der Truppe Zusammenhalt geschaffen, genug, um sie in den zukünftigen brenzligen Kriegssituationen als aneinander geschweißte “Kameraden” quasi alles tun zu lassen.

Gut daran ist, dass Hood immer wieder durchscheinen lässt, wie falsch blinder Gehorsam ist (aus der Reihe zu tanzen, selbst zu denken und Dinge zu hinterfragen führt Ender ans Ziel und bringt Anerkennung/Erfolge). Zweifelhafterweise ist dies nur Vehikel, um ihn schlussendlich zum Besten aller Kämpfer zu machen, der die Flotte in die Schlacht führen soll. Ob diese Schlacht richtig, sinnvoll und legitimiert ist (ist ein Gewaltakt das jemals?), zweifelt Ender zwar an, jedoch nicht vehement genug. “Einen anderen Weg zu gehen” wäre konsequenter möglich gewesen – das fällt ihm jedoch erst nach dem großen Knall auf. Als es zu spät ist. Insofern steht hier für mich unterm Strich (und das ist sicher streitbar), dass es wichtig ist selbst zu denken, aber eben nur nutzt, wenn aus diesem Denken auch Konsequenzen gezogen werden. Und dass der Machtapparat ein Meister darin ist intelligente Zweifel auszuräumen.

Schade ist jedoch, dass auf den letzten Metern die wichtigste aller Aussagen nur noch halbherzig getroffen wird: dass an oben beschriebenem Kriegs-, Hass- und Instrumentalisierungs-Apparat Psychen und ganze Existenzen zerbrechen. Das die Folgen des Krieges das Schlimmste sind. Und dass “es nicht gewusst zu haben” vor der Schuld nicht schützt. Buße und Läuterung sind, wenn überhaupt möglich, nicht durch zwei Handgriffe und guten Willen geschehen. Das dämpft das durchaus positive Gesamterlebnis sehr, denn Ender wurde für unbegreiflich Schlimmes benutzt (auf eine Art, die interessante Statements zu den aktuellen Tendenzen des Dronenkrieges macht) – das darf nicht ohne fühlbare Folgen (für ihn und uns) bleiben.

Ansonsten aber ein ziemlich kompetent fotografierter, stattlich getrickster Sci-Fi-Film, der brauchbar davon berichtet, wie gewaschene Hirne zum Spielball auf dem kriegerischen Schachbrett wahnsinniger Militärs werden.


Wertung
6 von 10 zehrenden Kriegs-Simulationen


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

2 Gedanken zu „Film: Ender’s Game (2013)“

    1. Muss man auch nicht gesehen haben. Hab ihn mir mehr oder minder beim Rausgehen aus der Stadtbibliothek geschnappt, weil er da gerade stand und ich gehört hatte, dass Ford schauspielerisch so richtig abgebaut hat. Wollte mir davon mal ein Bild machen und hab wie beschrieben ziemlichen Crap erwartet. Das ist er nicht. Ganz sicher nicht fehlerfrei, weil noch etwas mehr Stellung zum heiklen Thema gut getan hätte (und Ford nicht der einzige ist, der mageres Acting liefert), aber zum einmal weg gucken okay.

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