(Neuer) deutsch(sprachig)er Genrefilm #11: Hades (2014)

Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Kevin Kopacka


HADES from Kevin Kopacka on Vimeo.


Edit: HADES ist jetzt sowohl frei auf Vimeo verfügbar (ich habe die Einbettung des Trailers oben durch den 15 minütigen Film ersetzt), so dass ihr ihn problemlos schauen könnt, als auch auf Moviepilot gelistet (hab ich unten bei den weiterführenden Links ergänzt), wo ihr ihn bewerten und kommentieren könnt!


Fakten
Jahr: 2014
Genre: Surrealer Film, Giallo
Regie: Kevin Kopacka
Drehbuch: Kevin Kopacka
Besetzung: Anna Heidegger, Cris Kotzen, Iman Rezai
Kamera: Lukas Dolgner
Musik: Kevin Kopacka
Schnitt: Kevin Kopacka


Review
18 Uhr 33, eine junge Frau erwacht, im Hintergrund das beruhigende, gedämpfte Plätschern von Wasser. Sie schmiegt sich in ihr Kissen, nimmt einen tiefen Atemzug vom Shirt ihres Liebsten und entschwindet zurück ins Land der Träume. Doch etwas stimmt nicht, die Welt scheint surreal entrückt, regelrecht verzerrt. Alptraum, Angst, Erwachen. Immer noch 18 Uhr 33. Oder wieder? Wo ist sie? Wer steht da in dieser Dusche, die plötzlich wirkt, als sei sie Lichtjahre entfernter Teil einer anderen Welt? Dies ist mehr als bloß ein schlechter Traum – Gefangen in einer Schleife des verzweifelten Irrens durch geheimnisvolle, bunt ausgeleuchtete Gänge, verlaufen im Irrgarten der Impressionen und gehemmt von der Unfähigkeit aus diesen zu erwachen, warten schwer zu (be)greifende Prüfungen auf die junge Frau.

Eindeutig angelehnt, das steckt bereits im Titel des 15minütigen Kurzfilms, an die griechische Mythologie um den Herrn der Unterwelt und sein Totenreich, zu dem fünf Flüsse einst den Zugang bildeten, erzählt HADES rein über die audiovisuelle Ebene von einem beklemmenden, nie enden wollenden Traum, als Spiegel abstrakter innermenschlicher Zustände. Sprache braucht dieser mysteriöse Neo-Giallo nicht, denn Filmemacher Kevin Kopacka scheint sich der schönstmöglichen Funktionsweise von Film – als puren, sinnlichen Rausch der Eindrücke – durchaus bewusst zu sein. Sein Werk soll Stimmungen auslösen und das tut es, denn die erzählte Geschichte wurde gekonnt symbolisch abstrahiert und in eine fantastische Form gegossen (Schnitt, Lichtsetzung und Score sind brillant), die keinen Zweifel an Kopacka’s gesunder filmischer Sozialisation und den vielfältigen Einflüssen zwischen farbintensiven Gialli-Klassikern und lynchigen Realitäts-Schleifen aufkommen lässt.

Und wie es assoziatives Rauschkino so an sich hat, bietet HADES, dessen inhaltlichen Leitfaden lediglich einige Texttafeln bilden, die jedem der fünf Flüsse des Hades eine menschliche Emotion zuordnen und so jeweils das nächste Segment des Werkes einleiten, reichlich Projektionsfläche, um abseits der packenden Atmosphäre die eigenen Gedanken und Stimmungen darin zu finden. Laut eigener Aussage des Regisseurs (sowie Autors, Komponisten und Cutters) handelt der Film von “einer jungen Frau, die in einem Traum gefangen ist und die fünf Flüsse überqueren muss, um ihre Erinnerung wieder zu erlangen“. Doch woran? An die Liebe und den Menschen der ganz nah (aber doch so fern) im Nebenraum unter dem heißen Wasser steht? An die Welt und das Leben auf einer viel allgemeineren, übergeordneteren Ebene? Oder gar an die eigene Identität und die Definition des Selbst? Alles und nichts davon, denn in Summe ist HADES wohl vor allem ein in (Super 8 und HD) Bild(ern) und (von Kopacka selbst produziertem, großartigen Trip-Hop) Ton eingefangenes Gefühl, ein Spiegel von Verlorenheit und Entfremdung, sowie der heftigen Angst, diesem Zustand nie wieder entfliehen zu können.

Wer kennt es nicht, sich vor Erschöpfung mal tagsüber hinzulegen und Stunden später, orientierungslos und vollkommen unfähig Ort und Zeit festzulegen wieder zu erwachen? HADES findet einen Ausdruck, der genau die wenigen (lähmenden, meist ewig lang andauernden) Sekunden dieser totalen Ratlosigkeit einfängt und audiovisuell erlebbar macht. Das ist zumindest meine Sicht darauf, HADES besticht jedoch durch vielschichtige Lesbarkeit – andere finden sicher problemlos das Endstadium einer gescheiterten Beziehung, oder die totale Abschottung von Umfeld oder der Gesellschaft darin – und das ist auch gut so, denn der Film geht in den Dialog mit den Zuschauern und lässt genügend Leinwand frei, die diese mit eigenen Gedanken füllen können.

Ich bin sehr froh, dass ich diesen Film sehen konnte, weil er Teil eines Ganzen ist, das mir Hoffnung macht. Junge Filmemacher, die wissen woher sie kommen und noch besser, wo sie hin wollen, ein ausgeprägtes Gespür für Ästhetik besitzen und die Dinge, die in diesem Land falsch laufen, in bester DIY-Tradition einfach komplett selbst in die Hand nehmen, sind auf dem besten Weg ein neues deutsches Genrekino zu erschaffen, das wohl austariert zwischen offensichtlichen Einflüssen und starker eigener Identität bestehen kann – dieser gelungene, audiovisuell hochwertige Kurzfilm ist ein Teil davon. Sehr schön.


Wertung
8 von 10 endlosen Traumschleifen


Veröffentlichung
HADES ist auf diversen Festivals gelaufen, hat Awards für Kamera, Schnitt und mehr erhalten und läuft heute Abend auf der Genrenale in Berlin um 22 Uhr im Block GENRENALE SHOTS 3. Geht hin! ||| Edit: Seit Juni 2016 ist der Film zudem frei auf Vimeo abrufbar (und oben in diesem Beitrag eingebettet).


Weblinks
WEBSITE DES REGISSEURS
FACEBOOK
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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3 Gedanken zu „(Neuer) deutsch(sprachig)er Genrefilm #11: Hades (2014)“

  1. Hatte während dem Lesen grade wieder vergessen, dass es sich um einen deutschen Film handelt. Wobei ja auch mit “Masks” ein durchaus ansehbarer Giallo-Kandidat aus deutschen Landen kommt.
    Muss ich mir wohl ansehen – ganz genau mein Fall.

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