© by Koch Media

Heimkino-Highlight: Die Stunde Wenn Dracula Kommt – Mario Bava Collectors Edition Mediabook [+ Review] (2016)

In meinem letzten Beitrag zu einem fantastischen Mediabook lobte ich bereits neben Bildstörung’84 Entertainment und Capelight auch Koch Media für ihre liebevollen Veröffentlichungen abseits des Mainstreams – nun ist es an der Zeit mal eine dieser Editionen genauer vorzustellen. Mit der Veröffentlichung des Horror-Klassikers DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT macht das, durch Veröffentlichung obskurer Perlen stetig um den vielseitigen Ausbau ihres Katalogs bemühte Label nicht nur einen sehr guten, sondern auch in zig Aspekten wegweisenden Film (dazu mehr im Review) in HD für den deutschen Markt verfügbar.

Dabei bleibt zu hoffen, dass die Betitelung mit dem Label Mario Bava Collection bewusst gewählt wurde – zu einer Collection gehören ja in der Regel mehrere Titel – und das Release demnach als Auftakt zu verstehen ist. Zwar ziert die Edition nicht explizit die Nummer #1 (Koch will hier anscheinend keine falschen Hoffnungen schüren, die dann irgendwann zu Frustration führen) jedoch sind noch viel zu viele Perlen des italienischen Horror- und Giallo-Großmeisters in brauchbarer Qualität unveröffentlicht. Erlauben wir uns also einfach mal zu träumen, denn mit dieser Edition wäre ein guter Anfang gemacht.



Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Koch Media


Die Box

  • Die drei Discs (1 x BluRay, 2 x DVD) kommen in einem anständig verarbeiteten, insgesamt sehr hochwertigen Klappcase aus dicker Pappe. Das Artwork ist, ganz im Stile des italienischen Horrorfilms in Blutrot, Gelb und Schwarz gehalten, in einem kleinen Fach auf der ersten Innenseite klemmt das Booklet. Im zusammengeklappten Zustand lässt sich das Case in eine Außenhülle aus festem Papier sliden (siehe erstes Bild oben), damit es stabil gefaltet bleibt und nicht ständig aufklappt. FSK-Flatschen sind selbstverständlich nur geklebt und lassen sich entfernen.
  • Das Booklet enthält ein 16seitiges Essay von “Bavafreak” Troy Howarth, in dem er die Geschichte des italienischen Horrorfilms umreißt (und mit Bava’s Werdegang in den Kontext setzt), DIE NACHT WENN DRACULA KOMMT analysiert und spannende Fakten aus den Karriere-Verläufen aller beteiligten liefert. Mehr als lesenswert und vor allem aufgrund der vielen Filme, die im Kontext genannt werden eine Goldgrube an Empfehlungen für italophile Filmfans, die sich (wie ich) als “Anfänger” in Bezug auf Giallo und Italo-Horror bezeichnen würden.

Die enthaltenen Fassungen

  • Die originale (europäische) Fassung (Laufzeit auf BD sind 86 min) kommt mit optionalem Audiokommentar von Tim Lucas (auf Englisch natürlich) und deutschem, englischem und italienischem Ton auf BluRay und DVD.
  • Die US-Version mit einigen Kürzungen, abweichender englischer Synchro und ausgetauschter Filmmusik (hier der Schnittbericht) ist ebenfalls auf der BluRay, sowie auf einer anderen DVD enthalten.

Das Bonusmaterial (über die Discs verteilt)

  • Deutsche, Englische und italienische Trailer, Besagter Audiokommentar, zwei interessante Interviews mit Barbara Steele (ca. 11 min) und Mario Bava’s Sohn, dem Filmemacher Lamberto Bava (ca. 30 min), Geschnittene Szenen, sowie eine schöne Bildergalerie mit allerlei internationalen Filmplakaten und Fotos vom Set. Kleines Manko: Bei den Kollegen von Arrow Films war in UK gleich noch Bava’s erster (inoffizieller) Vampirfilm I VAMPIRI (in Deutschland DER VAMPIR VON NOTRE-DAME), den er Mitte der Fünfziger Jahre als Co-Regisseur realisierte, mit im Release enthalten. Hätte sich hier auch gut gemacht! Allerdings finden Synchro-Gucker bei Arrow natürlich keine deutsche Sprachfassung der Filme (und im Essay zum Film wird die Qualität der britischen (und US-) Synchro arg bemängelt).


Fakten
Jahr: 1960
Genre: Horror, Grusel
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Ennio De Concini, Mario Serandrei
Besetzung: Barbara Steele, John Richardson, Andrea ChecchiIvo GarraniArturo DominiciEnrico OlivieriTino Bianchi
Kamera: Mario Bava
Musik: Roberto NicolosiLes Baxter (US-Version)
Schnitt: Mario Serandrei


Review (Europäische Fassung)
Der Wind pfeift stetig durch die Baumwipfel, dichte Nebelschwaden wabern in der unwirtlichen Umgebung, die Nacht scheint schwärzer als normal und ewig anzuhalten. Bereits die ersten Sekunden im (offiziellen) Regiedebüt des legendären Filmemachers Mario Bava setzen einen Ton, den die folgenden 80 Minuten beibehalten werden – DIE NACHT WENN DRACULA KOMMT, mit seinen düsteren Grüften voll Spinnweben, den knorrigen Wäldern und unheimlichen Gemäuern, ist klassisches Gruselkino (mit packend-atmosphärischem Schwerpunkt) in Reinform.

1960, also bereits mehrere Jahre vor Beginn der einige Jahrzehnte anhaltenden, für zahlreiche stilprägende Meisterwerke bekannten Hochphase des italienischen Horrorfilms, steht Bava inszenatorisch zwar mit einem Fuß fest und stilsicher in der Vergangenheit besagten Gothic-Horrors, arbeitet hochvisuell und bedient etablierte Genre-Mechaniken, mit dem anderen Fuß aber ohne es zu merken auch in der Zukunft – einer, deren Weg er vor allem durch den internationalen Erfolg dieses Werkes ganz maßgeblich mitbestimmen sollte. Gewissermaßen war dies das Werk (weltweit übrigens als THE MASK OF SATAN bzw. in den USA als BLACK SUNDAY vermarktet) welches italienischen Horror als feste, euphorisch gefeierte Größe auf den Schirm des Weltkinos holte.

Audiovisuell agiert DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT (welcher außer dem Vorkommen von Blutsaugern absolut gar nichts mit dem originalen Dracula zu tun hat – weder in der englischen, oder italienischen Spracherfassung, noch in irgendeinem der Internationalen Verleihtitel kommt dieser Name vor) zwar klar in der Tradition expressionistischer Horror-Klassiker – die gezeigte Welt dominieren harte Schatten, ihr wohnt etwas mysteriöses, unwirklich-beklemmendes inne und niemand bei klarem Verstand würde in diesen Nächten freiwillig einen Fuß vor die Tür setzen. Auch sind mit Hexen, Inquisition und dämonischer Wiedergeburt im Genre auch 1960 schon fest verankerte Elemente verfilmt.

Die Seele des Werkes, sein Charakter und die enthaltenen Motive hingegen, speziell die, besonders aus damaliger Sicht mehr als drastischen Gewaltspitzen, kann mit etwas Fantasie bereits als Vorreiter der einige Jahre später beginnenden, teils von sehr explizit ausgeschlachteter Brutalität geschwängerten Strömung italienischer Horror- und Giallo-Werke verstanden werden – auch weil LA MASCHERA DEL DEMONIO (so der Originaltitel) zeitweise als cleveres Spiel mit der Wahrnehmung funktioniert, ein Leitbild vieler psychologisch angehauchter Streifen der folgenden Jahrzehnte. Unterm Strich erzählt Bava nicht bloß eine – zugegebenermaßen, nicht sehr originelle – Horror-Geschichte um eine (bestialisch) hingerichtete Hexe, ihre zufällige Wiederauferstehung und den blutrünstigen Rachefeldzug, den sie gegen die Nachfahren ihrer einstigen Peiniger führt. Im Kern geht es um das Sehen, Verarbeiten und Begreifen. Um ein Spiel mit den eigenen Sinnen, Vertrauen in sie und das (unter Umständen lebenserhaltende) Ziehen der richtigen Schlüsse.

Natürlich ist fast 60 Jahre nach Entstehung des Werkes besonders im Horror der Kniff der Doppelbesetzung hundertfach breitgetreten und ausgewalzt worden, demnach also kein großer Wurf mehr – in MASCHERA spielt Ikone Barbara Steele sowohl die diabolische Hexe Asa, als auch ihre reine, unschuldige Nachfahrin Katia – Bava weiß jedoch, was aus derartigen Ansätzen herauszuholen ist, schürt über falsche Fährten Zweifel am Gesehenen und setzt vor allem im Finale auf das inhärente Restmaß an Unsicherheit, was dieses Setting zwangsweise mitbringt. Wen sehen wir hier eigentlich? Wem können wir trauen? Und was machen die diabolischen Mächte, also Asa und ihr ebenfalls auferstandener Gehilfe Yavutitsch (aka Dracula) aus den armen Seelen, die das Schicksal zu ihren Nachfahren auserkoren hat?

Ein Maß an misstrauischer Paranoia, wie es spätere Genrefilme vom Schlage eines INVASION OF THE BODY SNATCHERS oder THE THING aus der potentiellen Gefährdung durch ein, rein optisch harmlos anmutendes Gegenüber ableiten, erreicht Bava zwar nie, aber sind ist das Spiel mit Fassade und der individuellen Dunkelheit dahinter ein elementarer Teil in MASCHERA.

Am Rande streift der Film dabei sogar Konflikte zwischen wissenschaftlich-rationaler Weltsicht und ihrer Konfrontation mit dem Übernatürlichen – die eigentlichen Protagonisten sind zwei Gelehrte auf der Durchreise, die aufgrund einer Reifenpanne ihrer Kutsche die Gruft um Asa’s Sarg erforschen, sie eher zufällig zum Leben erwecken und später zum Spielball der Mächte werden – die Kernqualitäten liegen allerdings nicht auf Seite der Geschichte, sondern klar bei Inszenierung und Wirkung: Bava’s langjährige Erfahrung als Kameramann und Spezialeffekte-Künstler zahlte sich bei der Gestaltung dieser Welt reichhaltig aus – oft nagt der Zahn der Zeit enorm an der Wahrnehmung (und daraus resultierenden Immersion) gering budgetierter Genrefilme vergangener Epochen, doch MASCHERA sieht überraschend wenig nach Kulisse oder Studio aus und kann so seine volle Wirkung entfalten. Film ist schließlich immer Illusion, das Vorgaukeln falscher Tatsachen, die in unserem Kopf zu etwas echtem werden – Bava gelang dies (auch wenn er selbst sich kurz vor seinem Tod nach eigener Aussage köstlich über den Film amüsiert hat) bereits 1960 mit beeindruckender Intensität. Ein feiner Klassiker.


Wertung
7-8 von 10 ins Gesicht gerammten Nägeln


Veröffentlichung
Das Mediabook ist am 11. August bei Koch Media erschienen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
Amazon (*) (falls ihr das Amazon-Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

2 Gedanken zu „Heimkino-Highlight: Die Stunde Wenn Dracula Kommt – Mario Bava Collectors Edition Mediabook [+ Review] (2016)“

  1. Wunderbares Timing! Bin gerade auch dabei die Italo-Horrorschiene der 70er und 80er zu entdecken. Nur eben mit Fulci, der jetzt nicht unbedingt subtil vorgeht, aber auch ein wunderbares Gespür für Atmosphäre und kunstvolle Einstellungen/Kamerafahrten besitzt. Sehr zu empfehlen, zumindest “The Beyond”.

    1. Fulci ist bei mir immer noch ein komplett blinder Fleck, den ich bald auch mal angehen werde. Allgemein ist die Ästhetik im italienischen Kino der Zeit aber oft brillant! Die Herren hatten ein Händchen für ganz eigene Stimmungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.