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Film: Tetsuo: The Bullet Man (2009)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Koch Media GmbH


Fakten
Jahr:  2009
Genre: Experimentalfilm, Science-Fiction, Terrorkino
Regie: Shin’ya Tsukamoto
Drehbuch: Shin’ya Tsukamoto
Besetzung: Eric Bossick, Akiko Monô, Yûko Nakamura, Stephen Sarrazin, Tiger Charlie Gerhardt, Prakhar Jain, Shin’ya Tsukamoto
Kamera: Shin’ya Tsukamoto, Takayuki Shida, Satoshi Hayashi
Musik: Chu Ishikawa
Schnitt: Shin’ya Tsukamoto, Yuji Ambe


Review
Was DIY-Filmemacher Shin’ya Tsukamoto bewiesenermaßen kann:
Audiovisuellen Wahnsinn auf die Leinwand bringen, industrielle Noise-Soundtracks schreiben, beklemmende Atmosphäre generieren, brutalen Body-Horror inszenieren, mit einfachen Mitteln maximale Wirkung erzielen, auf dem Gebiet des Experimentalkinos wegweisend sein, mit Metall hantieren, selber in seinen Filmen eine Rolle spielen, uns so weiter…

Die Liste könnte man noch um einiges erweitern. Leider motiviert der völlig missglückte TESUO: THE BULLET MAN fast gezwungenermaßen dazu, das Gegenstück entwerfen.

Was Shin‘ya Tsukamoto offensichtlich NICHT kann:
Gleubhafte Dialoge schreiben, klassische Geschichten konstruieren, Schauspieler casten die diesem Begriff auch gerecht werden, seine Industrial-Spielereien über eine audiovisuelle Wahnsinns-Ebene hinaus mit Drama schwängern, Hochglanz-Optik statt kantig-unperfekter Ästhetik inszenieren, Special-Effects und Masken basteln, die auch einer HD-Auflösung stand halten, und so weiter…

Verdammt, TETSUO: THE IRON MAN von 1989 war ein brachial gutes Stück Experimental-Wahnsinn. Ein Grund dafür ist der Umstand, dass darin niemals die Frage nach dem “Warum?” aufkommt. Ein Mann wird zu einer widerlichen Kreatur aus Fleisch und Eisen. Punkt. Das war‘s und das reicht fürs erste. Zwar macht es Spaß sich mit Subtexten, etc. auseinander zu setzen, allerdings auf einer rein symbolischen Ebene. Keine Erklärungen, keine Notwendigkeit eben dieser.

Zum 20-jährigen Jubiläum seines (Meister-)werks sollte wohl, ganz im Geiste der heutigen Fortsetzungs- und Neustart-Kultur, ein zeitgemäßes Update stattfinden. Der Ansatz: Evolution statt Kopie, weshalb der IRON MAN nun sogar zum BULLET MAN (einer lebendigen Riesenknarre) mutiert und seine metallische Transformation zudem noch eine Rahmenhandlung spendiert bekommt. Eine, die es in keiner Weise gebraucht hätte, denn nett ausgedrückt ist sie völlig unkreativ und platt, weil wirklich die erstbeste Geschichte, die für eine Origin auf der Hand liegt. Wie so oft bei Erklärbär-Ansätzen (was z.B. auch an den HELLRAISER-Sequels, vor allem HELL ON EARTH und BLOODLINE stört) wirkt dies grob entmystifizierend und spricht in einer Tour Dinge aus, die niemand wissen wollte.

Doch nicht, dass bloß das Skript nichts taugen würde, auch die Form in der uns relevante Informationen dargereicht werden, wirkt wie eine Parodie der großen Werke, die Tsukamoto bereits erschaffen hat. Film-Studium, erstes Semester, Tsukamoto passt im Drehbuch-Kurs nicht auf: Wenn sämtliche Ereignisse der Vergangenheit durch vorgelesene Texte rekonstruiert werden, geistert leider kein anderes Adjektiv als “plump” durch den geplagten Zuschauer-Schädel. Na gut, vielleicht noch “uninspiriert”. Wer Geschichten im wahrsten Sinne nur “erzählen” will, ist vielleicht besser mit der Produktion Hörspielen beraten.

In ähnlichen Qualitäts-Regionen rangiert das Können der “Schauspieler”, die besagte Dialoge hölzern und unbelebt darbieten. Steif, bemüht und völlig ohne Wirkung stümpern sich der Metallmann, seine Familie und eigentlich jede weitere Figur einen groben Fehltritt nach dem Nächsten zusammen. Einzig Tsukamoto selbst mag ein wenig Präsenz auf den Screen zu bringen und kann die besessene Boshaftigkeit seiner Figur glaubhaft verkaufen – dass das sitzt, hat er ja in der Vergangenheit bereits bewiesen.

Wo seine wahren Qualitäten liegen (können), offenbart sich dann wenigstens auf audiovisueller Ebene. Auch hier regieren Hektik, Lärm, Schockmomente, zitternde Kamera und experimentelle Zeitraffer-Sektionen den Film. Das ist, isoliert betrachtet, sowohl seine Handschrift, als auch qualitativ gut, harmoniert jedoch wenig bis gar nicht mit dem Gesamtkontext. Der visuelle Terror und die krampfhaft eingebaute Story verstehen sich einfach nicht wirklich: ersterer entfaltet sich nie wirklich, denn letztere fühlt sich laufend grob vernachlässigt, und stellt ersterem neidisch ein Bein. Als Dankeschön durchlöchert er sie mit lauten, brachialen Bullet-Shots, sodass am Ende nichts wirklich zur Entfaltung kommen konnte und, weil die zwei Komponenten nun mal fest miteinander verzahnt sind, alles gemeinsam den Abhang in Richtung Totalausfall herunter purzelt. Die kurzen Momente, die es schaffen dem Zuschauer das Hirn zu verdrehen, reichen bei weitem nicht um die vielen negativen Seiten auszugleichen, vor allem weil Tsukamoto’s frühere Filme weitaus stilsicherer waren.

Etwas Essentielles fehlt nämlich: TETSUO: THE BULLET MAN wirkt sehr digital statt roh und ungeschliffen. Wahlweise bis kurz vor Grau- oder Sepia-Tönung reduzierte Farben bilden den Grundtenor, der mutierende Mensch-Metal-Hybrid ist mal per Maske dargestellt (die man trotz Fehlen des unperfekten Charmes aus TETSUO: THE IRON MAN leider als solche erkennt) und zeitweise auch in pervers schnellen Sequenzen per CGI aufgepeppt, die mangels Budget ebenfalls wenig zu überzeugen wissen – sofern man denn in den extrem verwackelten Aufnahmen überhaupt irgendetwas erkennen kann. Die Kamera ist nämlich in negativer Hinsicht der absolute Terror.

Wer TETSUO sehen möchte, der halte sich doch besser an den IRON MAN, denn hier wird versucht zusammen zu bringen, was getrennt gehört – das Resultat krankt an fehlender Kohärenz und ödet über weite Teile schlichtweg an.


Wertung
3 von 10 öden Transformationen


Veröffentlichung
TETSUO: THE BULLET MAN ist bei Koch Media GmbH in der 3-Disc-Mediabook BluRay Special Edition, sowie regulär als DVD erschienen. Im Bonusmaterial der Special Edition befinden sich: Making of (ca. 71 Minuten), Originaltrailer, Exklusiv produzierte Dokumentation über Shinya Tsukamoto (ca. 46 Minuten), Shooting the Sun – Interview mit Shinya Tsukamoto in Frankfurt (ca. 26 Minuten), 20-seitiges Booklet von Markus Wambsganss über die Dreharbeiten und Produktion, Bildergalerie. Die Discs kommen im Wendecover ohne FSK Logo.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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2 Gedanken zu „Film: Tetsuo: The Bullet Man (2009)“

  1. Ich stimme in weiten Teilen zu, würde als Tetsuo-Fan aber deutlich weniger hart mit dem Film ins Gericht gehen. Die Intensität halte ich hier nämlich trotz geringem Budget, vieler Makel und Digital-Look für absolut gegeben. Das Original bleibt natürlich unerreicht.
    Ein Hinweis: Der Erstling ist Teil des Mediabooks und somit wichtigstes Extra!

    1. Hab mal einen deiner zwei (fast identischen) Kommentare gelöscht – nehme an, da gab es ein Problem mit dem abschicken.

      Das Review ist nur ein “re-animiertes” altes von mir – ursprünglich mal im Mai 2013 ins Netz gestellt. Demnach hab ich das alles nicht mehr so wirklich stark vor Augen, weiß aber noch, dass ich den Film sehr anstrengend, nur eben ohne die Faszination des ersten TETSUO, empfand. Geringes Budget war bei Tsukamoto ja nie das Problem, ich denke hier ist es sogar höher als bei früheren Werken, viel mehr stört mich die CGI, dann da wäre eben noch WEIT mehr Budget nötig um wirklich zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen. Ich empfinde minderwertige CGI einfach als schlecht und unangenehm, wohingegen problematische handgemachte Effekte die Chance auf einen unperfekten Charme haben. Geschmack halt.

      Auf das Mediabook mit dem “First Cut” von TETSUO: THE IRON MAN bin ich gestern auch gestoßen. Ist eine Überlegung wert, vor allem, da es nur noch bei 15€ liegt…

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