© by Wild Bunch, Universum Film GmbH, Capelight Pictures

Film: Spring Breakers (2012)


Trailer © by Wild Bunch, Universum Film GmbH, Capelight Pictures


Fakten
Jahr: 2012
Genre: Satire, Kunstfilm, Gangsterfilm
Regie: Harmony Korine
Drehbuch: Harmony Korine
Besetzung: Vanessa Hudgens, Selena Gomez, Ashley Benson, Rachel Korine, James Franco, Gucci Mane, Sidney Sewell, Thurman Sewell
Kamera: Benoît Debie
Musik: Cliff Martinez
Schnitt: Douglas Crise


Review
Audiovisuelle Perfektion, ein unschöner und ungeschönter Blick auf das Profil einer Generation und ein vielschichtiger Gesellschafts-Kommentar ohne Urteil, dafür umso mehr als Aufforderung zum Denken und Hinterfragen verfasst.

Meisterwerk!

Verlorene Seelen in der öden Sicherheit der post-Postmoderne, gefangen in den unsichtbaren, teilweise selbst auferlegten Fesseln der marktwirtschaftlichen Zivilisation, getrieben in den Drang nach Ausbruch, Veränderung und Selbstverwirklichung. Harmony Korine liefert, nachdem er vor einigen Jahren den totalen Bruch mit allen gesellschaftlichen Normen, die filmische Antithese zu alles und jedem brachte – Wahnsinn, Zerstörung und Mülltonnen ficken – nun das absolute Gegenteil: Er wettert hier nicht gegen, sondern sinniert über die Gesellschaft – ihm dabei zu zu schauen, ist eine wahre Freude.

Das Resultat – SPRING BREAKERS – ist ein brutal-überstilisierter Beitrag über das junge Amerika der 10er Jahre geworden: auf dem Spring Break Körperkult, Neonfarben, Skrillex-Mukke, Drogen und Sex, im echten Leben angepasstes Funktionieren, gern auch Kirchen-konform, um langfristig genau das genormte Zahnrad im Uhrwerk des System zu werden, gegen welches im Freiheits-suchenden Exzess noch insgeheim rebelliert wurde. Eine Generation, die in unglaublichem Leistungsdruck aufwächst, gefangenen irgendwo zwischen Universität und hartem Trap-Sound, ihre Helden entweder tätowierte Rapper, Emofarbene DJs, oder wer auch immer es zu Ca$h und Fame gebracht hat. Darum geht’s. Um den Traum aus dem gesellschaftlich vordefinierten Leben auszubrechen, die Art und Weise es zu versuchen und die Ernüchterung, wenn der Traum (unausweichlicherweise) platzt.

Ein IST-Zustand, aus mehreren Blickwinkeln und ohne erhobenen Zeigefinger analysiert : “Play something inspiring!”

Korine’s Beitrag ist truly inspiring, denn der Film ist bissiger Kommentar, treffende Analyse und allgemingültige Projektionsfläche zugleich. Er wertet nicht, sondern lässt uns Zuschauer selbst ein Bild formen. Wer mitdenkt und die bizarren Kontraste in Bild und Ton entsprechend deutet, wird jedoch schnell von einem aufkeimenden Gefühl des Zweifels durchzogen: Ist es das wirklich? Ist das der Weg zur Erleuchtung? Findet man so zum eigenen selbst, oder ist der vermeintliche Ausbruch aus der Welt des Normalen nur wirkungslose Illusion?

Also ist SPRING BREAKERS ganz klar ein kritischer Film, allerdings einer, dessen Kritik bereits aus der Beobachtung heraus entsteht, so dass Korine die Weichen weder in Richtung Anklage noch in Richtung Glorifizierung stellen muss. Im Endeffekt steht unterm Strich eine Betrachtung über gesellschaftliche Enge, die die Luft zum Atmen nimmt und nur trügerische Verlockungen, statt wahrer Auswege aus derart einzementierten Positionen verspricht. SPRING BREAKERS  ist kein vernichtendes Urteil über Hedonismus, oder Exzess – Korine hat ein notwendiges Maß an verständnis für seine stark als Projektionsfläche (teils gar als Symbol) ausgelegten Figuren und liefert erst recht kein Lehrbuch es besser zu machen. Weil es nicht um besser geht, sondern darum sich Fragen zu stellen und zu Antworten zu kommen. Beobachten und nachdenken. Genau hinsehen, was die Slowmotion-Partys uns zeigen und die Essenz darin erkennen.

Wieso feiern weiße Mittelstands-Kids von Kopf bis Fuß tätowierte Rapper, die von nichts anderem als knarren, Geld und Coke rappen? Wieso ist der völlig hemmungslose, über jegliche Stränge schlagende Hedonismus heutzutage eine so viel gebrauchte Alternative zum Käfig des gesellschaftlichen Lebens? Kann man wirklich bei sich (im Sinne seines persönlichen Gleichgewichts) ankommen, ohne das ganze Leben zu bereuen vielleicht etwas verpasst zu haben, wenn man sich nie erlaubt hat sich mal völlig gehen zu lassen? Bringt pures Loslassen Sinn in eine sinnlos geglaubte Existenz? “Are we gonna do this shit now or what?”

SPRING BREAKERS beginnt in einer kargen Realität und endet als Symbol für den gelebten Traum des Ausbruchs aus selbiger. College-Kids werden zu Gangster-Bräuten, normal wird zu außergewöhnlich, Konkretes wird diffus – die dauerhaft in buntes Neonlicht getauchte Parabel eines verrückten Zeitgeistes.  Nicht ohne Grund fühlt SPRING BREAKERS sich mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend wie eine schwebende Trance an, lullt durch ewige Wiederholungen und artifzielle Aufnahmen ein und lässt schlicht abheben.  Ein inszenatorisch überragendes, wüstes Konglomerat aus Verstörung und Zauber, das wundervoll mit den Erwartungen der Zuschauer spielt, sie in jedem Falle bricht und verspottet und (mich zumindest) durch seine Welt aus tragenden Flächen und harten Beats ziemlich stark zum Nachdenken anregt. Immer wieder. Dazu James Franco in der Rolle seines Lebens, die Disney Bunnies ebenso und Ferrari-Boy Gucci als Kingpin der Stadt. “Look at my SHIT!” Besser geht es nicht.


Wertung
10 von 10 rosa Sturmmasken (mit einem dicken ♥)


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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4 Gedanken zu „Film: Spring Breakers (2012)“

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