Film: Nachtzug nach Lissabon – Night Train To Lisbon (2013)


Titelbild, Trailer & Bildausschnitte © by Concorde Film


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Drama, Historienfilm
Regie: Bille August
Drehbuch: Pascal Mercier, Greg Latter, Ulrich Herrmann
Besetzung: Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Tom Courtenay, August Diehl, Bruno Ganz, Lena Olin, Christopher Lee, Charlotte Rampling
Kamera: Filip Zumbrunn
Musik: Annette Focks
Schnitt: Hansjörg Weißbrich


Review
Die vielen Taler aus deutschen Förderfonds, welche man im Abspann von NACHTZUG NACH LISSABON bestaunen darf, haben wohl nachhaltig Wirkung gezeigt. Denn obwohl Bille August ein international drehender Däne ist und der Film mit einem internationalen Cast auf Englisch in Portugal produziert wurde, fühlt er sich doch – im negativsten Sinne der Bezeichnung – typisch deutsch an.

Typisch deutsch, weil in hiesigen Landen allzu oft die ein oder andere Charakteristik eines Films absolut fehlgedeutet wird: Wo Tiefe geschaffen werden soll, wird diese mit Langsamkeit und Schweigen verwechselt, was meist Ödnis zur Folge hat, wo Greueltaten gezeigt werden, wird nie die Grenze überschritten, die diese auch als grausam erlebbar macht, wo ein Score eine Wirkung verstärken muss, wird krampfhaft versucht durch ihn überhaupt etwas zu erzeugen, was das Ganze überambitioniert wirken lässt. So fühlt sich ein deutscher Fernsehfilm an und so fühlt sich irgendwie auch NACHTZUG NACH LISSABON an.

Herr Gregorius, ein Lehrer, erlangt durch eine zufällige Begegnung ein kleines Buch und ein Ticket nach Lissabon. Die geschriebenen Worte des portugiesischen Autors veranlassen ihn spontan das Zugticket für sich zu nutzen und sich auf eine Reise ins Ungewisse zu begeben. Angekommen in Lissabon knüpft er Kontakte zu den im Buch erwähnten Figuren und arbeitet nach und nach, in Rückblenden, eine Geschichte aus der Zeit der portugiesischen Diktatur auf. Eine Geschichte rund um den Erschaffer der Texte.

Die drei Autoren Mercier, Hermann und Latter (welche das Buch in ein Drehbuch adaptierten), wie auch Regisseur Bille August, schienen sich hier leider zu keinem Zeitpunkt wirklich bewusst zu sein, dass sie eine Geschichte erzählen, die erst durch das Innere ihrer Figuren zum Leben erweckt werden kann (und muss). Denn so viel auch mit tollen literarischen Zitaten um sich geworfen wird, so sehr diese Zitate auch generelle Poesie über das Sein des Menschen verbreiten, genügend persönliches der beteiligten Charaktere bekommen wir nicht serviert. Viel mehr bleiben die Figuren Randnotiz und der Film will fast ausschließlich von der Diktatur in Portugal erzählen – sicher ein wichtiges Thema, aber da es nicht in Symbiose mit dem Erzählstrang im Jetzt ist, sondern dieser lediglich als notwendiger Aufhänger fungiert, geht das Konzept der zwei Geschichten in Einem nicht auf.

Wer ist dieser Herr Gregorius? Was bewegt ihn?
Das muss man sich selbst zusammenreimen, denn in wenig aussagekräftigen Einstellungen wird sein Leben (und auch die scheinbare Unzufriedenheit damit) viel zu grob umrissen und somit schwer nachvollziehbar. Der Spießer, der in seinem Alltag gefangen ist, steigt spontan, gegen jede Regel und unter der Gefahr des Verlustes seines sicheren Jobs, ohne Gepäck in einen Zug nach Lissabon, weil er wenige Seiten eines Buches gelesen hat? Da muss mehr kommen – der Bann, die Faszination welche der Text auf ihn ausübt, das wird alles nicht klar, nicht fühl- und nachvollziehbar. Mit den anderen Figuren aus dem Jetzt sieht es genauso aus – immer wieder will uns der Regisseur Emotion und Dramatik vorgaukeln (meistens durch deplatzierte und am Thema vorbei komponierte Musik), ganz selten nur kommt diese aber im Bauch an.

So schlimm die Geschehnisse in der Vergangenheit auch waren und so schön die Läuterung vom unzufriedenen, kauzigen Lehrer zum freien Menschen, der sich selbst (und die Liebe) wiedergefunden hat, auch ist bzw. sein könnte – berühren tut NACHTZUG NACH LISSABON nicht. Der Film will zu viel (nämlich die geschichtliche Aufarbeitung einer Epoche, das Zeigen zweier völlig verschiedener Einzelschicksale, sowie Verknüpfungen mehrerer Liebesgeschichten in ca. 2h Laufzeit), aber liefert zu wenig. Einzig das Spiel mit den verschiedenen Blickwinkeln auf Ereignisse in der Vergangenheit bleibt hängen.

Schade, denn sowohl der Stoff, als auch der Cast (Irons, Diehl, Lee) klangen wirklich interessant.


Wertung
4 von 10 wenig nachvollziehbaren spontanen Reise-Impulsen


Veröffentlichung
NACHTZUG NACH LISSABON ist bei Concorde Film als BluRay und DVD erschienen.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

2 Gedanken zu „Film: Nachtzug nach Lissabon – Night Train To Lisbon (2013)“

  1. Nein, das Buch kenne ich nicht, es wurde mir aber auch schon anderweitig empfohlen.
    Die Sprache war ja noch das blödeste in dem Film: alle reden ausnahmslos englisch, in den Rückblicken dann halt mit aufgesetztem akzent
    Das mit der Frau klingt tatsächlich besser (hätte man aus den guten Ansätzen aber auch noch mehr machen können).

    ‘Blass’ ist wohl die treffendste Beschreibung für den Film. War ja kein Ärgernis oder ähnliches – einfach sehr blass!

  2. Hast du das Buch gelesen? Für mich gehört es zu meinen Lieblingsbüchern (auch wenn ich im Roman ein paar Dinge übertrieben / unrealistisch finde).
    Den Film habe ich gesehen, als er im Kino lief und fand ihn relativ blass. Was mir im Buch am wichtigsten war, fiel völlig unter den Tisch – ich finde, im Roman wird sehr gut beschrieben, wie es ist, wenn man schon mehrere Sprachen kann und dann noch eine weitere lernt, die Erfolgserlebnisse, das Gefühl “ich lerne das nie” etc.
    Gut fand ich im Film aber, dass der Zuschauer erfährt, wer die mysteriöse Frau auf der Brücke war – das fand ich am Buch ein bisschen komisch, sie taucht am Anfang plötzlich auf, verschwindet dann und kommt nie wieder. Mir gefiel auch die Idee, dass der Lehrer das Buch von ihr bekommt und nicht zufällig im Laden findet.

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