Film: Labor Day (2013)


Trailer © by Paramount Home Entertainment


Fakten
Jahr: 2013
Genre: Familiendrama, Thriller, Romanze
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Jason Reitman
Besetzung: Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin GriffithTobey MaguireTom LipinskiJ.K. Simmons
Kamera: Eric Steelberg
Musik: Rolfe Kent
Schnitt: Dana E. Glauberman


Review
Mit THANK YOU FOR SMOKING und JUNO hatte Jason Reitman sich in nullkommanichts zu einem meiner must-see Regisseure entwickelt, demnach war es nur eine Frage der Zeit, bis LABOR DAY auf dem Programm stand. Ich kann zwar die häufige Kritik an Reitman verstehen – viele sehen in seinen Filmen nur glatt gebügelte Wohlfühl-Indie-Grütze, die sie nicht mit der Kneifzange anfassen würden, weil die Figuren nah an hippen Idelbildern fernab jeglicher realen Bezugspunkte sind (eine schwangere Sechzehnjährige, die alles mit links händelt und am laufenden Band ein wenig ZU coole Sprüche macht, ist wohl eher allegorisch zu verstehen) – doch mir gefallen seine lockeren Filmchen voller entspannter Figuren, vor allem, weil man unterm Strich immer etwas aus ihnen ziehen kann.

Rein von der Prämisse her, schien sein 2013er Film LABOR DAY wie auch zuvor schon UP IN THE AIR einen etwas ernsteren Ton anzuschlagen. Entführung, Geiselname, Figurenentwicklung in Richtung Stockholm-Syndrom – das klingt schwerer, als eine leichtfüßige Satire über den Seelenverkauf von Industrievertretern! Doch die Fakten täuschen: LABOR DAY ist keine Drama-Bombe, sondern ein leichter, feinfühliger Film mit nachdenklichem Unterton.

Die Geschichte ist simpel: Eine allein erziehende, ziemlich überforderte Mutter lebt irgendwo in den endlosen Weiten der amerikanischen Wälder mit ihrem Sohn in einer Kleinstadt. Beim Einkaufen kommt dieser mit einem fremden, blutenden Mann ins Gespräch, welcher die beiden zwingt ihn mit nach Hause zu nehmen, dort zu verstecken und sich als ein entflohener Sträfling entpuppt. Schnell entwickelt sich ein engeres Verhältnis zwischen den Dreien, was entgegen jeglicher spontanen Befürchtung ehrlich und gefühlvoll, nicht gewalttätig ist.

Den Fokus legt Regisseur (und Autor der Drehbuchadaption) Reitman dabei stetig auf das Innere der Figuren und wählt dafür eine konsequente Perspektive: Obwohl das Gefühl von leichter Gefahr in der Luft nie weicht, fühlt LABOR DAY sich doch warm und auf leicht melancholische Weise schwärmerisch an. Zu sehr?Das Miteinander der Figuren brachte in mir schnell einige Fragen auf: “Ist das nicht alles viel zu idealisiert? Würde man tatsächlich so schnell Vertrauen fassen?”. Doch nach und nach dämmerte es mir, wie enorm konsequent der Film aus der Sichtweise des Sohnes Henry (dessen älteres Ich auch gelegentlich aus dem Off die Narration vorantreibt) erzählt ist. Bild und Ton sind bis ins Letzte durch dessen emotionalen Zustand gefärbt, es liegt ein subjektiver Erzähler in Perfektion vor und da die Charakterisierung von ihm (und der Funktionsweise seiner (zu) kleinen Familie) bereits in den ersten Minuten des Films durch nur wenige aussagekräftige Einstellungen perfekt gelingt, erscheint der Ton des Films nach kurzzeitiger Skepsis überaus sinnig:

Der kleine Henry musste viel zu schnell erwachsen werden, denn seine von Kate Winslet uneitel und bewegend gespielte Mutter Adele kam (und kommt) so wenig mit dem Weggang des Vaters zurecht, dass keine Energie mehr für den Rest des Lebens zur Verfügung steht. In Folge kümmert Henry sich um sie – nicht andersherum, wie es eigentlich sein müsste. Als dann Josh Brolin als Frank in ihr Leben tritt, nett zu ihnen ist, Gefühle zeigt und vor allem Henry ernst- und WAHR nimmt, erstrahlt das Leben durch diesen unerwarteten Anker im strahlendsten Licht des Kosmos. Eine Bezugsperson, ein Freund, ein wahrhaftiger Held ist erschienen – so sieht Henry das, also zeigt LABOR DAY es uns genau auf diese Weise. Ziemlich effektiv, kommt so doch ein tiefer Blick in eine verlassene Seele zustande – Wünsche, Bedürfnisse, Hoffnungen, sie alle manifestieren sich in Frank und formen träumerische Bilder einer gemeinsamen, sonnendurchfluteten, besseren Zukunft.

Im Resultat zeigt Reitman die verschiedenen Stadien der Zusammenfindung dieser drei Menschen genauso schön, fast romantisch, wie das Schicksal des haltlosen Jungen im Kern auch tragisch ist. Allerdings gelingt es der Inszenierung dem Stoff neben der ergreifenden Gefühlsebene phasenweise eine üppige Portion Thrill zu verpassen. Trotz dezenter, verschwommener Rückblenden in Frank’s Vergangenheit, bleibt lange unklar wieso er eigentlich im Gefängnis saß – das schafft für die Einstufung seiner Handlungen, Blicke und Gesten eine prekäre Ausgangslage, die motiviert sich auf die gefärbte Wahrnehmung eines fremden Menschen zu besinnen. Welche Rolle spielen Vorurteile im gemeinsamen Umgang, wie schnell sind durch sie Verurteilungen getroffen? Welche Schwere hat Schuld, welche Rolle spielt Sühne und wann ist es Zeit für Vergebung? Wie viel Gewicht hat die Vergangenheit, wenn doch im Jetzt alles ganz anders ist? Denn: Ein Fehler kann alles verändern – ist es nicht trotzdem irgendwann Zeit für ein zweite Chance? Ist es nicht gar unmenschlich einem Menschen diese zu verwehren?

LABOR DAY streift diese Fragen – genug um zu motivieren über sie nachzudenken – und kleidet sie in das Gewand eines wunderschön fotografierten, authentisch gespielten Indie-Romanzen-Thriller-Familiendramas. Viel drin in diesem schönen Film!


Wertung
7 von 10 matschigen Pfirsichkuchen


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
Kaufen (falls ihr das Amazon-Widget nicht seht, wird dies von eurem Ad-Blocker gekillt):

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