© by Warner Home Video

Film: Every Thing Will Be Fine (2015)


Titelbild & Trailer © by Warner Home Video


Fakten
Jahr: 2015
Genre: Drama
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Bjørn Olaf Johannessen
Besetzung: Rachel McAdams, Charlotte Gainsbourg, James Franco, Marie-Josée Croze, Peter Stormare, Patrick Bauchau, Julia Sarah Stone, Robert Naylor, Lilah Fitzgerald
Kamera: Benoît Debie
Musik: Alexandre Desplat
Schnitt: Toni Froschhammer


Review
Wir alle hängen in unserem alltäglichen Trott, durchleben Freude, Ängste und Probleme, doch sind uns unterbewusst sicher, dass in diesem bekannten, und sicheren Rahmen alles weiterlaufen wird. Was wir jedoch verdrängen: Ein einziger Moment, kann alles verändern – schützende Festungen einreißen, die Erde zur Hölle werden lassen und uns auf eine harte Probe stellen. Wim Wenders’ neuestes Werk dreht sich um einen solchen Moment und dessen Folgen.

Nachdem der Roman-Autor Tomas im Schneesturm einen vor ihm auf die Straße gerodelten kleinen Jungen angefahren hat, scheinen sich die Dinge noch für einen Moment zum Guten zu wenden. Das Kind ist traumatisiert, aber scheinbar unverletzt, Tomas entsprechend erleichtert. Als er ihn dann die Auffahrt seines, allein der verschneiten Einöde trotzenden, Wohnhauses hinauf zu seiner Mutter bringt und deren erste Frage “wo ist der Bruder?” lautet, wird klar, dass sich der Weg dieser Menschen auf die schlimmste mögliche Weise gekreuzt hat.

Die nächsten zwei Stunden Film fühlen sich an, wie verschiedene Etappen eines Traum-artigen Treibens durch die für immer veränderten Leben der Betroffenen. “Er könne nichts dafür”, sagen die Menschen, die ihm lieb sind, doch was nützt es, wenn Tomas sich dennoch für den Tod eines kleinen Jungen verantwortlich macht? Gleiches gilt für dessen Mutter Kate. Ganz objektiv trifft niemanden die Schuld, doch hilft das mit der bitteren Trauer fertig zu werden? Oder verschlimmert es diese sogar, weil wir Menschen eigentlich immer nach dem Schuldigen suchen? Gelingt es, diesen einen schrecklichen Zufall, der ihr unwiederbringlich den Sohn nahm, zu akzeptieren und weiterzumachen? Kann sie verzeihen?

Es sind diese und zig weitere Fragen, die EVERY THING WILL BE FINE in langsamem Tempo und wirkungsvollen Bildern auslotet. Schön daran: anstatt, wie manch vergleichbares Drama, Trauer und Schmerz nur auszuschlachten, ohne jedoch Lösungsansätze zu bieten, tritt dieser Film aus einer leicht veränderten Blickrichtung an die Schicksale der Figuren heran. Er bleibt in seinen Behauptungen geerdet, kommt ohne die falschen Versprechungen aus, dass solch einschneidende emotionale Erlebnisse folgenlos an Menschen vorbei ziehen. Derartiges wird dich für immer verändern – Wim Wenders weiß das und ist nicht primär am Leid interessiert, sondern an den Lebenswegen die sich ergeben, weil einem Menschen die Weichen in eine solch steinige Richtung gestellt wurden.

Mit Feingefühl zeigt der Regie-Veteran uns Jahre überspannende Entwicklungen, die den Absturz in ein tiefes Loch, das herausklettern und den Neuanfang beinhalten. Gelingt letzteres? Ja, für diese Menschen gibt es tatsächlich Hoffnung, doch Björn Olaf Johanessens Drehbuch geht nicht dem Trugschluss auf den Leim, die Fähigkeit weiterzumachen mit bloßem Vergessen gleich zu setzen. Niemand vergisst, beide Betroffenen werden das Erlebte immer in sich tragen und nie wieder die Person von vor dem Unfall sein. Auch der hinterbliebene Bruder hat sein Päckchen zu tragen, hätte es schließlich auch ihn an besagtem Tag erwischen können. Doch wer sich dem Erlebten stellt, wird vielleicht irgendwann wenigstens loslassen können.

Dass es Wenders gelingt, trotz einiger knapper, recht holpriger Dialoge so nah am Kern seiner Figuren zu erzählen, er inszenatorisch ihr Innenleben spiegelt und dabei imer wieder die offensichtliche Hülle auf bricht, um direkt in ihren Kopf zu schauen, verdankt er neben dem Roman-artigen Skript vor allem der Riege äußerst fähiger Darsteller. Franco mag eine Menge wenig wohlgesonnener Kritiker gegen sich haben, doch das zermürbte, immer wieder aufs Neue kämpfende Opfer eines tragischen Zufalls, nimmt man ihm hier bis ins letzte ab. Auch Gainsbourg zeigt Facetten, leidet zunächst intensiv, doch kommt dann glaubhaft wieder auf die Füße.

Im Ganzen schafft EVERY THING WILL BE FINE ein seltenes Kunststück: alles wirkt, vor allem durch die schier magische Kamera-Arbeit von Genie Benoît Debie, einen Hauch artifiziell, gelegentlich scheint Tomas die Realität sogar völlig zu entgleiten (audiovisuell wundervoll durch Nutzung des VERTIGO-Effekts transportiert) und dennoch fühlt sich die gesamte Geschichte tragisch und auf ehrliche Weise menschlich an. Greifbar. Schwere und Hoffnung Seite an Seite werden oft als realitätsferner Kitsch fehlgedeutet, doch trotz gelegentlicher Nachmittagssonne in EVERY THING WILL BE FINE hat Wenders in 40 Jahren des Filmemachens genügend von echten seelischen Dilemmata erzählt, um diesen sicher zu umschiffen – was er uns zeigt, entspringt im Inneren seiner Figuren, Form und Inhalt ergänzen sich zu etwas wahrem. Hut ab, der Altmeister kann es immer noch.


Wertung
7-8 von 10 tragischen Wendepunkten


Veröffentlichung
EVERY THING WILL BE FINE ist bei Warner Home Video als 3D-BluRay, BluRay, VoD und DVD erschienen. Im Bonusmaterial befinden sich: Nicht verwendete Szenen, Making-Of (40 Minuten lang und weit über das übliche Promo-Gerede hinaus gehend) und Trailer.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
AMAZON (*) (falls ihr das Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

Flattr this!

Ein Gedanke zu „Film: Every Thing Will Be Fine (2015)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.