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Film: Die Zeit Der Geier – Il Tempo Degli Avvoltoi (1967)

Titelbild & Bildausschnitte © by Koch Media


Fakten
Jahr: 1967
Genre: Italo-Western
Regie: Nando Cicero
Drehbuch: Fulvio Gicca Palli
Besetzung: George Hilton, Frank Wolff, Pamela Tudor, Eduardo Fajardo, Franco Balducci, Femi Benussi, Maria Grazia Marescalchi, Gianluigi Crescenzi, Cristina Iosani, John Bartha
Kamera: Fausto Rossi
Musik: Piero Umiliani
Schnitt: Renato Cinquini


Review
In der Film-, Medien-, oder ganz allgemeinen popkulturellen Rezeption schleicht sich immer wieder eine gefährliche Verklärung vergangener Tage ein. Früher war angeblich alles besser. Ach ja, war es das? Dass sich im generellen Bewusstsein einzig die herausragenden Werke einer vergangenen Epoche hartnäckig halten, die hunderten und tausenden Vertreter von durchschnittlicher Qualität an ihrer Seite allerdings im Dunst der Vergessenheit versunken sind, wird für derartige Aussagen gern unter den Tisch fallen gelassen. Deshalb, aber natürlich vor allem, weil Film eben Kunst ist und Kunst als Teil kultureller Identität bewahrt werden sollte, ist es wichtig die kleinen, unscheinbaren Werke auch wertzuschätzen und auf den heutigen Markt zu werfen – so nun mit dem ’67er Italo-Western DIE ZEIT DER GEIER als Start der BluRay-Veröffentlichung ihrer bestehenden Reihe WESTERN UNCHAINED bei Koch Films geschehen.

Der Film, wie so viele seiner Genre-Kollegen günstig im spanischen Nirgendwo gedreht, ist ein eindrucksvolles Beispiel, warum derartige Western eine Zeit lang wie Pilze aus dem Boden schossen und einen riesigen Markt mit passablen Gewinnspannen bedienten. Sie waren schnell gedreht und kosteten fast nichts. Auch DIE ZEIT DER GEIER macht keinen Hehl aus den geringen Mitteln, mit denen er gemacht wurde – ein Mindestmaß an Props und Kulissen, drei verlassene Gebäude, ein paar Pferde und reitfähige Statisten in abgegriffenen Kostümen, fertig sind Rahmenbedingungen, die stellvertretend für extrem günstig runtergekurbelte Italo-Western stehen. Obwohl nonstop erschossen wird, reichte das Budget sogar (ganz im Gegenteil zu Klassikern wie dem blutroten DJANGO) nicht mal für genügend Kunstblut.

Wie in vielen B-Movies, ist das Ergebnis durchwachsen. Während wir unserem Protagonisten beim Stolpern durch die Prärie und von einer heiklen Situation in die nächste beiwohnen, entfaltet die staubige Kulisse ein angenehmes Eigenleben und Kameramann Fausto Rossi weiß, ganz im Geiste des Western, einige Male Bilder von einer gewissen Größe einzufangen. Impressionen des rauen, bergigen Landes, ein Ritt durch die Dämmerung, Totalen auf die Landschaft – all dies gelingt ihm und darauf setzt Regisseur Nando Cicero. Handwerklich bleibt die Inszenierung ansonsten leider ohne Highlights, ist teilweise sogar alles andere als kompetent – oftmals sind fälschlicherweise Hintergründe im Fokus, die Darsteller im Vordergrund allerdings unscharf – und was Actionszenen und Storytelling betrifft schwankt die Nummer zwischen oberem und unterem Durchschnitt.

In ähnlichem Maße, wie sich die Bilder auf die Wirkung der Drehorte verlassen, tut es der Inhalt auf das Charisma der zwei gegensätzlichen Hauptfiguren. George Hilton mimt den provokanten Schürzenjäger Kitosch, welcher die Finger nicht von den Damen seiner Arbeitgeber lassen kann und zunehmend deren Zorn (und Gewaltausbrüche) auf sich zieht, Frank Wolff begegnet ihm auf der folgenden Flucht als verbitterter Psychopath Tracy, rettet durch Zufall Kitosch’s Arsch und von da an besteht eine unausgesprochene (und leider über weite Strecken nicht wirklich nachvollziehbare) Bande zwischen den Männern. Kitosch gejagt, Tracy auf einem gnadenlosen Rachefeldzug – optimale Bedingungen, um eine (imaginäre) Blutspur aus leblosen Körpern hinter sich zu lassen.

Denn DIE ZEIT DER GEIER arbeitet Standard-Motive fast nach Checkliste ab (eine verstummende Meute im Saloon, als der Fremde eintritt, Schießübungen welche Objekte mit dem Colt in der Luft halten, verdreckte Fieslinge die ihre Grausamkeiten mit irrem Lachen begleiten) und natürlich muss somit auch der Finger am Abzug der Colts locker sitzen. Tut er. Sehr sogar. Körper sacken am laufenden Band leblos in sich zusammen, meist vorschnell und ohne mit der Wimper zu zucken brutalst von Tracy ermordet. Selbst für Verhältnisse des Spaghetti-Western ist der vorherrschende Ton unfassbar zynisch, ohne das der Film sich zur gezeigten Gewalt irgendwie merklich positioniert. Tracy mäht die Menschen um sich in Fließbandarbeit nieder (“I don’t believe in leaving witnesses”), foltert blutig, oder verbrennt bei lebendigem Leib und Kitosch nimmt dies überwiegend unbeteiligt und zumeist billigend hin.

Letzteres ist nur ein Symptom einer größeren Drehbuch-Krankheit, welche sich in absoluter Identitätslosigkeit dieser Hauptfigur manifestiert. Er sieht gut aus und ist agil, aber nie bekommt man ein wirkliches Gefühl für den Antrieb seines Handelns. Anfangs ein lüsterner Rumtreiber, reitet und stiefelt unschuldig grinsend durch die Wüste und macht mit Tracy gemeinsame Gangster-Sache, wirkliche Charakter-Eigenschaften und -motivation hat er dabei nicht und auch sein moralischer Kompass wird nicht klar. Dem völlig durchgedrehten, kaltblütig mordenden Tracy folgt er nämlich auf den Schritt, scheint mit dessen Mordlust und Foltermethoden zwar nicht ganz zufrieden, kommentiert diese aber wenn überhaupt verhalten mit “You’re mad, Tracy” und scheint gegen Ende nicht mal mehr davon berührt, dass die eigene Geliebte vom eiskalten Rächer erschossen wird. Ein bißchen zu dünn das ganze. Tracy hält mit irrem Charisma dagegen und bringt ohne Frage Präsenz auf den Schirm, auch weil sein irrer Antrieb besser nachvollziehbar ist.

Seine charmanten Momente (und einen gewissen, sehr zynischen Humor) hat DIE ZEIT DER GEIER trotz dieser Unzulänglichkeiten – vor allem, wenn schwitzige Typen böse gucken und grausames tun, verströmt der Film den typischen Geist dieses sehr speziellen Kinos. Aber es ist eben ein kleiner Film, ohne große Schauwerte. Sehr klein. Vergleiche zwischen den größten Momenten des Films – zum Beispiel einen Überfall einer riesigen Bande Amigos auf einen Goldtransport oder später eine Festung – und den großen Momenten des ganzen Italo-Western Genres (wie dem Bürgerkrieg in THE GOOD, THE BAD & THE UGLY, etc.), sollte man lieber nicht anstellen, offenbaren sich dann doch die budgetären Defizite endgültig in Gänze. Mehr Bewegung, als eine Handvoll Reiter mit Platzpatronen erzeugen können, war leider nicht drin. Mehr als vereinzelte “Erschossener fällt vom Dach”-Stunts (in Auswertung aus mehreren Perspektiven) auch nicht.

Macht aber nichts, denn obwohl qualitativ durchwachsen und ohne tiefere Abhandlungen über Gier, Rache, etc. (all dies wird nur sehr oberflächlich gestriffen) ist der Film dreckig, einigermaßen unterhaltsam und es ist gut, dass DIE ZEIT DER GEIER es in einer (bezüglich des Ausgangsmaterials wahrscheinlich passablen Restauration) auf BluRay geschafft hat – Western-Fans werden danken!


Wertung
5 von 10 kaltblütig erschossenen Augenzeugen


Veröffentlichung
DIE ZEIT DER GEIER erscheint am 18. August 2016 bei Koch Media erstmalig als BluRay und ist auf DVD bereits veröffentlicht. Im Bonusmaterial befinden sich Bildergalerien und zwei Interviews. Die Discs kommen im Wendecover ohne FSK Logo.


Weblinks
IMDB
MOVIEPILOT
LETTERBOXD
Streamen: Werstreamt.es
Leihen: LOVEFILM
Amazon (*) (falls ihr das Amazon-Widget nicht seht, wird es von eurem Ad-Blocker gekillt):

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